ElektromobilitätMit vier Schaufenstern ist es nicht getan

Die Bundesregierung fördert Elektromobilität in vier Regionen. Enttäuschend, dass sich jeweils die Heimat der großen Autobauer durchgesetzt hat, kommentiert M. Döbler von Moritz Döbler

Das Automobil wird gerade neu erfunden, behauptet jedenfalls die Branche. Kaum ein Hersteller kommt ohne Pläne für rein elektrisch angetriebene Modelle aus. Trotzdem ist davon auf deutschen Straßen wenig zu sehen. Selbst Rekordpreise an den Tankstellen drehen den Trend zu schweren und starken Spritfressern bisher nicht. Die Bundesregierung will nun in sogenannten Schaufensterregionen die Entwicklung neuer Technologien, Nutzungsformen und Geschäftsmodelle fördern, und sie tut es auf überraschend kluge Weise.

Denn eigentlich war fest damit zu rechnen, dass der bereitstehende Etat von bis zu 180 Millionen Euro nach parteipolitischem Gutdünken vergeben wird.

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Das geschieht nun nicht oder jedenfalls nicht auf ganzer Front: Bundesumweltminister Norbert Röttgen von der CDU zieht ohne Schaufenster in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf. Das Land, in dem Opel in Bochum ums Überleben kämpft, das wie kein anderes von Staus geprägt ist, geht also völlig leer aus.

Und die vier beteiligten Bundesministerien – neben Umwelt auch Verkehr, Wirtschaft und Bildung – sind auch nicht der Versuchung erlegen, um des lieben Friedens willen ein paar mehr Schaufenster zu benennen. Drei bis fünf wurden avisiert, vier sind es nun: Berlin , Bayern / Sachsen , Baden-Württemberg und Niedersachsen . Insider hatten es für möglich gehalten, dass sechs oder gar sieben Schaufenster gekürt werden, mit jeweils geschrumpften Fördersummen. 

Schaufenster Elektromobilität

Die Bundesregierung fördert in vier Regionen Deutschlands die Massentauglichkeit von Elektrofahrzeugen mit jeweils bis zu 50 Millionen Euro. Eine Fachjury wählte als sogenannte "Schaufenster Elektromobilität" Vorhaben in Baden-Württemberg, Berlin/Brandenburg, Niedersachsen und Bayern/Sachsen aus, wie die Bundesregierung am Dienstag bekannt gab. Die Jury prüfte 23 Bewerbungen.

Förderprojekte

Die ausgewählten Regionen sollen über drei Jahre insgesamt 180 Millionen Euro Förderung bekommen. Sie können nun Fördergelder für Einzelprojekte beantragen. Vorgesehen ist, umfassende Konzepte zu erproben, etwa zu Ladestationen oder E-Auto-Parkregelungen. In der Summe soll eine möglichst große Bandbreite an innovativen Konzepten verwirklicht werden.

Regierungsprogramm

Die Auswahl von "Schaufenstern" ist Teil des Programms Elektromobilität, das die Bundesregierung im Mai 2011 verabschiedet hatte. Der Schwerpunkt der Förderung liegt auf Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Ziel der Regierung ist, dass bis 2020 mindestens eine Million Elektroautos auf den Straßen unterwegs sind. Nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) soll mehr als die Hälfte der Fahrzeuge aus deutscher Produktion kommen.

Dass es nicht so gekommen ist, wird noch für Ärger sorgen. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz hatte erst vor wenigen Tagen bekräftigt, dass die Hansestadt sich bei dem Thema als europaweit führend ansehe. Das mag so sein, aber sie wird sich ohne Unterstützung des Bundes profilieren müssen. Die wichtigste Lehre aus dem Beschluss ist: Elektromobilität muss auch in jenen 19 Regionen eine Chance bekommen, die eine Absage erhalten haben. Hamburg sollte zum Beispiel auch weiter das Ziel verfolgen, am Ende des Jahrzehntes nur emissionsfreie Busse einzusetzen. Und Nordrhein-Westfalen sollte tatsächlich weitere 600 Ladesäulen aufstellen.

Dass Berlin zum Zuge gekommen ist, ist nicht überraschend. Die Hauptstadt als Schaufenster – das ergibt Sinn, auch hatte die Bewerbung die meisten Projektpartner. Enttäuschend ist, dass sich daneben nur die Heimatregionen der drei großen Autohersteller – Daimler /Baden-Württemberg, BMW /Bayern und VW /Niedersachsen – durchgesetzt haben. Solche Großkonzerne haben Subventionen dieser Art wirklich nicht nötig. Obendrein liegt das Schaufenster der "Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg " ziemlich abseits.

