BenzinpreiseÖkonom will Pendler besteuern statt ihnen etwas zahlen

Der Wirtschaftsexperte Straubhaar hat einen neuen Vorschlag in die Debatte um die Pendlerpauschale eingebracht. Er will die Pauschale abschaffen und Pendler besteuern. von afp und dpa

In der Debatte um die Pendlerpauschale hat sich der renommierte Wirtschaftsexperte Thomas Straubhaar für einen radikalen Kurswechsel ausgesprochen. Die Pendlerpauschale sollte abgeschafft , die Pendler sollten stattdessen besteuert werden.

"Abgase, Verkehrslärm, Stau oder Parkplatzmangel könnten gute Gründe sein, die Pendlerpauschale abzuschaffen und sie durch eine Pendlersteuer zu ersetzen", sagte der Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). "Damit könnten Städter für das Leid entschädigt werden, das ihnen autofahrende Pendler antun."

Für den Ökonomie-Professor hat sich die Pendlerpauschale überholt . Sie begünstige heute meist gut verdienende Alleinverdiener, obwohl sie ursprünglich Familien schützen sollte.

"Negative Folgekosten"

Straubhaar sagte: "Die Kosten des Arbeitsweges mit Auto, Bahn, Flugzeug sind dabei nur ein Aspekt. Für die Gesellschaft entstehen negative Folgekosten durch Staus, Unfallgefahren und die Zersiedelung der Landschaft, während sich die Pendler im Grünen über tiefe Landpreise, günstige Grundstücke und Mieten freuen."

Die Preissteigerungen an den Tankstellen hatten in den vergangenen Wochen heftige Debatten über den Wettbewerb am Kraftstoffmarkt ausgelöst. Dabei waren auch staatliche Preiskontrollen oder eine höhere Pendlerpauschale zur Entlastung der Autofahrer gefordert worden.

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Der Wirtschaftsexperte stellt sich damit gegen Forderungen der FDP .  Die Partei setzt sich seit Wochen für eine Erhöhung der Pauschale ein, stößt jedoch auf den Widerstand des Koalitionspartners. Kanzlerin Angela Merkel ( CDU ) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sind gegen eine Anhebung der Pauschale.

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Leserkommentare
  1. Aus so einem Elfenbeinturm kann man ja nur pendeln, weil man gern das Häuschen im Grünen hat aber den dicken Managerposten in der Stadt. Dass Viele pendeln, weil sie sich angemessenen Wohnraum in der Nähe ihrer Arbeit aufgrund mieser Löhne nicht leisten können, oder weil sie von Zeitarbeitsfirmen heute hier und morgen dorthin verkauft werden und nicht alle drei Monate umziehen können, wird mal gekonnt ignoriert.

    Wirtschaftsweise eben. Die Weisheit erschließt sich da kaum jemandem.

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    Schon wieder Professorenschelte, wie damals beim Professor aus Heidelberg?

    Manche Leute müssen halt im Vorfeld Situationen durchdenken, die andere erst sehen, wenn sie schon eingetreten sind.

    Da das Modell "Pendlerpauschale" keineswegs alle Kosten zum und vom Arbeitsplatz übernimmt, sondern diese lediglich steuerfrei stellt, sollte doch langsam allen klar werden, dass anlässlich stetig steigender Benzinpreise Alternativen zum täglichen Pendeln über viele Kilometer gesucht werden müssen.

    Die Abschaffung der Pendlerpauschale würde diese ohnehin notwendige Umstrukturierung zwar beschleunigen, wäre aber nicht ursächlich.

    Vermutlich werden sogar diejenigen besser dran sein, die sich beizeiten umgestellt und angepasst haben, anstatt zu warten, bis nichts mehr geht.

    ...der beste Vorschlag, von dem ich bisher gelesen habe. In unserer Stuttgarter Region ist ständiger Verkehrsinfarkt, dank des Pendelverkehrs und trotz laufender Straßenbauinvestitionen, Lärm-und Gestankemissionen längst gesundheitsschädlich, wer Beschäftigte in seinem Betrieb benötigt, sollte künftig verpflichtet werden, diesen Beschäftigten gut erreichbare Wohnmöglichkeiten zu angemessenen Preisen nachzuweisen, dies geschieht auch, aber die Beschäftigten wollen eben nicht in Nähe der Fabrik wohnen und in Nähe der dorthin führenden Zufahrtsstraßen, sondern im ruhigen Grünen, ein direkt vor den Daimler-Werkstoren entstehendes Wohngebiet wird aus diesem Grund kaum nachgefragt.

