Wohnmobile : Die gute Stube zum Mitnehmen

Mit einem umgebauten VW-Bus T1 begann vor 60 Jahren in Deutschland der Siegeszug der mobilen Schlafplätze. Mit der Lust am Reisen kam der Wunsch nach mehr Komfort.
Von 1951 an gab es den VW-Bus T1 ("Bulli") auch als Camper-Ausführung. © Stiftung AutoMuseum Volkswagen

Die Welt, die ich am Steuer des Bulli, Baujahr 1965, hinter mir lasse, verschwindet im Rückspiegel, die Dinge werden kleiner, bis sie alle Bedeutung verloren zu haben scheinen. Auf der Fahrt an die Küste wechseln die Bilder wie Gemälde, während der Rahmen aus zwei Stoffgardinen rechts und links der Heckscheiben bleibt. Ich bekomme eine leise Ahnung, wie die Westdeutschen, die in den fünfziger Jahren aufbrachen zu Auslandsreisen, gestärkt durch das Wirtschaftswunder und mit der jungen, erstarkenden D-Mark im Gepäck, optimistisch nach vorn schauten, die noch so junge, bittere Geschichte hinter sich lassend, eine aufregende Reise vor sich.

Es ist das Jahr 1951, als Volkswagen der Wunsch eines deutschen Kunden erreicht, für den auf dem Käfer basierenden VW-Transporter mit der schlichten Bezeichnung T1 eine Wohneinrichtung anzubieten. Der Zulieferer Westfalia aus Rheda-Wiedenbrück entwickelt daraufhin eine sogenannte Camping-Box. Man kann diese Konstruktion leicht ein- und wieder ausbauen, damit der Wagen im Alltag weiter als Transporter eingesetzt werden kann.

Das insgesamt rund 800 Mark teure Ausrüstungspaket besteht unter anderem aus einem Schrank über dem Heckmotor, einer Sitzbank vor dem Motor, einer Frisierkommode mit Auszug direkt hinter dem Fahrersitz und einem Fach für den Benzinkocher. Für die Nacht werden die Polster der Rücksitzbank zu Liegeflächen für zwei Personen. Mehr ist nicht nötig, um sich am Ende des Tages nach langer Fahrt auszuruhen, auf einer Wiese, an einem Seeufer oder direkt am Meeresstrand – dort, wo niemand sonst ist, der die Einsamkeit stört. Der Reisende, die Natur und das mobile Dach über dem Kopf für die Nacht – sie bildeten damals eine harmonische Einheit.

Derart bescheidene Verhältnisse sind 60 Jahre später längst passé. Gewiss, immer noch gibt es simple Kastenaufsätze, mit denen sich Lieferwagen in Wohnmobile verwandeln lassen. Aber selbst der VW California, die Wohnmobilausführung des T1 in der fünften Generation, bietet mit elektrischem Ausstelldach und Schaltautomatik, mit Klimaanlage und Drehsitzen, Gaskocher, Kühlschrank und Standheizung schon jede Menge Luxus.

50 Jahre Campingmesse

Und wer mag und das nötige Kleingeld hat, kann Wohnmobile auf Bus- oder Lkw-Plattform als rollende Villen erwerben, die über Badezimmer, Waschmaschine und Fußbodenheizung verfügen und in einer integrierten Garage einen Kleinwagen für Einkaufsfahrten mit sich führen.

"Platz ist in der kleinsten Kabine", lautet das Motto der Hersteller, die noch bis zum 4. September auf dem Düsseldorfer Caravan Salon ihre Reisemobile und Wohnwagen neuester Bauart zeigen. Europas größte Campingmesse feiert ihren 50. Geburtstag, und die Hersteller haben Grund, sich zu freuen. Allein im ersten Halbjahr 2011 wurden in Deutschland 14.680 Reisemobile zugelassen, wie der Caravaning Industrieverband meldet, 18 Prozent mehr als 2010 und nur 56 Stück weniger als im Rekordjahr 2008.

Mit einem Verkauf von nur wenigen VW-Campingbussen pro Jahr begann in den fünfziger Jahren in Deutschland der Siegeszug des mobilen Schlafraums. Der rundliche T1, der als Bulli in die Umgangssprache einging und für eine ganze Autokategorie stand, blieb bis Mitte der sechziger Jahre so gut wie unverändert.

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wohnmobilurlauber

Was mich bei Wohnmobilurlaubern am meisten verblüfft, ist, daß sie Freude an ihrer Reise haben können, obschon sie den Verkehr aufhalten, sobald sie mit ihrem Gefährt auf der Straße sind. Ist es nicht unangenehm, den Mitbürgern aus purem Vergnügen so lästig zu sein?

