AutotechnikHände weg vom Steuer

Sich vom Auto fahren zu lassen wird langsam Realität. Autohersteller wie Zulieferer arbeiten am autonomen Autofahren – und auch Google mischt kräftig mit. von Jürgen Rees

Das von Computern gesteuerte "Google-Mobil" auf Basis eines Toyota Prius

Das von Computern gesteuerte "Google-Mobil" auf Basis eines Toyota Prius  |  © Google

Wie ein Pilz ragt das silberne Gerät aus dem Dach des dunkelblauen VW Passat. Damit rast der Wagen über eine Teststrecke in Mountain View im Herzen des Silicon Valley mit Vollgas rückwärts. Nach 200 Metern schleudert er in bester James-Bond-Manier exakt in eine mit zwei roten Plastikhüten begrenzte Parklücke. Perfekt geparkt – ohne Fahrer. Der Passat ist eines von acht selbstfahrenden Autos des Web-Giganten Google.

Die autonome Fahrzeugflotte der Kalifornier hat in knapp zwei Jahren rund 300.000 Testkilometer zurückgelegt, im Stadtverkehr, auf kurvigen Landstraßen und auf staugelähmten Autobahnen. Dabei haben sie gezeigt: Fahrerloses Fahren ist keine Träumerei mehr. Es ist möglich. Und das hat enorme Folgen für die gesamte Autoindustrie.

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Denn die Technologie soll den Verkehr völlig unfallfrei machen. Sie kann auch helfen, ältere und behinderte Menschen mobil zu halten, Staus zu vermeiden, die Verkehrsdichte zu erhöhen und Sprit zu sparen. Vor allem aber bietet sie Autofahrern, die via Chauffeurstaste den Autopiloten einschalten, bald nie dagewesenen Komfort – vorausgesetzt, alle rechtlichen Probleme werden gelöst. Aus all den Gründen sei das Feld für den Internet-Konzern von großer strategischer Bedeutung, sagte Google-Mitgründer Sergey Brin kürzlich auf der Internet-Konferenz Web-Summit in San Francisco.

Technologien jenseits des Google-Kerngeschäfts

Brin hofft auf ein Milliardengeschäft: Denn die elektronischen Helfer im Auto brauchen intelligente Software, und an der arbeiten viele seiner Kollegen: Zehn Prozent der rund 31.000 Google-Beschäftigten befassen sich mit innovativen Projekten jenseits des Google-Kerngeschäfts. Das mit Abstand wichtigste dieser neuen Projekte sei laut Brin das autonome Fahren.

Nicht nur bei Google. Autohersteller, Zulieferer und zahlreiche Forschungseinrichtungen drängen in das Feld. Continental, Bosch und Daimler haben Kameras entwickelt, die Fußgänger und Radler besser erkennen, vor einer Kollision bremsen und Autos sicher durch enge Baustellen navigieren können, Volkswagen lässt seinen Autopiloten zeitweise alleine fahren. Autos von BMW, Ford, Volkswagen, Daimler und Audi sprechen miteinander, damit sie Informationen über Staus und Glatteis schnell weiterleiten.

"Wir wissen, dass unsere Kunden im Stau gerne einen Autopiloten hätten", sagt Ralf Guido Herrtwich, der die Erforschung und Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen bei Daimler in Stuttgart leitet. Den sollen sie nun bekommen.

Bereits heute liefert der Autokonzern weltweit mehr als jede zweite S-Klasse mit Assistenzsystemen aus. Beim Nachfolgemodell, das 2012 erscheint, sollen es schon mehr als 60 Prozent sein. Das US-Marktforschungsunternehmen Strategy Analytics rechnet damit, dass sich der weltweite Umsatz mit Assistenzsystemen von knapp 800 Millionen Dollar im Jahr 2010 auf 3,2 Milliarden Dollar im Jahr 2014 vervierfachen wird.

Die Weiterentwicklung der Assistenzsysteme werde "in den kommenden beiden Jahrzehnten zum autonomen Fahren führen", sagt Bernd Bohr, Bosch-Vorstand für Kraftfahrzeugtechnik. Er erwartet zudem "technische Entwicklungssprünge" bei der Datenfusion von Ultraschall-, Radar- und Videosensoren, was die Technik noch schneller massenmarkttauglich machen würde.

