Frage: Herr Mundt, wie hoch war Ihre letzte Tankrechnung?

Andreas Mundt: So um die 70 Euro, obwohl ich einen Diesel fahre und mein Tank recht klein ist. Ein sehr unerfreuliches Erlebnis.

Frage: Millionen Autofahrern geht es ähnlich. Die Benzin- und Dieselpreise steigen auf immer neue Höchststände. Ist dies das Resultat von Angebot und Nachfrage – oder Abzocke der Mineralölkonzerne?

Mundt: Der Benzinpreis wird auch von externen Faktoren wie dem Rohölpreis oder dem Euro-Dollar-Wechselkurs bestimmt. Der Kraftstoffsektor ist allerdings einer der wenigen Märkte, in denen steigende Preise auf Großhandelsebene in vollem Umfang und zeitgleich an den Verbraucher weitergegeben werden können.

Offensichtlich muss sich keiner der großen Mineralölkonzerne in Deutschland fragen, ob höhere Preise durchsetzbar sind. Wir haben es hier mit einem Oligopol der großen fünf zu tun, die sich kaum Wettbewerb liefern. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass die Preise höher sind, als es bei echter Konkurrenz der Fall wäre.

Frage: Die großen Anbieter Aral, Esso, Jet, Shell und Total kontrollieren fast 70 Prozent des Marktes. Warum haben es freie Tankstellen so schwer?

Mundt: Die großen Anbieter sind als integrierte Unternehmen auf allen Wertschöpfungsstufen tätig und eng miteinander verflochten. Sie betreiben gemeinsame Pipelines und Raffinerien und beliefern sich im beachtlichen Umfang auch untereinander. Das ist ein "closed shop", da kommen Newcomer und nicht integrierte Unternehmen kaum rein.

Die freien Tankstellen sind auch ökonomisch von den großen Anbietern abhängig, weil sie ihre Kraftstoffe von dort beziehen. Es gibt immer wieder Beschwerden, dass die von großen Anbietern kontrollierten Raffinerien das Benzin an freie Konkurrenten zu höheren Preisen abgeben, als sie es an eigenen Tankstellen verkaufen.

Frage: Nach einer Kartellamt-Studie orientieren sich die Mineralölkonzerne bei ihrer Preissetzung zwar an den anderen, es ist ihnen aber keine verbotene Absprache nachzuweisen. Wieso eigentlich nicht?

Mundt: Es gibt ein festes Verhaltensmuster: In 90 Prozent der Fälle preschen Shell oder Aral mit einer Preiserhöhung vor – und exakt drei Stunden später folgt der andere. Die nächsten Anbieter erhöhen dann nach exakt fünf Stunden. Wenn sich so ein ungeschriebenes Gesetz etabliert hat, braucht man keine Absprachen mehr. Das ist wie in einer Ehe, wo feststeht, wer morgens das Frühstück macht. Die Konzerne verstehen sich sozusagen blind.

Frage: Wie funktioniert das in der Praxis?

Mundt: Das gegenseitige Abgucken der Preise haben die Mineralölgesellschaften perfektioniert. Die Pächter beobachten die umliegenden Tankstellen der Konkurrenz und melden deren Preise mehrmals am Tag an die Zentrale. Die Zentrale bestimmt dann, wohin die Preise gehen. Wenn in Plittersdorf und Muffendorf die Preise steigen, kann also der Pächter nichts dafür. Und das alles ist auch nicht verboten.