Verkehr der Zukunft : Elektromobilität wird nur mit Beteiligung der Nutzer ein Erfolg

Die Regierung vergisst bei der technologiefixierten Förderung von Elektromobilität deren künftige Nutzer. So könnte die neue Technik scheitern. Ein Gastbeitrag

Die Bundesregierung hat mittlerweile eine Reihe von Fördervorhaben aufgelegt, die den Durchbruch der elektrischen Fahrzeuge beschleunigen sollen. Im Forschungsministerium werden Förderprogramme für Batterieforschung, neue Materialien oder Antriebskonzepte aufgelegt. Das ist ohne Zweifel notwendig, um die Leistung zu verbessern und Kosten zu senken.

Aber das reicht nicht aus, damit die neue Technologie sich auf breiter Front im Alltag verankert. Viele fragen sich: Wofür braucht man überhaupt Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben? Und warum sollte der Staat die Automobilunternehmen, die Rekordgewinne erzielen, mit Millionen Euro fördern? Der Sinn erklärt sich nicht von selbst. Werden dann noch Änderungen im Steuerrecht und in der Straßenverkehrsordnung ins Spiel gebracht, wächst sogar die Skepsis. Die Nutzung von Busspuren für E-Fahrzeuge, Steuerbefreiungen oder gar freies Parken für elektrische Fahrzeuge werden die Fahrer mit gewöhnlichen Antrieben stark benachteiligen.

Weert Canzler

Weert Canzler ist Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der promovierte Politologe beschäftigt sich vor allem mit Mobilitäts- und Innovationsforschung sowie Technologiepolitik.

Aufklärung über die beabsichtigten Strategien täte hier Not, um die notwendige Akzeptanz zu schaffen. Aus einer interessanten Technologie wird nur dann eine wirkliche Innovation, wenn die Menschen in ihrer Nutzung einen Sinn erkennen. In einem modernen Verständnis von Technikgenese ist der Nutzer gleichsam ein gleichrangiger Entwicklungspartner. Steve Jobs hat das mit Apple eindrucksvoll bewiesen. Seine Firma steht für Produkte, die von den Kunden gewünscht werden und einen besonderen Nutzwert haben. Das fällt aber nicht vom Himmel, sondern geht nur bei einer frühzeitigen Beteiligung.

Ingenieure bleiben lieber unter sich

Doch in der deutschen Ingenieurswelt ist eine so prominente Mitarbeit der Kunden nicht vorgesehen. Man bleibt bei der Entwicklung lieber unter sich. Das hat Tradition in den Technikwissenschaften. Man bastelt nicht und probiert nichts Unfertiges aus, sondern operiert prinzipientreu, streng nach Plan. Erst am Ende folgt die praktische Verwendung. Sind alle Eventualitäten antizipiert und die Antworten auf mögliche Schwachstellen bereits im Vorfeld gefunden, darf die Markteinführung beginnen. Zufälle oder Überraschungen gibt es in der deutschen Technikkultur nicht.

Andreas Knie

Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) und Professor an der TU Berlin. Im Sommer 2011 erschien von ihm und Weert Canzler das Buch Einfach aufladen: Mit Elektromobilität in eine saubere Zukunft.

Das kann funktionieren. Aber eben nicht immer, und gerade die Geschichte des Automobils demonstriert dies. Deutschland gilt gemeinhin als die Wiege des Automobilbaus und feiert in diesem Jahr mit großer Geste den 125. Geburtstag. Doch verschwiegen wird, dass die wichtigsten Impulse für die deutschen Techniker aus Frankreich stammten. Ohne den frühen französischen Markt der Schönen und der Reichen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte es überhaupt keine deutsche Automobilbranche gegeben, die entscheidenden Hinweise gab der in Frankreich lebende Geschäftsmann Emil Jellinek. In Deutschland selbst gab es hingegen kaum Interesse, die selbst fahrenden Kutschen zu nutzen.

