CarsharingHeißer Kampf um die spontanen Kurzzeitnutzer

In Berlin buhlen mittlerweile mehr Carsharing-Anbieter um Kunden als in jeder anderen deutschen Stadt. Werden die Etablierten vom Markt gedrängt? von Andreas Molitor

Ein Tag im Juli 2012. Vor der Gatower Straße 59 im Berliner Stadtteil Spandau braut sich ein Problem zusammen. Ein weiß-blauer Smart mit der einladenden Aufschrift Car2go steht dort am Straßenrand. Das Auto ist, wie der Schriftzug verkündet, dazu bestimmt, möglichst pausenlos in Bewegung zu sein. Angemietet und gesteuert von Leuten, die in der Stadt unterwegs sind, zu einem Termin, zum Lunch, zum Einkauf, zum Abholen des Kindes von der Kita oder vom Fußballtraining. Bewegung bringt Einnahmen, Stillstand kostet Geld.

Vier Fahrten pro Tag, so lautet die Vorgabe. Dieses Auto steht schon seit 78 Stunden am gleichen Fleck. Ende April hatte die Car2go GmbH den Spandauer Dauerparker mit 999 anderen Smarts aus der Fabrik im elsässischen Hambach nach Berlin beordert. Nach einem genau ausgetüftelten Plan verteilte das Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und dem Autovermieter Europcar die Zweisitzer-Armada in der Stadt, überall dort, wo viele Menschen wohnen und arbeiten. Um diese mit einem einfachen Konzept zu Carsharern zu machen:

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Der Car2go-Kunde meldet sich einmal für 9,90 Euro an. Er findet und reserviert per PC oder Smartphone-App das nächstgelegene freie Fahrzeug: hingehen, Mitgliedskarte vor das Lesegerät an der Windschutzscheibe halten, einsteigen, losfahren; anschließend auf einem öffentlichen Parkplatz irgendwo in der Stadt wieder abstellen. Für 29 Cent in der Minute. Beim Konkurrenten DriveNow funktioniert es fast genauso – das Joint Venture von BMW und Sixt ging mit seiner 350 Fahrzeuge starken Flotte aus 1er BMW und Mini gut ein halbes Jahr früher in Berlin an den Start.

Neue Verkäufer auf einem alten Markt

Die innovativen und denkbar einfachen Konzepte zur innerstädtischen Mobilität verfangen auf Anhieb. Für DriveNow haben sich bis dato 9.000 Nutzer entschieden, bei Car2go hatten sich schon vor dem offiziellen Start 2.000 Berliner angemeldet. Besonders bei Car2go stehen die Signale klar auf Expansion. Außer in Berlin ist die weiß-blaue Smart-Armada auch in Hamburg , Düsseldorf , Ulm sowie acht weiteren europäischen und nordamerikanischen Städten unterwegs. Derzeit erobert das Unternehmen die Großstädte im Monatsrhythmus. 

Carsharing

Carsharing gibt es in Deutschland seit Ende der 1980er Jahre. Das Konzept erfunden haben damals Menschen mit einer nicht eben positiven Einstellung zum Auto. Die Carsharing-Initiatoren und auch die Kunden der ersten Stunde waren missionarisch beseelte, ökologisch inspirierte Überzeugungstäter.

Aktuell existieren in 309 Städten entsprechende Angebote. Aus Projekten wurden florierende Unternehmen. Der Branchenführer Stadtmobil unterhält heute einen Fuhrpark von bundesweit mehr als 1.200 Fahrzeugen und setzt pro Jahr über zehn Millionen Euro um. Die Branche konnte in den vergangenen Jahren stets zweistellige Kundenzuwächse verbuchen. 

Nutzerzahl

Bundesweit nutzen heute mehr als 260.000 Menschen mindestens einmal jährlich ein Carsharing-Angebot. Der vor 20 Jahren prognostizierte Boom mit einem Kundenpotenzial von bis zu vier Millionen hat sich allerdings bei Weitem nicht eingestellt. Zu lange stand der Service-Gedanke hintenan, zu oft waren die Fahrzeuge in bedenklichem Zustand und die Tarife waren intransparent.

Vorteile

Die meisten Privat-Pkw stehen den größten Teil des Tages ungenutzt herum, fressen Steuern und Versicherungsbeiträge und beanspruchen knappen Platz. Vor allem Wenigfahrer können beim Verzicht auf das private Auto eine Menge Geld sparen. Als die Zeitschrift Finanztest kürzlich die Kosten für einen fünf Jahre alten Ford Fiesta mit einem Carsharing-Angebot verglich, schnitt das Autoteilen 50 Euro pro Monat und 13 Cent pro Kilometer billiger ab als der eigene Wagen.

Jedes Carsharing-Fahrzeug ersetzt zudem zwischen vier und acht Privatwagen, die entweder nicht gekauft oder abgeschafft werden. Im Schnitt teilen sich 39 Kunden ein Auto. Cambio, einer der bundesweit größten Carsharing-Anbieter, fand heraus, dass 35 Prozent seiner Teilnehmer bei der Anmeldung ein Auto besitzen. Nach einem Jahr Cambio-Mitgliedschaft waren es acht Prozent.

