ZEIT ONLINE:  Ulrich Buller vom Fraunhofer-Vorstand sagte kürzlich auf einem Elektromobilitätskongress : "Der Hype ist vorbei, wir durchschreiten jetzt das Tal der Enttäuschungen ." Herr Kagermann , wie groß sind die Enttäuschungen?

Henning Kagermann: Ich halte sie weder für groß noch für berechtigt. Jedes langfristige Projekt durchläuft einen solchen Zyklus. Es ist gut, dass man am Anfang mit Begeisterung startet, denn sonst fehlt die Motivation. Nun müssen wir arbeiten und gute Resultate erzielen. Dann wird aus der Begeisterung des Aufbruchs der Stolz auf das Erreichte.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Autofahrer, der es gewohnt ist, seinen leeren Tank in wenigen Minuten für eine Reichweite von 600 Kilometern wieder aufzufüllen, angesichts einer Batterie-Reichweite von 150 Kilometern Zweifel an der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Elektromobilität hegt?

Kagermann: Das ist zu kurz gedacht. Auch wenn noch Fortschritte in Reichweite und Ladegeschwindigkeit kommen, werden auch in 20 Jahren rein elektrische Autos ein Baustein im Mobilitätssystem unter anderen sein. Elektrofahrzeuge insgesamt sehen wir dann bei einem Anteil von 10 bis 15 Prozent des Fahrzeugbestands. Unter Elektrofahrzeugen verstehen wir neben rein batterieelektrischen Fahrzeugen auch Plug-in-Hybride und Fahrzeuge mit Range-Extender als Familienfahrzeug.

Was die angesprochene Reichweite betrifft: Heute gelten etwa 160 Kilometer als Richtwert für vollelektrische Fahrzeuge; Fortschritte mit der derzeitigen Batterietechnologie machen 200 Kilometer realistisch. Zugleich werden die Ladezyklen dank Schnellladetechnik erheblich kürzer werden.

ZEIT ONLINE: Sie warnen die Bundesregierung davor, das Ziel von einer Million Elektrofahrzeuge im Jahr 2020 zu verfehlen. Woher kommt diese Zahl, wie wichtig ist sie?

Kagermann: Wir haben keine Warnung ausgesprochen, sondern empfehlen, die Marktentwicklung kontinuierlich zu beobachten, um gegebenenfalls rechtzeitig eine Entscheidung über weitere oder alternative Maßnahmen treffen zu können. Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung nicht nur Leitanbieter, sondern auch Leitmarkt für Elektromobilität werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die genannte Größenordnung sinnvoll. Auf dieser Basis hat die NPE eine gemeinsame Strategie erarbeitet. Wir haben in unserem aktuellen Bericht den Status Quo ermittelt und gute Fortschritte festgestellt – Deutschland ist auf gutem Wege.

ZEIT ONLINE: Wie schlimm wäre es, wenn es 2020 doch nur – sagen wir mal – 800.000 Elektrofahrzeuge sein sollten?

Kagermann: Das hängt davon ab, wie sich die Märkte in den anderen Ländern entwickeln. Sollte die internationale Entwicklung insgesamt langsamer sein, könnte man auch mit weniger Fahrzeugen Leitmarkt sein. Sollte es schneller vorangehen, wäre die Zielmarke von einer Million eventuell sogar nach oben zu korrigieren. Derzeit fahren wir aber gut mit dem Eine-Million-Ziel.