EU-KennzeichnungLabel lässt Winterreifen schlecht aussehen

Zur Winterreifen-Saison wird das Reifenlabel eingeführt. Nur über die Qualität von Winterreifen sagt es nichts aus. Es lässt sie sogar schlecht dastehen. von Heiko Haupt

Man kann nicht behaupten, dass irgendjemand darauf gewartet hätte. Aber prinzipiell ist sie keine schlechte Sache: die Qualitätskennzeichnung, die vom 1. November an laut einer EU-Vorschrift alle neuen Reifen tragen müssen . Sie erinnert an das von Kühlschränken und anderen Haushaltsgeräten bekannte Label.

Mit farbigen Balken und Buchstaben von A bis G wird die Bremseigenschaft des betreffenden Reifens auf nasser Straße eingestuft, und auch der Rollwiderstand, der den Kraftstoffverbrauch beeinflusst, wird so bewertet. Außerdem gibt das Reifenlabel das Abrollgeräusch in Dezibel an.

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Wer sich aber gerade mit der Anschaffung von Winterreifen beschäftigt, wird durch das Label kaum brauchbare Informationen bekommen. Im Gegenteil: Die Einstufung trägt eher zur Verunsicherung bei. "Einer der größten Schwachpunkte des EU-Reifenlabels ist, dass es keinen Hinweis auf die Qualität von Winterreifen gibt", sagt der Dekra-Reifenexperte Christian Koch. "Insbesondere die Testbedingungen für die Einstufung der Nassbremseigenschaft sind eher auf Sommerreifen ausgelegt."

Das bestätigt Michael Staude vom TÜV Süd. "Gute Sommerreifen erreichen in der Kategorie Nassbremsung eine Einstufung mit A oder B. Winterreifen schneiden dagegen mit C oder schlechter ab", sagt Staude. Der Grund dafür: Alle Reifen treten gegen einen standardisierten Referenzreifen an – bei ebenfalls standardisierten Bedingungen. Diese sind für Winterreifen aber nicht gerade geeignet, um ihr Können unter Beweis zu stellen.

Weiches Gummi wird im Test zum Nachteil

"Das Nassbremsverhalten wird bei Temperaturen gemessen, die eher einem Sommerreifen zugute kommen", erläutert Klaus Engelhart vom Reifenhersteller Continental . Laut dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie müssen "die Luft und die Oberflächentemperatur der nassen Messstrecke" für den Sommerreifen zwischen fünf und 35 Grad liegen, der Winterreifen soll sich bei fünf bis 20 Grad beweisen. Zieht man die Faustregel heran, dass ein Winterreifen erst unterhalb von sieben Grad Celsius seine Vorteile langsam auszuspielen beginnt, wird klar: Er tritt bei dem Test mit stumpfen Klingen an.

Das liegt vor allem an seiner Grundkonstruktion. "Der Winterreifen ist ein Spezialreifen", betont Norbert Allgäuer vom Reifenhersteller Pirelli . Ein Pneu, der sich gerade bei widrigen Bedingungen beweisen muss. Mit einem aufwändigen Profil, vielen Kanten und Lamellen soll er sich in den Schnee krallen und das Vorankommen sichern. Damit das möglich ist, wird er zudem aus einer weicheren Gummimischung gefertigt, die auch bei Kälte weniger verhärtet.

Bei höheren Temperaturen steht der Winterreifen mit seinen vielen weichen Gummiblöcken und Kanten jedoch auf etwas wackeligen Beinen – was ihn den Bremstest nicht gerade mit Bravour meistern lässt. Und das ist noch nicht alles. Die natürlichen Verformungen der Profilblöcke und Lamellen während der Fahrt haben auch bei der Einstufung des Rollwiderstandes ihre Nachteile. Etwas zurückhaltend nennt daher Allgäuer das Label "nicht gerade ideal für Winterreifen".

Leserkommentare
    • Zeugma
    • 01. Oktober 2012 13:04 Uhr

    "Werden also die Winterreifen der Zukunft besser bei Nässe bremsen, dafür bei Glätte schneller ins Rutschen kommen?"

