EU-Klimapolitik : Biosprit ist kein Wundermittel

Agrotreibstoffe können dem Klima schaden – und Hunger und Vertreibung fördern, sagen Menschenrechtler. Die EU-Kommission zögert, die Kritik anzunehmen.
Ernte von Palmölfrüchten in Indonesien. Das Land ist weltweit der größte Exporteur von Palmöl. © Atar/AFP/Getty Images

Palmöl hat den schlimmsten Ruf. Palmöl zu verbrennen, sei fast ebenso klimaschädlich, wie Teer- oder Ölsande zu verheizen, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor Kurzem unter Berufung auf eine noch unveröffentlichte Studie der EU-Kommission . Andere Forschungsarbeiten erbringen ähnliche Befunde. Auch Soja, Jatropha und Raps gelten als schlecht für das Klima, aber Palmöl schneidet in den Studien auffallend häufig besonders schlecht ab. Dabei wird nur ein kleiner Teil der weltweiten Produktion zu Agrosprit verarbeitet – doch Palmöl eignet sich eben besonders gut, um die schlechten Eigenschaften von pflanzlichen Treibstoffen in der öffentlichen Debatte darzustellen. 

Gerade ein Jahr ist es her, dass die Einführung von E10 die deutschen Autofahrer in Aufruhr versetzte. Inzwischen hat sich die Aufregung um den neuen Sprit gelegt, doch auf der politischen Ebene wird die Kritik lauter. Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Agrosprit ebenso viele Treibhausgase verursachen kann wie herkömmliches Benzin. Und Menschenrechtler haben erst jüngst wieder detaillierte Belege dafür zusammengetragen, dass die Förderung von Agro-Treibstoffen durch die Europäische Union andernorts zu Hunger und Vertreibungen führt. Dennoch hält die europäische Politik an ihren Zielen fest.

Europa lieferte die Vorlage für das deutsche E10-Debakel – mit einer Direktive aus dem Jahr 2009 , die zentral für die Klimapolitik der EU ist und immer noch gilt. Ihr zufolge muss jedes EU-Mitgliedsland bis 2020 zehn Prozent der Energie, die Fahrzeugmotoren antreibt (transportation fuel) , mithilfe von erneuerbaren Quellen decken. Zwar könnten die Mitgliedstaaten ihre Verpflichtung theoretisch auch durch Elektroautos erfüllen. Doch in der Praxis konzentrieren sie sich auf Agrosprit.

Kommission hält Studie zurück

Marlene Holzner, die Sprecherin von Energiekommissar Günther Oettinger , will sich nicht zur Kritik des FAZ- Artikels äußern: "Wir kommentieren geleakte Dokumente nicht." Fest stehe aber: "Die Mischung aus Biotreibstoffen, die wir benutzen, spart im Vergleich zu Benzin und Diesel Treibhausgase ein."

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Genau das bezweifeln die Kritiker . Die Annahme, Bioenergie sei per se klimafreundlich, basiere auf falschen Berechnungen, schrieb beispielsweise das Wissenschaftliche Komittee der Europäischen Umweltagentur schon im vergangenen September in einer Studie.  Häufig werde ignoriert, dass das Verbrennen von Biomasse ebenfalls CO2 freisetze. Vor allem aber komme es darauf an, unter welchen Bedingungen die Energiepflanzen gewonnen würden: Verdrängen sie Nahrungspflanzen vom Acker? Werden Wälder abgeholzt, was die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre erhöhen würde?

Insgesamt könne die Erde gar nicht so viel Biomasse produzieren, wie nötig sei, um die gegenwärtig überambitionierten Ziele zu erfüllen, schreiben die Forscher: "Die Entscheidungsträger sollten ihre Erwartungen an die Kapazität des Planeten anpassen."

