Verkehr der ZukunftElektromobilität wird nur mit Beteiligung der Nutzer ein Erfolg

Die Regierung vergisst bei der technologiefixierten Förderung von Elektromobilität deren künftige Nutzer. So könnte die neue Technik scheitern. Ein Gastbeitrag von Weert Canzler und Andreas Knie

Die Bundesregierung hat mittlerweile eine Reihe von Fördervorhaben aufgelegt, die den Durchbruch der elektrischen Fahrzeuge beschleunigen sollen. Im Forschungsministerium werden Förderprogramme für Batterieforschung, neue Materialien oder Antriebskonzepte aufgelegt. Das ist ohne Zweifel notwendig, um die Leistung zu verbessern und Kosten zu senken.

Aber das reicht nicht aus, damit die neue Technologie sich auf breiter Front im Alltag verankert. Viele fragen sich: Wofür braucht man überhaupt Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben? Und warum sollte der Staat die Automobilunternehmen, die Rekordgewinne erzielen, mit Millionen Euro fördern? Der Sinn erklärt sich nicht von selbst. Werden dann noch Änderungen im Steuerrecht und in der Straßenverkehrsordnung ins Spiel gebracht, wächst sogar die Skepsis. Die Nutzung von Busspuren für E-Fahrzeuge, Steuerbefreiungen oder gar freies Parken für elektrische Fahrzeuge werden die Fahrer mit gewöhnlichen Antrieben stark benachteiligen.

Anzeige
Weert Canzler
Weert Canzler

Weert Canzler ist Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der promovierte Politologe beschäftigt sich vor allem mit Mobilitäts- und Innovationsforschung sowie Technologiepolitik.

Aufklärung über die beabsichtigten Strategien täte hier Not, um die notwendige Akzeptanz zu schaffen. Aus einer interessanten Technologie wird nur dann eine wirkliche Innovation, wenn die Menschen in ihrer Nutzung einen Sinn erkennen. In einem modernen Verständnis von Technikgenese ist der Nutzer gleichsam ein gleichrangiger Entwicklungspartner. Steve Jobs hat das mit Apple eindrucksvoll bewiesen. Seine Firma steht für Produkte, die von den Kunden gewünscht werden und einen besonderen Nutzwert haben. Das fällt aber nicht vom Himmel, sondern geht nur bei einer frühzeitigen Beteiligung.

Ingenieure bleiben lieber unter sich

Doch in der deutschen Ingenieurswelt ist eine so prominente Mitarbeit der Kunden nicht vorgesehen. Man bleibt bei der Entwicklung lieber unter sich. Das hat Tradition in den Technikwissenschaften. Man bastelt nicht und probiert nichts Unfertiges aus, sondern operiert prinzipientreu, streng nach Plan. Erst am Ende folgt die praktische Verwendung. Sind alle Eventualitäten antizipiert und die Antworten auf mögliche Schwachstellen bereits im Vorfeld gefunden, darf die Markteinführung beginnen. Zufälle oder Überraschungen gibt es in der deutschen Technikkultur nicht.

Andreas Knie
Andreas Knie

Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) und Professor an der TU Berlin. Im Sommer 2011 erschien von ihm und Weert Canzler das Buch Einfach aufladen: Mit Elektromobilität in eine saubere Zukunft.

Das kann funktionieren. Aber eben nicht immer, und gerade die Geschichte des Automobils demonstriert dies. Deutschland gilt gemeinhin als die Wiege des Automobilbaus und feiert in diesem Jahr mit großer Geste den 125. Geburtstag. Doch verschwiegen wird, dass die wichtigsten Impulse für die deutschen Techniker aus Frankreich stammten. Ohne den frühen französischen Markt der Schönen und der Reichen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte es überhaupt keine deutsche Automobilbranche gegeben, die entscheidenden Hinweise gab der in Frankreich lebende Geschäftsmann Emil Jellinek. In Deutschland selbst gab es hingegen kaum Interesse, die selbst fahrenden Kutschen zu nutzen.

Die Technikgeschichte ist voll von Beispielen gescheiterter Projekte. Der Kernreaktor Hamm-Uentrop, der Parallelrechner "Supremum", die gigantische Windanlage Growian, die Magnetschwebebahn Transrapid sind beerdigt im Mausoleum deutscher Ingenieurskunst ohne Gebrauchswert. Sie illustrieren, dass es auch bei technisch anspruchsvollen Vorhaben ohne die Nutzer und auch ohne die Beteiligung des Umfeldes nicht geht.