Die Technikgeschichte ist voll von Beispielen gescheiterter Projekte. Der Kernreaktor Hamm-Uentrop, der Parallelrechner "Supremum", die gigantische Windanlage Growian, die Magnetschwebebahn Transrapid sind beerdigt im Mausoleum deutscher Ingenieurskunst ohne Gebrauchswert. Sie illustrieren, dass es auch bei technisch anspruchsvollen Vorhaben ohne die Nutzer und auch ohne die Beteiligung des Umfeldes nicht geht.

Kommentare

75 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Das sieht BMW aber anders....

"Solange die deutschen Autobauer in Elektroautos eine Gefahr für ihr Kerngeschäft sehen, kommt nichts."

Siehe dazu:
http://www.zeit.de/auto/2...

Ich denke eine Investition über 400 Mio Euro ist selbst für einen Global Player wie BMW kein Pappenstiel. Die gehen als Vorreiter ins Rennen. Vielleicht auch ein Anreiz für die anderen Hersteller sich auf dem Gebiet nicht abhängen zu lassen.

Meine Meinung dazu ist aber, dass die größere Frage darin besteht, wie man die Energieversorgung für die Fahrzeuge sicherstellen möchte (AKW-Abschaltung bis 2022 etc). Wenn auch ohne E-Autos der Strom schon knapp wird und wir uns durch Stromimporte in eine hohe Abhängigkeit zu anderen Nachbarstaaten begeben, dann sehe ich das als ein Problem.

Antwort auf: 2. Das sieht BMW aber anders....

Wenn Sie Sorge wegen der Menge des zur Verfügung stehenden Stroms haben, dann können Sie sich einen Stromgenerator in den Keller stellen. Unter dem Strich sind Resourcenverbrauch und Wirkungsgrad dann zwar nicht mehr besser als ein Auto mit Verbrennungsmotor, aber auch nicht schlechter.

Mit jeder Solarzelle auf dem Dach wird es dann besser. Und da werden zur Zeit bekanntlich Tausende jeden Tag montiert.

Chapeau

Sie haben ja vollkommen recht.

Benutzt man das HEL (1kWh=100%) statt zum Heizen (90% Wirkunghsgrad/Hs) zum Betrieb eines PKW-Diesels (~27%), verzichtet auf den Kauf eines E-Autos (Wirkungsgrad: ~57%) und verwendet den eingesparten Strom teilweise fuer den Betrieb einer Waermepumpe (SDAJ=4), so spart man ~0,21 kWh/kWh-HEL.

Das ist ziemlich heftig. Solange nicht alle Heizoelheizungen durch Waermepumpen ersetzt worden sind, ist der Betrieb eines E-Autos ökonomische und ökologische Ketzerei !!

Heizen statt fahren

Mit Gas und Erdoel heizen und mit gespeichertem Strom
autofahren ist Unsinn!

Das ist natürlich völliger Blödsinn.
Da Verbrennungsmotoren nichts anderes sind als Heizungen mit ein bißchen Bewegung als Abfallprodukt, ist es viel sinnvoller mit Strom effizient zu fahren und mit Gas und Erdöl vergleichsweise effizient zu heizen.

Noch sinnvoller ist allerdings, auch beim Heizen auf Öl und Gas zu verzichten.

Ja, wenn der Strom in der Steckdose gewonnen wuerde

und in einem Auto problemlos und guenstig transportierbar
waere, haetten Sie recht. Da Strom aber grossteils thermisch produziert wird und die Speicherung im Auto
aufwendig ist (teuer und erhoeht betraechtlich das
Totgewicht) ist dem eben nicht so. Es ist ganz klar vorteilhaft den Strom fuer stationaere Anwendungen zu
nutzen und Gas und Oel fuer mobile.

Blick in die Zukunft

Schon witzig: Da macht die Produktgruppe E-Auto ihren ersten ernsthaften Sprung in Richtung Alltagstauglichkeit und schon ist überall die Erwartungshaltung da, dass damit alle Probleme gelöst sind und auf gar keinen Fall der bisher erreichte Komfort darunter leiden darf. Dabei braucht es eben seine Zeit, bis Technik und Infrastruktur aufgebaut und an die Kundenanforderungen (die ja auch im Fluss sind) angepasst ist.

Wie wird denn die Energieversorgung in 30-40 Jahren aussehen?

