"Radfahren ist leicht, das bringe ich dir bei", diesen Spruch kennt der Großteil von Christian Burmeisters Kunden. Oftmals enden die gut gemeinten Angebote mit einem Sturz und frustrierten Fahrschülern, die sich nicht mehr aufs Fahrrad trauen. Der Sportwissenschaftler hat ein Konzept entwickelt, mit dem er Erwachsene in 20 Tagen sicher aufs Rad bringt.

Wie an diesem Tag auf einem Sportplatz im Hamburger Norden. Acht Frauen schieben hüfthohe Roller über den Platz. "Ich will Radfahren lernen, nicht Roller schieben", meint man in ihren Gesichtern zu lesen. "Nein", widerspricht Burmeister, "das ist kein Widerwille, das ist Angst". Er führt die erste Übung vor: Bremsen ziehen, Lenker gerade, einen Fuß seitlich aufs Trittbrett stellen und mit dem anderen durchsteigen. Von links nach rechts und umgekehrt. Immer wieder. Das schaffen alle. Die ersten lächeln. Es geht weiter: Den rechten Fuß aufs Trittbrett, nach links kippen und sich mit dem leicht abgespreizten linken Fuß auffangen.

Burmeisters Konzept ist selbsterklärend. Wer den Übungen folgt, lernt in kleinen Schritten Radfahren. Seit 25 Jahren gibt der Hamburger Kurse für Erwachsene. Seinen Schätzungen zufolge können mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland nicht radfahren. Mittlerweile fragen Schulen und Vereine vermehrt bei ihm nach Kinderkursen an. Sie reagieren auf Hinweise der Verkehrserzieher, die von motorischen Schwächen bei Dritt- und Viertklässlern berichten. Diese Entwicklung macht die Umsetzung der Idee der Bundesregierung schwieriger, den Anteil des Radverkehrs in Deutschland zu steigern.

Sprache lernen – und daneben das Radfahren

Daher fördert das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung die Ausbildung von Radfahrlehrern nach Burmeisters Konzept moveo ergo sum . Übersetzt heißt das soviel wie: "Ich bewege mich, also bin ich" – in Anlehnung an den Ausspruch "cogito ergo sum" (ich denke, also bin ich) des französischen Philosophen René Descartes.

Dieser Titel sagt viel über Burmeisters Arbeitsweise. "Mit diesen ersten Übungen bilden die Teilnehmer das Fundament für ihr späteres Radfahren", sagt der Sportwissenschaftler. Vertrauen zum Roller und später zum Rad entwickeln, mit dem Gefährt in Bewegung sein, statt dagegen zu halten, das ist seine Botschaft an die Anfänger. Nur wenn sie das beherrschen, können sie später Kurven fahren und sicher vom Rad absteigen.

Der Bedarf an Radfahrlehrern steigt. Zum Jahresbeginn haben 20 Männer und Frauen bei Burmeister die Ausbildung begonnen. Theorie und Praxis lernen bei ihm Physiotherapeuten, Radverkehrsbeauftragte sowie Freiberufler, die Radreisen anbieten. Im Mai werden die Ersten fertig. Die Hospitationskurse sind begrenzt, die Nachfrage ist groß.

Nicole Matheis hat der Sportwissenschaftler bereits vor sechs Jahren ausgebildet. Jetzt gibt die Ethnologin in Hessen pro Jahr bis zu 19 Kurse für Migrantinnen. Mehr schafft sie kaum. Viele ihrer Teilnehmerinnen unterrichtet sie außerdem in Deutsch. Die Radfahrkurse sind für sie die perfekte Ergänzung zum kopflastigen Sprachkurs. "In dem Kurs erreichen sie in kurzer Zeit ein selbstgestecktes Ziel, das stärkt ihr Selbstbewusstsein", sagt Matheis. "Außerdem vermittelt ihnen das Radfahren ein Gefühl von Leichtigkeit."