FahrradbauMehr als nur ein kurzes Sitzrohr

Rahmenbauer fertigen meist exklusive Fahrräder für Liebhaber. Thomas Veidt besetzt eine Nische, die die Branche ignoriert: Er baut Räder für Kleinwüchsige. von Andrea Reidl

Eckart Backofen mit dem für ihn angefertigten Rennrad

Eckart Backofen mit dem für ihn angefertigten Rennrad  |  © Thomas Veidt

Der Fahrradrahmen, den Thomas Veidt aus dem Karton zieht, ist klein. Das Sitzrohr ist nur unwesentlich länger als ein zusammengeklappter Zollstock. Ein Kinderrad? Mitnichten. Veidt hat den Rahmen für einen Triathleten angefertigt. Jahrelang hatte sein Kunde Schwierigkeiten, ein geeignetes Rennrad zu finden. Eckart Backofen ist nur 1,25 Meter groß, sein Oberkörper bedeutend länger als die Beine.

Für ihn und die 100.000 weiteren Kleinwüchsigen in Deutschland hat der herkömmliche Fahrradmarkt Kinderräder in petto – ein Witz für den Sportler. Schließlich ist Backofen ein Muskelpaket. Auf seinen Touren will er sich austoben, im Mittelgebirge ebenso wie auf Langstrecken von Frankfurt nach Chemnitz . Ein Rad für diesen Zweck findet er nur bei einem Rahmenbauer. Thomas Veidt ist so einer. Er hat sich mit "Great bikes for small people" auf kleinste Sport- und Alltagsräder spezialisiert.

Anzeige

Seit Jahrzehnten werden die Europäer größer und mit ihnen die Fahrradrahmen. Aber: "Ein Rad ist mehr als die Summe seiner Teile", sagt Veidt. "Für kleinere Menschen reicht es nicht, einfach nur das Sitzrohr zu kürzen", erklärt er und stellt den Minirahmen ins Licht der Werkbank. Veidt spricht aus Erfahrung. Mit einer Körperlänge von 1,67 Meter rutscht auch er aus der Norm.

Niedrigeres Tretlager

Deshalb war er sofort hellwach, als Backofen ihn vor anderthalb Jahren anrief und ein Rennrad bestellte. Veidt besuchte den Mann in Frankfurt, um ihn fahren zu sehen. Das ist Bestandteil seiner Beratung. "Ich muss meine Kunden in Bewegung sehen", sagt er. Er will wissen, wie sie im Sattel sitzen, Kurven fahren oder – wenn sie ein Mountainbike bestellen – wie sie Trails meistern. Ihren Fahrstil und ihre Grenzen zu kennen, ist ihm wichtiger als das reine Körpermaß. "Nur so erfahre ich, was ich den Fahrern zumuten kann."

Bei Backofen stand für ihn nach fünf Minuten fest: "Der Mann braucht ein ebenso cooles wie sportliches Rad." Ein klassisches Rennrad schied aus, denn Backofen bekommt den gebogenen Lenker nicht zu fassen. Die Alternative war das Pendant mit geradem Lenker: ein Fitnessrad.

Allerdings musste der Sportler auch bei dem waagerechten Oberrohr passen. Sein Bein ist zu kurz, er kann es nicht über den Sattel heben. Veidt konstruierte einen niedrigen Durchstieg. "Der Kernfrage war: Wie weit kann man das Tretlager nach unten verschieben, bevor der Fahrer in der Kurve aufsetzt", sagt der Rahmenbauer. Er verbaute 125 Millimeter lange Kurbeln statt der herkömmlichen 175er – so konnte er das Tretlager um fünf Zentimeter senken. Mit Klickpedalen, über die Rad und Fahrer wie bei Skibindungen eine Einheit bilden, verschaffte er Backofen ein paar weitere Millimeter Raum. Dennoch: Es bleibt knapp. "In voller Schräglage sollte Backofen keine Kurve durchtreten", sagt Veidt.

Leserkommentare
  1. der mit durchdachter Arbeit und Können sein Auskommen selbst in den Bedarfsnischen findet.

    12 Leserempfehlungen
  2. Ein Unternehmer der nicht wullft, sondern nur gute, faire Arbeit abliefern will. Früher war das die Normalität, heute ist man angenehm überrascht. Hut ab, Herr Veidt.

    4 Leserempfehlungen
    • docere
    • 01. April 2013 21:58 Uhr

    aber warum unter dem Ressort "Auto"?

    • rap2
    • 01. April 2013 22:45 Uhr

    ein gerader Lenker (Besenstillenker) ist in kaum einer mir bekannten oder vorstellbaren Fahrsituation wirklich ergonomisch...

    Was nützt ein toller und teurer Rahmen wenn man sich die Handgelenke verbiegen muß.
    Besonders unter der massiven Handgelenkbelastung von sportlicher vornübergebeugten Haltung (langer Vorbau, tiefer Lenker etc)

    Der "Kochlöffeltest" zum Finden des richtigen Lenkers geht so:
    in jede geschlossene Faust einen Kochlöffelstil nehmen (der ist nicht parallel zu den Knöcheln!) und mit geraden und entspannten Handgelenken in der bevorzugten Sitzhaltung den richtigen Lenkerkröpfungswinkel nach hinten bestimmen.

    Kann aus Fahrqual Fahrspaß machen...
    Bei allen Rädern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Schräglage | Sportler | Chemnitz
Service