Smart ForstarsAuto-Gimmicks, die die Welt nicht braucht

Der Spieltrieb der Autoentwickler geht zu weit: Wozu muss in die Motorhaube ein Beamer eingebaut werden, der Filme auf Hauswände wirft, fragt Matthias Breitinger. von 

Der Smart Forstars

Der Smart Forstars  |  © Hersteller

Natürlich lebt eine Automobilmesse von ihren Premieren. Insbesondere, wenn es Weltpremieren sind. Nur: Warum muss uns die Automobilbranche regelmäßig mit Weltneuheiten behelligen, die bloß Studien sind und außerhalb der Messehallen nie das Licht der Welt erblicken werden?

Ein frisches Extrembeispiel stammt aus dem Hause Smart. Viele sind schon lange auf die nächste – die dritte – Generation des Smart Fortwo gespannt. Die aktuelle Version des Kleinwagens gibt es schon seit 2006, und 2013 soll die Neuauflage erscheinen. Doch wie sie aussehen wird? Das Unternehmen zögert die Präsentation einer Studie weiter hinaus. Stattdessen präsentiert es ein ums andere Mal verspielte bis skurrile Smart-Varianten, die nicht für den Markt taugen und deshalb nicht mehr als die Marketing-Bezeichnung Showcar verdient haben.

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Auf der Automesse in Detroit wurde der Smart For Us vorgestellt, ein Pick-Up mit langer Ladefläche und Elektromotor. Man kann davon ausgehen, dass er niemals in Serie gehen wird. Jetzt kommen die Entwickler wieder mit einem Konzeptfahrzeug: "Forstars" haben die Marketing-Strategen das Auto getauft, das ab 29. September auf dem Pariser Autosalon gezeigt – und danach wohl wieder eingemottet wird.

Es ist ein langgestrecktes SUV-Coupé, das von der Seite betrachtet ein wenig an einen Mini denken lässt. Faktisch ist es kaum mehr als eine Weiterentwicklung des For Us: Die Designer haben über die Ladefläche nun eine gläserne Heckklappe gewölbt. Angetrieben wird das Fahrzeug vom 60 kW starken Elektromotor aus dem Brabus Smart electric drive.

Smartphone als Innenspiegel

Zwar konkretisiert Smart mit dem Messemodell ein wenig das grundlegende Design der nächsten Fortwo-Generation: An die Stelle der mandelförmigen Katzenaugen treten große rhombische Scheinwerfer, die Front ist überraschend breit und hat im Gegensatz zum aktuellen Serien-Smart eine Art vorspringende Nase. Mehr Realitätsnähe ist der 3,55 Meter langen Studie aber nicht zu bescheinigen.

Dafür haben die Designer allerhand Spielereien verwirklicht, die sicher kaum im nächsten Smart zu finden sein werden. Am praktischsten ist noch die Idee, die Sitze nur als Rahmen zu bauen, über die eine Stoffhülle gezogen wird. Nimmt man den Überzug am Beifahrersitz ab, kann ein Fahrer durch die offene Sitzschale hindurch auch lange Gegenstände verstauen und im Wagen transportieren. Was hingegen sicher auf den Messeauftritt beschränkt bleibt, ist die Nutzung eines Smartphones an Stelle des Innenspiegels. Die Halterung dafür ist oben mittig an der Innenseite der Windschutzscheibe befestigt. Eine Kamera am Heck soll dann ihr Bild an das Smartphone übertragen.

Der in der Motorhaube integrierte Beamer im Konzeptfahrzeug Smart Forstars

Der in der Motorhaube integrierte Beamer im Konzeptfahrzeug Smart Forstars  |  © Hersteller

Erst recht zum reinen Gimmick verkommt ein Fahrzeugdetail, auf das die Smart-Marketingstrategen stolz gleich als erstes verweisen. Es ist ein Feature, das in einem Auto noch überflüssiger ist als ein Müdigkeitswarner. In die Fronthaube ist ein Beamer integriert, mit dem man Filme an eine Hauswand projizieren kann. Gesteuert wird er via Bluetooth über das Smartphone. Der Parkplatz wird zum Open-Air-Kino – darauf hat die Autowelt garantiert gewartet!

