AutoverkehrKampf ums Dezibel

Um den schädlichen Verkehrslärm zu verringern, will die EU-Kommission den Autoherstellern strenge Vorgaben machen. Die halten den Zeitplan für völlig unrealistisch. von Thomas Ludwig

Das Vorhaben der EU-Kommission, den Verkehrslärm auf Europas Straßen schnellstmöglich um bis zu ein Viertel zu senken, stößt in der Automobilindustrie auf Widerstand. "Das Ziel ist zu ambitioniert, die Umsetzung in dem vorgesehenen Zeitrahmen nicht machbar", heißt es beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

Anlass für die Kritik ist ein Vorschlag von Industriekommissar Antonio Tajani, schärfere Geräuschgrenzwerte einzuführen. Demzufolge soll der Lärm von Personenkraftwagen, Kleinlastern und Bussen innerhalb von zwei Jahren nach Inkrafttreten der Verordnung um zwei Dezibel sinken. Drei Jahre später sollen die Werte um weitere zwei Dezibel sinken. Für Lastwagen ist eine Reduzierung um ein Dezibel im ersten und um zwei Dezibel im zweiten Schritt geplant.

Anzeige

Was wenig klingt, fordert die Industrie stark. So bedeutet eine Verringerung um zwei Dezibel nach Auskunft von Technikern eine Dämmung der Fahrzeuggeräusche um rund 40 Prozent. "Diese starke Reduzierung ist technisch in so kurzer Zeit nicht machbar", sagte Ulrich Eichhorn, Technischer Geschäftsführer des VDA. "Eine so scharfe Grenzwertsenkung ignoriert die in der Automobilindustrie notwendigen Entwicklungs- und Produktionszyklen und hätte zur Folge, dass jeder dritte Pkw in Europa innerhalb von zwei Jahren überarbeitet werde müsste."

"Ein Sportwagen muss röhren"

Trotz des erhöhten Verkehrsaufkommens in Europa sind die Grenzwerte für Geräuschemissionen seit 1996 unverändert. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten in Westeuropa infolge von durch Lärm erzeugten Stress jährlich bis zu eine Million gesunder Lebensjahre verloren gehen.

Für Industriekommissar Tajani ist das Anlass genug, regulatorisch einzugreifen. "Unser Vorschlag führt zu einer gesünderen Umwelt", sagte Tajani. Zudem ließen sich die Fahrzeuge international besser verkaufen.

Dass der Vorstoß ausgerechnet vom für Unternehmen zuständigen Vizechef der Kommission kommt, verwundert Wirtschaftspolitiker. "Es ist der berühmte Griff zu viel in die Regulierungskiste der grünen Bürokratie", kritisierte Holger Krahmer, FDP-Industriepolitiker im EU-Parlament: "Ein Sportwagen muss röhren, sonst verkauft er sich nicht."

Auch das Bundesverkehrsministerium ist dem Vernehmen nach verärgert über den Vorstoß aus Brüssel. Widerstand ist programmiert, sagen Diplomaten. Die Bundesregierung hatte 2011 einen eigenen, moderaten Vorschlag zur Lärmbekämpfung beim Fachgremium der Vereinten Nationen unterbreitet, das weltweit Automobilstandards setzt.

Erschienen im Handelsblatt

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. [...]

    Grundsätzlich ist jedoch hier eine technische Lösung mit Grenzwerten immer besser als solche üblen Gängeleien wie die Umweltzonen (letztlich auf EU-Mist gewachsen), unter denen der Bürger zu leiden hat.

    So wird übrigens hier mit Zahlen getrickst, um eine dramatische Zahl darzustellen. Die bedeutet, dass von ca. 300 Mio. Westeuropäern gerade einmal 0.33% der Leute ein Jahr kürzer leben:
    "Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten in Westeuropa infolge von durch Lärm erzeugten Stress jährlich bis zu eine Million gesunder Lebensjahre verloren gehen."

