ElektromobilitätRegierungsberater empfiehlt mehr Steueranreize für E-Autos

Die Enttäuschung über den Stand der Elektromobilität sei unberechtigt, sagt Elektroauto-Fachmann Kagermann im Interview. Direkte Kaufprämien hält er für falsch. von 

ZEIT ONLINE:  Ulrich Buller vom Fraunhofer-Vorstand sagte kürzlich auf einem Elektromobilitätskongress : "Der Hype ist vorbei, wir durchschreiten jetzt das Tal der Enttäuschungen ." Herr Kagermann , wie groß sind die Enttäuschungen?

Henning Kagermann: Ich halte sie weder für groß noch für berechtigt. Jedes langfristige Projekt durchläuft einen solchen Zyklus. Es ist gut, dass man am Anfang mit Begeisterung startet, denn sonst fehlt die Motivation. Nun müssen wir arbeiten und gute Resultate erzielen. Dann wird aus der Begeisterung des Aufbruchs der Stolz auf das Erreichte.

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ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Autofahrer, der es gewohnt ist, seinen leeren Tank in wenigen Minuten für eine Reichweite von 600 Kilometern wieder aufzufüllen, angesichts einer Batterie-Reichweite von 150 Kilometern Zweifel an der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Elektromobilität hegt?

Henning Kagermann
Henning Kagermann

Henning Kagermann ist habilitierter Physiker und leitet seit Mai 2010 die Nationale Plattform Elektromobilität. Er ist außerdem Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

Kagermann: Das ist zu kurz gedacht. Auch wenn noch Fortschritte in Reichweite und Ladegeschwindigkeit kommen, werden auch in 20 Jahren rein elektrische Autos ein Baustein im Mobilitätssystem unter anderen sein. Elektrofahrzeuge insgesamt sehen wir dann bei einem Anteil von 10 bis 15 Prozent des Fahrzeugbestands. Unter Elektrofahrzeugen verstehen wir neben rein batterieelektrischen Fahrzeugen auch Plug-in-Hybride und Fahrzeuge mit Range-Extender als Familienfahrzeug.

Was die angesprochene Reichweite betrifft: Heute gelten etwa 160 Kilometer als Richtwert für vollelektrische Fahrzeuge; Fortschritte mit der derzeitigen Batterietechnologie machen 200 Kilometer realistisch. Zugleich werden die Ladezyklen dank Schnellladetechnik erheblich kürzer werden.

ZEIT ONLINE: Sie warnen die Bundesregierung davor, das Ziel von einer Million Elektrofahrzeuge im Jahr 2020 zu verfehlen. Woher kommt diese Zahl, wie wichtig ist sie?

Kagermann: Wir haben keine Warnung ausgesprochen, sondern empfehlen, die Marktentwicklung kontinuierlich zu beobachten, um gegebenenfalls rechtzeitig eine Entscheidung über weitere oder alternative Maßnahmen treffen zu können. Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung nicht nur Leitanbieter, sondern auch Leitmarkt für Elektromobilität werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die genannte Größenordnung sinnvoll. Auf dieser Basis hat die NPE eine gemeinsame Strategie erarbeitet. Wir haben in unserem aktuellen Bericht den Status Quo ermittelt und gute Fortschritte festgestellt – Deutschland ist auf gutem Wege.

Nationale Plattform Elektromobilität

Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) wurde im Mai 2010 ins Leben gerufen. Sie ist ein Beratungsgremium der Bundesregierung und setzt sich aus Vertretern aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Verbänden zusammen. Diese befassen sich in mehreren Arbeitsgruppen mit Schwerpunktthemen wie Antrieb, Batterietechnologie, Ladeinfrastruktur und Normung. Die Bundesregierung und die NPE verfolgen das Ziel, dass im Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge in Deutschland fahren.