Leserkommentare
  1. "Automobilunternehmen, die Rekordgewinne erzielen, mit Millionen Euro fördern?"

    Solange die deutschen Autobauer in Elektroautos eine Gefahr für ihr Kerngeschäft sehen, kommt nichts.
    Verschwendete Subventionen.
    Vielleicht kommt irgendwann eine Abwrackprämie für Verbrenner ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • vino87
    • 09. Dezember 2011 12:44 Uhr

    "Solange die deutschen Autobauer in Elektroautos eine Gefahr für ihr Kerngeschäft sehen, kommt nichts."

    Siehe dazu:
    http://www.zeit.de/auto/2...

    Ich denke eine Investition über 400 Mio Euro ist selbst für einen Global Player wie BMW kein Pappenstiel. Die gehen als Vorreiter ins Rennen. Vielleicht auch ein Anreiz für die anderen Hersteller sich auf dem Gebiet nicht abhängen zu lassen.

    Meine Meinung dazu ist aber, dass die größere Frage darin besteht, wie man die Energieversorgung für die Fahrzeuge sicherstellen möchte (AKW-Abschaltung bis 2022 etc). Wenn auch ohne E-Autos der Strom schon knapp wird und wir uns durch Stromimporte in eine hohe Abhängigkeit zu anderen Nachbarstaaten begeben, dann sehe ich das als ein Problem.

    • vino87
    • 09. Dezember 2011 12:44 Uhr

    "Solange die deutschen Autobauer in Elektroautos eine Gefahr für ihr Kerngeschäft sehen, kommt nichts."

    Siehe dazu:
    http://www.zeit.de/auto/2...

    Ich denke eine Investition über 400 Mio Euro ist selbst für einen Global Player wie BMW kein Pappenstiel. Die gehen als Vorreiter ins Rennen. Vielleicht auch ein Anreiz für die anderen Hersteller sich auf dem Gebiet nicht abhängen zu lassen.

    Meine Meinung dazu ist aber, dass die größere Frage darin besteht, wie man die Energieversorgung für die Fahrzeuge sicherstellen möchte (AKW-Abschaltung bis 2022 etc). Wenn auch ohne E-Autos der Strom schon knapp wird und wir uns durch Stromimporte in eine hohe Abhängigkeit zu anderen Nachbarstaaten begeben, dann sehe ich das als ein Problem.

    Antwort auf "Autoland "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Sie Sorge wegen der Menge des zur Verfügung stehenden Stroms haben, dann können Sie sich einen Stromgenerator in den Keller stellen. Unter dem Strich sind Resourcenverbrauch und Wirkungsgrad dann zwar nicht mehr besser als ein Auto mit Verbrennungsmotor, aber auch nicht schlechter.

    Mit jeder Solarzelle auf dem Dach wird es dann besser. Und da werden zur Zeit bekanntlich Tausende jeden Tag montiert.

  2. Was fuer eine scharfsinnige Schlussfolgerung!
    Aber im Ernst: solange wir keine billigeren und leichteren
    Batterien haben, ist der Elektroantrieb eine Spielerei!
    Mit Gas und Erdoel heizen und mit gespeichertem Strom
    autofahren ist Unsinn!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben ja vollkommen recht.

    Benutzt man das HEL (1kWh=100%) statt zum Heizen (90% Wirkunghsgrad/Hs) zum Betrieb eines PKW-Diesels (~27%), verzichtet auf den Kauf eines E-Autos (Wirkungsgrad: ~57%) und verwendet den eingesparten Strom teilweise fuer den Betrieb einer Waermepumpe (SDAJ=4), so spart man ~0,21 kWh/kWh-HEL.

    Das ist ziemlich heftig. Solange nicht alle Heizoelheizungen durch Waermepumpen ersetzt worden sind, ist der Betrieb eines E-Autos ökonomische und ökologische Ketzerei !!

    Mit Gas und Erdoel heizen und mit gespeichertem Strom
    autofahren ist Unsinn!

    Das ist natürlich völliger Blödsinn.
    Da Verbrennungsmotoren nichts anderes sind als Heizungen mit ein bißchen Bewegung als Abfallprodukt, ist es viel sinnvoller mit Strom effizient zu fahren und mit Gas und Erdöl vergleichsweise effizient zu heizen.

    Noch sinnvoller ist allerdings, auch beim Heizen auf Öl und Gas zu verzichten.

