AutopreiseSo teuer sind Neuwagen gar nicht geworden

Neue Autos kosteten 2011 im Schnitt 25.893 Euro. Kein Grund zur Klage: Im Vergleich zu den 1990er Jahren sind manche günstiger – und fast alle besser. von 

Der heutige VW Polo entspricht der Größe nach einem VW Golf III.

Der heutige VW Polo entspricht der Größe nach einem VW Golf III.  |  © Volkswagen

Ein Blick auf die Statistik scheint zu genügen: Autos sind übermäßig teuer worden. Ein in Deutschland verkaufter Neuwagen kostete im vergangenen Jahr im Durchschnitt laut Listenpreis 25.893 Euro. Seit 1980 stieg der Preis fabrikneuer Autos um jährlich 3,9 Prozent, wie das Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen ermittelt hat. Die Verbraucherpreise insgesamt hätten sich im gleichen Zeitraum aber nur um 2,2 Prozent pro Jahr erhöht. Daran verdient neben den Autoherstellern der Staat. Bei einem Mehrwertsteuersatz von 13 Prozent wurden 1980 nur 939 Euro an den Fiskus abgeführt, heute sind es bei 19 Prozent durchschnittlich 4.143 Euro – also 4,3 Mal so viel, wie das CAR vorrechnet.

Trotzdem war früher nicht alles günstiger. Natürlich fällt es leicht, heute sehr viel Geld für einen Neuwagen auszugeben. Ein modischer Audi Q3 in Geländeoptik kostet in der Basisversion mit Frontantrieb 29.900 Euro. Wer es mit Fahrten in die Berge oder mit einem Anhänger ernst meint, greift lieber zum Vierradantrieb und zu einem TDI-Diesel, damit die Kraftstoffkosten nicht entgleisen. Preis ohne Extras: 36.800 Euro. Ist das Fahrzeug mit diversen nützlichen und einigen zweifelhaften Ausstattungsextras versehen, erreicht der Preis leicht die 50.000-Euro-Schwelle und bestätigt die Nostalgiker: Für rund 100.000 D-Mark gab es einst den Zwölfzylinder im BMW 750i Typ E32.

Anzeige

Allerdings werden Autos wie der beispielhafte Audi Q3 in der Realität selten gekauft, sondern meistens als Firmenwagen geleast und dabei wird faktisch nie der Listenpreis bezahlt. Unabhängig davon lassen sich Neuwagenpreise früher und heute auch anders vergleichen. Bei genauer Betrachtung existieren Autos, die nicht nur sicherer und komfortabler, sondern sogar günstiger geworden sind. Zum Beispiel der Volkswagen Golf, der Topseller überhaupt.

Ein viertüriger Golf GL aus der beliebten Sonderserie Europe kostete mit dem 55 kW (75 PS) starken Benzinmotor im Jahr 1994 30.475 D-Mark. Die Serienausstattung war für damalige Verhältnisse üppig. 185er-Breitreifen waren ebenso inbegriffen wie zwei hintere Kopfstützen, ein Radio mit Kassettenteil und zwei Lautsprechern, elektrische Fensterheber und – Klimaanlagen waren noch exotisch – ein Glasschiebedach. Neu am Golf III war, dass zwei Airbags (für 400 D-Mark) sowie das Antiblockiersystem ABS (für 1.910 D-Mark) bestellbar waren. Endpreis inklusive etwas Fahrsicherheit: 32.785 D-Mark oder 16.763 Euro. Legt man nun die vom CAR genannte durchschnittliche Inflation von 2,2 Prozent per anno zu Grunde, erhöht sich der Preis im Lauf von 18 Jahren auf 24.801 Euro.

Der Golf heißt heute Polo

In den Preislisten von Volkswagen steht heute ein Auto, das in seiner Größe praktisch identisch ist mit dem Golf III: der Polo. Nimmt man den 1,2-Liter-Benzinmotor (51 kW/70 PS) plus Spritspartechnik BlueMotion, wählt das viertürige Sondermodell Match mit serienmäßiger Klimaanlage sowie Wunschfarbe, alle erhältlichen Airbags, Technikpaket und Navigationssystem, dann verlangt VW dafür genau 17.900 Euro. Wer nicht darauf besteht, mit dem Golf mitwachsen zu wollen, sondern einfach nur ein gutes Auto im gleichen Format haben will, bezahlt bei Berücksichtigung der Inflation weniger, als der Golf III GL heute kosten würde. Zudem ist der Listenpreis für Privatkäufer heute leichter verhandelbar als 1994.

