FahrangstWenn das Auto zum Feind wird

Vom Spaß am Fahren wird gern gesprochen – über die Furcht davon kaum. Dabei kann Fahrangst grundsätzlich jeden treffen. Dann wird jede Fahrt unerträglich. von Heiko Haupt

Die Angst kam plötzlich. Erst war die Autobahnfahrt wie jede andere: ermüdend und eintönig. Blinken, auf die linke Spur wechseln, einen Lastwagen überholen, blinken, wieder nach rechts ziehen. Es war Routine – einmal mehr blinken, ausscheren und zum Überholen eines weiteren Lkw ansetzen. Plötzlich erschien die schwarze Limousine mit aufgeblendeten Scheinwerfern formatfüllend im Rückspiegel, gleichzeitig zog der Laster aus unerfindlichen Gründen ebenfalls auf die Überholspur. Es ging gerade noch gut, aber seitdem war sie da und blieb – die Fahrangst.

Egal ob Langstrecken-Routinier oder Drittwagen nutzende Hausfrau, die Angst vor dem Fahren von Vehikeln kann jeden treffen. Psychologen nennen das Phänomen Amaxophobie. Mal tritt sie nach einer kritischen Situation auf, mal nach einem tatsächlichen Unfall. Mal aber auch einfach beim Befahren von Brücken oder Tunneln.

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Wen die Fahrangst einmal erwischt, der hat ein echtes Problem. Etwa wenn der Außendienstler plötzlich bei jeder Autobahnfahrt zitternd und mit schweißnassen Händen am Lenkrad sitzt. Oder wenn der Weg zur Arbeit über eine Hochbrücke führt, die von einem Tag auf den anderen wegen Panikattacken zu einem unüberwindlichen Hindernis wird. Manchmal geht die Angst so weit, dass sie das Fahren per se zu einer unmöglichen Aufgabe macht, egal ob in der Stadt oder auf der Fernstraße.

Nicht nur Frauensache

Wie verbreitet die Amaxophobie ist, weiß niemand. "Tatsächliche Zahlen sind nicht bekannt, es gab bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu", sagt Karin Müller, die Geschäftsführerin der Gesellschaft für angewandte Betriebspsychologie und Verkehrssicherheit ABV. Es kursieren aber Schätzungen von einer bis vier Millionen Betroffenen in Deutschland. Häufig heißt es, das Problem betreffe vor allem Frauen. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich gibt es eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen, die besonders oft mit solchen Ängsten zu kämpfen haben – nämlich jene Frauen, die nach langer (Zwangs)-Pause plötzlich wieder fahren müssen oder wollen.

Der Verkehrstherapeut und Fahrlehrer Axel Jahnke nennt als Beispiel ein älteres Ehepaar, bei dem über viele Jahre ausschließlich der Mann den Wagen gefahren hat. "Dann aber kommt vielleicht der Moment, in dem eben dieser Mann krankheitsbedingt nicht mehr den Wagen lenken kann", sagt Jahnke. "Auch eine Scheidung kann dahinter stecken." Wie auch immer: Plötzlich muss die Frau wieder fahren – und bekommt es mit der Angst zu tun. Diese ist laut Karin Müller eine Kombination aus Respekt und Furcht vor der Bedienung einer komplexen Maschine. Hinzu kommt die Unerfahrenheit im Straßenalltag.

Noch immer fährt in vielen Paarbeziehungen überwiegend der Mann den Wagen. Darum haben Männer seltener mit dem eben beschriebenen Problem zu kämpfen. Doch es wäre falsch zu behaupten, dass es keine unter Fahrangst leidenden Männer gibt. Sie reden nur ungern darüber und begeben sich – wenn überhaupt – erst nach langem Zögern in Behandlung. Männer, die nach einem Unfall unter Panikattacken leiden, werden das Problem wohl erst einmal mit sich selbst ausmachen und versuchen, es sich nicht anmerken zu lassen – so schwer es ihnen auch fällt.

