MitfahrgelegenheitenOn the road again

Früher wurde getrampt. Doch Tramper gibt es kaum noch. Dafür wird im Netz gesurft – und dann mitgefahren. Helmut Schümann probiert es aus: von Berlin nach München. von Helmut Schümann

Die Absage kommt kurz vor Mitternacht. "Ich muss überraschend ins Ausland fliegen", schreibt ein gewisser Dogan per SMS, "ich kann nicht fahren." Womit die Mitfahrgelegenheit nach München, geplant und bestätigt für 7.30 Uhr in der Früh, geplatzt ist. Der erste Gedanke über Dogan ist kein freundlicher. Der zweite ist noch weniger druckreif.

Um sechs in der Früh noch einmal ins Internet, auf die Seite www.mitfahrgelegenheit.de , um andere Fahrer zu suchen. Nach drei Telefonaten – und selbstverständlich wortreichen Entschuldigungen für die frühe Störung – steht die Alternative zum wortbrüchigen Dogan. Ein Unternehmer fährt ab neun Uhr nach München, Treffpunkt beim Autoverleiher gegenüber dem Eingang zum Zoo, 30 Euro, von Berlin-Charlottenburg nach München-Schwabing. Dogan hätte 35 Euro gewollt, möge ein Kolbenfresser sein Auto lahm legen!

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Und schon sind die ersten beiden Lektionen bei diesem Selbstversuch in einer Boombranche gelernt: Mitfahrgelegenheiten sind auch kurzfristig zu haben. Und zweitens, traue keinem, der wie Dogan mehr als drei Plätze anbietet. Das könnten nämlich Semiprofis sein, die mit Kleinbussen durchs Land fahren und Menschen kutschieren und abkassieren, ohne Gewerbeschein, versteht sich, demzufolge auch an der Steuer vorbei, demzufolge etwas windig und zwielichtig, unzuverlässig eben. Anders als der Anbieter mit dem Mietauto.

Und los geht die Fahrt. Ein Wagen der Mittelklasse, sauber, bequem, technisch auf dem neusten Stand und für den, der es nötig hat, die A 9 runter, wäre auch ein Navigationsgerät einzuschalten. Ein bisschen Smalltalk, Berufliches, Fußball, was man so redet, wenn man sich nicht kennt, aber auf geringem Raum zusammenhockt.

"Ich leb in Berlin, ich habe kein Auto, ich brauche hier keins."

"Ich auch nicht."

"Und wenn ich eins brauche, wie heute, dann leihe ich mir eins."

"Ich bin beim Car-Sharing der Bahn, aber das lohnt sich nur für Kurztrips."

"Dann ist die Mitfahrgelegenheit günstiger, viel günstiger."

Es tut sich etwas mit unserer Mobilität, sie ist in Bewegung geraten. Mögen die Sports Utility Vehicle, die SUVs also oder auch Protzautos weiterhin scheinbar im Sekundentakt vom Fließband rollen und anschließend mit den für sie viel zu bescheiden gebauten Parkhäusern kämpfen – allein im Jahr 2010 wurden 295.254 dieser Vans neu zugelassen –, die Zeichen mehren sich, dass das eigene Auto als Statussymbol und individuelles Transportmittel ausgedient hat. Nur am Rande: Die mit Abstand häufigste Begründung, besser Entschuldigung für die Anschaffung eines teuren, spritsaufenden und Emissionen ausspeienden Geländewagens ist seine Familientauglichkeit, man/frau müsse halt die Kinder chauffieren. Man fragt sich angesichts dieser Kinderschar, woher eigentlich unser demografisches Problem kommt.

Leserkommentare
  1. Einfach, günstig, zuverlässig.
    Das sind meine langjährigen Erfahrungen mit diversen Anbietern. Wurde eigentlich nie versetzt, falsch abgesetzt oder von komischen Figuren mitgenommmen.
    für ~10-20€ kommt man durch die halbe Republik und das oftmals komfortabler und schneller als mit der Bahn.
    Freundin fuhr, als Beispiel, dieses Wochenende von Göttingen nach Leipzig für 10€ und war sehr zufrieden damit!

