Kfz-Versicherung : Der Lady-Tarif hat ausgedient

Die Zeiten, in denen Frauen in der Kfz-Versicherung bevorzugt wurden, sind ab dem 21. Dezember vorbei. Männer sollten aber nicht auf niedrigere Beiträge spekulieren.

Alle Menschen sind gleich. Soviel zur Theorie – aus Sicht von Versicherungsmathematikern sind Männer und Frauen nämlich äußerst unterschiedliche Wesen. Wer sich davon ein Bild machen wollte, musste bisher nur mal bei einem Kfz-Versicherer anrufen. Dort mussten männliche Autofahrer mit einer kleinen, aber feinen Ungerechtigkeit leben: Beim Abschluss einer Kfz-Versicherung wurden Frauen finanziell bevorteilt. Der Grund: Sie bauen weniger Unfälle. Die Versicherer boten dafür den Lady-Tarif.

Am 21. Dezember ist diese Praxis jedoch Geschichte. Dann beginnt das Zeitalter der Unisextarife. Die Versicherer dürfen das Geschlecht nicht mehr zu einem Faktor bei der Tarifberechnung machen. Der Europäische Gerichtshof ( EuGH ) sah darin eine unzulässige Diskriminierung , die der Gleichstellungsrichtlinie der Europäischen Union widerspreche.

Das Urteil fiel bereits im März 2011, allerdings ergab sich daraus eine Frist bis kurz vor Ende dieses Jahres. Jetzt ist es soweit: Die Versicherer müssen dem Urteil Folge leisten. Die Branche hadert jedoch mit der Entscheidung. "Die Einführung der Unisextarife wird das Prinzip der Äquivalenz von Beitrag und Leistung aufweichen. Und zwar leider ohne dass sich daraus, zumindest aus unserer Sicht, ein Verbesserung für den für den Versicherten ergibt", sagt Stephan Gelhausen vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. "Aus unserer Sicht führen Unisextarife nicht zu einer Gleichberechtigung, sondern zu einer Gleichmacherei."

Für junge Frauen wird's elf Prozent teurer

Dass für Männer die Tarife in der Kfz-Versicherung jetzt sinken werden, dürfte ein Trugschluss sein. Die Versicherungsunternehmen werden wohl eher die Tarife der Frauen einfach auf das Niveau der Männer heben – und vielleicht noch ein wenig höher ansetzen. Denn die Versicherungen haben keine Erfahrungen mit Unisextarifen. Daher beruhen die Zahlen, auf deren Basis sie die künftigen Prämien kalkulieren, auf Schätzungen. Um dabei mögliche Fehler und somit Verluste auszugleichen, taxieren die Versicherer den Preis für die künftigen Kfz-Policen von vornherein etwas höher.

Das Beratungsunternehmen Oxera untersuchte in seiner Studie The impact of a ban on the use of gender in insurance die wirtschaftlichen Auswirkungen von obligatorischen Unisextarifen auf die Versicherungskunden. Nach Auswertung von Daten aus verschiedenen europäischen Ländern prognostiziert das Unternehmen bei den Kfz-Versicherungen für junge Frauen Prämienerhöhungen um mindestens elf Prozent.

Eine Frau – vor allem eine Fahranfängerin –, die über die Anschaffung eines Autos nachdenkt, sollte darum nachrechnen, ob sie mit dem Abschluss einer Autoversicherung vor dem 21. Dezember günstiger fährt als mit einer Unisexpolice. Gerade junge Frauen fahren eher vorsichtig und wurden aus diesem Grund bislang mit niedrigeren Prämien belohnt.

In Altverträgen ändert sich nichts

Das EU-Urteil gilt nur für Neuverträge. Die Umsetzung ist in der Praxis ausgesprochen einfach: Die Geschlechtsfrage verschwindet  von den Antragsbögen. Männer und Frauen werden nicht mehr risikogemäß bewertet. Schon heute spucken Tarifrechner wie Check24 oder Toptarif stets die gleichen Beiträge aus, wenn eine Frau oder ein Mann im Netz einen möglichst günstigen Versicherer sucht.

