CitroënEin bisschen Mini, ein bisschen Audi

Citroën setzt auf seine DS-Reihe, um sich Premiumherstellern vor allem aus Deutschland anzunähern. Das gelingt nur teils. In China könnte die Strategie aber aufgehen. von Sebastian Viehmann

Mit der DS schuf Citroën einst eine automobile Ikone. Aufgrund des Gleichklangs mit dem französischen Wort déesse wurde das Mittelklasse-Modell mit der stromlinienförmigen Karosserie schnell zur "Göttin" – schließlich sind Autos in der französischen Sprache, anders als im Deutschen, ohnehin feminin.

2009 wurde das Kürzel wiederbelebt: erst für eine Studie namens DS Inside, dann für eine komplette neue Modellreihe. Die hat allerdings gar nichts mit der legendären "Göttin" zu tun. Immerhin sollen die neuen DS-Fahrzeuge – in aller Regel Ableger von normalen Citroën-Modellen – ähnlich wie die DS in den fünfziger und sechziger Jahren mit besonderen Finessen ausgestattet sein. Zudem sollen sie in speziellen "DS Stores" und in den großen Metropolen gar in "DS Worlds", abgetrennt von anderen Modellen des Herstellers, in aufwändigem Ambiente den Kunden präsentiert werden. Sogar einen Premium-Club mit besonderen Serviceleistungen planen die Franzosen.

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Citroën möchte den Erfolg der Marke Mini imitieren. Allerdings nicht mit Retro-Elementen oder viel Sportlichkeit, sondern mit avantgardistischer Optik und Premium-Allüren. Den Anfang machte der Mini-Gegner DS3 . Durch die Kooperation des PSA-Konzerns mit BMW ist er sogar mit den gleichen Benzinmotoren bestückt wie der Mini. Mehr als 135.000 Exemplare wurden bislang verkauft, 60 Prozent der Käufer seien ganz neue Kunden für die Marke gewesen, sagt Citroën. Der viertürige DS4 kam im Mai 2011 auf den Markt; 2012 will Citroën 40.000 Stück pro Jahr verkaufen. Im Februar wird die Reihe ergänzt durch den größeren DS5 , von dem die Franzosen ebenfalls jährlich 40.000 Exemplare absetzen wollen. Selbst an einem DS1 tüfteln die Franzosen offenbar bereits, als höherwertigen Ableger des neuen C1.

Für Paolo Tumminelli, Professor an der International School for Design in Köln und einst Designer im Centro Stile von Alfa Romeo , ist die DS-Strategie ein zweischneidiges Schwert. "Citroën hat im letzten Jahrzehnt einen unglaublichen Schritt nach vorne gemacht und liefert häufig erfrischendes, eigenwilliges, interessantes Design. Insofern finde ich es nicht beleidigend, wenn Citroën den neuen Designweg auch mit seiner historischen Designikone bezeichnet", sagt Tumminelli. Allerdings berge die Modellbezeichnung auch ein Risiko: Weil die ikonische Identität verloren gehe – jedes Modell werde dann DS heißen – bleibe DS am Ende nur ein Kürzel, "nicht mehr als das i" bei den Hyundai-Modellen wie i30 oder i40, sagt Tumminelli. "DS 3, 5, 6, 7 riecht dann sehr nach BMW."

Fahrkomfort ist nicht Premium

Der DS5 ist das bislang überzeugendste Modell der Reihe. "Unser Vorbild bei der Qualität im Interieur war Audi ", gibt Pierre Monferrini, Projektleiter des DS5, freimütig zu. Der Qualitätsanspruch zeigt sich etwa an Becherhaltern mit matten Chromringen und sonstigem polierten Metall im Innenraum. Stolz verweist Citroën darauf, dass das Leder für die bequemen Sitze von bayerischen Stieren stammt. Selten haben Material und Verarbeitung in einem Citroën so überzeugt.

Doch so sehr Citroën die DS-Modelle auch als direkte Konkurrenz zu Fahrzeugen der Premiumhersteller positionieren will: Im Hinblick auf die Fahrdynamik können sich die Franzosen bislang nicht mit Autos von Audi oder BMW messen. Auch ausgerechnet in der traditionellen Citroën-Domäne, dem Fahrkomfort, beweisen die Ingenieure kein so glückliches Händchen. Alle DS-Modelle sind straff abgestimmt. Beim Mini-Rivalen DS3 passt das immerhin zum Konzept, bei der Luxus-Limousine DS5 weniger – er holpert in langsamer Fahrt unsensibel über Bodenwellen.

Mit den DS-Modellen will Citroën aber nicht nur seine Modellpalette in Richtung Premium rücken, sondern dazu eine neue Submarke etablieren – im Wachstumsmarkt China . Dort sollen von 2013 an beim Joint-Venture-Partner Changan DS-Modelle vom Band laufen, darunter spezielle Versionen für den chinesischen Markt. "Wir vermarkten die Fahrzeuge unter dem Label 'DS by Citroën'", sagt Monferrini. "Es wird für normale Citroën-Modelle und für die DS-Palette zwei unterschiedliche Händlernetze geben."

DS-Kunden sollen mit ihren Produkten also nicht die Marke Citroën assoziieren, sondern ein eigenständiges Produkt. Aus ähnlicher Motivation gründen auch andere Hersteller neue Automarken in China, wo viele Autokäufer Erstkunden sind und sich viele Markenimages noch nicht in den Köpfen verfestigt haben. Für Design-Professor Tumminelli könnte das DS-Experiment in China durchaus glücken: "Der Mensch auf der Straße, der noch nie eine fahrende 'Göttin' gesehen oder darüber gelesen hat, könnte DS als Kürzel für DeSign verstehen. Dann macht das alles wieder Sinn, wenigstens für Chinesen."

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte BMW | Audi | Alfa Romeo | China | Design | Köln
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