Die Sonne brennt an diesem Sonntagnachmittag am Bahnhof von Winsen (Luhe) auf acht bunt behelmte Kinderköpfe. Während die Kinder mit ihren Rädern gut gelaunt auf Bahnsteig 3 stehen, mustern ihre Eltern besorgt die übrigen 20 Radler. Nach dem langen Himmelfahrt-Wochenende wollen alle zurück nach Hamburg . Doch der Platz im Fahrradabteil ist begrenzt. "Ob er reicht", scheinen die skeptischen Blicke der Erwachsenen zu fragen. Dann fährt der Metronom ein – und alle atmen erleichtert auf. Es gibt zwei Veloabteile. Der Einstieg ist ebenerdig, selbst bepackte Räder und Kinderanhänger können hinein geschoben werden. Nach zwei Minuten fährt der Wagen pünktlich weiter.

So harmonisch enden Fahrradtouren eher selten. Staus auf Bahnsteigen gehören für Radausflügler mittlerweile fast ebenso zur An- und Abreise wie für Autofahrer der Stau zur Reisezeit auf der A 1. Für Ausflüge und Urlaubsreisen nutzen Radler von Frühjahr bis Herbst zunehmend gern den Nah- und Fernverkehr. Von den 37,9 Millionen Deutschen, die 2010 einen Tagesausflug per Rad machten, nahmen laut der Trendscope Radreisen-Marktstudie 19 Prozent die Bahn für die An- und Abreise. Noch höher ist die Quote bei den 4,9 Millionen Deutschen, die laut der Studie ihren Urlaub auf dem Rad verbrachten: Ein Viertel davon nutzte die Bahn.

Einige Verkehrsverbünde rüsten auf, doch nicht immer reicht der Platz. Experten kritisieren vor allem das Angebot der Deutschen Bahn: Im Fernverkehr sind die schnellen ICEs für Radfahrer grundsätzlich tabu. Sie müssen auf ICs ausweichen. Doch auch dort sind die Plätze rar und müssen reserviert werden. Dabei ist der Radtourismus seit Jahren eine wichtige, kontinuierlich wachsende Größe. Was das heißt, kann jeder am Wochenende an den Bahngleisen erleben.

Privatbahnen flexibler

Kündigen die Meteorologen ein Hoch an, geht es bereits am späten Freitagnachmittag los. Dann stehen Berufspendler und Radler dichtgedrängt in den Nahverkehrszügen, die beispielsweise von Köln in die Eifel rollen und von Berlin in Richtung Usedom . "In Berlin hat der RE 3 Richtung Norden freitags oft erhebliche Verspätungen, weil Radfahrer und Berufstätige in den Mehrzweckwagen nicht genug Platz finden", sagt Matthias Oomen, Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn . Wer Pech hat, bleibt stehen und wartet auf den nächsten überfüllten Zug.

Die Fahrradmitnahme in Zügen ist ein saisonales Geschäft und oft schlecht kalkulierbar. "Die Nachfrage ist zu bestimmten Zeiten größer als das Angebot", sagt Wolfgang Richter, Tourismusreferent in der Bundesgeschäftsstelle des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Die Deutsche Bahn erweitert ihr Angebot für Radfahrer während der Saison allerdings nicht systematisch, sondern eher punktuell. So fahren auf der Strecke Eisenach-Halle samstags und sonntags Doppelstockzüge mit Mehrzweckabteilen, und die von der DB-Tochter RegioNetz betriebene Kurhessenbahn bietet an Sonn- und Feiertagen sogar 65 Stellplätze je Fahrradzug an.

"Deutlich flexibler reagieren die Privatbahnen", sagt Pro-Bahn-Sprecher Oomen. Vor allem die Nordwestbahn und die Metronom-Eisenbahngesellschaft schaffen von März bis Oktober in ihrem Gebiet flächendeckend mehr Platz für Radler. Metronom setzt auf den hoch frequentierten Radreiserouten im Hansenetz jeweils einen Extrawagen pro Zug für Veloreisende ein. Das bezieht sich auf das Gebiet Hamburg, Bremen , Lüneburg und Uelzen sowie auf die Strecke Göttingen-Hannover-Uelzen. Mehr als 30 Fahrräder finden in diesem Extrawagen Platz, zehn weitere in den Steuerwagen sowie jeweils zwei Räder im Ein- und Ausstiegsbereich.

