Bei Meerrettich dürften viele Menschen an Tafelspitz oder Fisch denken, aber wohl kaum an Autos. Das könnte sich bald ändern. Das Kreuzblütengewächs hat das Potenzial, in der Fahrzeugindustrie Karriere zu machen. Mit seinen Fasern lassen sich Kunststoffe verstärken, aus denen Leichtbauteile für die Autoproduktion hergestellt werden können.

Nachwuchsforscher der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) untersuchten im Rahmen des Projektes Bio NFK – das Kürzel steht für naturfaserverstärkte Kunststoffe – inwieweit verschiedene Pflanzen und Gemüsearten für den Leichtbau geeignet sind. Die Wissenschaftler experimentierten unter anderem mit Spargel, Mohrrüben, Rhabarber, Hanf und Sisal.

Doch die Meerrettichwurzel stellte alle in den Schatten. "Wir haben herausgefunden, dass Meerrettichfasern aufgrund ihrer Hohlstruktur eine sehr geringe Dichte und zugleich eine höhere Festigkeit als andere Naturfasern aufweisen", sagt Christopher Taudt von der WHZ. Mit Werkstoffen auf Basis von Meerrettichfasern wäre es demnach möglich, leichtere und belastbarere Bauteile herzustellen als mit anderen Naturfasern wie Hanf oder Flachs. Damit bietet Meerrettich ideale Voraussetzungen für einen Einsatz in der Automobilindustrie.

Leichtbau gilt in der Branche schon seit einigen Jahren als eine perfekte Lösung, um knappen Ölressourcen und weltweit steigenden Kohlendioxid-Emissionen zu begegnen. Wird mit den neuartigen Materialien das Fahrzeuggewicht reduziert, sinken der Spritverbrauch und damit auch der CO2-Ausstoß. Ein wichtiger Impuls ist die Elektromobilität: Jedes zusätzliche Kilogramm, das das Auto auf die Waage bringt, geht auf Kosten der ohnehin relativ geringen Batterieleistung. Derzeit werden Autokarosserien in der Regel aus einem Mix aus schwerem Stahl und Aluminium gefertigt.

Forschung im Frühstadium

Aus ökologischer Sicht sprechen weitere Gründe für den Einsatz von Meerrettich. Das Wurzelgemüse wächst nach und ist biologisch abbaubar. Darüber hinaus wird nur das verwendet, was ohnehin niemand mehr braucht: "Die Fasern werden aus den Stängeln der Pflanze gewonnen. Sie landen normalerweise auf dem Komposthaufen", betont Taudt. Meerrettich wird in Deutschland vor allem im Spreewald, in Franken und Baden auf einer Fläche von rund 300 Hektar angebaut.

Das Projekt Bio NFK wurde vom sächsischen Wissenschaftsministerium bezahlt und ist inzwischen abgeschlossen. Die Wissenschaftler verhandeln nun mit Partnern aus der Auto- und Zuliefererindustrie, um weitere Forschung finanzieren zu können. "Wir haben bislang nur die Fasern extrahiert und mit mechanischen Versuchen Festigkeit und Belastbarkeit untersucht", beschreibt Diplom-Ingenieur Taudt den Stand der Forschung.

Der nächste und wichtigste Schritt bestehe darin, eine Prozesskette von der Gewinnung von Meerrettichfasern über die Verarbeitung zu einem Werkstoff bis hin zur Entsorgung zu entwickeln, sagt Taudt. Entscheidend ist, das Material in konstanter Qualität und zu wettbewerbsfähigen Preisen herstellen zu können.