    Provokant gefragt: Na und? In über 90% der rollt der Winterreifen eh nicht auf gefrorenem oder verschneitem Belag, sondern höchstens bei Nässe. Also wäre eine Entwicklung zum Nässereifen wohl geboten.

    Die eierlegende Wollmilchsau wird es bei Reifen einfach nicht geben. Das sollte man wissen.

    Statt mit vermeintlichen Schneebeißern noch schneller über Schnee zu brettern, sollte man einfach bei solchem Wetter besonders umsichtig und langsam fahren und den Einssatz von Schneeketten überlegen. Kommt halt im Schnellfahrland D nicht gut an.

    Ich halte diesen Winterreifenhype eh für verfehlt. Würde eher für eine Entwicklung zum Kaltjahreszeitenreifen im Sinne dieses Posts raten.

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    • rws
    • 01. Oktober 2012 14:24 Uhr

    Ein Winterreifen muss sich nicht bei den 90% beweisen, sondern bei den 1-10% (je nach Ort) der Einsätze bei Schneebedeckter Fahrbahn. Dass man das in Berchtesgaden anders bewertet als an der Bergstraße oder an der rheinischen Tiefebene dürfte klar sein. In den Alpen hilft Ihnen "umsichtige Fahrweise wenig und Schneeketten" mit Sommerreifen wenig. Leider glauben viele Gäste das erst nach einem Ausflug in den Straßengraben. Mit "Rasen" hat der Wunsch im Schneetreiben auch auf Gefällestrecken auf der Fahrbahn zu bleiben nämlich herzlich wenig zu tun.

    • Statist
    • 01. Oktober 2012 22:20 Uhr

    andernfalls müsste man aus Benzinspargründen den Airbag weglassen. Den braucht man ja auch fast nie...

    Fakt ist, dass ich in meinen ersten 200.000 km kaum bis nie bei Regen gerutscht bin, dafür bei Schnee und Eis schon so das ein oder andere mal, einmal sogar mit Blechschaden. Ich würde mich jederzeit für einen Winterreifen entscheiden, der auf Schnee und Eis besser greift....

    Grüße

  1. ... muss ihre pauschalisierende Aussage noch lange nicht richtig sein. Im Sueden und Osten faellt im Regelfall sehr viel Schnee.

    Voellig unabhaengig davon sollten Winterreifen vor allem fuer eines gut sein: einen gut durch den Winter zu bringen. Das bei manchen sofort der Beisreflex gegen "die poesen Raser" zuschlaegt, sobald es um Autos geht, kann ich sowieso nicht mehr ernst nehmen.

    Es geht um Grip, nicht ums Rasen. Wenn ich auf dem Schnee Spass haben will nehme ich Sommerreifen zum Driften.

    • rws
    • 01. Oktober 2012 14:24 Uhr

    Ein Winterreifen muss sich nicht bei den 90% beweisen, sondern bei den 1-10% (je nach Ort) der Einsätze bei Schneebedeckter Fahrbahn. Dass man das in Berchtesgaden anders bewertet als an der Bergstraße oder an der rheinischen Tiefebene dürfte klar sein. In den Alpen hilft Ihnen "umsichtige Fahrweise wenig und Schneeketten" mit Sommerreifen wenig. Leider glauben viele Gäste das erst nach einem Ausflug in den Straßengraben. Mit "Rasen" hat der Wunsch im Schneetreiben auch auf Gefällestrecken auf der Fahrbahn zu bleiben nämlich herzlich wenig zu tun.

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    • Zeugma
    • 01. Oktober 2012 19:36 Uhr

    Bin ganz bei Ihnen und sehe, dass meine durchaus auch provokant geäußerte meinung ihr Ziel nicht verfehlt hat.

    Dann frage ich mal zurück, weshalb die große Mehrheit, die in D unter "Tiroler Flachlandbedingungen" lebt, unter für andere klimatische Verhältnisse sinnvollen Regelungen der StVO leiden muss? Hiert sollte man differenzieren ... tja und das war ja schon immer möglich, denn ich muss als Fahrzeugführer für die Verkehrssicherheit sorgen. Und das bedeutet in Berchtesgaden Winterreifen aufziehen und in Kleve eben nicht.