Mit der Förderung von Regionen und Forschungsvorhaben geht die Bundesregierung grundsätzlich einen richtigen Weg. Wenn sie aber ihr Ziel erreichen will, dass im Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen rollen, braucht es noch einige Innovationssprünge und vor allem niedrigere Batteriepreise. Nur im Schaufenster gut auszusehen, wird nicht reichen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • joG
    • 04. April 2012 13:02 Uhr

    ....ist eine schwierige Frage und offen.

    Sicher ist der Gedanke schön, deutsche Herstelle an der Spitze einer so wichtigen Innovation und Industrie zu haben. Unbenommen, war es der gleiche Gedanke, der den Transrapid und die Solarvoltaik vorantrieb.

    So wäre es in einem solchen Artikel schon auch interessant, zu lesen, welche Instrumente zur Kontrolle der effizienten Verwendung der Steuergelder eingesetzt werden und welche Beamte und Politiker mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie Haftung übernehmen für den Erfolg.

  1. Bisher war ich eigentlich gegen direkte Subventionen für Fahrzeugkäufer. Aber diese wären immer noch sinnvoller, als weiter hunderte Millionen für ominöse "Forschungs- und Entwicklungsprojekte" zu verschleudern.

    Was notwendig ist sind Fahrzeuge auf den Straßen und nicht im Schaufenster, damit auch der letzte auspuffgläubige Akkuphobiker lernt dass das angeblich Unmögliche längst funktioniert.
    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,806020,00.html

    Der einzig mir bekannte sinnvolle Plan ist die Einrichtung von Schnellladestationen an einigen Autobahnen. Damit sind nämlich auch mit aktuell verfügbaren E-Autos Langstreckenfahrten möglich, ganz ohne die angeblich alternativlosen "Durchbrüche bei der Akkutechnik" irgendwann in der Zukunft.

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    Tanken für 500 km dauert gerade mal (incl. Bezahlen und Kaffee) 10 Minuten. Ich habe sicherlich keine Lust 8 mal auf 500 km anzuhalten um Strom zu tanken, egal wie lange es dauert.

    • tobmat
    • 04. April 2012 17:17 Uhr

    man es sich aber nicht leisten kann. Man kann auch den Großteil des Luftverkehrs auf Zeppeline umstellen. Das geht auch nur macht es keiner.
    Es bleiben weiter zwei Probleme bestehen:
    - wesentlich teurer als ein vergleichbarer PKW mit Verbrenner
    - unterliegt verschiedenen Einschränkungen (Reichweite ist nur eine davon)

    Warum soll ich für ein Auto das mir weniger bietet als ein normaler PKW auch noch wesentlich mehr Geld bezahlen? Warum soll ich überhaupt mehr bezahlen?

  2. Tanken für 500 km dauert gerade mal (incl. Bezahlen und Kaffee) 10 Minuten. Ich habe sicherlich keine Lust 8 mal auf 500 km anzuhalten um Strom zu tanken, egal wie lange es dauert.

  3. Wir erinnern uns alle noch an die notleidende Marke Opel, die als einziger Hersteller, mit Fertigung in Deutschland, ein aktzeptables Elektromobil im Programm hat.

    Anstatt hierauf aufzusetzen, sehr viel geringere Subventionen auszuschütten und diese mit Bestandsgarantien für die Opel-Werke zu verknüpfen, bezahlen wir Forschung und Entwicklung unserer "Premium"-Hersteller.
    Damit wird nicht nur Schlafmützigkeit belohnt, sondern zusätzlich noch das Geld in das Umfeld von Firmen verteilt, die Milliarden-Gewinne gemacht haben.

    Bei der Stad Berlin fällt ein weiteres Subventionsgrab auch nicht weiter auf. Der Subventionsregen sollte mal generell auf Pro-Kopf-Werte für jede Region beschränkt werden.

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    Wieso sollte Deutschland einen US-Konzern subventionieren?