Leserkommentare
    • R.Heyer
    • 17. November 2012 10:05 Uhr

    Fahren, fahren, fahren......
    und wer dann feststellt "es bringt nix" , der muß es dann eben lassen.
    Gruß

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    Eine Menge Angst vor dem Fahren kann durch Fahrpraxis gelöst werden. Klar.

    Aber das geht hier am Problem vorbei. Wenn die Karre durch Feindeinwirkung als Schrott im Graben liegt und nur noch der Airbag den Unterschied zwischen Krankenwagen und Leichenwagen ausgemacht hat, ist die Welt etwas komplizierter.

    Der Körper ist darauf programmiert, sich gefährliche Situationen zu merken und sie zu vermeiden. Dumm, wenn es gekracht hat, weil ein Auto von der Spur abkommt und erst durch die Kühler des Gegenverkehrs gebremst wird.

    Der Körper der am Unfall beteiligten Fahrer merkt sich nämlich das Szenario und erzeugt in ähnlichen Fällen Angst. Zum Beispiel, wenn ein Auto entgegen kommt. Und dann will der traumatisierte Fahrer jedes Mal am liebsten in den Graben ausweichen, was ja auch im Moment des Unfalls die beste Lösung gewesen wäre.

    Bekämpfen kann man die Angst tatsächlich mit fahren, fahren, fahren. Und zwar, wenn man trotz moderater Angst die Kontrolle nicht verliert. Aber im Zweifel nimmt man besser einen geschulten Copiloten mit, der dafür sorgt, dass die Karre im Panikfall auf der Straße bleibt.

    Das ist nur vernünftig und allemal besser, als den Helden zu spielen.

    Ich las den Artikel zu den Fahrängsten mit Interesse, weil ich seit über 20 Jahren Fahrlehrerin bin und seit über 10 Jahren mit Fahrängsten befasse. Bislang hatte ich noch KEINEN Kunden, bei dem die Angst nicht hätte abgebaut werden können. Immer gibt es eine, gewöhnlich leicht auszumachende Ursache, diese gilt es zu behandeln. Vielfach gelingt dies innerhalb kurzer Zeit. Ich freue mich über Berichte und Bekenntnisse zu Fahrängsten und geben gerne Tipps. Bei Facebook findet man mich unter Kerstin Fahregern ;-)

  1. wenn dieses Ding unter mir sich bewegt und sich nur sehr indirekt beeinflussen läßt - neee, lassen se mal.
    Moppetfahren macht Spaß. Wenn die Kisten vor jeder Welle (es gibt Gegenden, da sind "Wellen" das, was in D Schanzen sind) einen Stau machen und ich springe halt ein paar Meter auf zwei Rädern an denen vorbei - das ist unbezahlbar.
    Und meine Umweltverschmutzung ist in jeder Hinsicht mindestens gleich, Tuning ist einfacher als bei Autos.
    Ansonsten gibt es Zug, Bus, Taxi.

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    • inecht
    • 17. November 2012 10:51 Uhr

    Angst schützt.
    Bei jährlich mehreren Tausend Toten im bundesdeutschen Straßenverkehr ist die Angst vor der anarchischen, rücksichtslosen Raserei anderer Verkehrsteilnehmer nicht unberechtigt, sondern überlebenswichtig.
    Am Stauende beobachte ich genau die LKWs im Rückspiegel. Seitdem mir einmal die rechtzeitige Flucht auf den Pannenstreifen das Leben gerettet hat, halte ich meine Umsicht nicht für "psychotisch" oder gar behandlungsbedürftig.

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    nicht ganz richtig verstanden.

    Es geht nicht um die Angst, die Sie meinen. Es geht nicht um die sehr berechtigte Angst vor LKW-Fahrern im Halbschlaf oder drängelnden Business-Schumis.

    Es geht um irrationale Angst, die zu Panikattacken führt, die dazu führt, dass man sein Fahrzeug nicht mehr beherrscht und dass man den übrigen Verkehr gar nicht mehr richtig wahrnimmt.