Hinzu kommt: Seit 1994 hat sich die Kaufkraft der Deutschen weiter entwickelt. Damals standen laut Statistischem Bundesamt je Haushalt 1.366 Euro netto im Monat zur Verfügung. Rechnet man wieder mit der Inflationsrate von 2,2 Prozent, müsste das Haushaltsnetto 2011 auf 1.977 Euro gestiegen sein. Und tatsächlich weisen die Statistiker mit 1.947 Euro annähernd diese Summe aus. Nach der Statistik sind die Deutschen also ungefähr gleich wohlhabend, bekommen aber für weniger Geld bessere Autos. Dies zeigt sich, wenn man die verfügbaren Nettohaushaltseinkommen zu den Fahrzeugpreisen in Bezug setzt: Für den oben erwähnten Golf GL Europe mit Sicherheitsextras (16.763 Euro) mussten 1994 etwas mehr als zwölf Monatssummen aufgewendet werden; für den Polo 1.2 BlueMotion reichten 2011 gut neun Nettomonatseinkommen.

Leserkommentare
  1. Ja Ja, der Durchschnitt.
    Im Durchschnitt war der Fluss 20 cm tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen.

    25 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Fuß auf der heißen Herdplatte, der andere in der Tiefkühltruhe - im Durchschnitt geht's uns doch ganz gut ....

    • Soo
    • 03. Mai 2012 22:01 Uhr

    Lustig, und dennoch der Wahrheit entsprechend, formuliert.
    Wenn man unbedingt will, kann man durch ein wenig rechnen alles nachweisen und belegen.
    Ich verlass mich da eher aufs Bauchgefühl, und das besagt bei mir, dass Autos sehr wohl sehr viel teurer geworden sind.
    Man würde meinen, dass durch das Know-How, welches über die Jahrzehnte gesammelt wurde, das Produkt günstiger werden sollte. Das ist aber nicht der Fall. Ich vermute, es sind, wie das so oft, zu viele Intermediäre in der Kette, und natürlich will jeder saftig verdienen.

    Aber für die älteren unter uns: stellt euch vor, der drsch. Preis eines Autos wäre damals über 50.000 D-Mark gewesen...
    Na, nicht so viel teurer geworden... ;-)

  2. ..,kostet pro Monat 500,- Euro und damit soviel wie eine Zweizimmerwohnung. Da fällt es selbst Herrn Schwarzer schwer, uns von den Vorzügen deutscher fossilmobiler Ingenieursleistungen zu überzeugen - aber vielleicht finanziert ja der IWF die nächste Abwrackprämie, bevor die deutsche Autoindustrie zusammenklappt.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das stimmt nicht. Ein VW Golf der aktuellen Baureihe lässt sich zu günstigeren Preisen (~200 Euro/Monat) leasen. Sie vergessen auch, dass Autos deutscher Hersteller noch nie niederpreisig angeboten wurden.

    Und nur weil sie vielleicht einen Renault fahren müssen (sie armer), werden diese Firmen auch nicht pleite gehen.

    Eine Zweizimmer-Wohnung für 500 Euro im Monat? Hui, sowas hab ich hier im Rhein-Main-Gebiet schon lange nicht gesehen ;-))

    @Herr Augustin Was haben Sie denn gegen Renault? Ich bin mit meinem sehr zufrieden - über 10 Jahre im Einsatz, ordentlich Kilometer weg und bis jetzt nur Verschleißteile getauscht :-)

  3. ..., die bei kontinuierlich geschwundener Kaufkraft erst einmal vom Netto reservierd werden müssen, sei jedem selbst überlassen. Das man hier jedoch im Vergleich zum restlichen Europa für ein deutsches Fahrzeug bis zu 25% mehr berappen muss, ist eine absolute Unverschämtheit!

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Spez
    • 28. April 2012 0:45 Uhr

    Wenn weniger Leute hier deutsche Autos kauften, dann wäre der Preis niedriger. Angebot und Nachfrage. Kein Grund sich zu beschweren.

  4. Das stimmt nicht. Ein VW Golf der aktuellen Baureihe lässt sich zu günstigeren Preisen (~200 Euro/Monat) leasen. Sie vergessen auch, dass Autos deutscher Hersteller noch nie niederpreisig angeboten wurden.