Leserkommentare
  1. Nee, sowas haben Computer nicht, da heißt das einfach anders, nämlich "Latenzzeit", und die steigt mit der Komplexität der Aufgabe. Sollte aber meistens immer noch verdammt schnell sein.
    Außerdem fände ich es besser, nicht mit Bremswegen zu hantieren, sondern mit Haltewegen. Wie wir in der Fahrschule gelernt haben entspricht der Anhalteweg bei 120 km/h 120m. Auf diesem Weg kann ich bequem halten. Der Bremsweg (halber Tacho) ist für Notbremsungen, das wäre nicht gerade komfortabel.

    • W4YN3
    • 24. November 2011 16:42 Uhr

    Wenn ich so einen Schrott lese, verliere ich glatt die Lust, den Rest zu lesen: "Dagegen handeln Mikroprozessoren [...] innerhalb von 250 Millisekunden und sind damit rund 1.000 Mal schneller als der Mensch". Sorry, ich brauche nicht 250 Sekunden (entspricht über 4 Minuten) um zu reagieren!! Die Schrecksekunde heißt so, weil es eine Sekunde ist.

    Ach ja: Denken ist kein Sinn.

    Wenn ich das richtig sehe, zahlt man in Zukunft eine halbe Million für sein Auto, ich weiß nicht, ob das noch massentauglich ist.

    Wer trägt eigentlich die Schuld, wenn dann doch mal ein Kind überfahren wird?

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    Das Hauptinteresse bei der Schuldfrage ist ja wohl, festzustellen, wer oder wessen Versicherung Schadenersatz und Schmerzensgeld zu leisten hat. Der zweite Punkt bei der Schuldfrage ist, den "schuldigen" Fahrer davon abzuhalten, jemals wieder besoffen oder unaufmerksam oder rechthaberisch zu fahren.
    Falls nun ein Kind einem "autonom" fahrenden Fahrzeug in den Weg springt ( anders herum kann man sich ja nur vorstellen, dass entweder der Computer oder die Software einen temporären oder permanenten Fehler hätte ), sodass die physikalische Reaktionszeit nicht ausreicht, so zahlt halt die Versicherung des Fahrzeugs den Schadenersatz, ohne dass es einen "Schuldigen" gäbe. Ist es ein Fehler des Computers oder der Software, zahlt die Versicherung des Herstellers.
    Habe ich was übersehen?

    • coeval
    • 24. November 2011 16:53 Uhr

    @W4YN3: Sind sie wirklich der Meinung, dass wegen juristischen Einwänden die Chance nicht genutzt werden sollte, die Zahl der Unfälle und Verkehrtoten erheblich zu senken?

    In einigen US-Staaten sind die rechtlichen Hürden schon weitgehend genommen, in Deutschland wird das noch 10 bis 20 Jahre dauern, aber kommen wird es.

    Ich stimme dem Autor des Artikels voll zu und freue mich schon auf entspannte Autofahrten bei denen ich z.B. lesen kann.

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    • W4YN3
    • 25. November 2011 16:00 Uhr

    Entspannt lesen kann man heute schon in Zug und Bus.

    Desweitern möchte ich anmerken, dass ich diese Technik nicht verurteile. Ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass es möglich wäre, die Zahl der Verkehrstoten durch autonome Fahrzeuge zu senken. Den Konjunktiv verwende ich deshalb, weil irgendwo wieder jemand sitzt und an der falschen Stelle Kosten sparen will. Sei es der Marketingmensch, der das Auto billig halten möchte, um die Konkurrenz unter Druck zu halten oder der Käufer, der lieber das günstigere Modell wählt, das über ein Sicherheitssystem weniger verfügt.

    Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Es gibt zwei fast völlig identische autonome Fahrzeuge im Angebot, beide vom TÜV zugelassen. Das etwas Teurere hat noch ein Ultraschall-Ortungsgerät extra, welches aber nicht notwendig ist. Wir kaufen uns das günstigere Auto, lassen uns durch die Gegend fahren und prompt verursacht das Auto einen Unfall (egal, welcher Art), der nachweislich durch das zusätzliche Ortungsgerät verhindert worden wäre. Wer trägt jetzt die Schuld, ich, weil ich ein Geizkragen bin oder der Autohersteller, weil es zu dem Zeitpunkt, als er das Auto angeboten hat, bereits sicherere Autos von anderen Herstellern gab? Das ist eine völlig ernst gemeinte Frage.

