Ein Tag im Juli 2012. Vor der Gatower Straße 59 im Berliner Stadtteil Spandau braut sich ein Problem zusammen. Ein weiß-blauer Smart mit der einladenden Aufschrift Car2go steht dort am Straßenrand. Das Auto ist, wie der Schriftzug verkündet, dazu bestimmt, möglichst pausenlos in Bewegung zu sein. Angemietet und gesteuert von Leuten, die in der Stadt unterwegs sind, zu einem Termin, zum Lunch, zum Einkauf, zum Abholen des Kindes von der Kita oder vom Fußballtraining. Bewegung bringt Einnahmen, Stillstand kostet Geld.

Vier Fahrten pro Tag, so lautet die Vorgabe. Dieses Auto steht schon seit 78 Stunden am gleichen Fleck. Ende April hatte die Car2go GmbH den Spandauer Dauerparker mit 999 anderen Smarts aus der Fabrik im elsässischen Hambach nach Berlin beordert. Nach einem genau ausgetüftelten Plan verteilte das Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und dem Autovermieter Europcar die Zweisitzer-Armada in der Stadt, überall dort, wo viele Menschen wohnen und arbeiten. Um diese mit einem einfachen Konzept zu Carsharern zu machen:

Der Car2go-Kunde meldet sich einmal für 9,90 Euro an. Er findet und reserviert per PC oder Smartphone-App das nächstgelegene freie Fahrzeug: hingehen, Mitgliedskarte vor das Lesegerät an der Windschutzscheibe halten, einsteigen, losfahren; anschließend auf einem öffentlichen Parkplatz irgendwo in der Stadt wieder abstellen. Für 29 Cent in der Minute. Beim Konkurrenten DriveNow funktioniert es fast genauso – das Joint Venture von BMW und Sixt ging mit seiner 350 Fahrzeuge starken Flotte aus 1er BMW und Mini gut ein halbes Jahr früher in Berlin an den Start.

Neue Verkäufer auf einem alten Markt

Die innovativen und denkbar einfachen Konzepte zur innerstädtischen Mobilität verfangen auf Anhieb. Für DriveNow haben sich bis dato 9.000 Nutzer entschieden, bei Car2go hatten sich schon vor dem offiziellen Start 2.000 Berliner angemeldet. Besonders bei Car2go stehen die Signale klar auf Expansion. Außer in Berlin ist die weiß-blaue Smart-Armada auch in Hamburg , Düsseldorf , Ulm sowie acht weiteren europäischen und nordamerikanischen Städten unterwegs. Derzeit erobert das Unternehmen die Großstädte im Monatsrhythmus. 

In Berlin konkurrierten mit Stadtmobil, Cambio, Flinkster und Greenwheels bislang schon vier Anbieter, deren Autos nicht wie bei Car2go und DriveNow irgendwo in der Stadt herumstehen, sondern an festen Stationen. So viel Wettbewerb gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Daimler und BMW versuchen nun mit Vehemenz, den Trend zur Privatauto-Abstinenz für sich zu nutzen und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. "Berlin ist momentan eine riesige Experimentierküche", sagt Birger Holm, Geschäftsführer von Greenwheels. "Alle sind gespannt, wie sich die neuen Anbieter schlagen."

Anfangs empfanden die Etablierten die Offensive der Autokonzerne als rüdes Eindringen in ihr Territorium. Mittlerweile sehen sie den neuen Wettbewerbern und ihren "Selbstfahrer-Miettaxis" erstaunlich entspannt entgegen. "Die gegenwärtige Medienpenetration steigert die Popularität des Carsharings insgesamt", urteilt Greenwheeler Birger Holm. "Eigentlich können wir den neuen Anbietern dankbar sein." Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbandes Carsharing, hofft, "dass sich durch die Berichte über Car2go und DriveNow noch mehr Menschen Gedanken machen, ob sie wirklich ein Auto besitzen oder sich sogar ein zweites anschaffen müssen".