Noch schwerer als die Zweifel der Klimaforscher wiegt die Kritik von Menschenrechtlern. E10 führe zu Vertreibungen und Hunger in Afrika , schreibt die Organisation FIAN (Food First Informations- und Aktions-Netzwerk) in einer kürzlich veröffentlichten, detaillierten Studie . Weltweit spiele sich ein wahrer "Landrausch" ab, denn durch Nahrungs-, Finanz- und Ölkrise sei Ackerland zu einem begehrten Investitionsobjekt geworden. Das Ausmaß des Ansturms auf Land sei schwer zu bemessen, aber es gehe um zig Millionen Hektar.

"Die EU fördert mit ihrem künstlich geschaffenen Markt diesen Landraub erheblich", sagt FIAN-Agrarreferent Roman Herre . So komme es, dass die EU Agrartreibstoffe aus Hungerländern wie dem Sudan importiere. FIAN fordert die EU deshalb auf, Agrartreibstoffe nicht mehr zu subventionieren.

Tatsächlich ist Afrika attraktiv für Investoren. Dort gibt es noch große Flächen bislang kaum produktiv genutzten, fruchtbaren Landes zu relativ günstigen Preisen. Um Energiepflanzen in Afrika anzubauen, hätten sich europäische Firmen schon drei bis fünf Millionen Hektar afrikanisches Ackerland gesichert, schreibt FIAN, und der Andrang nehme zu. Zugleich wüchsen auch auf europäischen Feldern vermehrt Energiepflanzen. Deshalb importiere die EU in wachsendem Ausmaß Nahrung.

Die Folge: Weil das Land knapp und teuer werde, stehe den Kleinbauern in Entwicklungsländern weniger Fläche zur Verfügung, um Nahrungspflanzen für den lokalen Markt anzubauen. Die Agrosprit-Nachfrage treibe auch die Lebensmittelpreise. Letztlich profitierten ausländische Investoren und heimische Eliten – die lokale Bevölkerung aber gehe leer aus.

"Nachwachsende Rohstoffe bergen Chancen"

Thomas Breuer hat eine andere Haltung zum Agrosprit. Er ist Experte für nachwachsende Rohstoffe bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ( GIZ ). "Die Preise für Agrarrohstoffe steigen durch die zusätzliche Nachfrage, da gibt es keine Diskussion", sagt er. "Aber für die Bauern ist das gut . Jahrzehntelang kosteten landwirtschaftliche Produkte zu wenig. Man hat darum viel zu wenig investiert, gerade in Entwicklungsländern. Auch deshalb leiden so viele Kleinbauern Hunger. Jetzt steht die Landwirtschaft endlich auf der Agenda; den Schwung muss man nutzen! Nur, wenn die Preise hoch bleiben, kann man den ländlichen Raum entwickeln."

Dass es Menschenrechtsverletzungen gibt, weiß auch Breuer. Aber die Ursachen dafür sieht er nicht im Agrosprit-Boom, sondern eher in den politischen und rechtlichen Verhältnissen in den Staaten, in die investiert wird.

Heiner Thofern sieht das ähnlich. "Das Phänomen des Land Grabbing ist nicht wegzudiskutieren", sagt der Bioenergieexperte der Welternährungsorganisation FAO . "Mangels Rechtsrahmen und Good Governance können viele Investitionen fragwürdige Konsequenzen haben. Aber nicht alle Bioenergie-Projekte sind schlecht, und Investitionen im Landwirtschaftssektor sind generell zu begrüßen. Entscheidend ist, wie sie getätigt werden. Risiken und Chancen sind sorgfältig abzuwägen." Dabei will die FAO Regierungen von Entwicklungsländern helfen.

Aus Breuers Sicht bergen nachwachsende Rohstoffe vor allem Chancen für die Bauern – vorausgesetzt, man setzt Investoren den richtigen Rechtsrahmen und findet praxistaugliche Geschäftsmodelle, um die Landwirte am Gewinn zu beteiligen. Als ein Beispiel, wie das funktionieren kann, führt Breuer Kleinbauern in Thailand an. Sie bauen Ölpalmen an – klimafreundlich, wie der GIZ-Experte versichert. Die Früchte verkaufen die Bauern, nach Nachhaltigkeitskriterien zertifiziert, an Ölmühlen. "Vor 30 Jahren waren das noch arme Subsistenzbauern. Heute haben sie genug zu essen, schicken ihre Kinder zur Universität und können sich eine gute Gesundheitsversorgung leisten. Es sind Kleinunternehmer geworden."

Das klappt nicht überall, wie die FIAN-Studie zeigt. Breuer sagt: "Es ist eine Herausforderung. Aber trotzdem muss man es versuchen."

FIAN-Agrarexperte Herre berichtet indes, die EU-Kommission habe nur "verhalten" auf die Studie seiner Organisation reagiert. "Die Ergebnisse sollen nicht in den Review-Prozess einfließen, dem die Direktive zu Erneuerbaren Energien unterzogen wird. Das ist schon ernüchternd."