Contra Fahrradhelm-PflichtIch zähle meine Haare zu meiner Privatsphäre

Anders als Rauch- oder Alkoholverbote würde ein Fahrradhelm-Zwang nicht dem Gemeinwohl dienen: Steffen Dobbert plädiert daher für die Freiheit des Radfahrerkopfes. von 

Ein Fahrradhelm ist eine gute Sache: Ein Teilnehmer des Velothon Radrennens in Berlin hat seine Kopfbedeckung mit einer Plüschblume geschmückt.

Ein Fahrradhelm ist eine gute Sache: Ein Teilnehmer des Velothon Radrennens in Berlin hat seine Kopfbedeckung mit einer Plüschblume geschmückt.  |  © Stephanie Pilick dpa

Wenn ich dieser Herbsttage mit dem Rad losfahre, setze ich die gestrickte Mütze meiner Oma Elsbeth auf. Es gibt Kollegen, die über die Bommel lachen. Ich mag sie. Ich zähle meine Haare zu meiner Privatsphäre. Ich käme mir bevormundet vor, wenn irgendwer mir verbieten würde, Oma Elsbeths Mütze anzuziehen.

Peter Ramsauer, Bundesverkehrsminister aus Bayern, und andere Gutmenschen wie der Kollege Matthias Breitinger wollen eine Helm-Pflicht für Fahrradfahrer einführen. Die Idee ist nicht neu. Vor drei Jahren wurden gar Unterschriften für eine Gesetzesinitiative gesammelt. Die Politiker wollten damals davon nichts wissen. Überreglementierung war das treffendste Wort, was ihnen dazu einfiel .

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Wer auf öffentlichen Straßen fährt, muss sich an mehr als 50 staatliche Paragraphen halten. Auch wenn das Leben eigentlich zu kurz ist, um an roten Ampeln zu warten, verstehe ich die meisten. Ich finde es beispielsweise sinnvoll, dass Überrotfahren bestraft wird.

Ein Fahrradhelm ist eine gute Sache. Er kann Leben retten und sieht nicht schlechter als eine Polizistenmütze aus. Den Helm sollte niemand verunglimpfen. Jeder, der will, sollte einen tragen. Gezwungen werden sollte dazu niemand.

Das hat etwas mit Freiheit und Mündigkeit zu tun. Wenn der Staat seinen Bürgern vorschreibt, was sie sich beim Radfahren auf den Kopf setzen müssen, greift er in ihre individuelle Selbstbestimmung ein.

Diese Art der Unterdrückung gibt es schon genug. Rauchverbot in Kneipen, detaillierte Vorschriften beim Hausbau, die Straßenverkehrsordnung, Alkoholverbot in U-Bahnen. Diese illiberalen Gesetze beschränken den Einzelnen. Sie sorgen für Frust. Aber all das kann ich nachvollziehen.

Die Bevormundungen dienen dem gemeinschaftlichen Wohl. Wer in der Kneipe nicht qualmt, stört keinen Nichtraucher. Wer in der U-Bahn nicht säuft, pöbelt keinen Mitfahrer an. Wessen Ziegeldach nach Vorschrift gebaut ist, wird keinem Nachbarn auf den Kopf fallen. Wer nicht bei Rot über die Ampel fährt, gefährdet keinen Fußgänger. Zum Wohl der Allgemeinheit beschränkt der Staat die Möglichkeiten des Einzelnen. So viel habe ich verstanden.

Nur wem – außer vielleicht mir selbst – helfe ich, wenn ich beim Radfahren einen Helm aufsetze?
 

Leserkommentare
  1. haben noch nie jemanden geholfen.
    Wenn sie glauben, ein Tabak und Alkoholverbot nütze dem Allgemeinwohl, dann zeugt das von mangelnden Geschichtskenntnissen und ungründlichen Überlegungen Ihrerseits.
    Belesen Sie sich etwas mehr über die Alkoholprohibition in den USA der 1920er Jahre. Ich versichere Ihnen, Sie werden Ihre Einstellung zu derlei Verboten überdenken.

    • sjss
    • 27. Oktober 2011 18:30 Uhr

    ... viele Kommentatoren gegen die Helmpflicht sich über Sicherheitsmaßnahmen lustig machen (-> siehe Eishockeyausrüstungen und Stahlpanzer) aber vielleicht lässt es sich dadurch besser mit dem Risiko leben - worüber man lacht, davor hat man schließlich weniger Angst...

    • Krisse
    • 27. Oktober 2011 18:30 Uhr

    Nicht meine Lieblingsquelle, aber die Studie war mir bekannt und sind hier auch verlinkt (leider ist die Originalquelle kostenpflichtig, daher der Link hier her):

    http://www.fahrrad-helm.d...

    Die Diskussion war Anfang des Jahres ja bereits in Zusammenhang mit den nun auf den Markt drängenden Pedelecs aufgekommen.

