FahrradbremseBremsen mit dem Zeigefinger

Morgens Schule, nachmittags Firma: Ein Abiturient verkauft eine neuartige Fahrradbremse, die für ihre Kraft gelobt wird. Die Idee hatte Jakob Lauhoff mit 13. von Andrea Reidl

Jakob Lauhoff mit dem Bremssattel der Brake Force One

Jakob Lauhoff mit dem Bremssattel der Brake Force One  |  © Andrea Reidl

Ende März schreibt Jakob Lauhoff seine letzte Abiturklausur. Doch statt zu pauken, liegt er nachmittags mit seinem Laptop daheim in der Hängematte. Doch faul ist der 19-Jährige nicht – im Gegenteil. Er konstruiert Ventile oder Griffe für eine Fahrradbremse, tüftelt an einer neuen Variante der Brake Force One (BFO). Das ist eine Scheibenbremse, die mittels Bremskraftverstärker funktioniert. Seit Januar verkauft Lauhoff die BFO in Europa , Asien und Australien .

Während einige seiner Mitschüler noch rätseln, was sie studieren sollen, hat der junge Schwabe bereits Karriere im Schnelldurchgang gemacht. Die Idee zu der neuen Bremstechnik hatte er mit 13 Jahren. Er konstruierte das System, überzeugte einen finanzstarken Partner von seiner Erfindung und gründete mit ihm das Unternehmen Brake Force One .

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Seine Bremse hat das Zeug dazu, den Markt zu revolutionieren. Der Clou: Lauhoff hat einen Bremskraftverstärker in den Bremssattel integriert. Der sorgt mit brachialer Kraft fürs punktgenaue Stoppen. Der Fahrer braucht zum Bremsen nur den Zeigefinger. Je mehr er zieht, desto stärker wird der Druck auf die Scheibe bei gleichbleibender Fingerkraft. Die komplette BFO-Produktion von 2012 ist bereits vorbestellt.

Problemlösung am Strand

"Manchmal kommt mir das alles vor wie ein Märchen", sagt Lauhoff, und kurz wirkt er wie der Schüler, der er offiziell noch ist. Ein seltener Moment an diesem Nachmittag. Meistens wirkt er älter. Das liegt vor allem an seiner Wortwahl. Lauhoff beschreibt technische Vorgänge sehr präzise, aber dennoch ungewöhnlich einfach und verständlich. So können nicht viele reden. Aber Jakob Lauhoff ist anders. Er hat mit 19 Jahren geschafft, was manche Entwicklungsingenieure bei Magura oder Shimano nie erleben: Seine Kreation wird produziert. Doch auch im Märchen muss der Held bis zum Happy End manche Mühen erleiden.

Es ist Sommer in Südfrankreich. Jakob, 13 Jahre alt, macht Ferien im Sportcamp. Er ist begeisterter Mountainbike- und Trial-Fahrer; mit dem Trial-Bike, dem kleinen Rad ohne Sattel, springt er leichtfüßig aus dem Stand auf Tischtennisplatten oder vom Vordach der Schulturnhalle. Nun sitzt er aber am Strand und grübelt. Ein Technikproblem wurmt den Teenager. Er liebt rasante Abfahrten im Gelände mit engen Kurven und steilen Passagen. Sein einziges Problem dabei: die Bremskraft. Er findet sie zu soft für maximalen Fahrspaß. Er will punktgenau bremsen mit maximaler Leistung.

Jakob ist zwar erst 13 Jahre alt, aber er kennt sich aus mit Niederdrucksystemen, Stufenkolben und der Wirkung von Kraftdifferenzen. Für seine Freunde ist er "der Techniker". Denn er schraubt Trialräder zusammen, baut Naben und bohrt Löcher in Komponenten, um Gewicht zu sparen. Wann er damit anfing? Lauhoff zuckt mit den Schultern. Er kann sich nicht erinnern, dass er je anders war. "Ich wollte immer alles besser machen", sagt er, eine Kaffeemaschine ebenso wie ein Windrad. Ausprobiert hat er seine Ideen in der Werkstatt seines Vaters. Der ist Lehrer, hat aber im Nebenerwerb einen Fahrradladen. In seiner Werkstatt konnte Lauhoff experimentieren.

Leserkommentare
  1. Als ich so um 1993 auf Magura's hydraulisches Wunderkind umstieg mußte ich mir das Wheeliefahren fast neu beibringen :)

    Die Smoothness und Ineffektivität ( lach ) einer BMX DiaCompe
    Bremse der 80er Jahre ist einfach unerreicht.

    Man schaut die Hydro-Monster nur an und schon klatscht die Gabel vorne runter.... aua MEHR GEFÜHL. Ich brauchte da Wochen bis das Feeling stimmte, aber so richtig smooth wurde es nie wieder, einfach zu gut die neuen Bremsen.

