Er hält eine Haarsträhne in der Hand, eine blonde Locke. Schönes, helles Haar. Er sagt, wenn er es anzündete, was würde passieren?

Es würde brennen?

Ja, man würde nichts weiter als Asche zusammenfegen.

Logisch.

Er streicht über das blonde Haar. Es ist samtweich, viel weicher als echtes. Und es glänzt. "Anzünden", sagt Florian Gojny beinahe zärtlich, "das machen wir hier nicht. Aber durchs Feuer muss es."

Florian Gojny steht in einer großen Industriehalle. Die Locke in seiner Hand bildet den Anfang eines Schöpfungsprozesses. Wie im Märchen, bei dem es oft um eine mysteriöse Locke geht, hat auch diese Geschichte etwas Wundersames, ein Ding mit sagenhaften Eigenschaften: Carbon heißt es, ist stabiler als Stahl, aber nur ein Fünftel so schwer. Es rostet nicht, ist beliebig formbar und sieht gut aus. In den vergangenen 20 Jahren sind Rennräder, Tennisschläger, Ski, Rodelschlitten, Ruderskiffs und Segeljachten, elastische Beinprothesen und Präzisionsgewehre aus Carbon konstruiert worden. Und immer waren diese Sportgeräte ihrer Zeit ein bisschen voraus.

Ihr einziger Makel: Sie waren auch sehr teuer. Aber wie im Märchen gibt es auch in der Carbon-Geschichte einen Schatz, der gefunden werden muss, und eine gute Fee. 

Der Schatz, das sind Milliardenumsätze für diejenigen, die Carbon am besten beherrschen. Man kann damit schnellere Schiffe bauen, Flugzeuge mit größerer Reichweite, höhere Hochhäuser und effizientere Windräder. Carbon gilt als eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende. Und vielleicht steht es am Anfang einer industriellen Revolution. Derzeit arbeiten sowohl BMW als auch Volkswagen an Autos aus dem "Werkstoff der Zukunft".

BMW wagt am meisten. Eine "Milliardenwette" nennt das Handelsblatt das Vorhaben des bayerischen Konzerns, seine Elektroautos der i-Reihe ab 2013 aus Carbon vom Band rollen zu lassen. Das Rohmaterial dafür muss BMW selbst herstellen. Denn eine Menge von voraussichtlich 3.000 Tonnen im Jahr kann man auf dem Markt nicht einfach einkaufen. Sollte der Autobauer Erfolg haben, dürfte ein ungeahnter Wettlauf um das "neue schwarze Gold" einsetzen.

In Europa gibt es derzeit nur eine einzige Firma, die den Rohstoff in industriellem Umfang produziert. Und für die, für SGL Carbon, arbeitet Florian Gojny.