RadverkehrsförderungWas Radler vom Nationalen Radverkehrsplan erwarten

Der Radverkehr in den Städten nimmt gewaltig zu, doch der Wege-Ausbau stockt. Der neue Radverkehrsplan der Bundesregierung könnte eine Initialzündung sein. von Andrea Reidl

Eine Nachricht in den Regionalzeitungen ließ kürzlich Münchens Radler aufstöhnen. Der Bau dreier wichtiger Radwege durch die Stadt wird zum dritten Mal um ein Jahr verschoben. Das Radverkehrsnetz der bayerischen Hauptstadt bleibt damit auch in diesem Sommer ein Flickenteppich.

So wie in München geht es derzeit vielen Radfahrern in deutschen Städten. Pläne für den Ausbau des Radwegenetzes liegen allerorten in den Schubladen und warten darauf, umgesetzt zu werden. Mal fehlt Geld, mal der politische Wille. Die Hoffnung der Radverkehrsförderer ruhen auf dem neuen Nationalen Radverkehrsplan (NRVP) 2020. Er wird – wenn das Bundeskabinett den Empfehlungen des von Verkehrsminister Peter Ramsauer ( CSU ) berufenen Expertengremiums folgt – für die Städte ein Strategiepapier, das genau festlegt, in welchem Umfang und Zeitraum sie ihr Radwegenetz ausbauen sollen.

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Offen ist allerdings, ob das Kabinett und später der Bundestag für die Umsetzung ein Budget nebst Personal genehmigen wird. Die Experten fordern das ein. Nur dann könne der NRVP 2020 zur Initialzündung für ein besseres Radwegenetz in Deutschland werden. Noch ist der Ausgang ungewiss.

Verkehrsexperten von ADAC wie ADFC sind sich einig: Ein Verkehrskonzept wie der NRVP 2020 ist in Deutschland längst überfällig. Welche Chancen eine schlüssige Radinfrastruktur dem gesamten mobilen Alltag bietet, zeigt ein Blick nach Nordrhein-Westfalen . Dort werden viele Empfehlungen der Experten schon umgesetzt. Längst hat sich im bevölkerungsreichsten Bundesland die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit dem demographischen Wandel eine neue Mobilitätskultur entstehen muss.

Radverkehrsplan

Der erste Nationale Radverkehrsplan (NRVP) wurde im Jahr 2002 von der rot-grünen Bundesregierung initiiert. Das erklärte Ziel war, den Radverkehr in Deutschland zu fördern. Das große Manko des Plans lag in seiner Unverbindlichkeit. Die Verfasser hatten weder Fristen noch Ziele benannt, bis wann und wie die Städte die Radwegeinfrastruktur verbessern sollten. Außerdem fehlte eine klare Vorgabe, welcher Radanteil überhaupt erreicht werden sollte. Radverkehrsförderer kritisierten, dem NRVP fehle der politische Wille und ohne Budget jeglicher Handlungsspielraum.

Erfolge

Seit 2008 werden über den NRVP nicht-investive Maßnahmen mit drei Millionen Euro jährlich unterstützt. In diesem Rahmen wurde im Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) die Fahrradakademie eingerichtet, die wichtigste Errungenschaft des NRVP. Damit gibt es erstmals ein Institut, das Fortbildungen und Fachexkursionen im Bereich Radverkehrsplanung organisiert und Experten eine Plattform bietet, um sich regelmäßig auszutauschen. Außerdem wurde ein Portal zum NRVP aufgebaut sowie der Bund-Länder-Arbeitskreis "Fahrradverkehr" eingerichtet.

Neuer NRVP

Seit 2011 wird der NRVP weiter entwickelt. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer berief ein Expertengremium, um Empfehlungen zum neuen NRVP 2020 zu erarbeiten. Die Fachleute empfehlen, den NRVP 2020 zu einem Strategiepapier und Handlungsprogramm zu machen, das klare Ziele für den Ausbau des Radverkehrs benennt und ein angemessenes Budget erhält. Noch vor der Sommerpause wird wahrscheinlich das Bundeskabinett den neuen NRVP beschließen. Anschließend muss er vom Bundestag verabschiedet werden.

Bereits jetzt bietet das Rhein-Ruhrgebiet seinen Bewohnern gute Rahmenbedingungen. Es gibt mehr als 23.000 Kilometer ausgeschilderte Radwege und 70 Radstationen zum Parken und Reparieren von Rädern. Die eingerichtete Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Städte, Gemeinden und Kreise (AGFS) setzt seit Jahren innovative Radkonzepte um und berät Politik und Verwaltung. Die AGFS ist Mittler und Botschafter. Mit ihrer Hilfe will das Land den Radverkehr weiter steigern, denn Nordrhein-Westfalen führt seit Jahren mit großem Abstand auch die ADAC-Staustatistik an. 60.000 Staus waren es im Jahr 2011.