Doch auch für die Autohalter mit laufenden Verträgen kann es sich lohnen, jetzt auf Online-Tarifrechnern oder bei der Stiftung Warentest Versicherungsbeiträge zu vergleichen. Sie können bei einem Wechsel oft mehrere hundert Euro im Jahr sparen. In den meisten Fällen muss dann die Versicherung bis Ende dieses Monats gekündigt werden. Das gilt für die Verträge, die zum 31. Dezember ablaufen. Will die Versicherung die Prämie erhöhen, hat aber jeder Versicherte ein Sonderkündigungsrecht und kann auch nach dem 30. November – innerhalb von vier Wochen nach Mitteilung der Versicherung – die Police kündigen.

Die neuen Unisextarife werden bei den Kfz-Versicherungen allerdings geringere Auswirkungen haben als zum Beispiel bei den ebenfalls von der Rechtsprechung betroffenen privaten Renten-, Risikolebens- oder Krankenversicherungen. Denn bei einer Kfz-Versicherung spielen viele geschlechtsneutrale Faktoren eine wichtige Rolle, etwa der Autotyp, der Wohnort oder die Dauer des unfallfreien Fahrens. Zudem lässt sich eine Kfz-Versicherung jedes Jahr ohne Nachteile wechseln. Das sorgt für mehr Wettbewerb.

Ganz neu ist das Prinzip von Unisextarifen übrigens nicht. Der Gesetzgeber führte bei der Riester-Rente bereits 2006 die geschlechtsunabhängige Versicherung ein. Bei der Haftpflichtversicherung spielte es ebenfalls noch nie eine Rolle, ob Herrn Müller oder Frau Schmidt das kostspielige Missgeschick passiert ist.

Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Herr Sommer, ich bitte um Erklärung

Sie schreiben:
"Die Versicherungsunternehmen werden wohl eher die Tarife der Frauen einfach auf das Niveau der Männer heben – und vielleicht noch ein wenig höher ansetzen. Denn die Versicherungen haben keine Erfahrungen mit Unisextarifen. Daher beruhen die Zahlen, auf deren Basis sie die künftigen Prämien kalkulieren, auf Schätzungen."

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Sorry, aber das ist doch Unfug!
Die Versicherer haben die bisher getrennten Tarife ja auch kalkuliert - auf Basis von Unfallzahlen.
Und das Verhältnis Männer:Frauen ist ja auch bekannt.
Daraus einen gemeinsamen Tarif zu errechnen ist nun wirklich keine höhere Mathematik.

Es sei denn, man geht davon aus, daß die Frauen in Zukunft mehr Unfälle verursachen weil ihre Versicherung teurer wird...

Oder ganz banal:
Wenn sich die bisherigen, billigeren Frauentarife für die Versicherungen gerechnet haben, dann machen die Versicherungen in Zukunft Zusatzgewinne, wenn die Frauen den teureren Männertarif bezahlen.

Die Versicherer bedauern was ganz anderes

"Wenn sich die bisherigen, billigeren Frauentarife für die Versicherungen gerechnet haben, dann machen die Versicherungen in Zukunft Zusatzgewinne, wenn die Frauen den teureren Männertarif bezahlen."

Die Versicherungen beklagen sich nur, damit sie dem Kunden nicht unsympathisch werden. "Lieber Kunde, es tut und sooooo Leid, dass wir dir mehr Geld abknöpfen müssen!" Wer es glaubt. Das ist doch lediglich Manipulation. Der Versicherungswirtschaft geht es derzeit haarstreubend (beispielsweise das BGH-Urteil zu Lebens- und Rentenversicherung vom Juli/12).

Die Versicherungen freuen sich, verkaufen dem Kunden aber "finden wir nicht gut". Und die meisten fallen auch noch drauf rein.

Wenn es tatsächlich ein Bedauern der Versicherer gibt dann dieses: Wir haben keinen guten Stand, uns wird nicht vertraut, immer weniger schließen (unnötige) Versicherungen ab, DARUM geht es uns schlecht. Aber dann tun ihnen das für sich selbst Leid und in keinem Fall für den Kunden.

Tolle Preislogik

Sondertarife für Frauen fallen weg (nicht durch höhere Schäden sondern qua Gesetz) und vorsichtshalber wird der Tarif für alle etwas höher angesetzt als der schlechtere Männertarif vorher. Das nenne ich Extraprofit, denn am Risiko des Geschäfts insgesamt ändert sich nichts.
Die Versicherer haben keine Erfahrung mit Unisextarifen?
Wie wär es mit der Quersumme des bisherigen Geschäfts mit Männern und Frauen?