Privat teilen

Ganz ohne eigenen Fuhrpark funktioniert das Carsharing des Startups Nachbarschaftsauto. Es führt private Autobesitzer mit Menschen zusammen, die kein Auto ihr eigen nennen, aber hin und wieder eines brauchen. Auf der Homepage sieht ein Interessent, welche Verleiher ihr Auto zur Ausleihe anbieten und wo das betreffende Fahrzeug steht. Per Mail oder SMS fragt er beim Besitzer an und einigt sich mit ihm über die Konditionen. Den Mietpreis legt der Verleiher fest. Eine Zusatzversicherung sichert den Verleiher ab. Nachbarschaftsauto ging im März 2011 an den Start und verfügt mittlerweile bundesweit über eine Flotte von 1.000 Fahrzeugen, mehr als 7.000 Nutzer sind registriert.

In Berlin konkurrierten mit Stadtmobil, Cambio, Flinkster und Greenwheels bislang schon vier Anbieter, deren Autos nicht wie bei Car2go und DriveNow irgendwo in der Stadt herumstehen, sondern an festen Stationen. So viel Wettbewerb gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Daimler und BMW versuchen nun mit Vehemenz, den Trend zur Privatauto-Abstinenz für sich zu nutzen und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. "Berlin ist momentan eine riesige Experimentierküche", sagt Birger Holm, Geschäftsführer von Greenwheels. "Alle sind gespannt, wie sich die neuen Anbieter schlagen."

Anfangs empfanden die Etablierten die Offensive der Autokonzerne als rüdes Eindringen in ihr Territorium. Mittlerweile sehen sie den neuen Wettbewerbern und ihren "Selbstfahrer-Miettaxis" erstaunlich entspannt entgegen. "Die gegenwärtige Medienpenetration steigert die Popularität des Carsharings insgesamt", urteilt Greenwheeler Birger Holm. "Eigentlich können wir den neuen Anbietern dankbar sein." Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbandes Carsharing, hofft, "dass sich durch die Berichte über Car2go und DriveNow noch mehr Menschen Gedanken machen, ob sie wirklich ein Auto besitzen oder sich sogar ein zweites anschaffen müssen".

Leserkommentare
  1. insgesamt 17 mal taucht der name der firma Car2go in dem artikel auf. besonders "subtil" ist auch die bildunterschrift:
    "Ein Mann öffnet ein Auto der Verleihfirma Car2go." als ob das anhand des großen Car2togo aufklebers nicht auch ohne nochmalige erwähunung der firma zu erkennen wäre.

    ach, und europcar? das sind doch die hier:

    http://www.welt.de/region...

  2. wie man zur individuellen verbrennermobilität steht, ist carsharing, also das teilen einer ressource durch mehrere nutzer ohne eigenen eigentumsanspruch ein schritt in die richtige richtung. noch besser sind allerdings strukturen, die bereits existierende autos nutzen wie > http://www.tamyca.de/ > https://www.nachbarschaft... , welche nicht zusätzlich produziert werden und zusätzlich um die vorhandenen stellplätze konkurieren. der von den autokonzernen gewünschte (und im artikel nicht erwähnte) hintergrund, eine "junge, hippe, urbane" zielgruppe damit zum kauf von pkw anzufixen (siehe auch bmwguggenheimlab), wird nicht funktionieren. im gegenteil, die branche kannibalisiert sich damit weiter. und das ist auch gut so, denn wir haben vieltoomuchautos rumzustehen. was für eine verschwendung. > https://vimeo.com/28538813

  3. "Die gegenwärtige Medienpenetration steigert die Popularität des Carsharings insgesamt", urteilt Greenwheeler Birger Holm

    Medienpenetration steigert Popularität, mag schon sein, allerdings wie mit vielen Marketingwerkzeugen nicht zwingend auf Basis des tatsächlichen Produktnutzens.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

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    "bullshit bingo" ist noch sehr sachlich in Anbetracht dieses schlagwortgesättigten Dauerwerbetextes.
    Was sagt eigentlich das Wort "Medienpenetration" den Medienmachern? Dass sie Penetrationswerkzeug sind?

  4. Die ursprüngliche Idee von Carsharing war mal, daß sich mehrere ein (bereits vorhandenes) Auto teilen und dadurch Kosten sparen, die Umwelt schonen, den Verkehr entlasten, verantwortungsbewußter mit den Ressourcen umgehen.

    Selbst als in den 90ern die ersten kommerziellen Anbieter entstanden, war es noch eine gute Idee.

    Was heutzutage geschieht, hat mit alledem nichts mehr zu tun. Es entlastet nicht den Verkehr, auch nicht die Umwelt, wenn Autovermieter und Hersteller jetzt tausende von Karren in die Städte verfrachten und Straßen wie Parkplätze okkupieren.

    Auch beim Kunden geht es wohl vorrangig um Bequemlichkeit und sinnloses Statusdenken (Cabrios fürs Carsharing? Was darfs noch sein? Ein Porsche für Kurzstrecke?).

