AutofahrenNebel lässt das eigene Auto schneller erscheinen

Bislang gingen Forscher davon aus, dass Autofahrer bei schlechter Sicht ihr Tempo unterschätzen und darum unbewusst Gas geben. Doch bei Nebel ist das Gegenteil der Fall. von dapd

Fahrsimulation am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen

Fahrsimulation am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen  |  © Jan Soumann/MPI für biologische Kybernetik Tübingen

Bei Nebel überschätzen Autofahrer ihre eigene Geschwindigkeit und fahren dadurch instinktiv langsamer. Das haben jetzt Forscher des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen gezeigt. Das Team zeigte sich überrascht über das Ergebnis: Denn frühere Studien hätten gezeigt, dass die Geschwindigkeit bei schlechten Sichtverhältnissen eher unterschätzt werde. Damit habe man bisher erklärt, warum viele Autofahrer trotz Nebels übermäßig schnell unterwegs seien.

Dieser Zusammenhang gilt jedoch nur dann, wenn das Sichtfeld gleichmäßig eingeschränkt ist. Das ist etwa bei einer beschlagenen Frontscheibe der Fall. Bei Nebel hingegen bleibt die Sicht am Rand des Gesichtsfeldes scharf und nimmt zur Mitte hin ab. Das werde vom Gehirn offenbar völlig anders bewertet, schreiben Paolo Pretto und seine Kollegen im Online-Fachmagazin eLife .

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Bisher lautete die These: Sinkt der Kontrast beim Sehen, nimmt die gefühlte Geschwindigkeit der eigenen Fortbewegung ab – und man gibt Gas, um diese scheinbare Verlangsamung auszugleichen. Die Ergebnisse, auf denen diese Annahme beruht, stammten allerdings alle aus dem Labor und aus Versuchen, deren Bedingungen nicht wirklich der Realität entsprächen, monieren die Tübinger Forscher.

Nebelfahrten im Fahrsimulator

Das größte Problem dabei sei, dass grundsätzlich mit Sichtverhältnissen gearbeitet werde, bei denen der Kontrast im gesamten Gesichtsfeld gleichmäßig reduziert ist. Bei echtem Nebel ist der Kontrast dagegen entfernungsabhängig: Die Bereiche in der direkten Umgebung erscheinen weiterhin scharf, und alles, was weiter weg ist, ist nur noch unklar zu erkennen. Je größer dabei die Entfernung, desto geringer der Kontrast.

Genau dieser Unterschied könnte für das Gehirn aber eine große Rolle spielen, mutmaßten die Forscher. Um das zu prüfen, ließen sie 32 geübte Autofahrer in einem Fahrsimulator unter verschiedenen Sichtverhältnissen fahren. Es gab zwei Testsituationen: Die Probanden sollten entweder die gefühlte Geschwindigkeit bei zwei Fahrten miteinander vergleichen oder aber selbst versuchen, eine bestimmte Zielgeschwindigkeit einzuhalten.

Wie erwartet, führte eine gleichmäßig getrübte Sicht tatsächlich dazu, das eigene Tempo zu unterschätzen. Waren die Probanden mit 65 Kilometern pro Stunde unterwegs, kam es ihnen so vor, als würden sie nicht mehr als 41 km/h fahren. Folglich gaben sie unter solchen Bedingungen ordentlich Gas. Das führte im zweiten Test dazu, dass sie statt der geforderten 85 km/h auf 93 km/h kamen, ohne es zu merken. Bei stärkerer Eintrübung beschleunigten die Testpersonen sogar auf 103 km/h.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

  2. Eventuell ist der Effekt in der Realität und im Simulator unterschiedlich. Dass sich Menschen im Simulator nicht identisch verhalten sieht man ja auch daran, wie viele Unfälle im Simulator im Vergleich zur Realität entstehen (vergleichbare Streckenführung und Fahrer vorausgesetzt).

    • spalter
    • 03. November 2012 19:44 Uhr

    Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, ich fahre im Nebel wirklich langsamer. Weil ich nicht sehe, was vor mir ist, und weiß, dass ich im Ernstfall nicht früh genug bremsen kann.

    Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich immer noch zu schnell fahre. Weil ich nicht so langsam fahren will, dass sich meine Fahrtzeit verdoppelt. Da findet im Kopf wieder die unselige Abwägung zwischen Tempo und Sicherheit statt.

    Ich will das gar nicht beschönigen, aber dennoch fahre ich bei Nebel deutlich langsamer als sonst.

    Einmal war der Nebel so dicht, dass man auf der Schnellstraße keine 50 Meter weit mehr sehen konnte. Da wollte ich instinktiv eigentlich sehr langsam fahren, aber der Verstand hat mir dann gesagt, wenn ich jetzt 10 oder 20 fahre, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass mir einer hinten rein semmelt. Da war es vielleicht tatsächlich sicherer, mit 60-70 weiterzufahren.

    Sehr zweigleisig, das ganze, manchmal.

