MobilitätLastenfahrräder, die besseren Minis

In Asien transportieren Menschen selbst sperrige Waren mit dem Fahrrad. Bei uns entdecken Städter das Lastenrad zaghaft. Die Angst davor ist unbegründet. von Andrea Reidl

Fahrradkurier in Berlin auf einem Lastenrad

Fahrradkurier in Berlin auf einem Lastenrad  |  © Amac Garbe/DLR

Eine Proberunde auf dem Lastenrad? Da lehnen viele Menschen ab. Sie fürchten, die Kontrolle über die langen Kutschen zu verlieren und zu stürzen. Hans Dorsch sind derlei Ängste fremd. Bereits als elfjähriger Knirps bugsierte er seine Freunde auf der Ladefläche seines Lastenrads durch Bamberg . Später in Köln erledigte er mit dem Rad seinen Umzug. Heute fährt er damit zur Arbeit, zum Einkaufen und abends ins Kino.

Damit ist Dorsch eine Ausnahme. Zwar sieht man in Großstädten mittlerweile öfter Cargo Bikes über die Straße rollen, aber noch sind die langen Vehikel mit zwei oder drei Rädern eindeutig ein Nischenprodukt. Dabei bergen sie enorme Möglichkeiten für Alltagsradler wie für Gewerbetreibende.

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Mehr als jedes andere Velo hat das Transportrad das Zeug dazu, den Kleinwagen in der Stadt zu ersetzen. In Kopenhagen ist das bereits geschehen. Dort besitzt immerhin jeder sechste Stadtbewohner ein Lastenrad. Von derlei Zahlen ist Deutschland weit entfernt. "Aber Transporträder spielen auch hier zusehends eine ernstzunehmende Rolle", sagt der Münchener Fachhändler Florian Borde. Einige seiner Kunden ersetzen damit bereits ein Auto.

Anfahren unter Last fordert Gewöhnung

Zurzeit sind es laut Händlern vor allem junge Eltern, die Lastenräder kaufen. Sie wollen während der Fahrt mit ihren Kindern sprechen und die Transportbox sehen, um leichter den Abstand zu Pollern oder Autos abzuschätzen zu können. Das gibt ihnen Sicherheit.

Long John

Es gibt vier verschiedene Arten von Lastenrädern.

Der Klassiker bei den zweirädrigen Cargo Bikes heißt Long John: ein Tieflader mit Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad. Seine Nachfolger sind erheblich leichter und sportlicher zu fahren als das Original. Dazu zählen etwa das Bullitt oder das Pack-Bernds, das zudem faltbar ist. Je nach Modell lassen sich mit ihnen sogar Kühlschränke oder Waschmaschinen transportieren.

Bäckerrad

Die Variante des Bäckerrads hat als Ladefläche vorn einen vergrößerten Gepäckträger. Das ist dank eines kleineren Vorderrads möglich. Dadurch liegt der Schwerpunkt tiefer und das Rad fährt sich stabiler. Moderne Modelle wie der Kemper Filibus können laut Hersteller vorne 75 Kilogramm und hinten 25 Kilogramm transportieren.

Backpacker

Der Backpacker hat einen verlängerten Heckgepäckträger. Darauf können zwei Kindersitze hintereinander montiert werden, oder man kann darauf sperrige Gegenstände befestigen, beispielsweise Surfbretter. Das Fahrverhalten diesen Lastenradtyps kommt einem normalen Rad am nächsten. Beispiele sind das Mundo oder als Version mit Elektromotor das Transporter hybrid von Riese und Müller.

Dreirad

Mit Lastendreirädern kann man sehr langsam fahren und stehenbleiben, ohne dass das Rad umfällt. Die Transportbox ist vorn oder hinten. Der Klassiker ist das Christiania Bike, das in Kopenhagen gebaut wird.

Aus Sicherheitsgründen favorisieren Einsteiger anfangs häufig dreirädrige Lastenräder. Sie können nicht umfallen, weder im Schneckentempo noch beim Ampelstopp. Ihr Nachteil ist ihr Gewicht. Sie sind bedeutend schwerer und behäbiger als zweirädrige Transporter.