    3 Leserempfehlungen
  2. Danke für den Artikel, auch für den schönen nostalgischen Einschub.

    Da ich lieber mit dem Auto fahre als mit der Bahn, möchte ich den Autolosen das Bahnfahren (oder gar Busfahren!) auch nicht zumuten. Und in einem durchschnittlichen Wagen hat man doch auch mit bahnuntauglichen Gepäckmengen fast immer Platz für ein oder zwei Mitfahrer.
    Dass die Mitfahrer dann die Fahrt nicht nur mit ihrer (meist) netten Gesellschaft bereichern, sondern sich auch noch an den Spritkosten beteiligen, ist für mich eigentlich nur ein Sahnehäubchen - ich fahre die Strecke ja sowieso und nehme auch Tramper umsonst mit. Aber die sind, wie im Artikel schon geschrieben, eher selten geworden.

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  3. Spätestens nach den neuesten Preiserhöhungen und den börsenganggeschuldeten Wirtschaftlichkeitsprinzipien (=Kundenservice ist in Monopolstellung wirtschaftlich suboptimal) der Bahn sollte jeder darüber nachdenken Mitfahrgelegenheiten zu nutzen.

    Und was den Eingangs erwähnten Ärger des Autors angeht.... ich fahre jede Woche mindestens 1x mit der Mitfahrgelegenheit oder biete sie selber an. Ich musste mich wesentlich häufiger bei Bahnfahrten über Unzuverlässigkeiten ärgern als bei Mitfahrgelegenheiten. Da muss man einfach damit leben, dass alle Anbieter eben auch nur Menschen sind (und keine Konzerne). Sie dafür gleich zu verfluchen finde ich nicht in Ordnung, auch wenn ich den Ärger erstmal verstehen kann.

    Also, auch meine Empfehlung geht eindeutig zur Mitfahrgelegenheit! Günstiger fahren, spannende Menschen kennenlernen und eine mittelmäßige Ökobilanz (da hätte die Bahn eigentlich einen Auftrag....- naja..).

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  5. Ich bin in den letzten Jahren viel in Deutschland getrampt, habe gute Erfahrungen gemacht und sehr nette Leute kennengelernt. Aber warum ist es so aus der Mode gekommen? Haben potentielle Fahrer und Mitfahrer Angst? Keine Zeit? Möchten Sie lieber allein sein?
    Ich glaube, viele Menschen verbinden mit dem Trampen eine gewisse Armut und spätestens dann kann ja nicht mehr alles koscher sein...

    Übrigens ist manchmal die Bahn auch günstiger als eine Mitfahrgelegenheit und ich empfinde eine Reise im ICE auch als deutlich komfortabler als in einem VW Golf.
    Manche Fahrer nehmen mit dem ewigen Argument der hohen Benzinkosten heute soviel Geld, dass nicht mehr davon gesprochen werden kann, die Kosten zu teilen, sondern den Fahrer zu bezahlen. Dies und die Existenz der semi-professionellen Anbieter sind zwei schwarze Flecken einer tollen Idee.

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  6. auf einer längeren Strecke eine ganz schöne Qual wenn er nur auf halber Strecke mal Pause macht.
    Auch wenn der Fahrer ein Raser ist den keine Radarwarnung geschweige Schneetreiben von seinen 220kmh abhält (obwohl Kleinkind am Rücksitz)dann braucht man da auch ganz gute Nerven. Franf.-Wien (700 km) in 3 1/2 Std. für 50€
    anstatt knapper 190 in einem überfüllten ICE rechtfertigt aber dann hinteher die Aktion, auch wenn mans mit der Angst zu tun bekommen kann angesichts des Tempos.

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    • eeee
    • 10. Dezember 2011 18:16 Uhr

    in 3 1/2 h? Das geht nicht, weder Oder noch Main. Auch nicht mit 220.

  7. und auch schon damals z.B. in Spanien/Frankreich oder an der österr.Grenze
    eine ziemliche Glückssache mit tlws. durchfrorenen Nächten..... Mir fuhr jetzt mal 10km vor einer bayr.Kleinstadt der Bus vor der Nase weg.
    Ich (schon ziemlich ergraut) hab es gewagt zu trampen mit meinem Alter, weil der nächste Bus erst in 1 Std. fuhr.
    In 5 Min. war ich weg, mitgenommen von einem älteren Tramper :-))
    Auf langer Strecke würde ich das heute nicht mehr machen.

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    Auch auf lange Strecken funktioniert trampen in Deutschland unheimlich gut. Ich habe das mal ausprobiert und bin den letzten Sommer nach Belgien und in die Niederlande getrampt. Ich musste nirgendwo länger als 20 Minuten warten.

    • eeee
    • 10. Dezember 2011 18:16 Uhr

    in 3 1/2 h? Das geht nicht, weder Oder noch Main. Auch nicht mit 220.

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte ADAC | Auto | LKW | Mitfahrzentrale | Berlin | München
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