RadfahrenFahrradkarte per Crowdsourcing

Wie fahrradtauglich sind Berlins Straßen? Das können Radler jetzt im Internet auf einer Karte eintragen. Es ist das weltweit erste Rad-Projekt dieser Art.

Das BMW Guggenheim Lab in Berlin ist beendet, der umstrittene und etwas seltsam anmutende Kasten auf Stelzen auf dem Pfefferberg-Gelände im Prenzlauer Berg hat nach sechs Wochen am Sonntag seine Pforten geschlossen. Doch auch wenn Workshops und Diskussionen rund ums Thema "Leben in der Stadt" vorbei sind: Ein paar Dinge sollen weiterleben. Dazu zählt ein Projekt, das Rachel Smith, eine australische Verkehrsplanerin, während des Labs angestoßen hat: eine interaktive Fahrradkarte für Berlin.

Dynamische Verbindungen ist eine Website, die Smith Ende Juni zusammen mit John Schimmel von der New York University und dem Grafikdesigner Dave Dawson aufgesetzt hat. Berliner Radfahrer können dort – ohne sich aufwändig registrieren zu müssen – Straßen in Berlin auf einer Google Map markieren und im Hinblick auf die Radfahrfreundlichkeit und Sicherheit bewerten. So sollen User beispielsweise angeben, ob sie sich beim Radfahren auf der von ihnen verzeichneten Straße "zufrieden" oder "gestresst" fühlen.

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Nach Beantwortung mehrerer Fragen wird die Straße dann auf einer großen Karte entweder grün oder rot markiert – grün sind die fahrradfreundlichen Wege. So entsteht nach und nach eine von Nutzern entwickelte Karte von geeigneten Fahrradwegen, um in Berlin von A nach B zu kommen. Laut Rachel Smith ist es die weltweit erste Fahrradwege-Karte, die auf die Erfahrung der breiten Masse, also auf Crowdsourcing, setzt. Je mehr sich daran beteiligen, desto exakter und vertrauenswürdiger werden die eingetragenen Informationen.

Viele Straßen rot markiert

Mit der Resonanz ist Rachel Smith zufrieden. "Bis jetzt haben 700 Menschen Straßen auf der Karte bewertet", sagt die gebürtige Britin, die heute in Brisbane lebt. So ist innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings auf der Karte bereits ein recht dichtes Netz grüner und roter Wege entstanden, in den Außenbezirken sind es bisher nur wenige Straßen. Je nachdem wie unterschiedlich und wie häufig Straßen bewertet wurden, schwankt die Farbskala der Markierungen zwischen hell- und dunkelrot beziehungsweise hell- und dunkelgrün. Allerdings wird dem Nutzer nicht ganz klar, wie aus den Antworten auf fünf Fragen die Gesamtbewertung der Straßen erstellt wird.

Um das Projekt weiter bekannt zu machen, setzt Smith vor allem auf Mund-Propaganda. Daneben wurde während des Labs auf dessen Facebook-Seite auf die Karte hingewiesen und verlinkt, und Smith verteilte in Berliner Fahrradläden Flyer, die über das Projekt informierten und zum Mitmachen einluden. Damit die Zahl der markierten Straßen steigt, ist die Website derzeit so aufgebaut, dass man zunächst eine Straße eintragen und bewerten muss, ehe man die Karte mit allen verzeichneten Wegen zu sehen bekommt. Rachel Smith will die Website aber demnächst so umstrukturieren, dass man die Karte sofort betrachten kann.

Grundsätzlich hält sie Berlin für fahrradtauglich. Das Gelände sei weitgehend flach, sodass das Radfahren kaum anstrenge, sagt sie. Berlin sei zwar sehr groß, aber der öffentliche Nahverkehr sei gut ausgebaut und man könne sein Fahrrad leicht mitnehmen. Nicht umsonst liegt Berlin auf dem weltweiten Fahrradfreundlichkeits-Ranking der dänischen Firma Copenhagenize Consulting auf Platz vier. Doch dafür sind recht viele Wege auf Rachel Smiths Karte rot markiert. "Das Problem ist, dass die Radwege in Berlin bisweilen schlecht markiert sind. Gerade an wichtigen Verbindungswegen existiert keine Fahrrad-Infrastruktur", sagt die Expertin für nachhaltige Verkehrsplanung, die unter anderem das Verkehrsministerium des australischen Bundesstaates Queensland beraten hat.

