Rohstoff-BoomDie tödlichen Nebenwirkungen eines deutschen Autos

Autos sind aus Stahl, Kupfer und Alu. Ihr Abbau richtet in den Ursprungsländern große Schäden an. Hilfsorganisationen fordern: Die Autohersteller müssen das verhindern. von 

Wer weiß schon genau, woher sein Auto stammt? Vorsicht: Gemeint ist hier nicht der Ort der Montage. Woher kommen die Teile und Rohstoffe, die in dem Wagen stecken? Kaum ein Autofahrer wird das beantworten können – häufig wissen nicht einmal die Autokonzerne selbst, woher die Bauteile ihrer Fahrzeuge im Detail stammen. Das wurde durch das Erdbeben von Fukushima klar. Damals fehlten manchen Unternehmen Teile, ohne dass sie hätten sagen können, wer genau der Hersteller war. Offenbar gelingt es den Automobilherstellern nicht immer, in ihrer globalisierten Branche, in der sie selbst nur noch ein Viertel der Wertschöpfung zum Produkt beitragen, den Überblick über ihre komplexen Lieferbeziehungen zu behalten.

Millionen Tonnen von Metallen werden jedes Jahr in der Automobilindustrie verarbeitet. Vor allem Eisen und Stahl, Kupfer und Aluminium stecken in den Fahrzeugen. Zusammengenommen machen sie zum Beispiel in einem VW Golf – genauer: dem VW Golf VI 2.0 TDI – zwischen 70 und 75 Prozent des Gewichts aus. Doch der Abbau der Rohstoffe, die für ein Auto gebraucht werden, führe in den Ursprungsländern oft zu schweren Menschenrechtsverletzungen, sagen Hilfsorganisationen.

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"Blutdiamanten", Stahl und Kupfer

Bisher wurden in der Öffentlichkeit eher andere, seltenere Rohstoffe mit Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang gebracht. Zum Beispiel Gold, dessen Abbau häufig große Umweltschäden verursacht ; oder Coltan und Diamanten , die auf dem Weltmarkt so teuer verkauft werden können, dass die Erlöse aus dem Handel Konflikte wie den Bürgerkrieg im Kongo befeuern . Aber die Gewinnung von Stahl, Kupfer und Aluminium kann ebenfalls schlimme Konsequenzen zeitigen. Das zeigt die Studie Vom Erz zum Auto , die Misereor, Brot für die Welt und Global Policy Europe auf einer Anhörung am Donnerstag in Berlin vorstellten.

Zum Beispiel Eisen und Stahl: Der als Beispiel gewählte VW Golf besteht zu 65 Prozent aus diesen beiden Metallen, am Gewicht gemessen. Stahl wird aus Eisenerz gewonnen, und dessen Förderung verbraucht immense Flächen und große Mengen an Wasser – etwa im indischen Jharkhand, wo der Eisenerz-Bergbau Tausende Menschen von ihrem Land verdrängte und die Armutsraten, auch wegen der Vertreibungen, viel höher sind als im Durchschnitt Indiens. Zugleich benötigt die Verhüttung des Erzes zu Roheisen riesige Mengen an Energie, und die Abgase und Abwässer der Branche verschmutzen die Luft. In Brasilien beispielsweise haben die Behörden wegen der Umweltwirkungen eines Stahlwerks Anklage gegen ThyssenKrupp erhoben.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

"Grüne Wüste" nennen die Brasilianer jene Plantagen von Eukalyptusbäumen in der Bergbauregion im Norden des Landes, aus denen die Holzkohle für die Eisenerzverhüttung gewonnen wird. Der Anbau brauche riesige Flächen Land, das den Anwohnern weggenommen werde, berichtete der Anwalt und Aktivist Danilo Chammas in Berlin. Nach maximal drei Pflanzzyklen bleibe der Boden von Pestiziden verseucht zurück. "Die Nahrungssicherheit der Menschen ist in Gefahr." Auf Fotos, die Chammas zeigte, bedecken braune Staubwolken den Himmel. Die Eisenhütten bliesen den Staub in die Luft, er bedecke das Land in einer dichten Schicht, sagte Chammas. "Die Menschen können nicht anders, als ihn ständig einzuatmen."

