Fahreignung : Einsicht ist bei der MPU die halbe Miete

Jedes Jahr müssen rund 100.000 Autofahrer nach Führerscheinentzug zur MPU. Mit guter Vorbereitung verliert der gefürchtete Test seinen Schrecken.

Ein kleines Grüppchen hat in der Sitzecke Platz genommen und schaut schweigend vor sich auf die Flipchart: zwei unauffällige Jeansträger zwischen 40 und 50, ein üppig tätowierter Lederjackenträger mit aschblondem Ziegenbärtchen, eine burschikose junge Frau mit Kurzhaarschnitt und ein Mittzwanziger, smarter Typ mit Migrationshintergrund. Am dreibeinigen Ständer ist ein dicker Block eingeklemmt. Er enthält die wichtigsten Informationen zum Thema an diesem Abend im fünften Stock eines Hochhauses am Berliner Alexanderplatz: die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, kurz MPU – im Volksmund häufig auch abfällig "Idiotentest" genannt.

Der Gesetzgeber verpflichtet all diejenigen dazu, die ihre Fahrerlaubnis verloren haben und den Führerschein wiedererlangen möchten: sei es wegen schweren Alkoholmissbrauchs, Drogenkonsums oder nach Anhäufung von 18 Punkten auf dem Konto im Flensburger Verkehrszentralregister – für Taxifahrer und andere professionelle Chauffeure bereits nach neun Punkten. Wurde der Führerschein für länger als zwei Jahre entzogen, kann neben der MPU auch eine erneute Führerscheinprüfung angeordnet werden. Außerdem gibt es diejenigen, die bislang noch gar keinen Führerscheins hatten, aber ein Drogendelikt im Vorstrafenregister haben und nur nach erfolgreicher MPU zur Führerscheinprüfung zugelassen werden. Ziel ist es, die Fahreignung festzustellen .

"Es ist begrüßenswert, dass Sie Ihre Freizeit für diese Veranstaltung geopfert haben", versucht Sylvia Marzai die angespannten Teilnehmer des Info-Abends mit einer positiven Botschaft aufzumuntern. Die Psychologin arbeitet für die Gesellschaft für Angewandte Betriebspsychologie und Verkehrssicherheit (ABV) , eine der größeren Institutionen in Deutschland, die im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen die MPU durchführt. Eine Untersuchung dauert in der Regel vier Stunden und besteht aus drei Teilen. Marzai blättert am Flipchart zum nächsten Tafelbild um, das die drei Etappen nennt: die medizinische Untersuchung, das psychologische Gespräch und einen Reaktionstest.

Oft psychologische Hilfe nötig

Im medizinischen Teil fragt ein Arzt nach eventuellen Erkrankungen. Er will zudem wissen, ob regelmäßig Medikamente eingenommen werden. Waren Alkohol oder Rauschmittel Ursache für den Führerscheinentzug, werden umfangreichere Blut- und Urinuntersuchungen gemacht, und auch für die Gamma-GT-Werte, die sogenannten Leberwerte, wird sich der Arzt bei diesen Kandidaten interessieren. Beim Reaktionstest am Computer werden die Konzentrations- und die Wahrnehmungsfähigkeit geprüft. PC-Kenntnisse seien dafür nicht erforderlich, sagt Marzai und beruhigt ihre Zuhörer: "Die Anforderungen sind wirklich nicht besonders hoch. Schließlich wollen Sie ja keinen Flugschein für den A380 erwerben."

Am stärksten hängt das weitere Führerscheinschicksal von dem Vier-Augen-Gespräch mit einem Psychologen ab. Dabei gebe es keine richtigen und keine falschen Antworten, betont Marzai. Sie nimmt den Mann mit den bunten Tattoos ins Visier und fügt hinzu: "Sie müssen nur glaubhaft rüberbringen, dass Sie sich mit den Ursachen für Ihr Fehlverhalten auseinandergesetzt und wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen haben." Daher sollte man die Fehler, die zum Verlust des Führerscheins geführt haben, auf keinen Fall herunterspielen oder versuchen, anderen die Schuld daran zu geben.