Direktverbindung nur auf Nachfrage

Oomen kritisiert das kümmerliche Angebot der Deutschen Bahn: "Regionalzüge sind das Auffangbecken für den Fahrradverkehr." Die Bahn selbst biete bloß ein löchriges Netz mit wenigen Direktverbindungen. Dabei sei die Nachfrage vorhanden, sagt Oomen. Als Beleg hierfür nennt er Hunderte Beschwerden, die sein Verband jedes Jahr erhalte. "Die Fahrradmitnahme in Zügen der Deutschen Bahn ist im Fernverkehr absolut mangelhaft", sagt er. Radfahrer seien nicht die Zielgruppe der Deutschen Bahn.

Dem widerspricht eine Sprecherin der Bahn. "Radfahrer sind eine sehr interessante Zielgruppe für uns", sagt sie. In jedem Intercity stelle das Unternehmen 8 bis 16 Stellplätze bereit. Die Bahn findet: Das reicht. "Die Auslastung ist sehr saisonabhängig", erläutert die Sprecherin. "Juni und Juli sind die Spitzenmonate." Ansonsten seien die Sommerferien nicht Bahnhauptreisezeit.

Untersuchungen zur Auslastung der Fahrradabteile oder Erhebungen über Anfragen auf bereits gebuchte Stellplätze kennt die Sprecherin allerdings nicht. Recherchen zeigen: Insgesamt hat die Bahn im vergangenen Jahr 262.200 Räder im Fernverkehr transportiert plus zusätzlich 39.858 in den "CityNightLine"-Zügen. Angesichts der rund 1,2 Millionen Radurlauber, die laut Trendscope für An- und Abreise auf die Bahn zurückgreifen, ist das wenig.

Radausflügler setzen auf neue ICx-Züge

Radfahrer beschleicht immer wieder das Gefühl, dass das Interesse der Deutschen Bahn an dieser Zielgruppe gering ist. Das zeigt etwa das Angebot auf der Strecke Nürnberg-Dresden. Wer mit seinem Velo in der Bahn von Mittelfranken an die sächsische Elbe reisen will, wundert sich beim Fahrkartenkauf. Offiziell gibt es keine Direktverbindung für Radfahrer – jedenfalls ist sie nicht im Fahrplanaushang verzeichnet oder online aufrufbar. Dabei verkehrt sie fast stündlich. Nur wer telefonisch oder am Schalter eine Direktverbindung mit Fahrradmitnahme verlangt, erhält problemlos Tickets.

Der Unterschied ist gravierend. Mit der Direktverbindung reist man maximal vier Stunden und 15 Minuten. Bei der online buchbaren Variante dagegen sind es zwischen fünf und neun Stunden. Umsteigen muss man mindestens ein, maximal fünf Mal. Experten vermuten, dass die Bahn das Angebot absichtlich nicht bewirbt, weil die Nachfrage dann rasant steigen würde. Schließlich ist die Strecke attraktiv: für Bayern , die den Elberadweg fahren wollen, oder umgekehrt für Sachsen , die in Bayern radeln möchten oder den Donauradweg von Passau nach Wien. Die Bahn äußerte sich auf Nachfrage nicht zu dem Sachverhalt.

Grundsätzlich sind zurzeit auf den Hauptreiserouten die Direktverbindungen für Radreisende extrem rar. Gerade einmal zwei Züge mit insgesamt 24 Stellplätzen gibt es innerhalb von 24 Stunden auf der Strecke Hamburg-München. Erst von 2013 an soll sich das Angebot im Fernverkehr für Radfahrer langsam verbessern. Die neue Generation der ICx-Züge wird dann die ICs ersetzen. Dabei sind auch neue Wagen mit je acht Fahrradstellplätzen vorgesehen, pro ICx wären dann in der Regel 16 Stellplätze verfügbar.

Ob sich damit auch der Komfort für die Radfahrer verbessert, ist ungewiss. Zurzeit müssen die Radfahrer sämtliche Taschen und Anhänger zum Ein- und Aussteigen abnehmen. Das kostet die Reisenden Zeit und bedeutet Stress. Schließlich will der IC pünktlich abfahren. Eines ist der Fahrradtransport mit der Bahn immerhin: günstig. Eine Fahrradkarte kostet 9 Euro. Europaweit kostet sie 10 Euro.