RadfahrlehrerIn drei Wochen sicher im Sattel

Ein Sportwissenschaftler bringt vor allem Erwachsenen mit ungewohnter Methode Radfahren bei. Zunehmend müssen aber auch Kinder das noch mal richtig lernen. von Andrea Reidl

Partnerübung bei einem Radfahrkurs für Erwachsene

Partnerübung bei einem Radfahrkurs für Erwachsene  |  © Asja Caspari

"Radfahren ist leicht, das bringe ich dir bei", diesen Spruch kennt der Großteil von Christian Burmeisters Kunden. Oftmals enden die gut gemeinten Angebote mit einem Sturz und frustrierten Fahrschülern, die sich nicht mehr aufs Fahrrad trauen. Der Sportwissenschaftler hat ein Konzept entwickelt, mit dem er Erwachsene in 20 Tagen sicher aufs Rad bringt.

Wie an diesem Tag auf einem Sportplatz im Hamburger Norden. Acht Frauen schieben hüfthohe Roller über den Platz. "Ich will Radfahren lernen, nicht Roller schieben", meint man in ihren Gesichtern zu lesen. "Nein", widerspricht Burmeister, "das ist kein Widerwille, das ist Angst". Er führt die erste Übung vor: Bremsen ziehen, Lenker gerade, einen Fuß seitlich aufs Trittbrett stellen und mit dem anderen durchsteigen. Von links nach rechts und umgekehrt. Immer wieder. Das schaffen alle. Die ersten lächeln. Es geht weiter: Den rechten Fuß aufs Trittbrett, nach links kippen und sich mit dem leicht abgespreizten linken Fuß auffangen.

Anzeige

Burmeisters Konzept ist selbsterklärend. Wer den Übungen folgt, lernt in kleinen Schritten Radfahren. Seit 25 Jahren gibt der Hamburger Kurse für Erwachsene. Seinen Schätzungen zufolge können mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland nicht radfahren. Mittlerweile fragen Schulen und Vereine vermehrt bei ihm nach Kinderkursen an. Sie reagieren auf Hinweise der Verkehrserzieher, die von motorischen Schwächen bei Dritt- und Viertklässlern berichten. Diese Entwicklung macht die Umsetzung der Idee der Bundesregierung schwieriger, den Anteil des Radverkehrs in Deutschland zu steigern.

Sprache lernen – und daneben das Radfahren

Daher fördert das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung die Ausbildung von Radfahrlehrern nach Burmeisters Konzept moveo ergo sum . Übersetzt heißt das soviel wie: "Ich bewege mich, also bin ich" – in Anlehnung an den Ausspruch "cogito ergo sum" (ich denke, also bin ich) des französischen Philosophen René Descartes.

Dieser Titel sagt viel über Burmeisters Arbeitsweise. "Mit diesen ersten Übungen bilden die Teilnehmer das Fundament für ihr späteres Radfahren", sagt der Sportwissenschaftler. Vertrauen zum Roller und später zum Rad entwickeln, mit dem Gefährt in Bewegung sein, statt dagegen zu halten, das ist seine Botschaft an die Anfänger. Nur wenn sie das beherrschen, können sie später Kurven fahren und sicher vom Rad absteigen.

Der Bedarf an Radfahrlehrern steigt. Zum Jahresbeginn haben 20 Männer und Frauen bei Burmeister die Ausbildung begonnen. Theorie und Praxis lernen bei ihm Physiotherapeuten, Radverkehrsbeauftragte sowie Freiberufler, die Radreisen anbieten. Im Mai werden die Ersten fertig. Die Hospitationskurse sind begrenzt, die Nachfrage ist groß.

Nicole Matheis hat der Sportwissenschaftler bereits vor sechs Jahren ausgebildet. Jetzt gibt die Ethnologin in Hessen pro Jahr bis zu 19 Kurse für Migrantinnen. Mehr schafft sie kaum. Viele ihrer Teilnehmerinnen unterrichtet sie außerdem in Deutsch. Die Radfahrkurse sind für sie die perfekte Ergänzung zum kopflastigen Sprachkurs. "In dem Kurs erreichen sie in kurzer Zeit ein selbstgestecktes Ziel, das stärkt ihr Selbstbewusstsein", sagt Matheis. "Außerdem vermittelt ihnen das Radfahren ein Gefühl von Leichtigkeit."