Psychologische Hilfe und eine Suchttherapie seien für einen Großteil der MPU-Kandidaten unerlässlich, sagt die Geschäftsführerin der ABV, Karin Müller. Sie macht das am Thema Alkoholfahrten deutlich. Zur MPU muss man antreten, wenn man mit 1,6 Promille oder mehr am Steuer erwischt wurde. Solche Werte seien ein deutliches Zeichen dafür, dass jemand nicht nur mal aus Versehen über die Stränge geschlagen habe, sagt Müller. Hier bestehe ein ernstes Alkoholproblem.

"Um auf einen solchen Wert zu kommen, müsste eine schlanke, etwa 1,74 Meter große Frau innerhalb kurzer Zeit drei Flaschen Wein trinken", erläutert Müller. "In diesem Zustand können nur Menschen, die an starken Alkoholkonsum gewöhnt sind, überhaupt noch ein Fahrzeug starten und auf die Straße bringen", sagt die Geschäftsführerin, die selbst jahrelange Erfahrung als Gutachterin hat.

Kommentare

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Stimmt nicht wirklich...

Zitat: "Wer länger als zwei Jahre nicht Auto fahren durfte, muss nach der MPU nochmals die Fahrprüfung absolvieren."

Seit Juli 2008 Fahrerlaubnisverordnung dahingehend geändert worden das man die Fahrprüfung nicht wiederholen muß. Gerade in Artikeln bezüglich des Straßenverkehrs ist mir aufgefallen, das sehr oft falsche Angaben gemacht werden (oder hoffnungslos veraltete, wie in diesem Fall).

Nicht zu vergessen: Fahrradfahrer

Auch Fahrradfahrer mit über 1.6 Promille dürfen zur MPU antreten. Einziger Unterschied ist, dass der Führerschei nur entzogen wird, wenn die MPU nicht bestanden wird.

Allgemein ist ein Vorbereitungskurs nicht wirklich notwendig, ausser es handelt sich um wirklich ernsthaften Alkoholismus, dann ist aber auch ein Psychologe und eine ernsthafte Anti-Suchtbehandlung besser.... und nicht zuletzt die persönliche Einsicht, die am Wichtigsten ist, denn nur so kann man überzeugend sein.

Behördenwillkür

Zunächst einmal ist es so, dass Alkoholsünder mit mehr als 1,6 Promille und enem Alter über 50 es sehr schwer haben, ihren Führerschein zurück zu erlangen.
Es sind in der Regel zwei Mal MPU plus anschließender Schulung erforderlich, u.a. damit auch alle an dem System kräftig mitverdienen (TÜV usw) und dann ist noch lange nicht der Führerschein wieder da, denn die Zulassungsbehörde behält sich in der Regel vor, wann sie die Fahrerlaubnis und ob überhaupt wieder erteilt, das auch unabhängig von Gerichtsurteilen zum Entzug der Fahrerlaubnis, das sind nur Mindestzeiten, die im Verfahren zur Wiedererlangung überhaupt keine Rolle mehr spielen.
Bei Alkoholsündern über 50 Jahren gehen die Psychologen i.d. Regel von einer gefestigten Perönlichkeitsstruktur aus, die hinichtlich des Alkoholkonsumverhaltens nur schwer veränderbar ist od. sein könnte (z.B. Verdacht auf Gewohnheitstrinker od. Abhängigkeit)

@9...

Ich habe vor einigen Jahren den Weg zurück zum Führerschein bei einem Bekannten mitverfolgt. Dagegen, dass Leuten, die betrunken oder unter dem Einfluss von BTM Auto fahren, systematisch die Fahrerlaubnis entzogen wird, habe auch ich nichts einzuwenden, denn Autofahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss haben anderen Menschen schon unsägliches Leid zugefügt. Als Willkür und Geldschneiderei empfand ich an dem Verfahren aber, dass mein Bekannter über die Spielregeln, unter denen der Führerschein zurückerteilt werden konnte, vollkommen im Unklaren gelassen wurde. Dabei ist es ganz klar: Wer wegen Drogen oder Alkohol am Steuer mit Führerscheinentzug bestraft worden ist, muss nicht nur "Einsicht" demonstrieren, sondern den Nachweis erbringen, dass er sein Verhalten nachhaltig geändert hat. Das kann man z.B. dadurch, dass man sich über Monate regelmäßig vom Hausarzt testen und schließlich dokumentieren lässt, dass man drogen- oder alkoholabstinent lebt.