Dass sich auch Cargo Bikes mit zwei Laufrädern lässig lenken lassen, zeigen die Erfahrungen auf Fahrradmessen. Dort wagen auf der autofreien Teststrecke auch Anfänger eine Probefahrt. Die erste Runde pedalieren sie noch am Rand entlang, konzentriert und etwas wackelig. Das Fahrgefühl ist etwas fremd. Das Vorderrad sitzt vor der Ladefläche, das vergrößert den Wendekreis. Doch einige Runden später sitzen die Fahrer bereits lächelnd im Sattel. Kurze Zeit danach bitten sie ihre Begleiter, sich auf die Ladefläche zu setzen.

Das ist der Moment, in dem es schwierig wird: Das Anfahren unter Last geht in die Beine und muss geübt werden. Ist das Fahrzeug aber einmal in Fahrt, spürt man auf ebener Strecke das Gewicht kaum. Es ist wie beim Tandem: Hat der Radler einmal Vertrauen gefasst, lenkt er den Transporter wie ein herkömmliches Velo.

Leserkommentare
  1. an der Sache ist für mich eindeutig, dass die Dinger ja irgendwo abgestellt werden wollen. Mit'm Fahrradkeller isses dann Essig, die Dinger kann man nämlich nicht mal eben mehr die Treppe runtertragen. Und aufm Bürgersteig neben all den Mofas und normalen Rädern ist eh schon kaum noch Platz. Außerdem wäre doch eine Überdachung der Haltbarkeit vermutlich recht zuträglich, kosten die guten Stücke ja für gewöhnlich nicht "nur" 500€.

    5 Leserempfehlungen
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    • the_cat
    • 25. September 2012 16:47 Uhr

    Ich muss als begeisterter Radfahrer (der sein Rad jeden Tag
    leidigerweise in den Keller schleppt) boingsel recht geben.

    Das Abstellen über Nacht (daheim und anderswo), ist ein großes Problem dieser neuen Lastenräder. In Berlin z.B. ist jetzt schon kaum Platz in den Innenhöfen vor lauter Fahrräder, Mülltonnen etc. und auf der Straße möchte man sein teures neues Lastenrad auch nicht stehen lassen damit der nächste Hund dran pisst, bzw. ein Besoffener u.o. Depp es zerstört.

    Das es für diese Probleme gute Lösungen gibt zeigt Kopenhagen mit abschließbaren Fahrradhütten anstelle von PKW Parkplätzen. So kann man bequem sein Fahrrad abstellen und muss keine Angst mehr vor Vandalismus haben.

    Also deutsche Städte, strengt euch mal an, damit ihr ein bisschen lebenswerter werdet!!!

    the_cat

    nur ist es innerstädtisch noch schwieriger, ein Parkplatz für ein Auto zu finden, oder?

  2. Bitte nicht mit so praktischen Problemen kommen, wie z. B. "Abstellmöglichkeit".

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    • porph
    • 25. September 2012 14:06 Uhr

    Ich finde die Idee dieser Lastenräder toll, auch wenn ich selbst noch keins besitze. Vor allem ist hier der momentane Elektroboom aufgrund der physikalischen Rahmenbedingungen ganz besonders sinnvoll. Im Gegnesatz zum normalen Rad - mit dem ein etwas geübter zumindest kurzzeitig auch die auf Asphalt üblichen maximalen Steigungen von 12-15% bewältigt - wäre dies bei einem Lastenrad, insbesondere wenn beladen, schlichtweg unmöglich, dafür reicht die normale menschliche Leistung einfach nicht aus. Wer in einer bergigen Stadt wohnt, kann ein Lied davon singen. Ein Elektroantrieb könnte hier dringend benötigte Leistung liefern.

    Auch ist ja das Anfahren bei Lastenrädern besonders schwer, wegen der Trägheit der großen Masse. Die Leistungsentfaltung eines Elektromotors (relativ hohes Drehmoment) ist optimal hierfür geeignet. Wenn das Lastenrad dann auf ebener Strecke erstmal rollt, kommt man auch ohne Elektrounterstützung gut voran.