Deshalb sollen hier zukünftig verstärkt Radfahrer und Fußgänger gefördert werden. Im Frühjahr hat die Landesregierung einen Aktionsplan vorgelegt, der die Planer verpflichtet, Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichrangig zu behandeln. Das heißt: Die Straße ist für alle da. Wo viele Radler und Fußgänger unterwegs sind, werden ihre Wege breiter, auch zulasten der Autofahrer. Der Unterschied: Bisher werden neue Straßen nach der erwarteten Autoverkehrsdichte ausgelegt – und was an Platz übrig bleibt, müssen sich Radfahrer und Fußgänger teilen.

Leserkommentare
  1. ... muss in Deutschland wieder mal neu erfunden werden.
    Die Umsetzung werde ich wohl nicht mehr erleben. Es sei denn ein Tornado oder ein erdbeben zerstören die jetzige Infrastruktur.
    Dabei müssten wir nur nach den Niederlanden gucken !
    Aber ich höre schon wieder die berühmten Sätze der deutschen "Experten": "Leider auf unsere Verhältnisse nicht übertragbar !"

    10 Leserempfehlungen
  2. einführen, dann sinkt auch der Anteil der Radfahrer wieder, und wir können uns die kostspieligen Ausbauten sparen! (falls der Helm allein nicht reicht kann man ja noch irgendwelche Protectoren einführen bis Radfahrer Aussehen wie neuzeitliche Ritter)
    Mann muß sparen wo man kann! Und das schöne am Helm ist er belastet nicht die öffentlichen Kassen. Ist also ganz Zeitgeist.

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    • worse
    • 10. Mai 2012 19:32 Uhr

    Es gibt Statistiken/Studien die bezeugen, dass eine Helmpflicht für mehr Fahrradunfälle sorgt, habe ich vor einiger Zeit gelesen. Psycholgie, denn mit Helm fühlt man sich sicherer (was nicht stimmt!!) und neigt zu unvorsichtigerem Rad fahren.

  3. sondern ein gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedenen Verkehrsarten.
    Und das bedeutet zuerst einmal: die schnellen, schweren Verkehrsteilnehmer haben sich an die langsameren, ungeschützteren anzupassen, sie müssen runter mit dem Tempo und (als "ruhender Verkehr") raus aus den Straßen.

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    "die schnellen, schweren Verkehrsteilnehmer haben sich an die langsameren, ungeschützteren anzupassen, sie müssen runter mit dem Tempo und (als "ruhender Verkehr") raus aus den Straßen"

    ...hilft doch niemandem. Ein Autofahrer ignoriert idR Fahrradfahrer ja nicht aus Bösartigkeit, zu verlangen er solle nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren ist aber genauso unsinnig. Und die parkenden Autos müssen nunmal auch irgendwohin.

    Städte sind halt dicht besiedelte Gebiete und die Bewohner haben unterschiedliche Notwendigkeiten und Ansprüche, wenn man aber vom Land in die Stadt mit dem Auto pendelt, wird auch wieder nicht gern gesehen. Jeder solle am besten neben seiner Firma wohnen, alles andere sei Luxus, ist ja momentan eine beliebte Forderung.

  4. 4. Pff...

    Leider wird es nicht reichen, schöne neue Radwege zu bauen, wenn diese dann eh wieder von Autofahrern zugeparkt werden. "War soch nur schnell Brötchen holen" - immer wieder gerne gehört, aber was bringt mir das als Radfahrer, wenn ich dafür runter vom Radweg muss? Und bei tausenden Autofahrern, die alle mal nur kurz was erledigen müssen, ist so ein Radweg eben immer zugeparkt.

    Besonders hübsch und auch schon mehrfach gesehen: Autos mit Rädern auf dem Dach/am Heckträger, die Radwege zuparken. Oder letzte Woche: auf dem Radweg geparkt, in den Fahrradladen zum Einkaufen gegangen. Vielleicht brauchen wir auch einfach mehr Menschen, die mal ihr Hirn einschalten.

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    • Spez
    • 10. Mai 2012 10:49 Uhr

    Sie haben vollkommen Recht. Die einzige Chance ist die ganze Seite mit Parkplätzen abzutrennen. Dies gibt es in Düsseldorf beispielsweise auf einer kurzen Strecke, da ist der Weg mit Pfeilern abgesperrt. Dann müssen Sie nur noch auf Fußgänger achten für die meist die Straße erst hinter dem Radweg beginnt;)
    Aber noch besser finde ich das Konzept in den Niederlanden. Breite Radwege, Radfahrerampeln und Niveauunterschied zwischen Fußgänger- und Radweg.

  5. "Bereits jetzt bietet das Rhein-Ruhrgebiet seinen Bewohnern gute Rahmenbedingungen. Es gibt mehr als 23.000 Kilometer ausgeschilderte Radwege und 70 Radstationen zum Parken und Reparieren von Rädern.", so wurde es hier im Artikel beschrieben.