Gas oder Öl wird es definitiv nicht mehr sein, einfach weil dann weder die Versorgung gesichert noch die Entsorgung der Verbrennungsprodukte akzeptabel gelöst sein wird.

Es ist heute noch unklar, ob dann ein Wasserstoff-Kreislauf, Photovoltaik, Windernergie oder ganz 'was anderes unseren Energiebedarf decken wird. Aber welche Quelle auch immer dann genutzt wird. verstromt werden kann sie sicher. Damit ist die Ankopplung der Mobilität an Strom zumindest im Moment gar nicht so falsch.

Natürlich sind die E-Autos noch kein vollwertiger Ersatz für das Auto, wie wir es heute kennen. Aber das Auto, wie wir es heute kennen, wird in 30-40 Jahren schlicht keine (bezahlbare) Energieversorgung mehr haben. Also ist es jetzt an der Zeit, Alternativen zu suchen. Und dabei sind die aktuellen E-Autos ein Schritt auf dem Weg.

Prognosen fuer 30 bis 40 Jahren sind schwierig

Aber wir werden auch dann noch Erdoel und Gas haben und
auch fluessige oder gasfoermige Biotreibstoffe. Je weniger
Erdoel und Gas wir zur Stromerzeugung verbrennen, um so
mehr haben wir fuer den Tank. Das E-Auto wird interessant
in dem Augenblick wo wir billige und leichte Batterien
haben. Auch die Umwandlung von Sonnenenergie in Wasser-
stoff in der Sahara und ein vereinfachter Transport koennen
vieles aendern. Aber der techn Fortschritt ist nicht so
leicht vorhersehbar - in den 60igern sagte man fuer 2000
die Kernfusion voraus. Wir sind weiter entfernt als je.

Zukunft nicht abwarten, sondern gestalten

"Das E-Auto wird interessant in dem Augenblick wo wir billige und leichte Batterien haben."
Billige und leichte Batterien werden nicht vom Himmel fallen. Im Moment wird durch den E-Auto-Hype an vielen Stellen SEHR intensiv geforscht und nach Lösungen gesucht. Innovation in der Wirtschaft geschieht eben nicht durch abwarten, sondern auch durch das Aufbauen eines Marktes mit sub-optimalen Lösungen.

Bestes Beispiel ist die Photovoltaik (mag man sie sehen wie man will): Durch den (subventionierten) Absatzmarkt wurde intensiv nach effizienterer Technik gesucht. Die Steigerung des Wirkungsgrads war in den letzten Jahren deshalb enorm.

"Auch die Umwandlung von Sonnenenergie in Wasser-
stoff in der Sahara und ein vereinfachter Transport koennen
vieles aendern. Aber der techn Fortschritt ist nicht so
leicht vorhersehbar..."

Vorhersehbar nicht. Aber man sollte auch nicht hoffen, dass der technische Fortschritt sich aus dem nichts materialisiert. Im Moment befinden sich die Energie- und die Automobilwirtschaft in einem Umbruch, und ich finde es extrem spannend, welche gemeinsamen Entwicklungen sich daraus ergeben können.

Natürlich ist ein Blick...

... in die Zukunft, v.a. für 30-40 Jahre nahezu unmöglich.

Selbst bei Gas und Öl wäre ich mir mit Ihrer Prognose nicht sicher, weil es ganz einfach ab 150-200$ pro barrel wirtschaftlich wird, "unkonventionelle" Öle wie z.B. Ölsande in Kanada oder Ölschiefer abzubauen. Das ist zwar eine riesige Umweltschweinerei, aber durchaus denkbar.

Zudem dürfen auch neue Quellen nicht vergessen werden, wie z.B. das Methanhydrat am Meeresgrund, bzw. an/in den Kontinentalschelfen. Forschungen zum Abbau gibt es schon in verschiedenen Staaten, z.B. China. Dort soll mehr Energie gespeichert sein, als in allen fossilen Energien an Land zusammen. Der Killer fürs Klima schlechthin und zudem im Abbau hochriskant, aber durchaus denkbar.

Auf eines würde ich jedoch nicht setzen: Auf einen "Wasserstoff-Kreislauf"

Die Technik ist hochgradig ineffizent und teuer im Vergleich zur Stromtechnik und das wird sich auch nicht ändern.