Leserkommentare
  1. groß geworden und später mit dem Motorrad durch Südeuropa. Und heute: Wachsender Bedarf an Kinderkursen für das Radfahren, da staune ich nur.
    Ich habe meine Kinder von klein auf aufs Rad gesetzt und heute sind sie begeisterte Mountainbiker.

    3 Leserempfehlungen
  2. Bei uns in Frankfurt (Oder)- liegt im Osten Deutschlands - legen die Kinder in der 4. Klassen nach einem entsprechenden Training eine Fahrradprüfung ab. Allerdings lernen die meisten Kinder zu Hause Fahrrad fahren.
    Wenn die Eltern keine Lust haben, ihren Kindern das Fahrrad fahren beizubringen, nutzen solche Kurse auch nichts. Entweder gehören Fahrradausflüge zur Kultur einer Familie oder nicht. Wenn nicht, ist auch solch ein Kurs umsonst. Denn bekanntlich müssen Wissen und Fähigkeiten angewendet werden, sollen sie was nutzen.

    2 Leserempfehlungen
  3. Wenn dann auch noch das Benutzen des Fahrrades nach den Ge- und Verboten der StVO auf dem Lehrplan stünde, ...
    (Man wird als Autofahrer doch einmal träumen dürfen)

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... im Radfahrunterricht IMMER auf die Regeln, Ge- und Verbote hingewiesen wird.
    Das Problem liegt einerseits darin, dass manche Kinder einfach überfordert sind, wenn sie fahren, mit der Hand anzeigen, sich einordnen UND den anderen Verkehr beachten sollen - dann bleibt für die Reflektion der Regeln nichts mehr übrig. Andererseits gibt es manches Kind, was einfach nicht einsehen will ( oder kann ), dass die Regeln ungeachtet der Person gelten. Aber demnächst haben wir ja die Herdprämie, dann können die Eltern ihren Kindern alles beibringen, was man für die Teilnahme am Straßenverkehr so braucht ....

    • V88
    • 26. April 2012 14:29 Uhr

    Zumindest die etwas jüngeren Radfahrer (u25) wurden meines Wissens nach in den Schulkursen auch in Sachen Verkehrsregeln geschult. Zwei freundliche Polizisten sind damals mit unserer Grundschulklasse mehrere Tage durch den Ort geradelt.

    Leider behindern meiner Meinung nach meistens Rentner, die eher in Schlangenlinien unterwegs sind, oder 'ambitionierte' Rennradfahrer, die sich weigern NICHT MITTEN auf der Landstraße in 3-er Reihen zu fahren,den Verkehrsfluss.

    • Mint
    • 13. April 2012 17:04 Uhr

    Nach Überschrift und Einleitung hatte ich noch mehr zur eigentliche Methode erwartet, da enttäuscht der im Grunde sehr gute Beitrag etwas.

    StVO: Da haben auch Nicht-Radfahrer erheblichen Nachholbedarf, aber insbesondere die Sonderregelungen, die nur Radfahrer betreffen, würden wohl zu sehr abschrecken. Am besten, man hält sie weiterhin größtenteils geheim ;-).

    Ein andere Fertigkeit, die neben Radfahren (und Kenntnissen der StVO) zunehmend verschwindet, scheint das Schwimmen zu sein.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hirmer
    • 14. April 2012 8:45 Uhr

    Kenne den Kurs nicht, aber mein Sohn hat - lange vor der Verbreitung der Kinder-Laufräder - erst radfahren gelernt, als ich ihm die Pedale an seinem Rad abgeschraubt hatte, den Sattel tiefergelegt und ihm laufradeln geschickt hatte. Als er das raus hatte, gings mit dem Radfahren sehr schnell. Bei der Meisterung des Gleichgewichts stört am Anfang sehr die Pedalerie.
    Die Radfahr-Kurse sollten sich Drais'sche Erwachsenen-Laufräder zulegen, vllt. leihweise; diese gibt es, wenn auch nicht in Stückzahlen.