Auch wenn der Smart lifestylig sein will: Jetzt geht der Spieltrieb mit den Entwicklern zu sehr durch. Daimler, der seine Produkte gern mit der Bezeichnung Premium versieht, sollte sich in Erinnerung rufen, was damit eigentlich gemeint sein sollte: voranzugehen mit technisch innovativen Motoren, die sparsam und umweltfreundlich sind, und mit neu entwickelten Technologien, die die Verkehrssicherheit erhöhen. Noch gibt es Hoffnung, dass der neue Smart 2013 damit aufwartet. Und den Filmprojektor dort lässt, wo er hingehört.

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Leserkommentare
    • Infamia
    • 16. September 2012 9:13 Uhr

    Kein Wunder, dass energieeffiziente, bezahlbare Autos so lange auf sich warten lassen, wenn man mit allerlei Gimicks belästigt wird, die für sich genommen zwar kreativ erscheinen mögen, aber praktisch keinen Nutzen stiften.

    Wahrscheinlich liegt es daran, dass man mit Kleinwagen nicht wirklich Geld verdient, also pimpt man sie künstlich auf und so bleiben sie allenfalls Spielzeuge und Drittfahrzeuge für Leute, die gerade nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.

    Die Friseurin von nebenan greift dann notgedrungen weiterhin zur günstigen Umweltschleuder, weil die noch halbwegs bezahlbar sind.

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    Gibt's doch, über den Seat wurde ja sogar in der Zeit berichtet

  1. Ich weiß zwar nicht warum ein "Müdigkeitswarner" überflüssig sein soll, aber der Verfasser des Artikels wird sicherlich wissen warum dieses Sicherheitsfeature für ihn überflüssig ist...

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    • R.Heyer
    • 16. September 2012 12:07 Uhr

    Das dürfte rein daran liegen das der Autor in dem Fall nicht weis wovon er schreibt.
    Meine Bekanntschaft mit dem kleinen Bengel von Warnsystem war sehr eindrücklich, denn jedes mal wenn er sich meldete, lag er mit seiner Einschätzung auch richtig....
    Gruß

    überflüssig: vielleicht, weil Sie laut StVO ebenso wenig übermüdet ein Fahrzeug überhaupt in Gang setzen dürfen wie unter Alkohol- oder Drogeneinfluß?

    Aber wie! Vor drei Tagen am Morgen nach ausgiebigem Frühstück in den Müdigkeitswarnerpassat eingestiegen und nach einer halben Stunde wegen "erkannter" Müdigkeit zur Pause aufgefordert worden ... Fuck it!

  2. Gibt's doch, über den Seat wurde ja sogar in der Zeit berichtet

  3. "Yo dawg, we heard you like cars, so we put a car in your car so you can drive while you drive"

    Der Beamer in der Front ist schon deshalb so panne, weil nach der ersten sommerlichen Autobahnfahrt der vorgeführte Film eine natürliche Körnung in Form toter Insekten erfährt.

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    das die Linse während der Fahrt abgedeckt wird. Auch wegen der Schleifwirkung von Sand & Staub & auch wegen der Steinschlaggefahr... Aber abgesehen davon, ich sehe auch keinerlei Sinn in diesem Gimmick...

    dann warten Sie ab, wenn Leute Filme auf der Hauswand schauen werden.

  4. das die Linse während der Fahrt abgedeckt wird. Auch wegen der Schleifwirkung von Sand & Staub & auch wegen der Steinschlaggefahr... Aber abgesehen davon, ich sehe auch keinerlei Sinn in diesem Gimmick...

    Antwort auf "Pimp my Ride"
    • Calzone
    • 16. September 2012 11:15 Uhr

    Wieso soll sich der Spieltrieb eines Menschen in Grenzen legen lassen?
    Wurde vor ein paar Tagen die Vielzahl der Assistenzssteme im neuen Golf noch gelobt, so gereicht es bei jedem Nicht-Golf zu herber Kritik.
    Es steht doch jedem frei, ein solches fahrzeug zu kaufen oder nicht.
    Manchmal kann man mit der Verdammung einer absurden Idee ja völlig danebenliegen wie seinerseits Steve Jobs, der in den 80ern Bill Gates mit seinen PCs noch belächelte und sagte, er sehe Potential weltweit für max. 5 (!)Computer.
    Und wer weiß, vielleicht läßt sich mit diesem Beamer-System ja ein hervorragendes Hilfe-system stricken?