    Ich hoffe Deine Bremse hat ein eingebautes Wheeliefeeling
    wenn man rollend den Berg runterrauscht und nur die Hinterradbremse Dich vorm KH rettet.

    Für unbedarfte wirds bestimmt lustig wenn sie "voll" in die Eisen latschen, VORNE LOL denk mal an ABS, vielleicht irgendwann, für ANfänger ohne das goldene Gefühl in Zeige und Mittelfinger.

    Cheers
    BMXer 1969

    • postit
    • 16. März 2012 10:14 Uhr

    Alles Gute!

  2. Wer sich mit dem Thema vertraut macht und einschlägige Foren liest, muss leider schnell erkennen, dass weder die gefertigte Qualität im Verhältnis zum Preis steht noch die versprochene Bremsleistung annähernd erzielt wird. So ist zB. im IBC Forum von Händlern zu lesen, die Ihre komplette Lieferung wieder an BFO zurück geschickt haben.
    Es scheint wohl doch nicht so einfach zu sein, die Entwicklungsarbeit vielköpfige Ingenieurteams großer Anbieter (Magura, AVID, Formula, Shimano, Hope, etc...) im Handstreich blöd ausschauen zu lassen.

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    Gibt es da auch einen Link?

  3. in der Rubrik "Auto" ???

  4. Hallo,

    Zieht man am Bremshebel, wirkt eine Kraft F1 auf den Geberkolben. Mit dessen Fläche A1 entsteht ein Druck p. (p=F1/A1)
    Dieser Druck p herrscht auch beim Nehmerkolben, der dann mit der Kraft F2=A2*p die Beläge gegen die Scheibe drückt.

    Wieviel Kraft man zum Bremsen braucht bestimmt das Verhältnis der Flächen, denn p=p -> F1/F2 = A1/A2.
    Bei herkömmlichen Bremsen ist dieses Verhältnis <1, d.h. der Nehmerkolben hat einen größeren Durchmesser und es wirkt mehr Kraft auf die Scheibe als die Finger benötigen (Untersetzung). Dieser Untersetzung ist jedoch fix.

    Für den Weg s1 des Bremshebels (genauer Geberkolbens) gilt: F1 * s1 = (p * A1) * s1 = p * (A1 * s1) = p * V (verdängtes Ölvolumen). Auch dieses gilt am Nehmerkolben: V = s2 * A2. Da A1 < A2 ist s1 > s2, offensichtlich, denn der Weg des Bremshebels ist viel länger als der der Beläge.

    An BFO ist nun neu, dass das Verhältnis A1/A2 variabel ist (Stufenkolben). Dies erlaubt, dass mit steigender Bremskraft F2 nicht F1 steigt, sondern s1. D.h. der Weg/Kraft wird mit steigender Kraft immer größer. Im Idealfall bleibt F1 konstant.

    Die zweite "Neuerung" ist, dass BFO keinen Ausgleichsbehälter besitzt. Da der Nehmerkolben sehr groß im Vergleich zum Ölvolumen ist, bewegt sich dieser bei Erhitzung, Ausdehnung nur minimal. Durch den fehlenden Behälter ist das System geschlossen und ein Rückbewegung des Geberkolbens erzeugt eine Rückbewegung der Bremsbeläge.

    Also kein Bremskraftverstäker, sondern variable Übersetzung.

  5. Bitte benennt die Rubrik "Auto" um, z. B. in "Mobilität" oder etwas anderes Neutrales. Die Zeit des Auto-Zentrismus ist ja wohl längt Geschichte.

  6. Wenn der Preis stimmt, nicht irgendwann billige Nachahmerprodukte auf den Markt kommen, die enttäuschen, nun, gibt es sowas irgendwann auch für Rennräder. Die antiquirten Felgenbremsen bei den hohen Geschwindigkeiten, nun, es muß was Besseres her.

  7. Gratulation an den Entwickler und sein Team,

    zwar habe ich die Bremse weder live gesehen noch getestet, dennoch erfreut es mich, wenn der Scheibenbrems-Markt um einen weiteren Mitspieler bereichert wird. Es mag sein, dass die Breakforce One noch unausgereift ist und evtl. nicht das verspricht was sie hält, aber noch ist die Firma ja nicht lange am Markt. Und wenn es stimmt, dass kein Ausgleichbehälter vorhanden ist, dann ist dies für den Benutzner oder die Benutzerin sehr von Vorteil, da hoffentlich wartungsärmer. Man denke nur an die Nachfüllschwierigkeiten bei einer alten Julie oder Quietsch- und Schleifgeräuschen beim Fahren. Siehe auch dazu das IBC-Forum.

    Zur Zeit fahre ich eine runderneuerte Louise 2007 BAT und bin absolut zufrieden. Sollte ich eines Tages eine Neuanschaffung planen, schaue ich mir auch die Breakforce One gerne noch mal genauer an.

    Bis dahin: Viel Erfolg Jungs, Damen und Herren.
    Konkurrenz belebt das Geschäft. (Meistens)

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