Fahrrad : E-Bike vor dem Kauf ausgiebig testen

Der Kauf eines E-Bikes oder Pedelecs hat seine Tücken. Die Reichweite des Akkus ist nur ein Kriterium. Andrea Reidl erklärt, worauf man bei der Anschaffung achten muss.

Räder mit eingebautem Rückenwind entern zurzeit eine Radgattung nach der anderen. Es gibt sie als schicke Eingangräder für die sogenannten Urban Biker, als City- oder Reiserad sowie als Mountainbike für Alpenüberquerer. 300.000 Elektrofahrräder wurden allein im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft . Stärker als bei herkömmlichen Rädern gilt es vor dem Kauf das eigene Fahrverhalten sowie den Einsatzzweck zu bestimmen. Beide sind ausschlaggebend bei der Wahl des Akkus und des Antriebs.

Im Durchschnitt geben Deutsche für ein Fahrrad rund 500 Euro aus. Für ein solides Pedelec oder E-Bike muss man mehr als drei Mal so viel anlegen. "Mindestens 1.800 Euro" empfiehlt Wasilis von Rauch, der Experte für Elektroräder vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Erst ab dieser Preisklasse seien die Räder mit ausgereiften Antriebsystemen und adäquaten Bremsen ausgestattet.

Elektrofahrräder sind Hybridfahrzeuge und somit komplexe Produkte. Anders als beim Mofa müssen beim Pedelec Fahrer und Maschine gemeinsam arbeiten , um vorwärts zu kommen. Damit das Zusammenspiel zwischen Radler und Antrieb möglichst geschmeidig funktioniert, ist es entscheidend, das richtige Rad zu finden. Dabei sind die technischen Details zunächst zweitrangig. Bevor über Reichweiten des Akkus diskutiert wird, muss der Fahrer ein Rad finden, dass seinem Einsatzzweck entspricht. Hersteller und Händler raten deshalb zu umfangreichen Testfahrten.

Mindestens 24 Stunden lang sollten die potenziellen Käufer Pedelec oder E-Bike im Feldversuch testen. In dieser Zeit sollten sie sämtliche Wege abfahren, die sie mit dem Rad zurücklegen wollen, und Kindersitze, Anhänger wie Gepäcktaschen probeweise am Rad befestigen. Dabei das Bedienen des Displays beim Fahren ausprobieren, den Akku leer fahren und seinen Wechsel testen. Auf diese Weise stellt sich schnell heraus, ob beispielsweise der Antrieb zum Alltag und dem persönlichen Fahrstil passt.

Mittelantrieb im Kommen

Mittlerweile gibt es drei verschiedene Antriebsarten. "Zurzeit sind Räder mit Mittelantrieb (Direktantrieb) im Tretlager im Kommen", sagt von Rauch. Die Räder sind sehr stabil, da die Lage des Motors in der Radmitte für einen günstigen Schwerpunkt sorgt. Der Direktantrieb lässt sich mit Ketten- wie mit Nabenschaltungen kombinieren. Allerdings ist die Kombination mit der Nabenschaltung für von Rauch keine Option. "Bei Mittelantrieben läuft der Motor immer etwas nach. Am Berg ist der Moment des Innehaltens, um die Nabenschaltung zurück zu schalten, einen Moment zu lang", erklärt er. Das stört den Tritt, außerdem verliert man Geschwindigkeit.

Bei den beiden anderen Systemen ist der Antrieb in der Vorder- oder Hinterradnabe integriert. Diese Räder sind im Allgemeinen etwas günstiger, denn der Rahmen bleibt anders als beim Direktantrieb unverändert. Außerdem sind einige Nabenmotoren mittlerweile so klein, dass sie mit Nabendynamos verwechselt werden. So outen sich diese Räder erst auf den zweiten Blick als Pedelecs, was vielen Designfetischisten gefällt.

Pedelecs mit Frontantrieb sind die Favoriten, wenn sich der Stellplatz im Keller oder in den oberen Stockwerken befindet. Ihr Vorteil ist ihre Schiebehilfe. Sie beschleunigt das Gefährt per Knopfdruck am Lenker auf bis zu 6 km/h – ohne Pedaldruck. "Selbst mit Gepäck kann man mit einem Frontantrieb Steigungen und Treppen gut hinaufschieben. Mit einem Hinterradmotor oder Mittelmotor ist das kaum möglich", sagt von Rauch.