  2. Wenn man Angst hat, muß man eben mit dem Bus oder der Bahn fahren. Vielleicht sogar mit dem Fahrrad. Aber in der Autorepublik Deutschland ist das eine undenkbare Vorstellung. Wieso glaubt hier jeder das es ein Grundrecht auf ein Automobil gibt? Das Auto ist ein extrem ineffizientes Verkehrsmittel. Allein der Flächenverbrauch, zum Beispiel in Städten mit hohen Immobilienpreisen, ist nur durch die hohe Subventionierung des Staates möglich. Der Autominister Ramsauer lässt grüßen. Der hat ja gerade wieder die Mittel für alternative Fortbewegungsmittel gekürzt und den totalen Ausbau der Straßen propagiert.

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    • E.Wald
    • 17. November 2012 18:33 Uhr

    es ist nur leider nicht so. Statt dessen gibt es (idR ländliche) Gegenden in Deutschland, bei denen sie es extrem schwer haben, ohne Führerschein eine Arbeitsstelle zu bekommen (denn das wird im Vorstellungsgespräch auch gefragt) und dort täglich hin- und zurück zu kommen. Eine massive Fahrangst kann da einigen negativen Einfluss auf die Lebenssituation haben. Als Unbetroffener kann mal schnell mal was leicht nehmen.

  3. Meine Schwester machte damals mit 18 die Fahrerlaubnis und bestand im ersten Anlauf. Die Prüfung war auch das letzte Mal wo sie selbst fuhr, seither hat sie Panik. Panik davor das Auto an einer belebten Ampel abzuwürgen, die zufällig an einer leichten Steigung ist. In ihrer Vorstellungen regen sich dann alle anderen Verkehrsteilnehmer über sie auf.
    Was genau der Tricker ist, kann ich leider nicht sagen. Sie hat einfach einen Weg gefunden, jegliche Möglichkeit des Selbstfahrens müssen, seit mehr als 11 Jahren, zu umgehen. Sie fährt Bahn, mit der MFZ oder sie nimmt das Flugzeug. Ab und zu ärgere ich sie damit, aber oft kann sie den Scherz in ihrer Panik nicht erkennen und denkt wirklich sie müssen in den nächsten 5 min selbstfahren.
    Sie ist alt genug zu wissen was sie da tut und vielleicht kommt nochmal der Moment in ihrem Leben, da das Verlangen größer ist als ihre Angst und sie sich ihr entweder selbst oder mit therapeutischer Hilfe stellt.

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    meine geschichte ist so ähnlich, nur ist die prüfung erst 6 jahre her.

    danach bin ich noch ab und zu gefahren, neben mir ein hysterisches elternteil,
    das nach jeder kurve dachte, ich bringe uns beide gleich um. ich hab dann gedacht, ich lasse die probezeit verstreichen u fahre dann wieder. jedoch ist es nicht so einfach, sich nach 2 jahren wieder in das auto zu setzen, das im gegensatz zum fahrrad wirklich in der lage ist, menschen zu töten.

    ich denke, irgendwann sollten ich (und auch ihre schwester) noch ein paar fahrstunden nehmen, mit einer neutralen person, die einem wieder das vertrauen in das eigene fahrvermögen zurückgeben kann.

    aber das bereitsein für diesen zeitpunkt lässt sich von außen leider nicht erzwingen.

    allerdings sollten Sie vielleicht mit diesen scherzen aufhören, mein bruder macht das auch und nach jedem dieser "witze" schiebe ich den gedanken an eigenes fahren erstmal wieder ganz weit weg.

    und noch was an alle "auto-ist-überbewertet-fahrt-doch-bahn" - kommentatoren hier:

    natürlich lässt sich das leben auch ohne auto, gerade in einer großstadt, wunderbar bewältigen. jedoch ist es einfach nervend, wenn man eigentlich einen führerschein hat und trotzdem für jeden umzug, für jeden möbelkauf, freunde bitten muss zu fahren, und die jedes mal fragen "sag mal, hast du keinen führerschein?" ...