Ja auch wenn der Sprit in der Zapsäule entstehen würde

wäre der Verbrennungsmotor immer noch ein Energieverschwender.

Da Strom aber grossteils thermisch produziert wird und die Speicherung im Auto
aufwendig ist (teuer und erhoeht betraechtlich das
Totgewicht)

Selbst mit dem aktuellen Strommix sind E-Fahrzeuge effizienter und umweltfreundlicher als vergleichbare Verbrenner, und der EE-Anteil steigt ständig an.

Teuer sind Akkus NOCH, aber die Preise fallen genau so wie das Gewicht. Das hat ohnehin keinen so hohen Einfluß auf den Stromverbrauch, sonst wären E-Autos ja trotz etwas höherem Gewicht nicht trotzdem sparsamer als Verbrenner.

Daher ist es auch heute schon sinnvoller, Strom für Bewegung und Gas/Öl für die Wärmeerzeugung zu verwenden.

Ordentlich einheizen!

Solarthermie, Erdwärmepumpe und Pelletofen sind im Auto halt schwierig zu realisieren ;-)

Außerdem:
http://www.cleanthinking....

Völlig ohne Gewähr schätze ich mal, dass wir den reinen Heizspritbedarf für E-Autos selbst bei 40 Mio. Fahrzeugen mit in Deutschland nachhaltig produziertem Biosprit decken könnten.

Bei meinem alten Renault Express verbrannte die Heizung 25-30l Sprit von Oktober bis März, bei werktäglich 2h Fahr- und Heizzeit.

Produkte, die von den Kunden gewünscht werden

Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei überhaupt kein Markt für Elektroautos da und als wüssten die Menschen nicht, welche Vorteile Elektromobilität bringen könnte. Das glaube ich nicht. Natürlich ist das Produkt gewünscht, und zwar gerade vom Markt und aber leider nicht wirklich von den Herstellern (s. Kommentar 1). Elektroautos sind im Moment noch nicht erschwinglich und viele Probleme ungelöst. Aber beteiligt ist der Verbraucher schon - es gibt Modellregionen in ganz Europa, in denen Elektromobilität getestet wird, z.B. http://lebensland.com/ in Österreich bzw. in Berlin http://www.emo-berlin.de/. Dass sich ein Auto für 30.000 Euro nicht so breit testen lässt wie ein elektronisches Gerät, bei dem es in erster Linie um Softwareentwicklung geht, dürfte auf der Hand liegen, und die Frage wie denn die im Artikel geforderte Beteiligung des Verbrauchers an der Entwicklung konkret aussehen soll, beantwortet der Artikel nicht.

Der Preis machts

Erfolg stellt sich über Akzeptanz ein. Das kann bei Elektromobilität nur und allein über den Preis passieren. Reichweite, Komfort, Sicherheit-damit kann die Technik nicht trumpfen. Also muss sie deutlichst billiger zu haben sein, als jede andere Mobilitätsform.

Das ist natürlich illusorisch, denn Strom ist in Deutschland so teuer wie nirgends sonst in Europa.

Abgesehen von Ökosektierern wird sich niemand finden, der diese durch und durch unattraktive Mobilitätsform wählen wird.

Die Mobilität machts

Erfolg stellt sich über Akzeptanz ein. Das kann bei Elektromobilität nur und allein über den Preis passieren.
Sicher gibt es noch solche spaßbremsenden Auspuffsektierer, aber deren Ideologie stirbt nach und nach aus.

Andere wollen einfach Mobilität ohne Geknatter, Gestank und teure Tankstopps.
http://www.fastcoexist.co...
http://www.welt.de/motor/...
http://www.sueddeutsche.d...
http://www.zehn.de/fahrsp...

Abgesehen von Ökosektierern wird sich niemand finden, der diese durch und durch unattraktive Mobilitätsform wählen wird.
"Das Fernsehen wird nach den ersten sechs Monaten am Markt scheitern. Die Menschen werden es bald satt haben, jeden Abend in eine Sperrholzkiste zu starren." - Darryl F. Zanuck, Filmproduzent, 1946