Die Absage kommt kurz vor Mitternacht. "Ich muss überraschend ins Ausland fliegen", schreibt ein gewisser Dogan per SMS, "ich kann nicht fahren." Womit die Mitfahrgelegenheit nach München, geplant und bestätigt für 7.30 Uhr in der Früh, geplatzt ist. Der erste Gedanke über Dogan ist kein freundlicher. Der zweite ist noch weniger druckreif.

Um sechs in der Früh noch einmal ins Internet, auf die Seite www.mitfahrgelegenheit.de , um andere Fahrer zu suchen. Nach drei Telefonaten – und selbstverständlich wortreichen Entschuldigungen für die frühe Störung – steht die Alternative zum wortbrüchigen Dogan. Ein Unternehmer fährt ab neun Uhr nach München, Treffpunkt beim Autoverleiher gegenüber dem Eingang zum Zoo, 30 Euro, von Berlin-Charlottenburg nach München-Schwabing. Dogan hätte 35 Euro gewollt, möge ein Kolbenfresser sein Auto lahm legen!

Und schon sind die ersten beiden Lektionen bei diesem Selbstversuch in einer Boombranche gelernt: Mitfahrgelegenheiten sind auch kurzfristig zu haben. Und zweitens, traue keinem, der wie Dogan mehr als drei Plätze anbietet. Das könnten nämlich Semiprofis sein, die mit Kleinbussen durchs Land fahren und Menschen kutschieren und abkassieren, ohne Gewerbeschein, versteht sich, demzufolge auch an der Steuer vorbei, demzufolge etwas windig und zwielichtig, unzuverlässig eben. Anders als der Anbieter mit dem Mietauto.

Und los geht die Fahrt. Ein Wagen der Mittelklasse, sauber, bequem, technisch auf dem neusten Stand und für den, der es nötig hat, die A 9 runter, wäre auch ein Navigationsgerät einzuschalten. Ein bisschen Smalltalk, Berufliches, Fußball, was man so redet, wenn man sich nicht kennt, aber auf geringem Raum zusammenhockt.

"Ich leb in Berlin, ich habe kein Auto, ich brauche hier keins."

"Ich auch nicht."

"Und wenn ich eins brauche, wie heute, dann leihe ich mir eins."

"Ich bin beim Car-Sharing der Bahn, aber das lohnt sich nur für Kurztrips."

"Dann ist die Mitfahrgelegenheit günstiger, viel günstiger."

Es tut sich etwas mit unserer Mobilität, sie ist in Bewegung geraten. Mögen die Sports Utility Vehicle, die SUVs also oder auch Protzautos weiterhin scheinbar im Sekundentakt vom Fließband rollen und anschließend mit den für sie viel zu bescheiden gebauten Parkhäusern kämpfen – allein im Jahr 2010 wurden 295.254 dieser Vans neu zugelassen –, die Zeichen mehren sich, dass das eigene Auto als Statussymbol und individuelles Transportmittel ausgedient hat. Nur am Rande: Die mit Abstand häufigste Begründung, besser Entschuldigung für die Anschaffung eines teuren, spritsaufenden und Emissionen ausspeienden Geländewagens ist seine Familientauglichkeit, man/frau müsse halt die Kinder chauffieren. Man fragt sich angesichts dieser Kinderschar, woher eigentlich unser demografisches Problem kommt.