    Zudem werden die üblichen Nachteile des Elektroantriebs bei der Anwendung Lastenrad gemildert. Die zusätzliche Masse des Elektroantriebs (bei normalen Pedelecs praktisch die Hälfte des gesamten Fahrzeuggewichts) fällt nicht mehr so sehr auf, da bei Beladung das Gesamtgewicht ohnehin sehr hoch ist. Und die geringe Reichweite spielt bei Lastentransporten auch weniger eine Rolle, da die meisten Lastentransporte eher im Kurzstreckenbereich (<20 km) anfallen, im Gegensatz zur Touren-/Pendler-Anwendung normaler Pedelecs.

    Also, her mit den e-Lastenrädern!

    4 Leserempfehlungen
  3. ... dann brauchen demnaechst die lkw unter den fahrraedern 'auch' keine verkehrsregeln mehr wie hier bei uns...

    was sollen eigentlich die verweise auf china bezwecken? a. sind wir in europa nicht annahaernd zahlenmaessig so viele menschen und b. kommen sie 'dort' auch immer mehr vom 'rad' ab...

    aber fuer die einfuehrung einer postkutsche london - berlin bin ich auch zu haben -> geht wahrscheinlich schneller als mit dem tgv / ice... :-)

    cheers

    • S.W.
    • 25. September 2012 14:21 Uhr

    ist aber unpraktisch. Ich nutze einen Anhänger. Das ist billiger, ich brauche kein zweites Rad, und bei Nichtgebrauch verschwindet er im Keller. Und es fährt sich viiiiiel besser.

    6 Leserempfehlungen
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    zutreffend, für Passagiere (Kinder) aber nur bedingt. Wenn sie vor einem sitzen hat sie im Blick, sie haben eine Rundumsicht und man kann sich unterhalten.

    • Sikasuu
    • 04. Oktober 2012 14:21 Uhr

    Einrad, Bob.... ist was feines.
    Merkt man kaum, ist gut ab zu stellen und passt fast in jeden Keller :-))
    .
    Aber für gewerbliche Nutzung sind Lastfahrräder wohl vor zu ziehen. Dreirad mit Kindersicht vorn zw. den Rädern hat auch was......
    .
    Es gibt ja auch kein Einheitsauto:-) jederso wie er's braucht
    .
    Meint
    Sikasuu
    .
    Ps. Dem Parkplätze in der STADT für Räder fehlen!

    • Zack34
    • 25. September 2012 14:30 Uhr
    Antwort auf "Sieht schick aus,"
  4. Schön dass die ZEIT das Thema aufgreift! Ich bin begeisterter Bakfiets-Fahrer. Ob mit Kind und Kegel zum Badesee, oder Einkauf beim Baumarkt, die Dinger sind unendlich praktisch.

    Vorteil gegenüber Anhänger: Man hat alles im Blick, kann mit seinen Kindern sprechen, und fährt flotter durch die Kurven.

    In Holland hat fast jede Familie so ein Gefährt, auch in Deutschland wird es seinen Boom erleben. Bedenken wie "Wo stelle ich es ab" gabs vor 100 Jahren beim Auto auch.

    5 Leserempfehlungen
    • Knarfu
    • 25. September 2012 14:46 Uhr

    Als nächstes bauen wir dann auf Grund der hiesigen Witterung eine Fahrerkabine dran und schon haben wir das Fahrrad (Automobil) noch mal erfunden...

    Eine Leserempfehlung
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    Die hiesige Witterung ist mehr eine Frage der richtigen Bekleidung als der (geheizten) Kabine. Wer sich das (oer ein) Auto spart (sowie das Fitessstudio;-)), kann sich auch gute und teure Funktionsklamotten zulegen, und beim Fahren wird einem eh warm.

    Wir sind nicht aus Zucker!! Ich wiederhole: Wir sind nicht aus Zucker!!

    Das musste mal in Erinnerung gerufen werden ;-)

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  • Schlagworte Mobilität | Elektromotor | Asien | Bamberg | Berlin | Kopenhagen
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