    • coeval
    • 24. November 2011 16:58 Uhr

    Interessanterweise sind offenbar viele Menschen bereit, 3.500 Verkehrstote pro Jahr alleine in Deutschland zu akzeptieren, alle verursacht durch menschliche Fahrer.
    Halb so viele oder auch nur 350 pro Jahr (10% der durch menschliche Fahrer verursachten Tote) würde wahrscheinlich Protest hervorrufen.
    Solange müssen leider jedes Jahr 3500 Menschen im Straßenverkehr sterben...

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    Und die Tatbestände "Sachbeschädigung" (z.B. durch gleichgültiges Hantieren mit Einkaufswagen auf dem ALDI-Parkplatz) und "Fahrerflucht" (mich hat ja keiner dabei beobachtet) würden damit vermutlich auch gegenstandslos werden. Ein selbst gelenktes Fahrzeug hat ja wohl kein schlechtes Gewissen oder Angst vor Strafverfolfgung ...

  2. Und die Tatbestände "Sachbeschädigung" (z.B. durch gleichgültiges Hantieren mit Einkaufswagen auf dem ALDI-Parkplatz) und "Fahrerflucht" (mich hat ja keiner dabei beobachtet) würden damit vermutlich auch gegenstandslos werden. Ein selbst gelenktes Fahrzeug hat ja wohl kein schlechtes Gewissen oder Angst vor Strafverfolfgung ...

  3. Das Hauptinteresse bei der Schuldfrage ist ja wohl, festzustellen, wer oder wessen Versicherung Schadenersatz und Schmerzensgeld zu leisten hat. Der zweite Punkt bei der Schuldfrage ist, den "schuldigen" Fahrer davon abzuhalten, jemals wieder besoffen oder unaufmerksam oder rechthaberisch zu fahren.
    Falls nun ein Kind einem "autonom" fahrenden Fahrzeug in den Weg springt ( anders herum kann man sich ja nur vorstellen, dass entweder der Computer oder die Software einen temporären oder permanenten Fehler hätte ), sodass die physikalische Reaktionszeit nicht ausreicht, so zahlt halt die Versicherung des Fahrzeugs den Schadenersatz, ohne dass es einen "Schuldigen" gäbe. Ist es ein Fehler des Computers oder der Software, zahlt die Versicherung des Herstellers.
    Habe ich was übersehen?

  4. Woher "weiß" ich als Mensch, dass die "Straße" eine Straße ( = technisch und juristisch befahrbar mit meinem Fahrzeug ) ist? Wie ist es möglich, dass ich mein Fahrzeug um Kurven und über Abzweigungen lenken kann, ohne von der "Straße" abzukommen ( von Ausnahmen abgesehen )? Ich kann ja schließlich auch ohne GPS und selbst ohne Karte von A nach B auf der Straße fahren, wenn ich nur das Auto auf der Straße halte, die Verkehrsregeln beachte ( Schilder anschaue ) und die Wegweiser lesen kann. Ist es denn so schwer, diese Fähigkeit elektronisch nachzuahmen?

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    • CCJosh
    • 25. November 2011 17:05 Uhr

    Tatsächlich alleine schon die erkennung der Verkehrsschilder und der Straßenführung benötigt einiges and Rechenlesitung und auch andere Dachen wiezum Beispiel das fahren im Stop and Go verkehr ist für Computer nicht so einfach zu erkennen.

  5. In den 1990ern gab es ein europäisches Programm mit Namen
    Prometheus, an dem fast alle europ. Autobauer beteiligt
    waren. Dabei wurden unterschiedlichste Assistenzsysteme
    erdacht und erprobt wurden.
    Von so einfachen Dingen wie UV-Scheinwerfer, die Personen in der Dämmerung und Nachts viel besser erkennen ließen, weil in so gut wie jeder Kleidung auch helle Fasern verwoben sind, die sehr gut erkennbar wurden.
    Oder Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen.
    Aber auch ein selbstfahrendes, lenkendes Auto. Die Technik war brachial und das Auto sehr langsam.
    Ziel war es, die Ideen zu bündeln und zu standardisieren.
    Daraus ist wohl nix geworden.
    Das rechtliche Problem war aber auch damals schon erkannt.
    Letztendlich ist der Fahrer, und nur der, verantwortlich.
    Ob sich der bei einem technischen Fehler beim Autobauer schadlos halten kann, ist fraglich.
    P.S. Wenn das Auto schon selber fährt (automobil im wortsinne), dann kann ich gleich mitm Zug fahren.

    Schöne Winterzeit :-)

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  • Quelle WirtschaftsWoche
  • Schlagworte Google | Volkswagen | BMW | Ford | Audi | Bosch AG
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