ElektromobilitätElektroautos brauchen keinen Dauerton

Außer einem Surren macht nichts auf nahende Elektroautos aufmerksam. Brauchen sie also künstliche Geräusche? Diese umstrittene Frage versuchen Akustiker zu klären. von 

Nein, Zahlen über Unfälle von Elektroautos mit Fußgängern in Deutschland gebe es keine, winkt Siegfried Brockmann ab. "Es gibt einfach noch zu wenige Elektroautos", sagt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Auch das Statistische Bundesamt kann nicht weiterhelfen: Das Phänomen sei noch neu, sagt eine Mitarbeiterin. Eventuell werde man im kommenden Jahr beginnen, genaue Zahlen zu erheben.

Dabei wäre es hilfreich, Daten zu haben, wenn man abschätzen will, wie gefährlich Elektroautos für Fußgänger und Radfahrer sind. Schließlich sind sie deutlich leiser als herkömmliche Autos. Akustikexperten wie Angelo D'Angelico vom Projekt Akustische Umweltaspekte der E-Mobilität (AUE) kritisieren, dass in Unfallblättern noch nicht einmal erhoben wird, ob die Geräuscharmut der Elektroautos zum Unfall führte.

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Anders als ein Verbrennungsmotor erzeugt ein Elektroaggregat höchstens leise surrende Geräusche. Vor allem beim Anrollen ist das E-Mobil kaum zu hören. Sollten die Fahrzeuge darum über Lautsprecher künstliche Geräusche von sich geben? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Zwei Lager haben sich gebildet: Die einen hoffen dank der E-Autos endlich auf leiseren Verkehr und lehnen Geräusche deshalb ab. Die anderen fürchten um die Sicherheit und fordern, dass ein Elektroauto permanent Geräusche abgibt, die der Fahrer nicht abstellen kann.

Klangunterschiede beim Herannahen

Die Befürworter künstlicher Geräusche verweisen auf eine Studie aus den USA . Dort hat das Verkehrsministerium mehrere Tausend Unfälle von Fußgängern und Radfahrern mit Autos unterschiedlicher Antriebsart ausgewertet. Das Ergebnis: Wenn das Fahrzeug sich verlangsamt, abbiegt, auf einen Parkplatz fährt oder einen solchen verlässt, ist das Unfallrisiko für Hybridfahrzeuge signifikant höher als für Benziner oder Dieselautos. In den USA und Japan schreiben Gesetze darum künstliche Geräusche grundsätzlich vor. Die Europäische Union arbeitet an einer Verordnung.

"Der Klang des Motors hat sich für Fußgänger als Signalquelle etabliert", sagt Angelo D'Angelico. "Diese fehlt bei Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb natürlich." Auch er bestreitet nicht, dass Fußgänger vor Elektroautos gewarnt werden sollten.

Allerdings lehnt er eine Dauerbeschallung ab. In normal belebten Straßensituationen seien Elektroautos keine Gefahr, sagt der Experte. Dort müssten Elektroautos also nicht künstlich Lärm erzeugen. Das konterkariere die Bemühungen, den Lärmpegel des fließenden Verkehrs zu senken. "Problematisch ist dagegen ein einzelnes Elektrofahrzeug, das sich in einer leisen Straße oder auf einem Parkplatz nähert", sagt D'Angelico. Ohnehin sei ein E-Fahrzeug während des Herannahens am gefährlichsten.

Das zeigen akustische Vergleichsmessungen, die während des AUE-Projekts gemacht wurden. Dort, wo das Fahrzeug am Messmikrofon vorbeifährt, unterscheiden sich Elektro- und Verbrennerfahrzeug kaum. In der Phase, in der sich das Fahrzeug dem Messpunkt nähert, unterscheiden sich die Geräuschemissionen beider Fahrzeugtypen aber erheblich – das Auto mit Verbrennungsmotor ist erheblich lauter.

Leserkommentare
    • Flari
    • 30. November 2012 18:58 Uhr

    Am schlimmsten finde ich aber die Disqualifizierung von Fussgängern, die sich nicht alle naslang umdrehen, ob da ein E-Fahrzeug hinter ihnen kommt oder fährt.

    Selbstverständlich bringt man Kindern erst einmal bei, möglichts erst einmal links und rechts zu schauen, bevor man eine offensichtliche "Verkehrsader" betritt oder überquert.
    Sehr wenig später entwickelt sich aber die reine Gewohnheit in Verbindung von Erfahrungen zu dem normalen Verhalten, das
    die Umgebung individuell prägt und in dem viele "vernünftige" Regeln oft vergessen werden.

    Ich selber wohne in einer Stadt, die absolut berechtigt auch schon die Auszeichnug der "fahrradunfreundlichsten Stadt Deutschlands" erhalten hat, wobei vieles alleine der Topographie geschuldet ist.
    Entsprechend selten sieht man hier einen Fahrradfahrer im normalen Verkehr.
    Ich selber bleue mir daher in anderen Bereichen möglichst ein, dass da doch plötzlich ein Radfahrer rechts überholen kann oder ein Radweg kreuzt, bevor ich die Vorfahrtsstrasse einsehen kann.
    Aber ich weiss auch, wie leicht man das dort dann mal vergisst.

    Der geräuscharme "Schnellere" hat grundsätzlich damit zu rechnen, dass er nicht wahrgenommen wird.
    Insbesondere sollte sein "Stolz" auf sein tolles Gefährt nicht dazu führen, andere Verkehrsteilnehmer niederer zu sehen.
    Wenn er es dennoch macht, ist eine erhöhte Gefährdung anderer die logische Folge.

