Autoverkehr : Kampf ums Dezibel

Um den schädlichen Verkehrslärm zu verringern, will die EU-Kommission den Autoherstellern strenge Vorgaben machen. Die halten den Zeitplan für völlig unrealistisch.

Das Vorhaben der EU-Kommission, den Verkehrslärm auf Europas Straßen schnellstmöglich um bis zu ein Viertel zu senken, stößt in der Automobilindustrie auf Widerstand. "Das Ziel ist zu ambitioniert, die Umsetzung in dem vorgesehenen Zeitrahmen nicht machbar", heißt es beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

Anlass für die Kritik ist ein Vorschlag von Industriekommissar Antonio Tajani, schärfere Geräuschgrenzwerte einzuführen. Demzufolge soll der Lärm von Personenkraftwagen, Kleinlastern und Bussen innerhalb von zwei Jahren nach Inkrafttreten der Verordnung um zwei Dezibel sinken. Drei Jahre später sollen die Werte um weitere zwei Dezibel sinken. Für Lastwagen ist eine Reduzierung um ein Dezibel im ersten und um zwei Dezibel im zweiten Schritt geplant.

Was wenig klingt, fordert die Industrie stark. So bedeutet eine Verringerung um zwei Dezibel nach Auskunft von Technikern eine Dämmung der Fahrzeuggeräusche um rund 40 Prozent. "Diese starke Reduzierung ist technisch in so kurzer Zeit nicht machbar", sagte Ulrich Eichhorn, Technischer Geschäftsführer des VDA. "Eine so scharfe Grenzwertsenkung ignoriert die in der Automobilindustrie notwendigen Entwicklungs- und Produktionszyklen und hätte zur Folge, dass jeder dritte Pkw in Europa innerhalb von zwei Jahren überarbeitet werde müsste."

"Ein Sportwagen muss röhren"

Trotz des erhöhten Verkehrsaufkommens in Europa sind die Grenzwerte für Geräuschemissionen seit 1996 unverändert. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten in Westeuropa infolge von durch Lärm erzeugten Stress jährlich bis zu eine Million gesunder Lebensjahre verloren gehen.

Für Industriekommissar Tajani ist das Anlass genug, regulatorisch einzugreifen. "Unser Vorschlag führt zu einer gesünderen Umwelt", sagte Tajani. Zudem ließen sich die Fahrzeuge international besser verkaufen.

Dass der Vorstoß ausgerechnet vom für Unternehmen zuständigen Vizechef der Kommission kommt, verwundert Wirtschaftspolitiker. "Es ist der berühmte Griff zu viel in die Regulierungskiste der grünen Bürokratie", kritisierte Holger Krahmer, FDP-Industriepolitiker im EU-Parlament: "Ein Sportwagen muss röhren, sonst verkauft er sich nicht."

Auch das Bundesverkehrsministerium ist dem Vernehmen nach verärgert über den Vorstoß aus Brüssel. Widerstand ist programmiert, sagen Diplomaten. Die Bundesregierung hatte 2011 einen eigenen, moderaten Vorschlag zur Lärmbekämpfung beim Fachgremium der Vereinten Nationen unterbreitet, das weltweit Automobilstandards setzt.

Erschienen im Handelsblatt

Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Not gegen Elend

[...]

Grundsätzlich ist jedoch hier eine technische Lösung mit Grenzwerten immer besser als solche üblen Gängeleien wie die Umweltzonen (letztlich auf EU-Mist gewachsen), unter denen der Bürger zu leiden hat.

So wird übrigens hier mit Zahlen getrickst, um eine dramatische Zahl darzustellen. Die bedeutet, dass von ca. 300 Mio. Westeuropäern gerade einmal 0.33% der Leute ein Jahr kürzer leben:
"Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten in Westeuropa infolge von durch Lärm erzeugten Stress jährlich bis zu eine Million gesunder Lebensjahre verloren gehen."

Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und betiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/mk

EU - ZK.....

...... "Es ist der berühmte Griff zu viel in die Regu- lierungskiste der grünen Bürokratie", das ist nicht aus- reichend. In D sind die Bundesländer für Zone 30 Verkehrs- blockaden und Umweltschmutzzonen zuständig nicht aber ein Iindustrie Kommissar Tajani... Wie lange wollen wir noch zusehen wie die Demokratie in Europa abgeschafft wird?
Somit sind hier irgendwelche Statistiken der WHO etc. vollkommen uninteressant.

Sie wollen es nicht

Das strunzdämliche Sportwagenzitat ist doch entlarvend. Wenn jemand aus Profitgründen am allgemeinschädlichen Verhalten festhält, hilft nur Zwang. Da ist Mitleid mit den ach so armen Herstellern fehlt am Platz. Mittelfristig hilft es ihnen ja sogar, gerade die deutschen Autohersteller sind ja nicht gerade Vorreiter des Fortschritts, sondern eher Hersteller der Kategorie "noch ein paar PS mehr, noch ein anderes Kinkerlitzchen einbauen, aber keine grundlegenden Veränderungen".

Genau lesen....

es geht ja auch um den Zeitplan. Wenn dieser deutlich kürzer ist, wie ein Modelllebenszyklus, dann ist dies selbstverständlich mit Mehrkosten verbunden, die natürlich der Endkunde zu bezahlen hat.

Es ist mir aus Bürgersicht auch völlig unverständlich, warum hier LKWs laxere grenzen bekommen. Wenn lärm schädlich ist, dann gleiche Auflagen für alle (Buss, LKW, Bahn, Auto, Motorad etc.)

@Genau lesen

Ihren Einwand kann ich verstehen, allerdings schalte ich inzwischen auf Durchzug bzw. Abwehrreflexe werden bei mir aktiviert, wenn ich Klagen von Lobbyisten höre, selbst wenn diese manchmal auch berechtigt sind.

Dafür haben sich Lobbyisten in Deutschland und anderswo in Europa zu viele Dreistigkeiten herausgenommen. Entsprechend sehe ich mit Erschrecken, dass sich Deutschland in den letzeten Jahren zu einem üblen Lobbyisten-Staat gewandelt hat.

Die EU halte ich allerdings auch für eine üble Bürokratie- und Bevormundungsorganisation, so dass ich froh darüber bin, seit 2 Jahren in einem freien Land außerhalb der EU leben zu dürfen.