    • pekir
    • 17. November 2012 12:49 Uhr

    @merkbefreit:
    Angst ist sicher zu komplex, um hier einfache Ratschläge zu geben. Aber manchmal ist doch eine einfache Lösung denkbar: Die Angst vor dem bergigen Anfahren an der Ampel, auf der Rampe im Parkhaus usw. läßt sich überwinden mit einem Automatikgetriebe bzw. der Berganfahrhilfe in moderneren PKW. Wenn tatsächlich die Angst so auf nur eine spezielle Ursache oder eine spezielle Erfahrung zurückzuführen ist kann nach genauerer Analyse über eine Abhilfe nachgedacht werden. Leider setzt sich die Angst aber meist aus unterschiedlichen Ängsten zusammen. Dann werden Analyse und Therapie allerdings langwierig und schwierig.

  4. denn fahr Bus, Bahn, Fahrrad, Taxi, das sagt sich einfach. Die Angst kann auch aus den Reaktionen die einem vom souverän motorbewegtem Volk entgegengebracht werden resultieren. Bei eben solchen Situationen sie Motor abwürgen, unsichere Spurwechsel etc. Aber ängstlichen Fahrern kann man durchaus zu gute halten daß sie größtenteils wenigstens bemüht sind: in dem sie ausreichend blinken, ihre Spiegel benutzen etc...
    Was viele vielleicht für souverän halten ist leider der sture Tunnelblick, nicht nachgeben, auf Vorfahrt bestehen, engstirnig jeden Fehler per Hupe (und teils schlimmeres) "belehren"...

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    Ich glaube, gerade bei Fahranfängern besteht meistens ein gewisser Respekt davor, sich ohne Fahrlehrer oder Elternteil in den Verkehr einzugliedern. Gerade in einer Großstadt ja auch verständlich.
    Meistens besteht die Lösung darin, sich möglichst schnell und viel ans Steuer zu setzen, um eine gewisse Sicherheit zu bekommen. Vielleicht auch mit einem Begleiter, der schon lange und sehr gut fährt, dem man vertraut, wenn man Beifahrer ist.

    Ich habe das souveräne Fahren in einer Kleinstadt gelernt, somit sind Großstädte mittlerweile auch nicht mehr das Problem, aber in der Großstadt ist ja Holland in Not, wenn jemand mal den Wagen abwürgt und dadurch alles um fünf Sekunden verzögert wird.
    Menschen, die sofort hupen, sind mir sowieso absolut unsympathisch. Ich bin selbst manchmal in Eile, dennoch würde ich nicht anfangen, Leute anzuhupen, weil sie´s nicht sind. Ich empfinde es als äußerst unhöflich und kontraproduktiv, jemanden anzuhupen und somit endgültig aus dem Konzept zu bringen, wenn er sowieso schon absolut unsicher ist.

  5. Eine Menge Angst vor dem Fahren kann durch Fahrpraxis gelöst werden. Klar.

    Aber das geht hier am Problem vorbei. Wenn die Karre durch Feindeinwirkung als Schrott im Graben liegt und nur noch der Airbag den Unterschied zwischen Krankenwagen und Leichenwagen ausgemacht hat, ist die Welt etwas komplizierter.

    Der Körper ist darauf programmiert, sich gefährliche Situationen zu merken und sie zu vermeiden. Dumm, wenn es gekracht hat, weil ein Auto von der Spur abkommt und erst durch die Kühler des Gegenverkehrs gebremst wird.

    Der Körper der am Unfall beteiligten Fahrer merkt sich nämlich das Szenario und erzeugt in ähnlichen Fällen Angst. Zum Beispiel, wenn ein Auto entgegen kommt. Und dann will der traumatisierte Fahrer jedes Mal am liebsten in den Graben ausweichen, was ja auch im Moment des Unfalls die beste Lösung gewesen wäre.

    Bekämpfen kann man die Angst tatsächlich mit fahren, fahren, fahren. Und zwar, wenn man trotz moderater Angst die Kontrolle nicht verliert. Aber im Zweifel nimmt man besser einen geschulten Copiloten mit, der dafür sorgt, dass die Karre im Panikfall auf der Straße bleibt.

    Das ist nur vernünftig und allemal besser, als den Helden zu spielen.

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