Fortschrittsbericht

In ihrem gerade erstellten Dritten Fortschrittsbericht für die Bundesregierung geht die NPE davon aus, dass nach aktuellem Stand das Ziel für 2020 verfehlt wird. Mit den von der Bundesregierung angekündigten Anreizen sei nur eine Stückzahl von 600.000 Elektroautos zu erreichen, heißt es. Manche früheren Vorschläge der NPE seien noch nicht umgesetzt, darunter die Reduzierung der Kfz-Steuer für ein Zweitfahrzeug. Die NPE rät der Regierung, ihre Vorschläge konsequenter umzusetzen.

ZEIT ONLINE: Wie schlimm wäre es, wenn es 2020 doch nur – sagen wir mal – 800.000 Elektrofahrzeuge sein sollten?

Kagermann: Das hängt davon ab, wie sich die Märkte in den anderen Ländern entwickeln. Sollte die internationale Entwicklung insgesamt langsamer sein, könnte man auch mit weniger Fahrzeugen Leitmarkt sein. Sollte es schneller vorangehen, wäre die Zielmarke von einer Million eventuell sogar nach oben zu korrigieren. Derzeit fahren wir aber gut mit dem Eine-Million-Ziel.

Leserkommentare
    • raffix
    • 30. Mai 2012 10:57 Uhr

    Allerdings verwechseln Sie etwas oder verstehen es falsch.
    Natürlich "rechnen" sich E-Autos nicht. Auch Solarzellen und Windräder rechnen sich nicht im Sinne von: es ist damit billiger Strom zu erzeugen als konventionell.
    Aber genau darum geht es ja auch gar nicht. Es soll ja gar nicht billiger sein oder anders formuliert: Wäre es billiger auf diese Art Strom zu erzeugen, wären alle Menschen, die in den letzten 100 Jahren gelebt haben, unglaublich dumm gewesen.

    Das Ziel ist doch: Wir müssen weg von den konventionellen, weil wir die Erde damit zerstören und uns die Vorräte knapp werden (Öl, Kohle). Natürlich ist der Umstieg teurer (im Moment) als wenn man einfach so weiter macht wie bisher. Das sollte doch jeder leicht kapieren. Wäre es billiger umzusteigen, hätten es alle Stromkonzerne schon vor mehreren Jahrzehnten getan. Der Steuerzahler wird die Zeche zahlen, auch das ist klar. Wer denn sonst? Der Umstieg kostet Geld und er ist notwendig. Punkt.
    Lohnen tut und soll sich da nichts. Vielleicht rechnet es sich in der Zukunft, zumindest ist das die Idee, aber ob das alles klappt, weiß niemand.
    Dass wir die Welt aber zerstören und die Vorräte knapp werden, wenn wir so weiter machen, das wissen wir sicher.

    Also zusammengefasst: Der Zug rast auf den Abgrund, das Umsteuern kostet Geld. Alles richtig. Ob wir danach besser dran sind als vorher, weiß noch niemand, aber deshalb weiter auf den Abgrund zurasen (und immer erzählen E-Autos lohnen sich nicht)?!

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    Auch Solarzellen und Windräder rechnen sich nicht im Sinne von: es ist damit billiger Strom zu erzeugen als konventionell.

    Das mag im Moment noch so sein, doch da liegt die Betonung auf dem "noch". Schaut man sich die Subventionstabelle bei Wikipedia an: http://de.wikipedia.org/w... , sieht man sehr deutlich, dass die Subventionen mit 15 - 20 Cent/kWh bereits jetzt unter dem Endverbraucherpreis von konventionellem Strom (25 Cent/kWh) liegt. Tendenz stark fallend.

    Schon jetzt entfallen also all die Häuslebesitzer mit Solaranlage auf dem Dach als Auto-Stromkunden, denn es ist günstiger, den erzeugten Strom direkt ins eigene Elektroauto zu leiten, als ihn zuerst ins Netz zu schicken. Nachlassende Abnahme bei konstantem Angebot sorgt nach den Gesetzen des Marktes bekanntlich für nachlassende Preise, so dass auch der Stadtwohnungs-Mieter davon profitiert.

