Im Museumszentrum Zehntscheuer in Balingen braucht man schnelle Augen. Kleine Rennautos surren und flitzen im Akkord durch die Kurven: alte Indianapolis-Boliden, Formel-1-Flitzer aus den siebziger Jahren und skurrile Oldtimer aus Blech. Zum 100. Geburtstag der elektrischen Autorennbahn hat das Stadtarchiv von Balingen, knapp 80 Kilometer südlich von Stuttgart gelegen, die Ausstellung organisiert. "Sonntags ist es hier rappelvoll", sagt der Kurator des Stadtarchivs, Hans Schimpf-Reinhardt, erfreut.

Was die Besucher zu sehen bekommen, sind fast ausnahmslos historische Originale. Nur der Urahn aller Carrera-Bahnen, hergestellt von der US-Firma Lionel, war einfach nicht aufzutreiben und steht als originalgetreue Replik in der Ausstellung. Das Original drehte erstmals 1912 in New York seine Runden, nachdem sich Lionel zuvor bereits mit Modelleisenbahnen einen Namen gemacht hatte. Die Blechautos mit Fahrerfigürchen am Steuer waren echten Rennwagen nachempfunden und flitzten auf einer mittleren Führungsschiene über die Fahrbahn. In der Spielzeug-Szene nennt man diese Funktionsweise das Rail-Prinzip.

In den 1930er Jahren kam die elektrische Rennbahn auch nach Deutschland. Man feierte damit die neuen Autobahnen im Kleinformat. So bot das Unternehmen Tipp & Co. auf Schienen fahrende Modellautos unter dem Namen Die Reichsautobahn an.

Die heute bekannte Funktionsweise mit einem Führungsschlitz in der Fahrbahn ist allerdings deutlich jünger: Erst 1957 revolutionierte der britische Hersteller Scalextric mit der Schlitz-Technik die Branche – der Name Slotcar ( slot ist das englische Wort für Schlitz) war geboren. Vor allem in den USA wurde das Slot-Racing ungemein populär. Renncenter boten zum Teil 8-spurige Bahnen mit bis zu 80 Metern Rundenlänge an.

Die Ausstellung in Balingen zeigt mit mehr als zwei Dutzend Bahnen die komplette Historie dieses Hobbys. Die Idee dazu kam dem Kurator des Stadtarchivs, als er vor einiger Zeit eine Märklin-Ausstellung organisierte. "Ich besuchte einen Sammler, der auch uralte Rennbahnen hatte. Seitdem ging mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf", berichtet Hans Schimpf-Reinhardt. Bei seinen Recherchen entdeckte er längst vergessene Firmennamen wie Prefo oder Roussy und trug echte Raritäten zusammen. Alle Bahnen wurden von Sammlern leihweise zur Verfügung gestellt.

Carrera wurde zum deutschen Marktführer

Die meisten Exponate funktionieren nach dem Slot-Prinzip. Schimpf-Reinhardt kann sich aber vor allem für Raritäten wie die Bahn der französischen Firma Roussy aus dem Jahr 1936 begeistern. Deren Funktionsweise musste er erst einmal durchschauen. Auf den ersten Blick fahren die gusseisernen Oldtimer wie von Geisterhand, ohne Schlitz oder Führungsschiene, und rasen auch noch aufeinander zu. Dass sie nicht kollidieren, liegt an einer ebenso simplen wie eleganten Technik: "Die Fahrzeuge haben einen permanenten Rechtseinschlag in der Lenkung", erklärt Schimpf-Reinhardt. "So fahren sie immer an der Leitplanke entlang und huschen problemlos aneinander vorbei." Die breiten Stoßstangen dienen dabei als Stromabnehmer, der Strom kommt aus der Leitplanke.

Ihre Blütezeit erlebten die Mini-Renner in den 1960er Jahren mit dem Erfolg der Slotcars . Die erste Carrera-Bahn des Nürnberger Spielwarenherstellers Neuhierl kam 1963 auf den Markt, zahlreiche andere Spielzeugbauer wie Märklin, Trix oder Faller zogen nach. Selbst die DDR konnte sich dem Trend nicht entziehen. Das VEB Pressformwerk Dresden , kurz Prefo, stellte elektrische Rennautos her, als Vorbilder dienten Formelwagen von Wartburg und Melkus.

In Westdeutschland wurde die Carrera-Bahn schnell zum Marktführer. Eine Fülle von Autos aus der Formel 1 und dem Rallyesport bis hin zu Straßensportwagen und Lkw bevölkerte die Kinderzimmer. Ausgeklügelte Fahrbahnen mit Loopings, Kreuzungen und S-Kurven sowie reichlich Zubehör von der maßstabsgetreuen Zuschauertribüne bis zum Plastik-Strohballen sorgten für die passende Atmosphäre.

Ab den achtziger Jahren ebbte der Slotcar-Boom allerdings wieder ab. Dass die Westentaschen-Flitzer ein Revival erleben, liegt vor allem an der Computertechnik, die neue Möglichkeiten des Spielbetriebs eröffnet. Außerdem sind heute viele Modelle akkurat dem Original nachgebildet, was Sammler erfreut. "Die Zielgruppe sind heute – wie bei den Modelleisenbahnen – primär Erwachsene", sagt Schimpf-Reinhardt.