Was für ein komisches Gefühl, wenn man auf dem Duofront-Motorrad fährt und in eine Biegung steuert. Das Bike legt sich in die Kurve, dabei bewegen sich die Trittbretter. Beim Lenken drehen sich die beiden Vorderräder nicht nur, sie neigen sich auch. Der Vespa-Prototyp mit dem Doppelfront-Prinzip – zwei Räder vorn, eins hinten – ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, doch nach ein paar Runden fährt man damit wieselflink um die Kehren. Dank seiner zwei Vorderräder kann das Vehikel praktisch nicht wegrutschen. Wenn man über eine Bodenwelle fährt, hebt sich das jeweilige Rad samt Trittbrett in die Höhe.

Die ungewöhnliche Vespa gehört dem Auto- und Technik-Museum Sinsheim und ist ein Höhepunkt der Ausstellung 66 Jahre Vespa , die dort noch bis zum 4. November zu sehen ist. Der dreirädrige Exot ist nicht etwa eine kuriose Erfindung, die sich italienische Ingenieure nach dem dritten Glas Chianti ausgedacht haben. Der schwäbische Ingenieur Wolfgang Trautwein hat das Fahrzeug Mitte der achtziger Jahre entwickelt. Es entstanden zwei Prototypen der Duofront-Vespa.

Trautweins Motivation war der Sicherheitsgewinn. "Motorräder sind wunderbar, aber zu gefährlich. Sie brauchen mehr Bodenhaftung", sagte Trautwein einmal. "Gibt man ihnen aber drei oder vier Räder, so verlieren sie ihr Bestes, nämlich das Wiegen durch die Kurven." Darum erfand er das Duofront-Prinzip: Die beiden Vorderräder sind durch einen Parallelogramm-Hebelmechanismus so miteinander verbunden, dass sich das Fahrzeug in die Kurve legt wie ein Zweirad. So bleibt eine Duofront gelenkig wie ein Motorrad, bietet aber mehr Bodenhaftung und Fahrsicherheit.

Jahrzehntelanges Tüfteln

Trautwein, 1932 in Stuttgart geboren, tüftelte schon während seiner Werkzeugmacherlehre und seines Maschinenbau-Studiums in den 1950er Jahren an seinem ersten Prototypen und baute dafür ein gebrauchtes Norton-Motorrad um. Das Ergebnis sah nicht gerade elegant aus. Der Fahrer saß in einer Art offener Kabine, ein gewaltiger Lufteinlass an der Front und darunter angebrachte Scheinwerfer verliehen dem Dreirad eine fast furchteinflößende Optik.

Das erste Trautwein-Motorrad geriet schnell in Vergessenheit, und auch der Ingenieur selbst widmete sich anderen Aufgaben. Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Stuttgart ging Trautwein in die USA und verschrieb sich der Raumfahrt. Er entwickelte Bauteile für Raketen und Satelliten und arbeitete an Fahrwerken für Mond- und Marsfahrzeuge.

Während seiner Raumfahrt-Jahre entwickelte Trautwein seine Duofront-Räder stets weiter. Von 1976 bis zu seinem Tod im Jahr 1988 beriet er verschiedene Motorradhersteller. Neben dem Vespa-Roller konstruierte er unter anderem einen Doppelfront-Roller für Honda und eine Harley-Davidson mit Duofront-Prinzip. Trautwein war Inhaber von 25 Patenten und verkaufte mehreren Firmen die Lizenzrechte an seiner Technik. Zwei seiner Prototypen sind in der Sonderausstellung des Museums Sinsheim zu sehen.

Erste Duofront-Vespa kam 2006 auf den Markt

Der große Durchbruch in der Motorradbranche blieb Trautwein allerdings verwehrt – auch wegen seines frühen Todes. Erst 2006 nahm der Vespa-Bauer Piaggio ein Duofront-Modell ins Programm. Die MP3 300 erlaubt Schräglagen bis zu 40 Grad, die Variante LT darf trotz des 278 Kubikzentimeter großen Motors mit einem Autoführerschein gefahren werden. Das liegt an der breiteren Spur der LT-Version und der zusätzlichen Fußbremse: Beides macht die MP3 300 LT zu einem zweispuriges Kraftfahrzeug, für das die Führerscheinklasse B genügt. Helm tragen ist allerdings Pflicht. Der knapp 23 PS starke Viertakt-Motor treibt das Dreirad auf bis zu 118 Kilometer pro Stunde.

Piaggio hat seine MP3-Serie weiter ausgebaut, mittlerweile gibt es vier verschiedene Modelle. Eins davon ist sogar mit Hybridantrieb unterwegs und kann bis zu einem Tempo von maximal 30 Kilometer pro Stunde rein elektrisch fahren. Dann fällt das Gefährt gleich zweimal auf: mit seinem nur leise surrenden Elektromotor und mit seinen Doppelvorderrädern.