    • GDH
    • 20. April 2012 16:55 Uhr

    Wenn Sie beklagen, "Dass Viele pendeln, weil sie sich angemessenen Wohnraum in der Nähe ihrer Arbeit aufgrund mieser Löhne nicht leisten können", beachten Sie zweierlei offenbar nicht:

    1. Je mieser der Lohn, desto weniger hat man von der Pendlerpauschale. Wer (gemessen an der Anzahl der Haushaltsmitglieder) so mies verdient, das er keine Steuern zahlt, hat sogar garnix davon. Eine Leistung für die besonders Armen ist diese Pauschale also nicht.

    2. Dass angemessener Wohnraum in der Nähe des Arbeitsplatzes finanziell schwerer zu stemmen ist als tägliche Pendelfahrten wird durch die steuerliche Besserstellung von Pendlern ja gerade noch verschärft.

    Wenn Sie jetzt fairerweise eine "Vor-Ort-Wohner-Pauschale" fordern (weil das ja auch teuer ist), dürfte auffallen, dass es am einfachsten wäre, diese Pauschale einfach abzuschaffen und das Ganze aufkommensneutral in einer Senkung der Einkommenssteuer (gerne auch als Erhöhung des Freibetrags oder Verschiebung der Ecksätze) auszugleichen.

    Der Inhalt des Artikels ist logisch. Ihr Kommentar hingegen spricht für sich.

    Mit den Geldern, die man dort einnimmt, könnte man den ÖPNV derartig vergünstigen, dass es schon fast dämlich wäre, mit dem Auto zu fahren.

    Ich komme aus einer sehr ländlichen Gegend und kenne das Problem, dass nicht jede Milchkanne vom Bus angefahren werden kann: Aber auch da lassen sich doch mit Sicherheit Lösungen finden.

    Würde ich spannend finden..

    Oder war das wieder zu gutgemenschelt?!

    • guiri
    • 21. April 2012 23:57 Uhr

    Der Professor liegt vollkommen richtig in seinen Beurteilungen. Dass Sie hier die Lohn-Keule als Argument schwingen ist einfach nur deplatziert. Die Wahrheit ist dass Pendlerströme durch (meist Besserverdienende) entstehen, die aus ihrem Häuschen im Grünen morgens in die Städte einfallen. Zu Lasten der Stadtbewohner. Das kann man leicht nachweisen wenn man sich einmal die Pendlerströme in z.B. FFM, HH oder Berlin ansieht. Die Giftwolke stinkt immer aus dem Speckgürtel ins Zentrum. Dieses unökologische, unsoziale Verhalten zu besteuern ist nur richtig und überfällig.

    Thomas Straubhaar hat Recht! Und jetzt kommen natürlich diejenigen, die darüber jammern, dass sie sich keinen angemessenen Wohnraum in der Nähe des Arbeitsplatzes leisten könnten. Der Wohnraum auf dem Land ist deshalb so preiswert, weil wir (die Städter) diesen subventionieren. Durch unsere Steuergelder für Straßenbau, Infrastruktur, Abwrackprämie, Eigenheimzulage/7b-Abschreibung und nicht zuletzt die Pendlerpauschale. Sehr herzig finde ich das Beharren auf einem ruhigen Haus im Grünen, während man auf dem täglichen Weg dorthin anderen mit Lärm und Abgasen das Leben schwer macht.

    Sollten diese Kosten umgelegt werden auf die Pendler, wie es Straubhaar fordert, wäre das Wohnen auf dem Land teurer als in der Stadt.

  2. Und ja, ich bin Pendler. ;-)
    Nicht weil ich es möchte, sondern weil unsere Arbeitsstätten zu weit auseinanderliegen. Natürlich könnte meine Frau auch aufhören zu arbeiten und um dem Herrn Professor zu gefallen könnten wir versuchen, in die Nähe meiner Arbeitsstelle zu ziehen, doch können wir uns die Mieten dort dann schon gar nicht mehr leisten.
    So ein Herr, der auf die paar Euro gar nicht angewiesen ist, kann ganz leicht mal vorschlagen, dem Normalbürger einige 100er wegzunehmen.
    Wer zahlt eigentlich die Dienstreisen dieses Herren, die er unternimmt, um seine kruden Thesen zu verbreiten?