Oder kommt die dicke Haut ("Was scheren mich die anderen, ich hab Urlaub!") mit der Zeit von alleine?

(Bei Gespannfahrern darf man wenigstens annehmen, daß sie am Ziel ihrer Fahrt den Anhänger abstellen und sich dann dem Verkehrsfluß wieder harmonisch einfügen werden.)

@Schrumpelhut: Penetrante Ahnungslosigkeit

Richtig ist, daß Wohnmobile auf Autobahnen nicht stören, wohl aber auf kurvigen und gebirgigen Strecken. Wohnmobile sind gerade so schnell, daß man sie schwer überholen kann, so daß man leicht Kilometer hinter ihnen festklemmt. Mich persönlich würde das stören, anderen auf diese Weise lästigzufallen.

Schade ist in dem Zusammenhang, daß die alte Sitte, schnelleren Fahrzeugen das Überholen zu ermöglichen, in Europa inzwischen ausgestorben ist. Vor 30 Jahren war das noch üblich. Liegt vermutlich an der ideologischen Aufrüstung des Verkehrs: Wer langsam ist, hat immer recht. Und es ist sooo entspannend, nicht in den Rückspiegel zu schauen und die dann garantiert freie Fahrbahn vor sich zu genießen...

Rücksicht...

"Richtig ist, daß Wohnmobile auf Autobahnen nicht stören, wohl aber auf kurvigen und gebirgigen Strecken. Wohnmobile sind gerade so schnell, daß man sie schwer überholen kann, so daß man leicht Kilometer hinter ihnen festklemmt. Mich persönlich würde das stören, anderen auf diese Weise lästigzufallen."

Rücksicht im Straßenverkehr ist wohl auch ausgestorben. Nur weil man einen Dienstwagen mit 200 PS von seiner Firma gesponsort bekommt, heißt das noch lange nicht dass man sich wie ein Verkehrsraudi benehmen muss. Die Wohnmobilfahrer müssen sich garantiert nicht daran stören anderen "lästig zu fallen".

Viel häufiger frage ich mich, warum es manche gar nicht stört andere durch penetrantes auffahren zu nötigen und Verkehrsteilnehmer durch ihre Fahrweise zu gefährden.

Lästig fallen, weil andere sowieso nur "Raudis" sind

Ihre "Dienstwagen mit 200 PS" können an jedem rollenden Verkehrshindernis vorbeispringen (sofern es nicht so breit ist wie manches Wohnmobil). Aber wer ist schon so privilegiert, einen Dienstwagen zu bekommen?

Entnehme ich Ihren weiteren Äußerungen zu recht, daß Überholen für Sie gleichbedeutend mit Verkehrsrowdytum ist? In diesem Weltbild wäre es in der Tat völlig in Ordnung, anderen das Überholen nicht zu ermöglichen. Im Gegenteil, dann wäre rechts ranzufahren oder auf Geraden wenigstens nicht noch zu beschleunigen, während man überholt wird, sogar vorbildliche Verhinderung von Verkehrsrowdytum.

Wenn Sie diese Einstellung für typisch unter Wohnmobilfahrern halten, geben Sie mir also in der Sache völlig recht.

Übrigens, was sturköpfige Dödel "penetrantes Auffahren" nennen, kann auch das Lauern auf eine Überholmöglichkeit sein. Dafür wäre es ziemlich kontraproduktiv, einen Riesenabstand einzuhalten.

150 km/h mit einem Alkoven...

...da überholen Sie den bösen Gespannfahrer, welcher sich an die vergeschriebenen 80/100 km/h einigermaßen hält, und dieser Gespannfahrer darf nachher drei Stunden auf der gesperrten Autobahn im Stau stehen, weil Ihre Fuhre bei der nächsten Seitenwindbö umfällt.
Mein alter T3 lief Tacho auch 140. Aber ich habs meist dabei belassen, mit den LKWs mitzuschwimmen. Wenn ich mit dem WoMo oder Wohnwagen in den Urlaub fahre, habe ich wohl das Recht, mich vom gestreßten Vertreter im TDI abzugrenzen. Solange man auf der Autobahn zumindest nicht langsamer als die LKWs ist, gibt es nicht zu bemeckern. Und auf der Landstraße fühle ich mich als Berufspendler eher von den Hastigen beeinträchtigt, die meinen, in der Kurve überholen zu müssen, damit sie anschließend vor mir an der roten Ampel stehen, statt hinter mir. Und fährt vor mir irgendeiner mit 75 km/h statt mit 95 km/h, dann ist es mir wurscht, weil ich immer 20 Minuten Reserve einplane. Dafür komme ich dann lebend an.