  3. Das Problem aus meiner Erfahrung ist: Wenn man im Nebel einem Fahrzeug folgt, wirkt die Unschärfe in der Entfernung nicht, wenn man das vorausfahrende Fahrzeug gut erkennen kann. Dies führt in vielen Fällen zu unverantwortlich kleinen Abstand zum Vorausfahrenden, weil die Geschwindigkeit des Vorausfahrenden (siehe vorausgehende Kommentare zur Zeitdruck) also unnötig gering eingeschätzt wird. Auf zweispurigen Strassen wird dann aus dieser Fehleinschätzung auch sehr häufig überholt.
    In diesem Sinne liegen der vorgelegten Untersuchung Laborbedingungen zugrunde. Der beschrieben positive Effekt geht bei dichtem Verkehr schnell verloren.

    Eine Leserempfehlung
    • genius1
    • 03. November 2012 20:27 Uhr

    Der Effekt dürfte der selbe sein.

    Weil man wenig Sieht, fährt man langsamer, dabei immer das Tacho im Auge. Wobei die gefühlte Geschwindigkeit nicht mit der Tachoanzeige überein stimmt.

    Ich versuche dann immer bei erlaubten 50 km/h etwa 45 km/h zu Fahren, obwohl das Sehen eher für 30 km/h spricht, eben aus der Angst heraus, das mir einer hinten reinrasselt!

    Kann Es sein, das Autofahrer bei gleichen Voraussetzungen, unterschiedlich Weit sehen können? Wenn das So sein sollte, dann gibt es für diese Probleme, nur eine technische Lösung!

    Ich nehme mal an, das die im Artikel genannten Zahlen Durchschnittswerte sind.

    Ob die Redaktion das mal bitte nach Recherchieren könnte?

    Danke im Voraus!

    Mfg

  4. ... die Autofahrer gefragt hätten ...
    Im Laufe der Zeit kommen viele unterschiedliche Erfahrungen zusammen, so auch die des Fahrens bei schlechter Sicht. Fahre ich über Land, musss ich den Straßenverlauf einschätzen können, sehe ich nix, muss ich "auf Sicht" fahren, so, dass ich die nächste Kurve noch kriege, also langsamer. Ich habe dabei festgestellt, dass ich im Normalfall bei guter Sicht und der gewohnten Geschwindigkeit auf bekannter Strecke wohl ein Zeitregime für die Entfernung benutze, also bei Geschwindigkeit X die Zeit Y gefahren und dann kommt die Kurve. Bei schlechter Sicht habe ich schon völlig die Orientierung verloren, weil eben nach Zeit Y die Kurve NICHT kam, auch nicht nach Zeit Y+5, auch nicht nach Zeit Y+10. Als dann schließlich die Kurve kam, war ich völlig überrascht, denn nach dieser Zeit hätte ich viel weiter auf einem geraden Stück sein müssen/sollen ...
    Auf der Autobahn ist es einfacher, wenn man da ein rotes Licht vor sich sieht oder die Scheinwerfer der auf anderen Fahrbahn Entgegenkommenden. Nach dem Prinzip "Lichtschranke" kann zwischen dem Licht und meiner Pupille kein Hindernis sein, was höher als die Sichtlinie ist. Schlecht nur dann, wenn der da vorne und ich hier hinten jeweils auf einer Kuppe sind...

  5. Im realen Leben kommen dann allerdings noch die Nebelschweinwerfer und die Nebelscheißleuchten dazu, die anscheinend eigens dazu erfunden wurden, um damit viel Licht auf die Pupillen der Anderen zu bringen, die dann klein werden und bei wenig Kontrast die geringen Helligkeitsunterschiede einfach nicht mehr sehen können. Wenn also jemand hinterher fährt und "zur Sicherheit" ( oder aus Dummheit oder Frechheit ) vielleicht beladenen Autos wegen das Licht voll auf die Spiegel und durch die Heckscheibe in den Innenraum bringt, wenn jemand zwar sieht ( sieht er's wirklich oder fährt er "rücksichtslos"? ), aber trotzdem die Blende hinten nicht abschaltet, möchte ich am liebsten jeweils eine Anzeige wegen "versuchter Körperverletzung" einreichen, Grund: siehe oben, die Pupille und der schwache Kontrast.

  6. Für die Autobahn gilt folgende, einfache Regel: Man kann dort recht zügig unterwegs sein, wenn man hinter einem schnell fahren Fahrzeug hinterher fährt. Hier gilt dann aber die einfache Regel: Der komplette Anhalteweg muß mit der Distanz zum Vordermann abgedeckt sein. (Also wenn der ungebremst in ein Hindernis fährt, muss man vorher zu stehen kommen können.) Die Nebelleuchten und Rückleuchten bieten eine gute Orientierung. Wenn man alleine Unterwegs ist, dann muss man komplett nach Sicht = Anhalteweg fahren. Was da das Tachometer sagt, ist mir ziemlich egal.

    Wirklich problematisch sind aber Nebelwände, die bei diesem Test überhaupt nicht berücksichtigt worden. Da kann sich eine gute Sicht plötzlich auf quasi 0 reduzieren. Theoretisch müsste man dort sofort eine Vollbremsung einleiten, um nicht ungebremst in einen Unfall zu fahren. Aber gerade dabei kann man sich sicher sein, dass dann der Hintermann mit 100km/h auf das eigene Fahrzeug auffährt.

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  • Quelle dapd, mbr
  • Schlagworte Autofahrer | Gas | Gehirn | Test | Auto | Tübingen
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