    • Tammy
    • 09. Dezember 2011 12:48 Uhr

    Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei überhaupt kein Markt für Elektroautos da und als wüssten die Menschen nicht, welche Vorteile Elektromobilität bringen könnte. Das glaube ich nicht. Natürlich ist das Produkt gewünscht, und zwar gerade vom Markt und aber leider nicht wirklich von den Herstellern (s. Kommentar 1). Elektroautos sind im Moment noch nicht erschwinglich und viele Probleme ungelöst. Aber beteiligt ist der Verbraucher schon - es gibt Modellregionen in ganz Europa, in denen Elektromobilität getestet wird, z.B. http://lebensland.com/ in Österreich bzw. in Berlin http://www.emo-berlin.de/. Dass sich ein Auto für 30.000 Euro nicht so breit testen lässt wie ein elektronisches Gerät, bei dem es in erster Linie um Softwareentwicklung geht, dürfte auf der Hand liegen, und die Frage wie denn die im Artikel geforderte Beteiligung des Verbrauchers an der Entwicklung konkret aussehen soll, beantwortet der Artikel nicht.

  3. Erfolg stellt sich über Akzeptanz ein. Das kann bei Elektromobilität nur und allein über den Preis passieren. Reichweite, Komfort, Sicherheit-damit kann die Technik nicht trumpfen. Also muss sie deutlichst billiger zu haben sein, als jede andere Mobilitätsform.

    Das ist natürlich illusorisch, denn Strom ist in Deutschland so teuer wie nirgends sonst in Europa.

    Abgesehen von Ökosektierern wird sich niemand finden, der diese durch und durch unattraktive Mobilitätsform wählen wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Erfolg stellt sich über Akzeptanz ein. Das kann bei Elektromobilität nur und allein über den Preis passieren.
    Sicher gibt es noch solche spaßbremsenden Auspuffsektierer, aber deren Ideologie stirbt nach und nach aus.

    Andere wollen einfach Mobilität ohne Geknatter, Gestank und teure Tankstopps.
    http://www.fastcoexist.co...
    http://www.welt.de/motor/...
    http://www.sueddeutsche.d...
    http://www.zehn.de/fahrsp...

    Abgesehen von Ökosektierern wird sich niemand finden, der diese durch und durch unattraktive Mobilitätsform wählen wird.
    "Das Fernsehen wird nach den ersten sechs Monaten am Markt scheitern. Die Menschen werden es bald satt haben, jeden Abend in eine Sperrholzkiste zu starren." - Darryl F. Zanuck, Filmproduzent, 1946

    • WolfHai
    • 09. Dezember 2011 13:15 Uhr

    Die Einbeziehung des Nutzers ist immer eine wichtige Sache. So auch hier. Ich halte aber das Elektroauto - jedenfalls im Moment - für eine Totgeburt: es ist teuerer und unkomfortabler als traditionelle Autos, und da der Strom ja irgendwo herkommen muss und bisher zusätzlicher Strom zu 100% aus fossilen Quellen stammt, ist eine "Umweltersparnis" nicht gegeben. Motiviert ist das Projekt durch die in Deutschland grassierende, realitätsfremde Umweltideologie. Schade um das Geld.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und da der Strom ja irgendwo herkommen muss und bisher zusätzlicher Strom zu 100% aus fossilen Quellen stammt, ist eine "Umweltersparnis" nicht gegeben.
    Können sie diese Behauptunfg auch beweisen, oder müssen wir an Ihre realitätsferne Antiumweltideologie einfach so glauben?

  4. und da der Strom ja irgendwo herkommen muss und bisher zusätzlicher Strom zu 100% aus fossilen Quellen stammt, ist eine "Umweltersparnis" nicht gegeben.
    Können sie diese Behauptunfg auch beweisen, oder müssen wir an Ihre realitätsferne Antiumweltideologie einfach so glauben?

    Antwort auf "Richtig - Falsch"
  5. Sie haben ja vollkommen recht.

    Benutzt man das HEL (1kWh=100%) statt zum Heizen (90% Wirkunghsgrad/Hs) zum Betrieb eines PKW-Diesels (~27%), verzichtet auf den Kauf eines E-Autos (Wirkungsgrad: ~57%) und verwendet den eingesparten Strom teilweise fuer den Betrieb einer Waermepumpe (SDAJ=4), so spart man ~0,21 kWh/kWh-HEL.

    Das ist ziemlich heftig. Solange nicht alle Heizoelheizungen durch Waermepumpen ersetzt worden sind, ist der Betrieb eines E-Autos ökonomische und ökologische Ketzerei !!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service