    Zugegeben, das ist noch nicht auf der Stromrechnung sichtbar, doch es gibt schon einen Grund, warum die Energiekonzerne gegen die (dezentralen) erneuerbaren Energien Sturm laufen und Elektroautos als Klimaschädiger brandmarken wollen.

  1. "angesichts einer Batterie-Reichweite von 150 Kilometern"

    Gut, wo finde ich die denn als Kunde, wenn ich nicht einen "alltagstauglichen" und "günstigen" Tesla-Roadster fahre, aber auch nur mit Standgas, ganz "roadster-like"?

    In Zeiten der Fukushima-Panik wurde die Energiewende das oberste Ziel, aber leider ausgerichtet an der Wählerstimme, denn am sinnvollen Maßnahmen. Nun bauen wir wieder Kohlekraftwerke und das Fernziel "Elekromobilität" soll alle Probleme lösen.
    Echte Elektroautos sind kaum ausgereift und über die Umweltprobleme mit Akkus etc. macht sich auch kaum jemand Gedanken, es passt ja auch nicht ins Planspiel derer die mit der "grünen" Wirtschaft, und sei es als Berater, richtig Geld verdienen oder als Politiker, der sich immer gern im Lichte des "Guten" und "Grünen" sonnt.
    Und die Hersteller? Die labeln "grün" und setzen z.T. auf Hybrid. Das verkauft sich gut, mit satten Aufpreisen.

    Vielleicht sollten wir die Technik des Ottomotors weiter verbessern, den Verbrauch senken, und nicht jedes Mal das neue Modell aufpumpen und mit PS aufrüsten. Der 3 L Lupo war die richtige Richtung, der war nur leider viel zu teuer und nicht gewollt, ein Golf spielt Gewinne ein..

    Und liebe ZEIT, wenn schon ein Interview, dann möchte ich schon wissen wer Herr Kagermann ist, wer ihn bezahlt und ggf. welche Lobbyarbeit er verrichtet. "Experten" gibt es zuhauf, der Leser möchte schon wissen wer sich äußert.

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    ... bezeichnen Sie E-Autos wie den i-MiEV als nicht ausgereift, preisen aber ausgerechnet den Lupo als richtige Richtung?

    Beide sehen absolut häßlich aus, aber ansonsten sind sie sich doch sehr ähnlich: 12 kWh Strom vs. im besten Fall 3l Diesel jeweils auf 100 km.

  2. Auch Solarzellen und Windräder rechnen sich nicht im Sinne von: es ist damit billiger Strom zu erzeugen als konventionell.

    Das mag im Moment noch so sein, doch da liegt die Betonung auf dem "noch". Schaut man sich die Subventionstabelle bei Wikipedia an: http://de.wikipedia.org/w... , sieht man sehr deutlich, dass die Subventionen mit 15 - 20 Cent/kWh bereits jetzt unter dem Endverbraucherpreis von konventionellem Strom (25 Cent/kWh) liegt. Tendenz stark fallend.

    Schon jetzt entfallen also all die Häuslebesitzer mit Solaranlage auf dem Dach als Auto-Stromkunden, denn es ist günstiger, den erzeugten Strom direkt ins eigene Elektroauto zu leiten, als ihn zuerst ins Netz zu schicken. Nachlassende Abnahme bei konstantem Angebot sorgt nach den Gesetzen des Marktes bekanntlich für nachlassende Preise, so dass auch der Stadtwohnungs-Mieter davon profitiert.

    Zugegeben, das ist noch nicht auf der Stromrechnung sichtbar, doch es gibt schon einen Grund, warum die Energiekonzerne gegen die (dezentralen) erneuerbaren Energien Sturm laufen und Elektroautos als Klimaschädiger brandmarken wollen.

