Der VW Golf R ist die stärkste Ausführung des Modells, er hat 270 PS. © Volkswagen

Umweltschutz hin oder her: Deutschlands Neuwagenkäufer lieben starke Autos . War im Jahr 1995 ein neues Auto im Schnitt noch mit einem 95-PS-Motor ausgestattet, liegt heute die Leistung bei 138 PS. Nie zuvor hatten die Neuwagen so viele Pferdestärken unter der Haube.

Nur einmal in den vergangenen 17 Jahren wurde das "Gesetz von den steigenden PS-Zahlen" gebrochen: im Jahr 2009, als in Deutschland aufgrund der Abwrackprämie viele Kleinwagen gekauft wurden. Ansonsten galt Jahr für Jahr: Die PS-Zahlen der Neuwagen steigen. Der Trend wird anhalten, denn das Geschäft mit sportlichen Geländewagen, den SUVs, boomt, und die haben eben ein paar PS mehr.

Aber nicht nur die SUVs treiben die PS-Statistik nach oben, sondern auch Klein- und Kompaktwagen, Mittelklasseautos und natürlich die Oberklasse-Fahrzeuge, die mit jeder neuen Generation stärkere Motoren erhalten. Die Autobauer leben im Zeitalter des PS-Benchmarking. Bringt eine Marke einen Neuwagen auf den Markt, muss er ein paar PS mehr als der Vorgänger und natürlich der Wettbewerber haben. Das nennt die Branche Fortschritt durch Benchmarking. Zum Glück hatte sich Thomas Alva Edison nicht mit Benchmarking befasst, sonst säßen wir heute noch bei Kerzenlicht – mit immer größeren Dochten. Ist also der Drang zu höherer Motorleistung eine Entwicklung in die falsche Richtung?

Es geht weder um Ferraris noch um weniger Sicherheit

Zunächst einmal: Ein leistungsfähiges Fahrzeug kann natürlich Sicherheit bieten, etwa wenn es zügig beschleunigen und somit den Überholvorgang ausreichend kurz halten kann. Außerdem führen mehr PS nicht zwangsläufig zu einem höheren Verbrauch. Und selbstverständlich ist es nicht sinnvoll, mit untermotorisierten Autos zu fahren. Ob ein Fahrzeug zu wenig PS hat, hängt vor allem vom Gewicht ab – die Ausstattung, egal ob für Komfort oder für Sicherheit, bringt mehr Gewicht ins Auto. Dabei muss aber die Frage erlaubt sein, ob jedes zusätzliche Element notwendig ist. Andererseits gibt es wahre PS-Kunstwerke auf den Straßen, etwa Ferraris. Niemand käme auf die Idee, unser Leben durch ein Verbot dieser in überschaubarer Zahl umherfahrenden Wagen ärmer zu machen.

Doch es geht bei der Kritik an den steigenden PS-Zahlen weder um einen Ferrari oder einen Porsche 911 Turbo noch darum, Komfort und Sicherheit einzuschränken. Angezweifelt wird vielmehr, ob in einem Alltagsauto und für die Alltagsstrecken im Schnitt 138 PS und mehr notwendig sind. Autofahrer neigen bei hohen Motorisierungen dazu, schneller und damit auch mit höherem Risiko zu fahren. Auf unseren Autobahnen brauchen wir keine Lichthupe-Piloten, die bis auf die Stoßstange auffahren und dann mit Vollgas zeigen, "wo der Hammer hängt".

Darum: Benötigt ein Wagen der oberen Mittelklasse auf unseren Straßen noch mehr als 215 PS? Oder ein Mittelklasse-Auto à la VW Passat noch mehr als die derzeitigen 167 PS? Brauchen wir wirklich noch mehr PS?

Die Hersteller antworten klassisch: Wenn der Käufer das schick findet, warum nicht? Mit modernen Motoren können wir uns ohne Mehrverbrauch die zusätzliche Motorleistung gönnen.

Schaut man sich die Entwicklung des Treibstoffverbrauchs an, scheint das Argument zu ziehen, zumindest auf den ersten Blick. Allerdings gelang die Entwicklung solch moderner Triebwerke nur unter Zwang. Denn zunächst wollten die Autobauer in einer freiwilligen Selbstverpflichtung bis 2008 den Verbrauch ihrer Fahrzeuge so senken, dass ein Neuwagen im Durchschnitt nur 140 Gramm CO2 je Kilometer emittiert. Doch vor allem die deutschen Hersteller hielten sich nicht an ihre Selbstverpflichtung.