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    Statistisch sind für Priusfahrer zu 100% die Fussgänger "schuld".

    Ich habe Ihren Beitrag erst gelesen, als meiner (#22) schon abgesetzt war.

    Da ich einen Prius fahre, interessiert mich natürlich brennend: Auf welche Statistik ("statistisch sind...") beziehen Sie sich? (Zur Erläuterung: Ich hatte im Prius noch nie ein Problem mit einem Fußgänger. Und selbst wenn, wäre der Vorfall statistisch nur mit einem Prozentbruchteil relevant.)

    Auf Ihre sicher erhellende Antwort bin ich sehr gespannt.

  1. "Ein herannahendes Fahrzeug sendet über Bluetooth Signale an ein Armband, das der Fußgänger trägt und das dann zu vibrieren beginnt."

    • Zack34
    • 30. November 2012 20:47 Uhr

    "wenn man bedenkt .. weil ein fahrad sehr manövrierfähig ist und der fahrende sehr gut weis wie schnell er ist, ..."

    Der war gut...

    Antwort auf "wenn man"
  2. Ich gehe mal davon aus, dass Sie das unbedacht geschrieben haben.
    Eine leisere "Alltagshupe" ist sicher keine schlechte Idee für leise Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor.
    Aber die Lösung mit Fenster runter und nett fragen ist doch x-mal charmanter als eine noch so dezente Tröte.

    • Xdenker
    • 01. Dezember 2012 0:26 Uhr

    Von mir aus könnten es auch Klingeln sein. Wie bei der guten alten Straßenbahn. Ging doch auch, oder? Und die hat mächtig viel Masse und kann noch nicht einmal ausweichen.

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    ... weil die ja Strom braucht. An deren Stelle ist eine Dampfpfeife vorzusehen. Deswegen braucht jedes Elektroauto einen Tender für die entsprechenden Wasser- und Kohlevorräte.

  3. Ich erwähne mal nur am Rande die zunehmende Zahl von Verkehrsteilnehmern, die sich durch Dauerbeschallung per Kopf-/Ohrhörer jeder Chance berauben, ein Was-auch-immer im Straßenverkehr akustisch wahrzunehmen.

    Aus der Praxis: Ich fahre seit 3 Jahren einen Voll-Hybrid, der in der Lage ist, auf ebener Strecke kurzzeitig bis ca. 75 km/h rein elektrisch zu fahren. Und da das der Sinn dieser Technologie ist, mache ich davon, wann immer es geht, auch ausgiebig Gebrauch, vor allem in verkehrsberuhigtem Mischverkehr wie z.B. Fußgängerzonen.

    Meine medial geschürte Anfangserwartung, dass etwa Fußgänger, wenn ich "elektrisch" plötzlich von hinten neben ihnen auftauche, panisch auseinanderstieben, hat sich in diesen 3 Jahren in keiner Weise bestätigt. Ebensowenig (und fast zu meinem Leidwesen) die Vorfreude darauf, dass jeder, der mein lautloses Wunderwerk der Technik sieht, mir bewundernd hinterherstarrt. Diverse Nachbarn haben erst nach Monaten registriert, dass meine Ausfahrt aus der Garage völlig geräuschlos vonstatten geht. Offenbar reicht das Abrollgeräusch der Reifen völlig aus, um den noch nicht MP3-beschallten Verkehrsteilnehmern eine Annäherung zu signalisieren. Und es wäre äußerst schade (nein, eigentlich dämlich!), diese Lärmreduzirung im Straßenverkehr mutwillig wieder zu beseitigen.

    US-Studien bitte ich nicht als seriös zu akzeptieren - es gibt inzwischen genug Belege für eine statistisch relevante "besondere" intellektuelle Befindlichkeit dortiger Verkehrsteilnehmer.

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    "Aus der Praxis: Ich fahre seit 3 Jahren einen Voll-Hybrid, der in der Lage ist, auf ebener Strecke kurzzeitig bis ca. 75 km/h rein elektrisch zu fahren. Und da das der Sinn dieser Technologie ist, mache ich davon, wann immer es geht, auch ausgiebig Gebrauch, vor allem in verkehrsberuhigtem Mischverkehr wie z.B. Fußgängerzonen."

    Wow, Sie brettern mit 75 km/h durch Fußgängerzonen? Da hätte man keine Chance, egal Kopfhörer auf oder nicht.

  4. 23. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Die Redaktion/ls

  5. Statistisch sind für Priusfahrer zu 100% die Fussgänger "schuld".

    Ich habe Ihren Beitrag erst gelesen, als meiner (#22) schon abgesetzt war.

    Da ich einen Prius fahre, interessiert mich natürlich brennend: Auf welche Statistik ("statistisch sind...") beziehen Sie sich? (Zur Erläuterung: Ich hatte im Prius noch nie ein Problem mit einem Fußgänger. Und selbst wenn, wäre der Vorfall statistisch nur mit einem Prozentbruchteil relevant.)

    Auf Ihre sicher erhellende Antwort bin ich sehr gespannt.

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    • Flari
    • 01. Dezember 2012 11:06 Uhr

    "Auf Ihre sicher erhellende Antwort bin ich sehr gespannt."

    Ich habe lediglich die Kommentare der hier vertretenen Priusfahrer ausgewertet. :-)

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