    In Städten wie Berlin braucht so gut wie niemand Carsharing für "Kurzstrecken", es gibt Busse, U-Bahnen, S-Bahnen wie in keiner anderen deutschen Stadt. Man kommt jederzeit ohne Auto nahezu überall hin - und meistens schneller.

    Soll die Kiste sofort verfügbar sein, kauf dir eine!

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    Das stimmt nicht. Abends brauche ich für eine Strecke, für die ich 25 Minuten mit dem Auto unterwegs bin, mit den Öffentlichen 90 Minuten.
    Dazu wird mir mulmig, wenn ich abends mit U-Bahn usw. fahren soll.
    Viele Wege erledige ich gar nicht, weil der Aufwand mit dem ÖPNV zu groß ist.
    Gerade, wenn sie von einem Teil Berlins in einen anderen wollen.

  5. "bullshit bingo" ist noch sehr sachlich in Anbetracht dieses schlagwortgesättigten Dauerwerbetextes.
    Was sagt eigentlich das Wort "Medienpenetration" den Medienmachern? Dass sie Penetrationswerkzeug sind?

    Antwort auf "[...] Sätze nerven"
    • gooder
    • 09. August 2012 21:30 Uhr

    Bevor es Carsharing gab, nutzten die Leute die über keinen eigenen PKW verfügten den ÖPNV.Ein Nutzen für die Umwelt ergibt sich durch das Carsharing daher nicht, ganz im Gegenteil

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    • timego
    • 10. August 2012 0:28 Uhr

    Es rechnet sich dann wenn jemand vom eigenen Auto umsteigt oder sich sich Dank Carsharing keines zulegt.
    Wir hatten bspw. ein Auto aber nach der Geburt unseres ersten Kindes haben wir es abgeschafft. Klingt vlt. ungewöhnlich, ist aber so :-) Ich bin immer gern Auto gefahren und überlege, spätestens seit der Geburt des zweiten Kindes immer mal wieder ob ein eigenes Fahrzeug nicht doch besser wäre. Allein, es würde sich momentan nicht rechnen und ich bin auch nicht bereit zZ für diesen "Luxus" zu bezahlen, da ich durch Carsharing eine ausreichende Alternative habe.
    Auto fahre ich trotzdem, sicher. Aber so kann ich ein Auto wählen das für den gegebenen Zweck reicht, und fahre dann bspw. nicht mit einem Mittelklassekombi einkaufen, sondern nur mit einem Kleinstwagen. Zu bedenken ist dabei m.E. nicht nur der gesparte Sprit. Damit einher geht auch ein geringerer Paltzbedarf für das Auto das ich nicht habe sondern mit x-Leuten teile und vor allem auch ein anderes Mobilitätsbewusstsein. Viele Fahrten die ich jetzt NICHT mit einem PKW zurücklege, würde ich mit einem eigenen eben doch fahren auch, wenn ich ihn hätte ;-)

    Seit es Carsharing gibt, habe ich mein Auto in die Schrottpresse gegeben. Lohnt einfach nicht, zu teuer.

  6. Ich habe selbst mehrere Autos und Garagenplätze in der Innenstadt und ziehe dennoch aus rein praktischen Gründen fast täglich ein Car2Go vor. Man hat keine Parkplatzsorgen, der Preis ist toll und das Reservieren und (gratsi) Stornieren per App. am iPhone klappt perfekt.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • timego
    • 10. August 2012 0:28 Uhr

    Es rechnet sich dann wenn jemand vom eigenen Auto umsteigt oder sich sich Dank Carsharing keines zulegt.
    Wir hatten bspw. ein Auto aber nach der Geburt unseres ersten Kindes haben wir es abgeschafft. Klingt vlt. ungewöhnlich, ist aber so :-) Ich bin immer gern Auto gefahren und überlege, spätestens seit der Geburt des zweiten Kindes immer mal wieder ob ein eigenes Fahrzeug nicht doch besser wäre. Allein, es würde sich momentan nicht rechnen und ich bin auch nicht bereit zZ für diesen "Luxus" zu bezahlen, da ich durch Carsharing eine ausreichende Alternative habe.
    Auto fahre ich trotzdem, sicher. Aber so kann ich ein Auto wählen das für den gegebenen Zweck reicht, und fahre dann bspw. nicht mit einem Mittelklassekombi einkaufen, sondern nur mit einem Kleinstwagen. Zu bedenken ist dabei m.E. nicht nur der gesparte Sprit. Damit einher geht auch ein geringerer Paltzbedarf für das Auto das ich nicht habe sondern mit x-Leuten teile und vor allem auch ein anderes Mobilitätsbewusstsein. Viele Fahrten die ich jetzt NICHT mit einem PKW zurücklege, würde ich mit einem eigenen eben doch fahren auch, wenn ich ihn hätte ;-)

    Antwort auf "Die Umwelt"

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  • Quelle Automotive Agenda
  • Schlagworte BMW | Auto | Europcar | Fahrzeug | Smart | Berlin
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