Für lange Touren bieten viele Händler Leihakkus an

Eine der häufigsten Fragen beim Kauf eines Pedelecs oder E-Bikes ist sicherlich die nach der Reichweite des Akkus. Dabei sind die Angaben der Hersteller nur Richtwerte. Wie groß der Einfluss von Gewicht, Schaltverhalten und der gewählten Unterstützung ist, zeigen anschaulich die Testfahrten von Wolfram Hartmann, Vorstand des Fahrradhändlers Feine Räder. Die Rahmenbedingungen seiner Versuchsreihe waren immer gleich: ein Pedelec mit großem Akku (18 Ah), ein Gesamtgewicht inklusive Fahrer von 129 Kilogramm, höchste Unterstützung des Motors.

Hartmann startete die Tests in der Stadt. Mit rund vier Ampelstopps pro Kilometer kam er genau 50 Kilometer weit. Über Land schaffte er unter gleichen Bedingungen trotz bergigem Gelände 55 Kilometer. Als er die Motorunterstützung auf niedrig reduziert, steigerte sich seine Reichweite auf 90 Kilometer. 20 Kilogramm zusätzliches Gepäck reduzierte sie allerdings wieder um rund 15 Prozent. Sein Fazit: Geringes Gewicht und niedrige Motorunterstützung schonen den Akku. Experten raten außerdem früh zu schalten, und von Rauch mahnt grundsätzlich zur Fahrradpflege. "Der richtige Reifendruck und eine gut geschmierte Kette steigern die Reichweite enorm", sagt der VCD-Experte.

Hersteller schweigen oft beim Gewicht

Für Urlaubsreisen und lange Touren bieten viele Händler ihren Kunden Leihakkus an. Das lohnt sich. Schließlich kostet ein Akku zwischen 300 und 800 Euro. Von Rauch findet ein Mietsystem für Akkus zeitgemäß und angemessen. "Es kann nicht sein, dass man bei diesem Preis alle paar Jahre einen neuen Akku kaufen muss", sagt er. Viel wichtiger ist der Händlerservice für den Fall, dass das Rad streikt. Fällt der Akku oder der Motor während der Garantiezeit aus, muss häufig der defekte Akku oder das ganze Rad eingeschickt werden. Um die Zeit zu überbrücken, bieten einige Händler ihren Kunden kostenlose Ersatzräder an. Dieser Service hat sich aber noch nicht durchgesetzt.

Mehr Offenheit fordert von Rauch im Hinblick auf das Gewicht der Elektroräder. Bei herkömmlichen Fahrrädern ist das Gewicht auf jedem Infozettel verzeichnet. Anders bei den Elektrorädern. Von 585 Elektrofahrrädern, die der VCD aufgelistet hat, bekam er gerade mal für 314 Räder von den Herstellern das Gewicht genannt. Dabei kann dieses beim Kauf schnell zum Ausschlusskriterium werden.

Die meisten Räder sind nur bis zu einem Gesamtgewicht von 120 bis 130 Kilogramm zugelassen. Das ist nicht viel. Bringt das Rad 25 Kilogramm auf die Waage – wie rund ein Drittel der E-Bikes und Pedelecs, die der VCD aufgelistet hat – kann es schon für einen Kindersitz eng werden. Packt man nur 15 zusätzliche Kilo auf den Gepäckträger, darf der Fahrer rein rechtlich nicht mehr als 80 Kilogramm wiegen. "Wer so viel Geld für ein Rad ausgibt, sollte auch genau wissen, was es tragen kann", sagt von Rauch. Er fordert mehr Transparenz von den Herstellern. "Da muss dringend nachgebessert werden."

Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

die größte Tücke

bei meinen letzten zwei E-Bikes war das ich in Berlin lebe und somit eine Möglichkeit damit zu fahren fast versagt ist, da diese bereits gestohlen wurden-der Mut für ein drittes fehlt mit da ich mich nicht zum Sklaven eines sicheren Abstellplatzes machen möchte, dann nehme ich lieber das Auto wenn die Offentlichen es nicht können.

Allerdings kann ich so ein E-Bike wirklich mehr als empfehlen .

"Ihr Vorteil ist ihre Schiebehilfe"

Die Schiebehilfe ist völlig unabhängig von der Lage des Antriebes. Man bekommt sowohl Mittelmotor- (z.B. Panasonic) als auch Heckmotor-Pedelcs (z.B. Green Mover) mit Schiebehilfe. Mit Gepäck eine Steigung hinaufzuschieben (z.B. eine Metallschiene) dürfte gerade mit Frontmotor wegen mangelnder Reibung besonders schwierig sein.