Urbane Mobilität : Den Fußgängern gehört die Zukunft

In fußgängerfreundlichen Städten lebt es sich gesünder. Stadtplaner denken daher um, manche wollen den Autoverkehr zur Rushhour sogar ganz verbieten.

Der Ort mit der wohl höchsten Lebensqualität in Deutschland liegt auf einem alten Kasernengelände in der schwäbischen Provinz, zehn Busminuten vom Zentrum Tübingens entfernt. Hier, im Französischen Viertel , gibt es alles, was Stadtplaner sich wünschen: kurze Wege zwischen Wohnung, Einkauf und Arbeit, Spielstraßen für Kinder und trotz kompakter Bebauung jede Menge Grün.

"Unser Vorbild waren die dicht besiedelten, europäischen Altstädte", sagt der Tübinger Baubürgermeister Cord Söhlke. Die geräumigen Mehrfamilienhäuser stehen dicht an dicht, ohne sich Luft und Licht wegzunehmen. Und in fast jedem Gebäude gibt es Geschäfte, Büros oder Arztpraxen. Ein Fünftel der 2.500 Bewohner hat seinen Arbeitsplatz praktisch um die Ecke.

Das ist nicht nur angenehm für die Menschen – mit ihren kurzen Wegen entlasten die Tübinger auch die Umwelt, weil viele ohne Auto zur Arbeit kommen. So verbraucht das Viertel ein Drittel weniger Ressourcen als eine mit Pendlern besiedelte Einzelhaus-Enklave.

Fußgängerfreundliche Städte halten gesund

Die Bewohner bleiben zudem auf Dauer gesünder: Menschen in fußgängerfreundlichen Städten leiden weniger unter Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht, haben US-Forscher festgestellt. Und je weniger Angestellte pendeln, desto produktiver werden sie. Im Französischen Viertel gilt das sogar für die Aktivitäten in den Schlafzimmern: Dort werden ein Drittel mehr Kinder geboren als im Rest der Stadt.

Die positive Bilanz spricht sich herum: In Mannheim, Straßburg und Lausanne eifern die Stadtplaner inzwischen dem schwäbischen Vorbild nach.

Weltweit denken Stadtplaner um. Das alte Ideal der autogerechten Stadt gilt nicht mehr. Die Zukunft gehört ökologisch ausgerichteten Städten, die kinderfreundlich sind, Verkehrsströme begrenzen und die Landschaft in ihre Mitte holen. Der Londoner Stararchitekt Sir Norman Foster spricht denn auch von einem "Epochenwechsel". Eine der Metropolen, die sich neu erfunden haben, ist Kolumbiens Hauptstadt Bogotá: Sie hat Hunderte Kilometer Radwege, Bürgersteige und verkehrsberuhigte Straßen geschaffen, dazu 1.200 Parks und das Bussystem TransMilenio. Ab 2015 will Bogotá während der Rushhour den Autoverkehr vollkommen verbieten.

Kommentare

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Verbot von Autos?

Ich selbst fahre gern Auto, auch zur Arbeit. Von Verboten halte ich recht wenig. Doch wenn die Stadtplanung insgesamt drauf ausgelegt ist, dass man sich auch ohne Auto auf dem Weg zur Arbeit wohl fühlt: Gerne! Besser Anreize schaffen, statt bevormunden.

Bisher habe ich leider nur die Alternative zwischen 15 Minuten mit dem Auto oder über eine Stunde mit Bus und Bahn (pro Strecke). Bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Auch in Bezug auf Urbane Mobilität aus dem Umland in die Stadt. In meinem jugendlichen Leichtsinn hoffe ich, die Umsetzung noch miterleben zu können.

Andere Faktoren

"Und je weniger Angestellte pendeln, desto produktiver werden sie. Im Französischen Viertel gilt das sogar für die Aktivitäten in den Schlafzimmern: Dort werden ein Drittel mehr Kinder geboren als im Rest der Stadt."

Das scheint mir doch ein wenig weit hergeholt: Die soziale Zusammensetzung des Viertels wird da wesentlich mehr Einfluß drauf haben als die Verkehrswegesituation: IN solchen "Modevierteln" wohnen halt eher junge, progressiv denkende menschen. Und dass die öäfter Kinder kriegen als die 80-jährige Oma (die das schon hinter sich hat) dürfte wohl auch klar sein. Nur zur Klarstellung: ich will nicht verleugnen, dass ein Effekt da sein könnte; er erscheint mir gemessen an der Bedeutung anderer Faktoren jedoch eher marginal.

Die Fußgänger und radfahrerfreundlichen Viertel empfinde ich persönlich als eine große Bereicherung für jede Stadt. wenn man sich überlegt, wie viel zet allein durch den Weg zur und von der Arbeit verlorengeht... Allerdings muss auch bedacht werden, dass derartige Modelle nicht überall möglich sind; gerade Industrieunternehmen möchte man doch eher weiter von seinem Wohnort entfernt halten.