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    "..könnten wir versuchen, in die Nähe meiner Arbeitsstelle zu ziehen, doch können wir uns die Mieten dort dann schon gar nicht mehr leisten..."

    Und? Genau darum geht es. Die Pendlerpauschale sollte hier nicht die Loesung sein. Und wieso muss die Gesellschaft fuer Sie sorgen?

    Aus dem gleichen Grund habe ich ganz einfach Angebote von Muenchen abgesagt statt Mamma Staat nach der absurden Pendlerpauschale zu fragen.

    Priced out, nennt man das. Wenn man sich Sachen nicht leisten kann, sollte man erst einmal bei sich selbst suchen.

  3. Die meisten Arbeitplätze befinden sich am Rand der Städte.
    Grössere industrieproduktionen sind noch weiter von den städten entfernt!

    Die wenigsten Menschen, fahren zur Arbeit in eine Stadt.

    Das Hauptargument von diesem "Wirtschaftsexperten" ist schon Falsch!

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    • GDH
    • 20. April 2012 17:05 Uhr

    "Die meisten Arbeitplätze befinden sich am Rand der Städte.
    Grössere industrieproduktionen sind noch weiter von den städten entfernt!

    Die wenigsten Menschen, fahren zur Arbeit in eine Stadt."

    Wenn Sie Herrn Straubhaar hier wiedersprechen, interessiert es mich schon, ob Sie dafür auch Belege anführen können.

    Ich habe Zweifel an Ihrer These, denn die meisten Arbeitsplätze gibt's im Dienstleistungssektor [1] und die Beispiele, die mir so einfallen liegen typischerweise eher in der Stadt (über Zahlen würde ich mich freuen, ich weis nur spontan nicht, wo ich die finde).

    An den "Rand der Stadt" kann man übrigens auch ganz gut ohne Auto pendeln. Wenn man die Pendlerpauschale aufkommensneutral abschafft (also die Einsparung als Steuersenkung an Alle weitergibt), dürfe sich für Leute, die 5 km aus der Stadt raus oder ans andere Ende fahren müssen, auch keine Mehrbelastung ergeben.

    [1] http://de.wikipedia.org/w...

    Ohne die Anregung von Hr. Straubhaar bewerten zu wollen:

    Die täglichen Staus Stadteinwärts am Morgen und Stadtauswärts am Abend sind nicht geeignet ihre These zu erhärten.

    Die wenigsten Menschen, fahren zur Arbeit in eine Stadt.

    Schauen Sie sich beispielsweise die S-Bahn-Züge in Berlin stadteinwärts und -auswärts an einem Wochentag zwischen 7 und 8 Uhr an. Die Züge stadteinwärts sind so voll, dass man bangen muss, überhaupt noch reinzukommen. Die Leute fahren sicherlich nicht alle zu einer Party. Die Züge stadtauswärts sind so leer, dass man garantiert immer einen Sitzplatz bekommt. Am Abend tritt die gegenteilige Situation ein.

    Das spricht sehr dafür, dass in einer Stadt auch überwiegend gearbeitet und außerhalb gewohnt werden kann.

    Wohnraum in der Stadt ist extrem teuer, weswegen die meisten Menschen in den Randbezirken oder sogar außerhalb von Berlin leben.

  4. Schon wieder Professorenschelte, wie damals beim Professor aus Heidelberg?

    Manche Leute müssen halt im Vorfeld Situationen durchdenken, die andere erst sehen, wenn sie schon eingetreten sind.

    Da das Modell "Pendlerpauschale" keineswegs alle Kosten zum und vom Arbeitsplatz übernimmt, sondern diese lediglich steuerfrei stellt, sollte doch langsam allen klar werden, dass anlässlich stetig steigender Benzinpreise Alternativen zum täglichen Pendeln über viele Kilometer gesucht werden müssen.

    Die Abschaffung der Pendlerpauschale würde diese ohnehin notwendige Umstrukturierung zwar beschleunigen, wäre aber nicht ursächlich.

    Vermutlich werden sogar diejenigen besser dran sein, die sich beizeiten umgestellt und angepasst haben, anstatt zu warten, bis nichts mehr geht.