    Dazu sollte die Gesetzeslage klar sein: Pedelecs bis 25km/h sind so konstuiert, dass sie das Fahren nur unterstützen und bieten ab 25 km/h keine weitere Unterstützung, fahren sich ab da also wie ein normales Fahrrad; Pedelecs bis 45km/h sind mit einem stärkeren Motor ausgestattet. Zum Führen eines solchen Fahrrads ist ein Mofa-Führerschein nötig, eine Helmpflicht besteht allerdings auch dort nicht. Wenn der Ramsauer unbedingt muss, kann er dort ansetzen. Das wäre Symbolpolitik par exellance. 5% aller verkauften Pedelec sind Modelle, die bis 45km/h mit Motorunterstützung kommen. Dann kann er sagen, dass er für Sicherheit gesorgt hat.

    Viel wichtiger fänd ich, wenn folgende Punkte häufiger oder überhaupt geahndet werden:
    - in der Dunkelheit oder während der Dämmerung ohne Licht fahren
    - entgegen der Fahrtrichtung fahren
    - Ampeln ignorieren
    - mit Kopfhörern fahren

    Alles Dinge, die zu weit mehr Unfällen führen als eine Helmpflicht glimpflich ausgehen lässt.

    Im Gegenzug müssen dann allerdings auch Radwege ausgebaut und an die Bedürfnisse angepasst werden (auf die Staße, im Winter räumen, farblich markieren). Das hilft genauso.

    Ciao Krisse - ein Radfahrer.

    3 Leserempfehlungen
  2. ok ich hab mal ein wenig gegoogelt.
    Letztes Jahr sind in Deutschland um die 400 Leute tödlich mit dem Fahrrad verunglückt. Dann hab ich mal weitergegoogelt. Letztes Jahr sind in Deutschland über 1000 Leute durch stolpern/stürzen auf Treppen tödlich verunglückt. Also so wie ich das sehe, wäre eine Helmpflicht fürs Treppensteigen viel sinnvoller als eine fürs Fahradfahren. Bin mal gespannt wie lange es braucht bis wir dazu auch gesetzlich verpflichtet werden...

    14 Leserempfehlungen
  3. Der homo sapiens sapiens benötigt keine Haar, zumindest keine eigenen, aus der Körperoberfläche wachsenden.

    Wer an seinen eigenen Haaren hängt, geht im gesellschaftlichen Ansehen da schnell den Weg der achsel- und beinbehaarten Dame oder des beschnauzbarteten Vokuhila.

    Also, Helm auf den Kopp, auch als Fussgänger und nachts im Bett. Man könnte ja herausfallen. Und Sicherheit ist ja wohl wichtiger als Freiheit.

    Danke, Herr Ramsauer, für die Aufklärung!

    6 Leserempfehlungen
  4. Nicht das Fahrradfahren ohne Helm ist Todesursache Nummer 1, ich meinte vielmehr die Sädel-Hirn-Traumata insgesamt. Doch wird deren Folge, wie mein Vorredner schon anmerkte, oft unterschätzt.

  5. Natürlich ist ein Fahrradhelm nützlich und kann Leben retten. Aber warum werden in den Innenstädten zunächst nicht einmal Verhältnisse geschaffen, die das Radfahren attraktiv und sicher machen?

    Die Stadt in der ich lebe erklärt mittels eines überall im Stadtbild anzutreffenden Slogans "Kluge Köpfe tragen Helm" alle Nicht-Helmträger implizit als minderbemittelt. Kaum eine lokale Presse über verletzte Radfahrer, ohne die implizite Schuldzuweisung daß der Radfahrer ja "keinen Helm getragen" habe. Daß viele Radfahrerunfälle Folge einer verfehlten und ignoranten Verkehrspolitik sind, die sich immer noch weigert Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer zu betrachten, steht auf einem anderen Blatt.

    Auf die Idee, Kommunen als Vorbild zu nehmen die in der Radverkehrsplanung schon weiter sind, kommt hierzulande niemand. Die Tatsache daß es z.B. in den Niederlanden keine Helmpflicht gibt, sollte zu denken geben. Die einzigen die dort Helme tragen sind deutsche Urlauber.

    11 Leserempfehlungen
    • cvnde
    • 27. Oktober 2011 18:41 Uhr

    Die Helmpflicht für Motorräder gibt es seit 01.10.1987.
    Da kann man das, auch für Radfahrer einführen, besonders wenn man bedeckt, welche Räder heute, zum Teil, unterwegs sind.

    Die erreichbaren Geschwindingkeiten sind heute wesentlich höher als Anno Tobak, selbst für Otto Normalo.

    Schwere Kopf und vor allem Hirverletzungen sind nunmal keine Sache von ein paar Wochen Bettruhe.

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