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und betiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/mk

  2. ...... "Es ist der berühmte Griff zu viel in die Regu- lierungskiste der grünen Bürokratie", das ist nicht aus- reichend. In D sind die Bundesländer für Zone 30 Verkehrs- blockaden und Umweltschmutzzonen zuständig nicht aber ein Iindustrie Kommissar Tajani... Wie lange wollen wir noch zusehen wie die Demokratie in Europa abgeschafft wird?
    Somit sind hier irgendwelche Statistiken der WHO etc. vollkommen uninteressant.

    • brux
    • 04. Februar 2012 19:57 Uhr

    Der VDA sagt IMMER, dass etwas nicht geht. Ziemlich armselig fuer eine Industrie, die sich fuer High-Tech haelt.

    Die Japaner bauen heute schon Autos, die absichtlich etwas Laerm erzeugen, damit sich Fussgaenger nicht erschrecken.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das strunzdämliche Sportwagenzitat ist doch entlarvend. Wenn jemand aus Profitgründen am allgemeinschädlichen Verhalten festhält, hilft nur Zwang. Da ist Mitleid mit den ach so armen Herstellern fehlt am Platz. Mittelfristig hilft es ihnen ja sogar, gerade die deutschen Autohersteller sind ja nicht gerade Vorreiter des Fortschritts, sondern eher Hersteller der Kategorie "noch ein paar PS mehr, noch ein anderes Kinkerlitzchen einbauen, aber keine grundlegenden Veränderungen".

    • bugme
    • 05. Februar 2012 12:03 Uhr

    es geht ja auch um den Zeitplan. Wenn dieser deutlich kürzer ist, wie ein Modelllebenszyklus, dann ist dies selbstverständlich mit Mehrkosten verbunden, die natürlich der Endkunde zu bezahlen hat.

    Es ist mir aus Bürgersicht auch völlig unverständlich, warum hier LKWs laxere grenzen bekommen. Wenn lärm schädlich ist, dann gleiche Auflagen für alle (Buss, LKW, Bahn, Auto, Motorad etc.)

  3. Das strunzdämliche Sportwagenzitat ist doch entlarvend. Wenn jemand aus Profitgründen am allgemeinschädlichen Verhalten festhält, hilft nur Zwang. Da ist Mitleid mit den ach so armen Herstellern fehlt am Platz. Mittelfristig hilft es ihnen ja sogar, gerade die deutschen Autohersteller sind ja nicht gerade Vorreiter des Fortschritts, sondern eher Hersteller der Kategorie "noch ein paar PS mehr, noch ein anderes Kinkerlitzchen einbauen, aber keine grundlegenden Veränderungen".

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zum wievielten Mal?"
  4. Wenn man die Grenzwerte nicht einhalten kann, wird einfach die Höchstgeschwindigkeit in Städten soweit reduziert, bis sie eingehalten werden (Maßgabe: Lautestes in einer Stadt angemeldetes Auto?).

    Wenn ich mich richtig erinnere, führt der Wechsel von 50 km/h -> 30 km/h um eine Reduzierung von 3 dB.

    10 Leserempfehlungen
  5. > "Es ist der berühmte Griff zu viel in die Regulierungskiste
    > der grünen Bürokratie", kritisierte Holger Krahmer, FDP-
    > Industriepolitiker im EU-Parlament: "Ein Sportwagen muss
    > röhren, sonst verkauft er sich nicht."

    Und eine Pistole muss schießen, warum machen wir das dann nicht in der Öffentlichkeit?!
    Als ob es ein Grundrecht auf Krach geben würde. Nur weil Leute mit zu kleinem Willie ihre Defizite mit lauten Sportwagen widergutmachen wollen.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hickey
    • 05. Februar 2012 7:27 Uhr

    Stereoanlage will auch ausgenutzt werden...aber wenn ich die anmache hab ich ich gleich ne Nachbarschaftsversammlung in meiner Wohnung.

    Also das ein Sportwagen röhren muss ist Quatsch...mal abgesehen davon gibts schon genug Deppen die meinen sie sind die größten wenns auf der Leopoldstraße für 100m vollgas geben.

