Die Klimaanlage ist im Auto längst kein Luxus mehr, sondern gehört selbst in gemäßigten mitteleuropäischen Breiten zur Standardausstattung. Und: Von den rund 43 Millionen in Deutschland zugelassenen Personenfahrzeugen geraten pro Jahr zwischen 30.000 und 40.000 Stück in Brand. Zwischen beiden Fakten besteht im Grunde nicht der mindeste Zusammenhang. An ihnen entzündet sich allerdings die Diskussion um R1234yf , das neue Kältemittel für Autoklimaanlagen. Es soll auf Beschluss der EU in den kommenden Jahren das bislang verwendete Mittel, Fluorkohlenwasserstoff R134a, ersetzen.

Die EU hat vor allem den Klimaschutz im Blick. Da kann das neue Mittel gegenüber dem bisher verwendeten Gemisch punkten: Ein Kilogramm R1234yf trägt erheblich weniger zur Klimaerwärmung bei als ein Kilogramm R134a (siehe Infokasten). Doch mit dem neuen Stoff verbinden sich Gefahren anderer Natur. Im Gegensatz zum bisherigen Kältemittel ist R1234yf unter atmosphärischen Bedingungen brennbar und setzt bei starker Hitze ätzende Flusssäure (Fluorwasserstoffsäure) frei, die in bestimmter Konzentration den Menschen irreversibel schädigen kann.

Gefährliche Mengen der Substanz können sich bilden, wenn R1234yf auf Entzündungsquellen, beispielsweise auf offene Flammen oder heiße Oberflächen trifft. Zu diesem Ergebnis kommen Experten vom Bundesamt für Materialforschung (BAM), die das neue Kältemittel im Auftrag des Bundesumweltamtes untersucht haben. Bei einem Fahrzeugbrand sei die Bildung von Fluorwasserstoff zu erwarten, heißt es in dem Bericht.

Als grundsätzlichen Einspruch gegen R1234yf wollen die Materialprüfer den Bericht allerdings nicht verstanden wissen. "Die Entscheidung für das neue Kältemittel in der Autoindustrie war eine politische Entscheidung, und aus politischen Entscheidungen halten wir uns heraus", sagt BAM-Sprecherin Ulrike Rockland. Das Gutachten zeige vielmehr die Problematik auf und sei eine Aufforderung an die Automobilhersteller, die Gefahren für jedes Fahrzeug intensiv zu analysieren und spezifische Lösungen zu entwickeln, mit denen Risikoquellen im Zusammenhang mit R1234yf ausgeschaltet werden können.

Autobauer zögern Einsatz des neuen Mittels hinaus

So schlagen die Materialforscher zum Beispiel vor, heiße Oberflächen im Motorraum konsequent abzuschirmen und dort ein automatisches Löschsystem einzubauen. Ferner sollten die Autobauer Sperren entwickeln, die ein Einleiten von Flusssäure in den Passagierraum im Gefahrenfall unmöglich machen, und Vorkehrungen treffen, die im Falle eines Unfalls die Funkenbildung verhindern.

Vor allem deutsche Autohersteller gehen im Moment noch einen anderen Weg: Sie verzichten bislang auf R1234yf. Autos, die ihre Typengenehmigung vor dem 1. Januar 2011 erhalten haben, können noch mit dem alten Kältemittel auf den Markt gebracht werden. Seit diesem Stichtag ist laut Kraftfahrtbundesamt eine auffallende Zurückhaltung der Hersteller zu beobachten. Im ersten Quartal 2012 ging kein einziger Genehmigungsantrag bei der Behörde ein, im gesamten Jahr 2011 wurden gerade mal drei neue Genehmigungen erteilt. 2010 dagegen hatte das Kraftfahrtbundesamt noch 95 neue Typen genehmigt – 47 davon im vierten Quartal und damit kurz vor dem von Brüssel verordneten Umstellungsdatum.

Die Premiere des neuen Mittels bei deutschen Fabrikaten steht noch aus. Mit der Kommunikation zum Thema tut man sich außerdem schwer. Wann beispielsweise das erste VW-Modell mit 1234yf vorfahren wird, will man in Wolfsburg "aus Wettbewerbsgründen" noch nicht verraten. Derweil haben Mazda , Hyundai und Subaru in den vergangenen Monaten erste Modelle mit dem neuen Gasgemisch auf die europäischen Märkte gebracht, ohne großes Aufheben darum zu machen.