Dem 21.517.415. Golf, der genau vor zehn Jahren im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg montiert wird, sieht man nicht an, dass er einen Rekord bricht. Gut, ordentliche Extras hat der silbermetallic lackierte Wagen mitbekommen: das Paket Highline mit 125-Kilowatt-V5-Motor, elektronisch geregelter Klimaanlage und Parkhilfe. Das Exemplar ist dennoch etwas Besonderes: Mit ihm überholt das Fahrzeugmodell VW Golf den Käfer als meistproduziertes Auto der Republik.

Die Nachkriegszeit ist vorbei – willkommen in der Ära der Generation Golf. Aber ist der Unterschied wirklich so groß?

Rückblende: Ferdinand Porsche erfüllt Adolf Hitler den Traum vom Massenfahrzeug für die "Volksgemeinschaft". Doch im Zweiten Weltkrieg mutiert der Volks- zum militärischen Kübelwagen. Erst mit dem Kriegsende und dem Wiederaufbau Westdeutschlands beginnt seine zivile Geschichte. Der knuffige "Käfer", wie er bald genannt wird, ist ein Wirtschaftswunder. Er läuft und läuft und läuft, macht 1955 die Million voll, 1981 die 20 Millionen. Seit 1985 wird er in Deutschland nicht mehr verkauft und zuletzt nur noch in Mexiko in kleiner Stückzahl gebaut. Bis 2003 entstehen insgesamt stolze 21.529.464 Exemplare.

Außerhalb Deutschlands wird der Beetle oder Love Bug in den sechziger Jahren mit seinem großen Bruder, dem Kleinbus Bulli, zum Fahrzeug der Flower-Power-Generation. In Deutschland bleibt das gern in gedeckten Beigetönen verkaufte Massenauto lange eher ein Spießermobil. Rebelliert in den amerikanischen Herbie-Filmen aus dem Hause Disney ein intelligentes Auto gegen gierige Autohändler und Immobilienspekulanten, fängt die deutsche Kopie Dudu bloß Verbrecher.

New Beetle steht für Möchtegerncoolness

Der Käfer steht mit seinen familiären Beziehungen zum Porsche für Wertarbeit. Das schlichte Gefährt mit Plattformrahmen und luftgekühltem Vierzylinder-Boxer im Heck wird fast sechs Jahrzehnte lang nahezu unverändert produziert. Die drastischste Änderung ist das Verschwinden des berühmten Brezel-Heckfensters 1953.

Trotz oder wegen so viel Beständigkeit: Irgendwann gilt der Käfer als cool – so cool, dass seine Hersteller 1997 einen Nachahmer hinterherschicken, den (New) Beetle. Es ist der vergebliche Versuch, den Reiz der Nachkriegskugel in das digitale Zeitalter zu retten. Charme lässt sich nicht klonen: Der Beetle bleibt ein Retortengefährt für Möchtegerncoole mit zu viel Geld. Und damit das Gegenteil des Golf.

Der 1974 Geborene ist zwar optisch kantig, wo der Käfer rundlich war, aber trotzdem die logische Fortsetzung des Konzepts vom Volks-Wagen. Der VW-Konzern bekommt mit ihm gerade noch die Kurve: Zu lange hat er sich auf den Käfer verlassen, während wassergekühlte Importe mit Frontantrieb von Fiat oder Simca eine neue Kompaktklasse begründen.