    • tobmat
    • 04. April 2012 17:17 Uhr

    man es sich aber nicht leisten kann. Man kann auch den Großteil des Luftverkehrs auf Zeppeline umstellen. Das geht auch nur macht es keiner.
    Es bleiben weiter zwei Probleme bestehen:
    - wesentlich teurer als ein vergleichbarer PKW mit Verbrenner
    - unterliegt verschiedenen Einschränkungen (Reichweite ist nur eine davon)

    Warum soll ich für ein Auto das mir weniger bietet als ein normaler PKW auch noch wesentlich mehr Geld bezahlen? Warum soll ich überhaupt mehr bezahlen?

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    <em>Warum soll ich für ein Auto das mir weniger bietet als ein normaler PKW auch noch wesentlich mehr Geld bezahlen?</em>
    Wenn Sie es nicht wissen, dann tun Sie es halt nicht.
    Andere wissen es, kaufen und treiben damit die Entwicklung voran.

    <em>Warum soll ich überhaupt mehr bezahlen?</em>
    Das frage ich ich mich auch immer, wenn ich mit meinem E-Auto an einer Tankstelle vorbeifahre :-))

    • Bornie
    • 04. April 2012 19:37 Uhr

    Ich sehe mehrere Probleme:
    - Wo soll denn der Strom herkommen? Photovoltaik? Also Tanken bei schönem Wetter? Ich fahr mein Cabrio da aber lieber.
    Wenn der Wind weht? Ja und wie krieg ich das an der Ladestelle mit?
    - Batterien, jeder der Akkus benutzt weiss: Viele Lade und Entladezyklen verschlechtern rapide die Leistungsfähigkeit des Akkus (Memory Effekt). Wie lange hält denn so ein Akku und wie teuer wird der?
    - Zeit, zur Zeit fahre ich zur Tankstelle, 10 Minuten und die nächsten 600 km sind im Tank. Das wird wohl mit Elektro so nicht zu machen sein.
    - Netzpuffer, da gibt es noch die tolle Idee man könnte ja die Akkus tagsüber laden und Nachts wenn wenig Strom im Netz ist wieder entladen. Ich würde wenn mein Auto dann endlich voll ist konsequent den Stecker ziehen.

  4. Die Schaufenster sind viel zu groß, mit kleineren Demontrationsregionen könnte man viel schneller eine Breitenwirkung erreichen.
    Falsch ist auch der Ansatz mit individuellen Subventionen.
    Ein effizientes Pilotprojekt bestünde aus rund 50 Verkehrsschildern, die am Rand des Pilotgebiets aufgestellt würden:
    .
    "Zufahrt verboten mit Verbrennungsmotor ab 1.1.2014"
    .
    Das könnte z.B. einen Berliner Bezirk umfassen. So ähnlich haben ja die Chinesen ihren Vorsprung in der Elektromobilität erreicht. Die Entscheidung des jeweiligen Bezirks könnte mit ein paar zusätzlichen Haushaltsmitteln versüsst werden, vielleicht auch die Zustimmung der Bewohnermehrheit abgefragt werden.

  5. - Wo soll denn der Strom herkommen?
    Wind, Sonne oder Wasser sind immer da, und diese daraus gewonnene Energie kann sehr weit transportiert werden.
    Und außerdem kommt der Strom aus der Steckdose! Genau so wie Sprit aus der Zapfsäule kommt.

    - Memoryeffekt
    Memoryeffekt ist bei Li-Po oder Li-Ion Akkus kein Problem mehr.

    -Ladezeit für 600km Reichweite
    Sie fahren doch nicht ernsthaft 600km am Stück und wollen mir gleichzeitig weiß machen, dass sie die letzten 100km sicher fahren? Wenn sie zwischendurch 15-20 Minuten Pause machen, dann ist der Akku voll, ihre Energie auch auf einem Niveau welches einem sicheren Straßenerkehr entspricht und alles ist in Butter.
    Die widerlich langen Ladezeiten kommen daher, weil man versucht die Energie zum elektrischen Gerät Auto über einen Stecker zu transportieren die eigentlich für Toaster oder Bügeleisen gedacht ist.

    - Netzpuffer
    Kann man doch dem Kunden überlassen ob er so etwas nutzt oder nicht. Mit dem Netzpuffer könnte man zum Beispiel den Leuten die unbedingt ihren Akku in 15Min geladen haben wollen die Energie zur Verfügung stellen, ihnen gleichzeitig einen höheren Preis abverlangen und die Leute die den Akku zur Verfügung stellen entlohnen.

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  • Schlagworte Bundesregierung | BMW | CDU | Opel | Daimler AG | Norbert Röttgen
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