    Kindisches Verhalten muss im Straßenverkehr nicht noch gefördert werden.

  6. Gerade habe ich mal in meinen Fahrzeugscheinen nachgesehen: ein PKW BJ 1995 erzeugte genausoviel Lärm wie ein aktueller Neuwagen. Die Industrie und auch die Politiker haben einfach (mindestens) 20 Jahre lang einen gemütlichen Dornröschenschlag hinsichtlich Lärmemmisionen gehalten. Beide Seiten scheinen mir hier polemisch zu agieren, die genannten 1 Mio Lebensjahre: es sollte wohl eher heißen: Straßenlärm verkürzt die durchsnittliche Lebenserwartung um 3 Monate.
    Aber auch die 45% mehr Dämmung für 2 dB sind doch zu simpel. Es gibt ja zahlreiche Lärmminderungsmaßnahmen, die wenig mit zusätzlicher Dämmung zu tun haben: Kapselung, Antischall, andere Motortypen (Benziner statt Diesel oder evtl. Hybrid in der Stadt), andere Reifen usw.
    Als Diskussionsgrundlage sollten schon ergeizige Ziele genannt werden, das war beim Kat ja nicht anders, die Autoindustrie hatte da ja auch gebremst.

    5 Leserempfehlungen
    • mrk111
    • 04. Februar 2012 23:50 Uhr

    Es ist wohl ein Symptom der Wohlstandsgesellschaften, dass nach und nach immer mehr Partikularinteressen und Wehwechen in die Flutscheinwerfer der öffentlichen Debatte gezogen werden. Ein paar Denkanstöße zu diesem Thema:

    1. Wer Strassenlärm nicht verträgt wohnt in der Innenstadt oder neben einer Durchgangsstraße ein bissi verkehrt.

    2. Soweit ich weiß wird ein erheblicher Teil der Verkehrsgeräusche durch das Abrollen der Räder erzeugt und ich bezweifle, dass sich dieser großartig senken lässt, zumindest nicht am Auto selbst.

    3. Obwohl wir eine Wohlstandsgesellschaft sind wird es kaum so viele Sportwagen auf einmal auf der Straße geben, die an einem x-beliebigen Ort (Rennstrecken mal ausgenommen) so gehäuft vorbeifahren, als dass sie einen relevanten Störfaktor darstellten. Und ja: Ein Sportwagen muss röhren, ein Sportwagen muss schnell sein und ein Sportwagen muss laut sein.

    4. Wer sich von Lärm generell gestört fühlt, ob nun Straßenlärm, Fluglärm oder auch kleine Kinder die im Nachbargarten spielen, der sollte sich am besten einen einsamen Hof in der Heide kaufen und dort fernab sozialer Kontakte sein Dasein fristen. Wer nicht sozial genug ist ein gewisses Maß an Toleranz aufzubringen und gewisse Geräusche in einer Großstadt als gegeben hinzunehmen, der hat dort auch nichts verloren. Wo viele Menschen leben wird es immer Lärm geben, wer das nicht aushält sollte sich ein stilles Örtchen suchen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tchonk
    • 05. Februar 2012 0:15 Uhr

    1. natürlich. aber manchmal kann man das sich nicht aussuchen oder muss Kompromisse machen und da ist es doch schön wenn der Lärm, insofern möglich, nicht ganz so laut ist.

    2. Besser wie nix.

    3. Wie kommen Sie drauf, dass ein Sportwagen röhren muss? Ist nur Ihr Konzept. Wenn jemand schnell fahren will, was muss er dann noch anderen damit auf den Keks gehen. Ist eigentlich unverschämt es als sein gutes Recht zu sehen rumzuröhren, auch wenn man das nötig hat.