Ähnlich schädlich ist der Kupferabbau. In Sambia , einem an Bodenschätzen reichen und möglicherweise genau deshalb sehr armen Land, verpestet die größte Kupfermine des Landes die Luft durch Staub und Schwefeldioxid. Vor vier Jahren gelangte Schwefelsäure aus der Mine ins Trinkwasser. Achthundert Menschen kamen mit Vergiftungen ins Krankenhaus, heißt es in der Studie. Entschädigt wurden sie nicht.

Der Kupfer-Tagebau verwandelt Landschaften in tiefe, wüstenhafte Löcher. Riesenhafte Bagger und Lastwagen fördern aus ihnen das Erz und transportieren es ab. Sie bewegen enorme Mengen von Erde. In Indonesien etwa fördert die Grasberg-Mine das Metall gar auf 4.000 Metern Höhe, die nötigen Arbeitsgeräte wurden eigens mit Hubschraubern eingeflogen. Täglich werden dort rund 230.000 Tonnen Erz abgebaut und mehr als 600.000 Tonnen Erde bewegt. Die riesige Abraum-Menge kippen die Tagebaubetreiber einfach in die lokalen Gewässer. Den einheimischen Fischern ging dadurch die Existenz verloren.

Giftiger Alu-Müll

Ein weiteres Beispiel: Aluminium. Für die Förderung von Bauxit, aus dem Aluminium hergestellt wird, werden riesige Flächen Tropenwald abgeholzt, Menschen werden vertrieben, Trinkwasser wird verseucht. Auch die Aluminiumproduktion verbraucht große Mengen an Energie; zudem verursacht sie giftige Abfälle. Für jede Tonne Alu fallen zwei Tonnen Rotschlamm an – jener Schlamm, der in Westungarn vor zwei Jahren 40 Quadratkilometer Land vergiftete , als ein Deponiespeicher der Ajka Aluminia Company barst. Immer wieder gebe es solche Fälle, in denen Rotschlamm aus den Deponien austrete und die Natur verseuche, schreiben die Autoren der Studie.

Kein Wunder, dass Menschen in den Rohstoffregionen gegen die Bergbauunternehmen protestieren. Doch häufig werden ihre Protestaktionen mit Gewalt niedergeschlagen, Bergbaugegner werden kriminalisiert. Manche sind ihres Lebens nicht mehr sicher: Auf den Philippinen kam Misereor zufolge erst in der vergangenen Woche der elfjährige Sohn eines Aktivisten durch einen Mordanschlag ums Leben. Der Vater überlebte.

Leserkommentare
  1. Das gleiche findet nochmal statt, wenn die Autos gegen Ende ihrer Lebensdauer nach Afrika verschifft werden und dann dort als Müll enden. Die sogenannte Umweltfreundlichkeit unserer Autos geht immer zu Lasten der dritten Welt. Das ist Folge, wenn 2 Tonnen Material für den Transport eines Menschen gebraucht werden.

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    Ist schon große Oberklasse... Der Schnitt liegt zwischen 1.1-1.3 Tonnen. Abgesehen davon, zwei Pferde plus Kutsche sind sogar noch schwerer... Aber das man die Kraftfahrzeuge alle paar Jahre wechseln muß, sei es wegen Auflösungserscheinungen oder kaum mehr rentabler Reparaturkosten - oder Steuerstrafen, Plaketten, staatlich subventionierten Verschrottungsaktionen... das macht wirklich keinen Sinn & ist alles andere als der Umwelt zuträglich.

    ...und zerstören die tonnen-und PS-schweren Fossilmobile samt ihrer Infrastruktur unsere Umwelt - ein tonnenschweres Fossilmobil mit dem 20-30fachen Gewicht des Fahrers, meist allein besetzt, durch die Gegend zu kutschieren ist einfach nur Schwachsinn.

  2. Ist schon große Oberklasse... Der Schnitt liegt zwischen 1.1-1.3 Tonnen. Abgesehen davon, zwei Pferde plus Kutsche sind sogar noch schwerer... Aber das man die Kraftfahrzeuge alle paar Jahre wechseln muß, sei es wegen Auflösungserscheinungen oder kaum mehr rentabler Reparaturkosten - oder Steuerstrafen, Plaketten, staatlich subventionierten Verschrottungsaktionen... das macht wirklich keinen Sinn & ist alles andere als der Umwelt zuträglich.