    Von guten Rahmenbedingungen kann keine Rede sein. Als Bewohner des Ruhrgebietes kann ich mir ein Urteil darüber erlauben. Die Zahlen täuschen darüber hinweg, dass es zusammhängende Radwege, die mehrere Städte miteinander verbinden nicht gibt. Es gibt hier einen Radweg und dort einen Radweg. Wenn der eine Radweg gepflegt wird, werden zwei dafür vernachlässsigt, weil das Geld und die Lobby hierfür fehlt.

    Schon seit Jahren wird darüber gestritten, ob der Radschnellweg zwischen Duisburg und Dortmund umgesetzt werden kann, obwohl dieser sehr wohl den Autoverkehr entlasten würde. Schon allein dadurch, dass viele dann den Umstieg aufs motorisierte Fahrrad als sinnvolle Alternative ansehen würden. Heute heißt es immernoch, runter vom Radweg und rauf auf die Straße, dann wieder rauf auf den Radweg. Ein zusammenhängendes Konzept wie in den Niederlanden gibt es nicht.

    Dort existiert zwischen Enschede und Hengelo eine Art "Fahrradautobahn". Bekannt auch als F35 Fahrradschnellweg. Dort haben Radfahrer eine eigene "Straße für sich", die sogar in Zukunft ausgebaut werden soll. Dafür investieren die Niederlande rund 100 Mio. Euro. Wir sollten uns dies als Vorbild nehmen.

    Quelle:
    http://www.wdr.de/tv/west...

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    • Spez
    • 10. Mai 2012 10:51 Uhr

    Die Ambition ist in NRW vorhanden, aber in der Realität zuwenig umgesetzt. Wobei ich vor kurzem sehr positiv überrascht über das Radwegenetz in der Mönchengladbacher Innenstadt war. Zwar stellenweise schmal, aber doch recht schlüssig aufgebaut unter den gegebenen Umständen.

    • Karl63
    • 10. Mai 2012 9:34 Uhr

    alleine es fehlt der rechte Glaube, dass ein Beschluss in Berlin rasche Besserung für Radfahrer in Ballungsgebieten bringt.
    Nur einmal so als Beispiel: es gibt inzwischen ein Gesetz welches für die Zukunft eine Mindestanzahl von Betreuungsplätzen für Kleinkinder vorschreibt. Eigentlich absolut überfällig, aber in der Realität bleibt der Ausbau deutlich hinter den Vorgaben zurück: nicht genügend Geld, nicht genügend Fachpersonal etc.
    Da kann man in Berlin noch so schöne Pläne / Vorgaben für das Radwegenetz erstellen, solange unklar bleibt wer den Ausbau dann letztlich auch bezahlt, ist der Nutzen eher fragwürdig. Eine andere Hürde stellt ganz eindeutig die dichte Bebauung unserer Ballungsgebiete dar: dort wo Radwege wirklich fehlen, ist auch nicht unbedingt Platz um welche zu bauen. Hier in Frankfurt gibt es entlang der Bockenheimer Landstraße sogar einen (!) Radweg der gegen Zuparken mittels Betonschwellen gesichert ist - wirkungsvoll aber...
    Ein ganz besonders heikler Punkt ist der in dem Artikel angesprochene Winterdienst. In Frankfurt bemüht man sich durchaus darum, auch die Radwege frei zu halten, aber ich hebe es leider schon oft genug erlebt, dass diese sich im Winter in eine nicht ganz ungefährliche Eisfläche verwandeln.
    Trotzdem die Radler/-innen sind dabei, die Stadt zurück zu erobern, langsam aber stetig.

    7 Leserempfehlungen
    • Peip
    • 10. Mai 2012 9:35 Uhr

    IN HH sind Radfahrer als Verkehrsteilnehmer nicht gewollt. Ausgebaut und wüst beschildert werden Ausflusgsstrecken in den Park, für tägliche Bedürfnisse wird nichts getan.

    Dass jede Baustelle ihr Material einfach auf dem Radweg lagern darf, zeigt schon die Reihenfolge.

    Meiner Ansicht nützen ohne nur Radspuren auf der Straße. Fussgänger haben leider keinerlei Antenne für einen Radweg und sind - ohne böse Absicht - extrem sorglso

    13 Leserempfehlungen
  6. Ob der Radweg denn unbedingt beleuchtet sein muss weiß ich nicht, aber es wäre schon gut wenn viele Radwege nicht mehr so an Asphaltierte Crossstrecken erinnern würden.

    Teilweise wird da auch wirklich Geld zum Fenster hinausgeworfen, wenn man eine normale Überlandstraße mit einem Fahrradstreifen versieht der nach zwei/drei Jahren langsam zur Huckelpiste mutiert und vielleicht 10 mal am Tag benutzt wird.

    Da würde ich mich eher darüber freuen wenn man das Geld an der Stelle lieber spart und den Autofahrern klar macht, dass die Strasse nicht nur für sie gebaut wurde.

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    ich wäre schon froh wenn die Höhenübergänge bei Ausfahrten und Kreuzungen so ausgeführt werden, das man nicht jedesmal einen Hammerschlag versetzt bekommt

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte ADAC | Bundesregierung | CSU | SPD | Bundeskabinett | Peter Ramsauer
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