    Stattdessen gab es Aktionismus-Gesetzgebenung als Lohn für die Lobbyarbeit der Gummibäcker.

    Und wenn es darauf ankommt, dann helfen eh nur Ketten.

    Und zum Abschluss für alle, die mich hier als ahnungslosen Flachlandtiroler schelten: Auf meinem Perso ist auch ein Adler drauf, allerdings hat das Wappen auf seinem Bauch nur zwei Farben.

  2. Abartig! Auf so etwas kommen wohl nur Flachlandtiroler.
    Mit Ketten darf man max. 50 fahren, mehr kann man schon ausprobieren. Aber dann bitte nicht vor mir!
    Schneeketten können dann nämlich reißen. Dann sind Bremsleitungen akut gefährdet ebenso die Achsmanschetten.
    Auf welche Achse sollen dann die Ketten, Antriebsachse/Lenkachse? Wenn beim Fronttriebler die Kette reißt dann "Gute Nacht"!
    Bei Pseudoallradwagen(SUV) ohne Mittelsperrdifferential, sind 4 Ketten angesagt sonst ist kein Vortrieb mehr möglich, wg. Differential.

  3. Grundsätzlich ist die Kennzeichnungspflicht zu begrüßen.

    Da denkt man die Industrie leistet sich eine schlagkräftige Lobbytruppe um den Eurokraten die richtigen Verordnungen in Heft zu diktieren. Für Sommerreifen passt es für Winterreifen ist es sowohl für den Verbraucher wie für den Produzenten untauglich. Mal gucken wie schnell sich etwas ändert. Bleibt zu hoffen, dass das untaugliche Label nach Winterreifengeschäft für den Winter 12/13 aus dem Verkehr gezogen wird und nächstes Jahr Winter- und Alljahres-Reifeneigenschaften wie Grip und Seitenführung bei Schnee, Eis und Minusgraden kennzeichnet.

    • Zeugma
    • 01. Oktober 2012 19:36 Uhr

    Bin ganz bei Ihnen und sehe, dass meine durchaus auch provokant geäußerte meinung ihr Ziel nicht verfehlt hat.

    Dann frage ich mal zurück, weshalb die große Mehrheit, die in D unter "Tiroler Flachlandbedingungen" lebt, unter für andere klimatische Verhältnisse sinnvollen Regelungen der StVO leiden muss? Hiert sollte man differenzieren ... tja und das war ja schon immer möglich, denn ich muss als Fahrzeugführer für die Verkehrssicherheit sorgen. Und das bedeutet in Berchtesgaden Winterreifen aufziehen und in Kleve eben nicht.

    Stattdessen gab es Aktionismus-Gesetzgebenung als Lohn für die Lobbyarbeit der Gummibäcker.

    Und wenn es darauf ankommt, dann helfen eh nur Ketten.

    Und zum Abschluss für alle, die mich hier als ahnungslosen Flachlandtiroler schelten: Auf meinem Perso ist auch ein Adler drauf, allerdings hat das Wappen auf seinem Bauch nur zwei Farben.

    • Zeugma
    • 01. Oktober 2012 19:40 Uhr

    Von Ketten auf Sommerrreifen war zumindest in meinem Post nicht die Rede .... wäre schon, bei Meinungsaustausch auch ein bisschen das Geäußerts zu berücksichtigen. Fällt halt schwer, wenn die Beißreflexe dazwischen kommen ...

    Verstehe ich nrichtig, dass Ketten aber alleine schon wegen der 50 km/h-Begrenzung echte Spaßbremsen sind und nicht in Frage kommen deswegen!

    Nachtigall ...

    • Statist
    • 01. Oktober 2012 22:20 Uhr

    andernfalls müsste man aus Benzinspargründen den Airbag weglassen. Den braucht man ja auch fast nie...

    Fakt ist, dass ich in meinen ersten 200.000 km kaum bis nie bei Regen gerutscht bin, dafür bei Schnee und Eis schon so das ein oder andere mal, einmal sogar mit Blechschaden. Ich würde mich jederzeit für einen Winterreifen entscheiden, der auf Schnee und Eis besser greift....

    Grüße

    Antwort auf "Nicht so einfach ..."

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