Indirekte Effekte sind schwer zu erfassen

Zwar verbieten die EU-Richtlinien, Regenwälder abzuholzen oder Sumpfgebiete trockenzulegen, um sie dann direkt in Agrosprit-Plantagen zu verwandeln. Aber sie ignorieren indirekte Effekte. Diese können beispielsweise auftreten, wenn Gemüsefelder zur Anbaufläche für Treibstoffpflanzen umgewidmet werden – und daneben Regenwald gerodet wird, um auch weiter Nahrungspflanzen anzubauen. Die klimatischen Effekte solcher indirekter Landnutzungsänderungen seien kaum seriös zu bilanzieren, heißt es in einer aktuellen Studie.

Dennoch hat sich die EU-Kommission genau das vorgenommen: Schon im vergangenen Jahr wollte sie ihre Einschätzung zu den Folgen der indirekten Landnutzungsänderung vorlegen. Doch das Papier ist immer noch nicht offiziell veröffentlicht worden – obwohl es der FAZ und anderen bereits als Basis für ihre Berichterstattung diente. Woran es hakt, ist unklar. Zu hören ist, dass Energiekommissar Oettinger und Klimakommissarin Connie Hedegaard sich über die Ergebnisse der Untersuchung streiten. Angeblich fürchtet Oettinger mögliche negative Folgen der Expertise für die europäischen Hersteller von Agrosprit.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wie lange brauchts für diese Erkenntnis?

.. Agrotreibstoffe können dem Klima auch schaden – und Hunger und Vertreibung fördern ..

Es ist ja nicht so, dass dieser Umstand nicht von Anfang an bekannt war. Kann man eigentlich die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. So zusagen eine grünes Tribunal für die ersten grünen Opfer?

Landgrabbing in Afrika

Investoren von (industriell hergestellten) Agrarprodukten in Afrika sollten die Bauern vor Ortnciht vertreben duerfen, sondern muessten diese in die Produktion integroeren oder ihnen ein angemessenes Steuck Land fuer Eigenproduktion ueberlassen und gelichzeitig den Zugang zu Wasser garantieren ev umsonst. Unter diesen Bedingunen koennten die Preise fuer die Investoren geringer sein, da sie zusaetzlich diese Kosten mittragen...
...quasi die Investoren gleichzeitig zu Entwicklungshelfer machen... das koennte ein Ansatz sein, muesste nur von den Laendern so gewuenscht und durchgsetzt werden!

Natürlich kein Wundermittel

Die meisten Menschen scheinen nicht zu begreifen, dass Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen nur genau einen Vorteil hat und haben soll:

Er wächst nach. Man kann ihn aus Sonne und Luft herstellen - wie eine Tomate.
Dabei nimmt er etwa soviel CO2 auf, wie bei seiner Verbrennung wieder in die Luft gepustet wird.

Biosprit ist nicht sauber, er ist nicht gesund.
Er kann nicht die Armut und den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen. Und wie jedes global gehandelte Gut erwächst aus seinem weltweiten Handel Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Wieso werden dies Dinge immer wieder als Argument gegen Biosprit angeführt?

Mit dem Greenwashed Sprit sollte nur eines gewahrleistet sein,

dass wir unseren Lebensstil nicht ändern müssen, dass wir weiter 2-3 Autos pro Familie haben dürfen, mehrmals im Jahr schön weit fliegen, und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind. Besser wäre der Ausdruck Anspruchshaltung und auch die exportieren wir ja.
http://www.regenwald.org/...
In Indonesien betrachten die Palmöl_Kriminellen, ja so muss man sie nennen (und wir hier sind die Hehler) Orang Utans als Ungeziefer und schlachten sie brutal ab. Aber was schert uns das hier?! Unsere Sorge ist nicht, das wir die Erde und ihre menschlichen und tierischen Bewohner zu Schanden fressen, sondern dass das dem Motor unserer kostbaren Autos schadet.
Übrigens passiert mit diesen Biogasanlagen wohl hier inzwischen Ähnliches: Maisanbau ohne Ende, weil der nicht für Nahrungsmittel oder Futtermittel verwendet wird, darf er üppig gedüngt und mit Pestiziden besprüht werden.
http://www.ndr.de/regiona...
Es ist immer dasselbe: Es muss immer mehr sein.
Epört Euch--über Euch selbst
sagt Harald Welzer
http://www.spiegel.de/spi...