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    ...derjenige der zuletzt umstellt ist Gewinner. Denn die Strukturen sind alle fürs Auto ausgelegt, das beginnt beim Tante-Emma-Sterben und hört bei den Gemeindestrukturreformen nicht auf.

    Das wird sich erst wieder ändern, wenn Mobilität für viele unbezahlbar geworden ist und der Handlungsdruck entsprechend groß.

    Ich würde gerne ökologisch etc. pendeln oder wohnen, aber in meinem Falle hiesse das: statt 30min Fahrzeit 60-90min oder alternativ eine überteuerte kleine stinkige laute Stadtwohnung statt ein Häuschen auf dem Land.

    Und jede Wette: egal was ich mache, irgendein Besserwisser belehrt mich dann entweder, dass ich zuwenig Zeit für meine Frau und Kinder aufwende oder dass ich unzureichend in meine Zukunft investiere.

    Meine Geschwister wohnen in München und bei denen geht locker die Hälfte des Nettoeinkommens für die Miete drauf, die leben alle mehr oder weniger von der Hand in den Mund.

  5. Völlig richtig beobachtet ist die Tatsache, dass durch Pendeln hohe gesellschaftliche Kosten entstehen. Sofern man diese allerdings mit einer Pendlersteuern ausgleichen will, verschärft man ein bereits bestehendes Problem: Die Landflucht.

    Wenn man den Bewohnern des Landes nicht die Möglichkeit einräumt, einigermaßen Kostengünstig ihre Arbeitsplätze (in den Städten oder in einem anderen Dorf) zu erreichen, sind sie gezwungen, zu den Arbeitsplätzen zu ziehen. Da die Arbeitsplätze in den Ballungsgebieten konzentriert sind, würden Siedlungen auf dem Land aufgegeben werden während die Infrastruktur der Städte unter hohen Kosten erweitert werden müsste. Dies ist gesellschaftlich nicht gerade wünschenswert und darüber hinaus eine hochgradige Verschleuderung von volkswirtschaftlichen Ressourcen.

    Sofern Herr Straubhaar die Pendlerströme reduzieren will, sollte er vielleicht eher die Anpassung der Gewerbesteuer an die Größe der Gemeinde fordern. Höhere Steuern in Großstädten würden die Betriebe dazu motivieren, sich gleichmäßiger über die Republik zu verteilen. Hierdurch könnte wohnortnahes Arbeiten einfacher realisiert und das Pendeln nachhaltig beseitigt werden.
    Zumindest sollte man erwarten, dass ein Wirtschaftsexperte ein wenig über die Komplexität dieses sozial-ökonomischen Systems nachdenken, bevor er an die Öffentlichkeit wendet.

    Bei allem Respekt und um mit Präsident Sarkozy zu sprechen: Hier hat ein Theoretiker die Gelegenheit verpasst, den Mund zu halten.

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    Landflucht gibt es nur im Osten, und das hat bekanntlich andere Gründe. Ansonsten geht die Zersiedelung der Landschaft munter weiter. Selbstverständlich ist Erschließung in Ballungsräumen sehr viel billiger als auf dem Land, weil die Strecken kürzer sind. Zersiedelung kostet auch dann mehr, wenn man keine Kosten für die Naturzerstörung ansetzt.
    Wer von billigen Mieten und Grundstückspreisen profitiert, muß nicht auch noch staatlich subventioniert werden.

    • dth
    • 20. April 2012 17:49 Uhr

    Ihr einziger Irrtum besteht darin, anzunehmen, Landflucht wäre ökonomisch mittelfristig nicht sinnvoll.
    Infrastruktur in Städten ist billiger als auf dem Land, deswegen gibt es dort oft brauchbaren Nahverkehr und schnelles Internet.
    Es gibt keinen Grund ökonomisch nachteilige Strukturen steuerlich auch noch zu fördern, jedenfalls nicht, wenn das Geld an allen Ecken fehlt.

    • Varech
    • 21. April 2012 20:26 Uhr

    Im noch vorindustriellen England wurde das verdrängte Landvolk, das sich auf der Suche nach Lohn und Brot auf den Strassen herumtrieb, ohne viel Federlesens kriminalisiert und exemplarisch abgestraft.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte CDU | Angela Merkel | FDP | Grüne | Thomas Straubhaar | Wolfgang Schäuble
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