    Harald Artur Irmer

    Karlsruhe

  4. Es wird Zeit, dass die Rubrik "Mobilität" oder ähnlich getauft wird. Wenn Fahrrad-Themen bei "Auto" eingeordnet werden, kann man sie gleich bei "Lebensart" ablegen.
    Denn Fahrradfahren zu können ist ja offenbar inzwischen nur eine Mode, wie gesunde Ernährung.

    Vom Beitrag hätte ich mir auch mehr Informationen zur Methode erhofft. Die Einleitung wirft bei mir auch die Frage auf, warum Kinder das Fahren *noch* mal richtig lernen müssen und ob die 20 Tage auch bei Kindern reichen.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gn42
    • 13. April 2012 22:37 Uhr

    "Es wird Zeit, dass die Rubrik "Mobilität" oder ähnlich getauft wird. Wenn Fahrrad-Themen bei "Auto" eingeordnet werden, kann man sie gleich bei "Lebensart" ablegen."

    Das haben schon vor Ihnen viele andere Kommentatoren gefordert. Sie werden bis zum Sankt Nimmerleinstag warten müssen, solange solche Ignoranten die Zeit Redaktion beherrschen.

    Ich bin nun gespannt ob die Zeit Redaktion meinen Beitrag als "polemisch" einstuft und zensiert.

    Grundgesetz: "Eine Zensur findet nicht statt" ha ha ha

    Es ist ja löblich, dass die Zeit soviele Fahrradartikel schreibt. Aber die Rubrik "Auto" ist hierfür der falsche Ort!

  5. ... im Radfahrunterricht IMMER auf die Regeln, Ge- und Verbote hingewiesen wird.
    Das Problem liegt einerseits darin, dass manche Kinder einfach überfordert sind, wenn sie fahren, mit der Hand anzeigen, sich einordnen UND den anderen Verkehr beachten sollen - dann bleibt für die Reflektion der Regeln nichts mehr übrig. Andererseits gibt es manches Kind, was einfach nicht einsehen will ( oder kann ), dass die Regeln ungeachtet der Person gelten. Aber demnächst haben wir ja die Herdprämie, dann können die Eltern ihren Kindern alles beibringen, was man für die Teilnahme am Straßenverkehr so braucht ....

    Eine Leserempfehlung
  6. Einen Radfahrunterricht habe ich auch in der 4. klasse genossen. Fand ich aber damals wie heute einen Teil Schwachsinnig was da gelehrt wird.
    Erinnere mich noch an den Satz: "Am besten fährt man mit dem Rad nie schneller als Schrittgeschwindigkeit."

  7. Als ich Kind war, galt in Deutschland auf jeden Fall für größere Kinder und Erwachsene Radfahrverbot auf dem Bürgersteig. Besteht dieser Fehler immer noch? Viele Eltern hatten zu Recht Angst davor, daß ihre Kinder auf der Straße überfahren würden und das Resultat war dann zu wenig Fahrpraxis.
    An meinem heutigen Wohnort darf jeder auf dem Bürgersteig fahren, auch Erwachsene. Die Radfahrer haben von klein auf Routine darin, auf Fußgänger zu achten und ich bin als Fußgänger noch nie von einem Radfahrer gefährdet worden. Manche Orte sind natürlich schon rein geographisch ausgesprochen unattraktiv zum Fahrradfahren: Wenn die Straßen so steil sind, daß auch -zig Gänge nicht helfen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was Sie da empfehlen ist genau der falsche Weg, das Fahrradfahren attraktiv zu machen. So zementieren Sie nur die Vorstellung in den Köpfen von Rad- und Auiutofahrern, Radfahren sei gefährlich und Fahrräder gehörten nicht auf die Straße, wenn genau das Gegenteil der Fall ist.

    Außer kleinen Kindern gehören Radfahrer auf die Straße, dies ist ihr angestammter Platz und den sollen und müssen sie auch einfordern. Dann lernen sie auch, sich im flüssigen verkehr sicher zu bewegen. Alles andere ist kontraproduktiv und letztenendes viel gefâhrlicher.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service