Leserkommentare
  1. Damit könnte man der Zurückgebliebenheit, die z.B. Hamburg in Sachen Fahrradfreundlichkeit aufweist, endlich einmal Ausdruck verleihen.

    Nicht umsonst heißt es hier mancherorts "Das ist kein Radweg, das ist eine Todesfalle".

    Eine Leserempfehlung
  2. in Berlin die Fahrradstreifen auf der Straße, im Prinzip sehr gut. Bloß, nicht selten steht alle 20 m ein Auto statt in der Parkbucht auf dem Streifen, so dass man ständig Slalom fährt. Dumme Antworten, wenn man darauf hinweist, dass das ein Fahrradweg ist, bekommt man dann umgehend. Klar, viel Blech, viel Recht. Besonders unangenehm sind diese präpotenten Jungmänner mit den dicken Autos.

    2 Leserempfehlungen
    • porph
    • 31.07.2012 um 14:58 Uhr

    Im Artikel wird es angesprochen, neben dem konkreten Nutzen für die Radfahrer ("wo fahre ich am besten lang") ist so ein Projekt doch super dafür geeignet, den zuständigen Verkehrsplanern mal ein bisschen Feedback zu geben. Wie repräsentativ und objektiv das zu Anfang sein wird, mag erstmal dahingestellt sein, aber je bekannter so ein Projekt wird, desto mehr Daten gibt es. Und eine zuverlässigere Analyse als einen möglichst breiten Datensatz von den konkreten Nutzern freihaus geliefert zu bekommen, gibt es für die Planer doch eigentlich nicht.

    Hoffentlich kommt das bei den zuständigen Stellen an. Man sollte schon JETZT an die Zukunft denken und die Radinfrastruktur ausbauen, nicht erst in 10 Jahren wenn der Sprit dann wirklich unbezahlbar ist und die Nachfrage nach Fahrrad-Infrastruktur rapide steigt (und die Unfallzahlen dazu). Im Bezug auf die Verkehrsplanung sind Umsetzungen von guten Ideen sind ja leider notorisch langsam.

    2 Leserempfehlungen
  3. Lustiges Projekt, dürfte aber (leider) nicht allzuweit tragen.

    Für die öffentliche Verwaltung hat es keine Konsequenzen und zudem ist es proprietär auf Google-Maps umgesetzt. Man kann darum keine verlässlichen Geschäftsprozesse auf dem Ergebnis aufbauen, ohne am Ende von Google abzuhängen.

    D.h., unabhängig davon, wie gut oder schlecht das System entwickelt wurde und sich an eine Business-Logik andocken lässt, werden dem Projekt Lizenzfragen den Garaus machen und eine komplette Neuentwicklung erzwingen, falls eine Kommune ihre Bürgern so etwas anbieten will und darüber gezielt den Kundenwunsch abfragt.

    Sinnvoller wäre es vermutlich gewesen, OpenStreetMap (oder OpenCycleMap) oder eine Kombination bieder zugrunde zu legen, wie es bei

    http://www.gpsies.com

    gemacht wurde. Das hätte vermutlich aber mehr Geld und Ressourcen verschlungen ..

    6 Leserempfehlungen
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    ...und ebenfalls auf OSM aufbauend: http://www.naviki.org/de/...

    ...und ebenfalls auf OSM aufbauend: http://www.naviki.org/de/...

    • philow
    • 31.07.2012 um 16:38 Uhr

    Die Idee ist nicht neu und nicht besonders gut umgesetzt. Die Fragen (insgesamt nur 4!) sind viel zu grob und ihre Addition enthält kaum noch Information. Bei der Eignung einer Strecke zum Radfahren ist es ein entscheidender Unterschied ob z.B. viel Verkehr ist, der Straßenbelag schlecht (evtl. ausgerechnet auf dem Fahrradstreifen) oder ob die Kreuzungen unübersichtlich sind.
    Dass das besser geht, zeigt bbbike.de, eine sehr gute Seite, die wirklich zur (erstaunlich intelligenten) Streckenplanung dient.