    4. Wieviel einsame Höfe gibt es denn? Außerdem muss auch die Arbeit in erreichbarer Nähe sein.

    Zu Punkt 4:
    Sie fordern soziale Toleranz. Gerade die z.B. wird auch von Ihnen als Sportwagenbesitzer gefordert, der Lärm des Autos muss ja nicht nach aussen dringen. Wie wäre es mit Sportwagengeräuschen aus den Lautsprechern im Auto, im Kabrio dann mit Kopfhörern? Oder benötigen Sie die Lärmkaskade für Ihr Ego?

    Generell gibt es viele Menschen, die sich ihren Wohnort nicht aussuchen können. Gegenüber deren Bedürfnisssen ist auch Toleranz zu üben.

    Und wo wir schon bei den Sportwagen sind, wann wird endlich der verdammte Lärm der Motorräder reduziert? Die verfolgen einen bis aufs Land, und hier wäre Abhilfe wohl recht einfach zu schaffen.

    Sie reden von Partikularinteressen. Bei den Spinnern mit den lauten Fahrgeräuschen handelt es sich im Gegensatz zum Lärmschutz doch gerade um Partikularismus, den Sie hier mitverteidigen.

    • dispot2
    • 05. Februar 2012 9:03 Uhr

    Zu 3.) Kaufen Sie sich doch einen Tesla Roadster. Der ist leise, sehr schnell und lässt jeden Porsche beim beschleunigen stehen.

    Aber ich vergaß: dafür reicht das Geld dann halt wieder nicht, also kauft man sich einen Golf GTI oder einen Porsche Roadster und holt sich im Zubehör einen lauten Auspuff, damit alle Welt mitbekommt, was für ein toller Hecht da gerade vorbeilärmt.
    Armselige Gestalten, das einzig gute ist, daß man sie bei den Steuern ausnehmen kann wie die Weihnachtsgänse. Könnte mir durchaus noch eine Sportwagen- und Motorradsteuer von 1.000 EUR/Jahr für jedes über-Dezibel vorstellen. Vielleicht wird man dann dieser Plage Herr.

    • morstar
    • 05. Februar 2012 10:56 Uhr

    Wer sagt, dass Autos überhaupt in die Innenstädte gehören? Ich persönlich halte das generelle Vorrecht des KFZ im innerstädtischen Straßenverkehr, dem Fußgänger oder Radfahrer gegenüber, für überholt.
    Die Innenstädte kollabieren während der Rush Hour regelmäßig, es wird Zeit für etwas intelligentere Mobilität.
    Die Parkhäuser sollten an der Stadtgrenze liegen und nicht direkt unter Karstadt. Eigentlich fehlen nur noch Drive In in Supermärkten.
    In Städten kommt man vielerorts jetzt schon schneller voran, wenn man mit Rad, Tram oder Bus unterwegs ist. Dieser Gedanke sollte weiter gedacht werden.

    zu Punkt 3: Es müssen nicht x-tausend Sportwagen sein - ein einzelner stört während seiner Fahrt sämtliche Anwohner, auch wenn es nur ein kurzer Augenblick ist.

    zu Punkt 4: Wo Menschen wohnen ist es natürlich nicht muxmäuschenstill. Es muss aber zwischen natürlichen Geräuschkulissen, wie Unterhaltungsgeräuschen, spielenden Kindern (kein Lärm) und unnatürlichen, unnötigen Krachmachern wie der des 911 unterschieden werden.
    Wer unbedingt Lärm und Geschwindigkeit brauch, soll sich doch ein Anwesen an der Autobahn kaufen. Der Baugrund dürfte dort erschwinglich sein.

    ...Niederquerschnittsreifen, meist allein besetzt, durch Wohngebiete zu röhren, beweist die Affinität ihrer Fahrer zu prähistorischem Imponiergehabe. (Verkehrs-)Lärm ist Körperverletzung, wer es sich leisten kann, im ruhigen Grünen zu wohnen und dann auf dem Weg zur Arbeit andere mit seinem Verkehrslärm belästigt, sollte eine Lärmbelästigungsabgabe zahlen müssen - oder auf den ÖPNV verweisen werden. Ziel: Fossilmobilbefreite Wohnlagen, überall.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service