    Und nur weil sie vielleicht einen Renault fahren müssen (sie armer), werden diese Firmen auch nicht pleite gehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...den Sprit? Und wer den Abzug für die Lackschäden? Bitte erzählen Sie keine Märchen: Für 15000 Jahreskilometer benötigen Sie (8l/100 Kilometer) 1200 Liter Treibstoff, das sind pro Monat 170,- Euro, plus Leasingsonderzahlung plus Abzug für Kleinschäden: Da sind Sie schnell über 500,- Euro.

  5. und dabei nicht viel teurer. Das ist doch eine gute Nachricht. Wenn sie jetzt auf dem Stand bleiben würden und dann auch noch umweltfreundlicher würden wäre das eine tolle Sache. Leider gibt es immer wieder neue Vorschriften, um die fünf Sterne im Crash-Test zu erreichen und immer wieder neue Wunderdinge, die dem Fahrer helfen sollen, aber in wirklichkeit nur die Margen der Unternehmen sichern. Autos könnten also auf dauer noch günstiger werden, weil die Hersteller immernoch beträchtliche Gewinne erziehlen. VW arbeitet z.B daran pro Auto noch mehr zu gewinnen, weil sie die Kostenersparnis der neuen Plattform sicher nicht an den Kunden weitergeben.

    Eine Leserempfehlung
  6. kostet nach Facelift bei gleicher Ausstattung (soweit konfigurierbar) 1% mehr als vor vier Jahren und ist dabei im EU-Mix fast 25% sparsamer (in der Praxis wird es sicher weniger sein). Bei gleicher Leasingrate bekomme ich sogar ein deutlich besser ausgestattetes Fahrzeug.

  7. "Seit 1994 hat sich die Kaufkraft der Deutschen weiter entwickelt. Damals standen laut Statistischem Bundesamt je Haushalt 1.366 Euro netto im Monat zur Verfügung. Rechnet man wieder mit der Inflationsrate von 2,2 Prozent, müsste das Haushaltsnetto 2011 auf 1.977 Euro gestiegen sein. Und tatsächlich weisen die Statistiker mit 1.947 Euro annähernd diese Summe aus."

    Der Autor beschreibt klar dass sich die Kaufkraft von 1994 bis 2011 inflationsbereinigt um 30 Euro erniedrigt hat (1977-1947 Euro).
    Damit ist die Kaufkraft also leicht gesunken und nicht gestiegen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Hallo naemberch,

    nein, die Kaufkraft ist von 1994 bis 2011 gestiegen - von 1.366 Euro netto auf 1.947 Euro je Haushalt und Monat. Steht so auch im Text.

    Viele Grüße
    Matthias Breitinger

    Redaktion

    PS: Ich meinte natürlich, das monatliche Nettohaushaltseinkommen ist gestiegen. Inflationsbereinigt ist die Kaufkraft in der Tat geringfügig gesunken (30 Euro von 1.997 Euro = 1,5 Prozent im Lauf von 17 Jahren).

    "Inflationsbereinigt ist die Kaufkraft in der Tat geringfügig gesunken"

    Die Kaufkraft ist immer inflationsbereinigt; das ist gerade die Definition von Kaufkraft.

    • vlad
    • 02. September 2012 20:12 Uhr

    Mittleres Nettoeinkommen liegt bei 1500-1600 EUR. Ok, vermutlich ist Haushaltseinkommen gemeint.

  8. ...den Sprit? Und wer den Abzug für die Lackschäden? Bitte erzählen Sie keine Märchen: Für 15000 Jahreskilometer benötigen Sie (8l/100 Kilometer) 1200 Liter Treibstoff, das sind pro Monat 170,- Euro, plus Leasingsonderzahlung plus Abzug für Kleinschäden: Da sind Sie schnell über 500,- Euro.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Behauptung."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist eine Pauschale, die zu jeder Leasingrate hinzukommt. Gleich ob sie einen Golf, einen Twingo oder einen Logan fahren.

    Ich habe ihr Argument so ausgelegt: Deutsche Autos sind total teuer. Weil sie so teuer sind, werden diese Autobauer bestimmt bald pleite gehen.

    Mein Gegenargument war: ja, viele deutsche Autos sind teuer. Sie finden dennoch eine Käuferschaft. Die Aussichten der Branche sind nicht übel.

    Sollten Betriebskosten eine Rolle spielen, stellt sich, meiner Meinung nach, eher die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, ein Auto zu besitzen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Volkswagen | Audi | BMW | Airbag | Auto | D-Mark
Service