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Hallo philow,

    BBBike ist, anders als das im Artikel beschriebene Projekt, kein Mitmach-Ding, sondern ein Tool, das Sie "passiv" zur Wegplanung nutzen. Die Zielsetzung der beiden Websites unterscheidet sich auch ein wenig.

    Was die Fragen betrifft, stimme ich Ihnen zu. "Dynamic Connections" ließe sich noch verfeiern.

    Redaktion

    Hallo philow,

    BBBike ist, anders als das im Artikel beschriebene Projekt, kein Mitmach-Ding, sondern ein Tool, das Sie "passiv" zur Wegplanung nutzen. Die Zielsetzung der beiden Websites unterscheidet sich auch ein wenig.

    Was die Fragen betrifft, stimme ich Ihnen zu. "Dynamic Connections" ließe sich noch verfeiern.

    • qrty
    • 31.07.2012 um 19:46 Uhr

    solche projekte sind untauglich

    200 mal besser ist

    http://www.bbbike.de

    ich fahre hier 40 jahre rad

    der größte feind des radfahrers ist der radfahrer selber,

    neben den knallfröschen, die nicht den blinker benutzen.

    Eine Leserempfehlung
    • Varech
    • 31.07.2012 um 21:02 Uhr

    OSM ist frei und besser. Kostet keinen roten Heller!

  4. Redaktion
    8. BBBike

    Hallo philow,

    BBBike ist, anders als das im Artikel beschriebene Projekt, kein Mitmach-Ding, sondern ein Tool, das Sie "passiv" zur Wegplanung nutzen. Die Zielsetzung der beiden Websites unterscheidet sich auch ein wenig.

    Was die Fragen betrifft, stimme ich Ihnen zu. "Dynamic Connections" ließe sich noch verfeiern.

    Antwort auf "Nicht aussagekräftig"
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    • philow
    • 01.08.2012 um 12:15 Uhr

    Die Idee hinter beiden ist natürlich eine ganz andere, da gebe ich Ihnen Recht.

    Aber ich denke, dass durch die Grobheit selbst die eigenen Ziele des Projekt schwerlich erreicht werden könnnen. So sieht man z.B. bisher kaum einen Unterschied zwischen den Karten der "gestressten Straßen" und der "glücklichen Straßen". Ebenso ist das Netz der "fahrradfreundlichen" fast identisch mit dem der "nicht fahrradfreundlichen".

    Auch kann daraus wahrscheinlich nur schwer geschlussfolgert werden, welche Straßen "in Zukunft eine Fahrrad-Infrastruktur bekommen sollten". Beispiel Bismarckstraße: Infrastruktur ist da vorhanden (Fahrradweg), also im Prinzip fahrradtauglich. Für Einzelne ist das aber keine taugliche Strecke, weil a) zu schlechte Luft b) bei hoher Geschwindigkeit zu schlechte Qualität c) Ampelschaltung fahrradunfreundlich etc.

    • philow
    • 01.08.2012 um 12:15 Uhr

    Die Idee hinter beiden ist natürlich eine ganz andere, da gebe ich Ihnen Recht.

    Aber ich denke, dass durch die Grobheit selbst die eigenen Ziele des Projekt schwerlich erreicht werden könnnen. So sieht man z.B. bisher kaum einen Unterschied zwischen den Karten der "gestressten Straßen" und der "glücklichen Straßen". Ebenso ist das Netz der "fahrradfreundlichen" fast identisch mit dem der "nicht fahrradfreundlichen".

    Auch kann daraus wahrscheinlich nur schwer geschlussfolgert werden, welche Straßen "in Zukunft eine Fahrrad-Infrastruktur bekommen sollten". Beispiel Bismarckstraße: Infrastruktur ist da vorhanden (Fahrradweg), also im Prinzip fahrradtauglich. Für Einzelne ist das aber keine taugliche Strecke, weil a) zu schlechte Luft b) bei hoher Geschwindigkeit zu schlechte Qualität c) Ampelschaltung fahrradunfreundlich etc.

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