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    das war Thomas Watson mit dem "weltweiten Bedarf" von 5 Computern. Watson war Vorstandsvorsitzender von IBM, und er soll (!) diesen Satz 1943 gesagt haben, also bevor die ersten raumfüllenden Röhrendinger überhaupt entwickelt waren (der ENIAC wurde 1946 vorgestellt, und von Konrad Zuse wusste man damals in den USA noch nichts).

  5. Bei der Diskussion ueber Gimmicks wie diesen Beamer, sollte man sich zuerst mal klar machen, warum Leute Smarts kaufen.

    Die meisten Leute kaufen einen Smart nicht um von A nach B zu kommen, dafuer wird es naemlich immer guenstigere Alternativen geben als Daimler sie produzieren will. Mit dem Smart wird dagegen die Vorstellung verkauft, einen "coolen", "hippen", "smarten" Wagen zu fahren und die Hoffnung, dass diese Attribute auch auf den Fahrer abfaerben, sprich der Smart wird auch als Mittel zum Ausdruck der Persoenlichkeit gekauft. Wenn Smart es nicht schafft, diese Vorstellung in den Koepfen der Leute zu erzeugen, wird Daimler weniger weniger Smarts verkaufen.

    Der Einsatz von Smartphones ist nun ganz sicher etwas, was in der Generation iPhone als cool, hip und smart gilt. Mit einem Beamer Videos vom Smartphone auf Hauswaende zu projizieren wird wahrscheinlich wenig mit Autokino zu tun haben, sondern viel mehr mit "video mapping" (auch bekannt als "projection mapping" oder technisch korrekter als "spatial augmented reality"). "Coole" Beispiele dafuer finden sich z.B. hier: http://videomapping.tumblr.com/

    Aber klar, wer nur moeglichst effizient von A nach B will, wird das fuer ein unsinniges Gimmick halten. Und diese Unverstaendnis wird den Beamer fuer die Generation iPhone nur noch cooler und hipper erscheinen lassen.

  6. Studien müssen sein; sie sind die Austobschmiede für Designer und das marketing. Es darf gespielt werden. Nur gezeigte Kreativität kann neue Kreativität beflügeln; also darf es nicht so verbissen gesehen werden. Immer schön locker bleiben.

    Allerdings ist schon störend, dass Banalitäten, Tinnef und Interieurklimbin so in den Vordergrund gerückt wird. Die Frage nach EURO6-Motoren, die sehr wenig verbrauchen, einen ordentlichen Drehmoment bei niedriger Geschwindigkeit bieten und bei 140 km/h abgeriegelt sind, stellt wohl niemand mehr. Der Motor bewegt sich so im Elektromotorenumfeld, ist aber auf Verbrauchsarmut gesetzt. Ein winziges Motörchen, welches z.B. dann in der A-Klasse als Hybridvariante (die fossile Komponente werkelt; hier aber aufgeladen wird). Im SMART dagegen kommt nur eine abgespeckte fossile Verbrennungsmotorenkomponente zum Einsatz. Die Verbindung zur A-Klasse u. zu Renault ist aber wichtig, um auf Stückzahlen u. günstige Preise zu kommen.

    Das Autos auch und wesentlich über den Bauch gekauft werden, ist klar. Hier würde aber kein Tinnef überzeugen, sondern eine überragende Interieurqualität, eine Supersoundanlage, Sitzheizung, gute Dämmung u. Fahrwerkskompforteigenschaften. Stattdessen sieht es doch mehr nach ansatzweiser MINI-Kopie aus (viele Hersteller versuchen krampfhaft dem MINI-Erfolg hinterherzueilen), die eine Platikschale gepreßt wurde. Warhol hätte zwar seine Freude daran gefunden, es reicht aber leider nicht.

    Aber zum kreativen Austoben ... OK.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bluetooth | Detroit | Elektromotor | Smart | Smartphone | Studie
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