  3. Selbst dann ist ein E-Auto sinnvoll, da es Mobilität ohne Erdöl gewährleistet.

  4. ... seine Haushaltsstromrechnung nicht bezahlen kann, kann sich auch kein Auto leisten. So einfach ist das.

  5. ... bezeichnen Sie E-Autos wie den i-MiEV als nicht ausgereift, preisen aber ausgerechnet den Lupo als richtige Richtung?

    Beide sehen absolut häßlich aus, aber ansonsten sind sie sich doch sehr ähnlich: 12 kWh Strom vs. im besten Fall 3l Diesel jeweils auf 100 km.

    • riciru
    • 30. Mai 2012 12:16 Uhr

    ... immer nicht herrlich mit anzusehen, wie mit pseudosachargumenten die eigene meinung vertreten wird.

    es ist bedauerlich zu lesen, wie schon wieder das e-auto schlecht gemacht wird.

    ich schreibe hier genau 2 dinge.

    1) mein gsm handy, welches damals die meisten als unsinn und unbrauchbar betrachteten

    2) mein ipad, wo mir gepostet wurde - es werden ca. 3 millionen apple jünger kaufen und das wars dann

    und wissen sie was 3) sein wird - genau, mein e-auto, welches ich mir noch nicht leisten kann, aber es wird kommen.

    und

    4) leider habe ich nicht die möglichkeit solarzellen zu montieren, aber viele deutsche habens und die haben gerade zu pfingsten 22.000 megawatt - also soviel wie 20 atomkraftwerke ins netz gepumpt.

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    • tobmat
    • 30. Mai 2012 12:30 Uhr

    zu 4) 22 Gigawatt machen schon was her. Können sie uns auch noch verraten wieviel davon ins ausland geflossen ist und zu welchem Preis?
    Da wir solche Mengen Strom in Deutschland gar nicht benötigen wahrscheinlicgh weit unter Herstellungskosten. Die Ksoten zahlen wir dann noch zusätzlich zu den Subventionen. Wenn wir z.Bsp. unseren eigenen Solarstrom teuer aus österreichischen Pumpspeicherwerken kaufen dürfen, den wir ihnen vorher praktisch geschenkt haben.

  6. Nun letztlich geht es wohl kaum um Umweltschutz als vielmehr um die Schaffung eines neuen Marktes mit neuen 'innovativen' Produkten, die man kaufen muß, weil es eben alternativlos ist. Elektroautos brauchen Rohstoffe. Diese müssen (in politisch heiklen und abwegigen Regionen) gewonnen und unter Verwendung von Energie verarbeitet werden. Elektroautos ben. Infrastruktur, müssen gewartet und repariert werden, aufgrund ihrer ausufernden Elektronik intensiver als ein auf das wesentliche reduziertes Automobil mit spartanischer Technik. Der Strom zum Betreiben eines Elektromobils muß erzeugt und weitergeleitet werden. Beides ist ohne Eingriffe in die Umwelt nicht zu haben.

    Eine rein ökologische Fortbewegung wäre das Laufen. Das dies in hochproduktiven, zeitabhängigen Systemen nicht mehr alleinige Fortbewegung sein kann, ist logisch. Das Automobil existiert und es wird ein wesentlicher Grundbaustein auch zukünftiger Mobilität bleiben. Allerdings ist die Zeit großer, schwerer und spritfressender Fahrzeuge vorbei. Leichte, verbrauchsarme, funktionale, robuste, kleine, reparaturfreundliche und voll recyclebare Fahrzeuge mit Verbräuchen <3L sind die Zukunft.
    Und natürlich noch etwas: der möglichst lange Betrieb eines Fahrzeugs - derzeit die ökologischste Form der Mobilität! In meiner Familie befinden sich drei > 20 bzw. 25 Jahre alte Fahrzeuge. Technisch einwandfrei und fit für die nächsten 30 Jahre. Das ist weder dreist noch frech sondern schlichtweg ökologisch und nachhaltig! ;)

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