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  3. ...und zerstören die tonnen-und PS-schweren Fossilmobile samt ihrer Infrastruktur unsere Umwelt - ein tonnenschweres Fossilmobil mit dem 20-30fachen Gewicht des Fahrers, meist allein besetzt, durch die Gegend zu kutschieren ist einfach nur Schwachsinn.

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    Sehen Sie, ganau da müssen Sie ansetzen. Entwickeln Sie (oder lassen Sie entwickeln) ein Fahrzeug, das ökologisch betrachtet Sinn macht! Sie werden dadurch Milliardär. Wenn ich mir bisherige Versuche anschaue (Batteriepacks von 300-500kg, halbwegs sichere & bezahlbare Karosserie etc) ist das wohl nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen...

  4. Sehen Sie, ganau da müssen Sie ansetzen. Entwickeln Sie (oder lassen Sie entwickeln) ein Fahrzeug, das ökologisch betrachtet Sinn macht! Sie werden dadurch Milliardär. Wenn ich mir bisherige Versuche anschaue (Batteriepacks von 300-500kg, halbwegs sichere & bezahlbare Karosserie etc) ist das wohl nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen...

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    • DDave
    • 14. September 2012 8:13 Uhr

    Es gibt von Renault einen Twizy. Für die Stadt reicht die normale Variante(bis 45 km/h) und für Land noch theoretisch die stärkere Variante(bis 75 km/h).
    Kostenpunkt: ca 7000€; sowie 60€ im Monat für die Batterie(soweit ich mich nicht irre)
    und dafür, dass es als Quad gilt sind Steuer, etc niedriger...

    http://de.wikipedia.org/w...

    Ich fahre den Renault "Twizy" seit Mai und habe bisher ueber 6000 km zurueck gelegt. Er dient zur Fahrt zu Arbeit (25 km einfache Strecke) und ich beischeinige dem Elektrofahrzeug von Renault eine hohe Alltagstauglichkeit. Er wird in den Berichten immer mit "normalen" KFZ verglichen. Da schneidet er schlecht ab. Er ist aber ein ueberdachtes 4-raedriges Motorrad und bietet die Moeglichkeit, viele Strecken elektrisch zu meistern. Bei uns sind es ueber 90 Prozent der Fahrten. Renault gehoert Lob fuer den Mut, als erster mit so einem Konzept in Serie zu gehen.
    Klaus Schulz - 64853 Otzberg

  5. Kann es sein, dass man mit solch einer Diskussion den Konzernen quasi-staatliche Aufgaben zuordnet? Wenn dem so ist, dann müsste man im Umkehrschluss auch akzeptieren, dass sie in ihrem Wirkungsbereich einen Teil der staatlichen Macht für sich beanspruchen.

    Wohin das führt, konnte man bei United Fruit in Südamerika erfahren.

    Umweltaktivisten mögen das anders sehen – sie suchen sich einfach jemanden, den sie verantwortlich machen können. Und da bieten sich omnipräsente Feindbilder, wie Konzerne, ja geradezu an.

    Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass man Unternehmen aus ihrer Verantwortung entlässt – etwa Textilunternehmen, die in Bangladesh nähen lassen. Aber von einem Autokonzern zu verlangen, dass er für die gesamte Wertschöpfungskette Verantwortung übernimmt – vom Verkaufsraum bis in die Eisenerzgrube – das halte ich für überzogen.

    Damit schaden Umweltaktivisten ihrem Anliegen mehr als sie ihm nützen. Sie machen sich potenzielle Partner zu Feinden.

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    In meiner Wahrnehmung ist es eher so, dass der Wirtschaft und gerade Konzernen von staatlicher Seite ein Maß Rücksichtnahme entgegengebracht und Bedeutung entgegengebracht wird, dass es nur legitim erscheinen lässt die Verantwortung der Unternehmen entsprechend auszugestalten.

    Die extrem starke Position die "die Wirtschaft" im politischen Prozess einnimmt (und zwar nicht nur durch Lobbyismus sondern schlichterdings im Rahmer Ihrer Bedeutung für das Funktionieren der Welt) führt immer wieder zu Entscheidungen, die viele Benachteiligen, aber im Rahmen der "Aber-es-bringt-Arbeitsplätze"-Politik einfach getroffen werden.

    Der Durchökonomisierung der gesamten Gesellschaft steht von Gesetzes wegen auf Seiten der Unternehmen keine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft (und der Umwelt) gegenüber.

  6. Die ganze Diskussion um den Kohlendioxidausstoß der Fahrzeuge ist doch nur Augenwischerei und verkennt das eigentliche größere Problem: Schließlich findet der größte Energieverbrauch, der meiste Ausstoß an Treibhausgasen, die größte Umweltbelastung während der Produktion der Gewinnung der Rohstoffe und der eigentlichen Produktion der Fahrzeuge statt. Alles was danach kommt sind nur Peanuts.

    Es ist ja schon ein großer Gewinn, dass die Fahrzeuge zu 95% recyclebar sein müssen. Das gilt allerdings nur für Deutschland. Andere Länder sind da sicher weniger restriktiv. Die Frage ist auch, ob das, was recyclebar ist, auch tatsächlich wiederverwendet wird.

    Vor ein paar Tagen kam hier ein Artikel über Meerrettich als potentiellen Lieferanten von Fasern für den Karosseriebau. Ich sehe hier einen Schritt in die richtige Richtung. Und dieser Schritt ist auch zwingend, da unsere bisherigen Rohstoffe wie Erze endlich sind. An Materialien auf 100%ig organischer Basis, die auch giftfrei abgebaut werden können, führt meines Erachtens nach kein Weg vorbei.

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    ...des Trabi geformt, lebenslang rostfrei sind die Kisten durch den gesamten Ostblock geknattert "räng-däng-däng", meist überladen aber immer mit freundlichen Gesichtern auf den Transitstrecken: Und haben immer! ihr Ziel erreicht.

    nun nicht nur für Biosprit, sondern für den Autobau?! Klasse, wir haben ja genug zu essen, dank Landgrabbing in Afrika, Asien und sonstwo.
    Hauptsache wir müssen nicht auf die Karren verzichten.

    wie zb ihre merettichfasern, doch die schlummern in schubladen bei deutschen wie asiatischen aufkäufern aus der automibilgemeinschaft, oder verstauben in schubladen bei pleiteprozessierten erfindern. es geht nicht darum die welt zu retten, sondern um geschäfte.

    und mal so nebenbei, egal wie sie ihr auto der zukunft bauen und konzipieren, es wird immer ein wirkungsgradkrueppel bleiben, aber man soll ja auch spass im leben haben. jedenfalls wir in der ersten welt

  7. ist fast das Gleiche. Im Auto wird fast nur Stahl verwendet.

    Da ein Auto auch eine Menge Kontakte und Elektronik enthält,
    enthält es auch wie ein Handy Seltene Erden und Gold.

    Ein Auto enthält auch eine ganze Menge Kunststoffe, das meiste (nach Gewicht ) davon für ästhetische Zwecke als Verkleidung.

    Vale wurde in Südamerika dazu verpflichtet das Eisenerz ohne Wasser zu fördern.

    Bis aus dem Holz Kohle wird sind ca. 80% des Energieinhalts verqualmt.
    Das ist der größte Blödsinn, nicht nur ökologisch.

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    • DDave
    • 14. September 2012 8:13 Uhr

    Es gibt von Renault einen Twizy. Für die Stadt reicht die normale Variante(bis 45 km/h) und für Land noch theoretisch die stärkere Variante(bis 75 km/h).
    Kostenpunkt: ca 7000€; sowie 60€ im Monat für die Batterie(soweit ich mich nicht irre)
    und dafür, dass es als Quad gilt sind Steuer, etc niedriger...

    http://de.wikipedia.org/w...

    Antwort auf "Evolution..."
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    Für die Stadt. Jetzt liegt es an den Käufern, für die diese Variante auch Sinn machen würde, dieses Fahrzeug auch zu kaufen. Wenn es vom Käufer wieder ignoriert wird werden die Hersteller auch nicht weiter solche Produkte entwickeln und fertigen. Zumeist fahren in der Stadt leider doch mehr sehr großvolumige KFZ's, man kann sich's wohl (noch) leisten!

    ...können die Lösung nicht sein: Über 500 kg Masse, im Halbfreien kauernd mit E-Motorengekreisch herumhoppeln mit Winterreichweiten von vielleicht 30 Kilometern: Die Vorführ"wagen" bekommen Sie bei jedem Händler nachgeworfen, damit sie spätestens im Winter vom Hof sind.

    Ich liebe zwar E-Autos, aber in so eines würde ich nicht steigen. Da brauchts keinen 40-Tonner, um den zusammenzufalten. Da reicht schon ein VW Polo dafür.

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