Automarke : Lancia dümpelt dem Ende entgegen

Fiat lässt Lancia seit Jahren dahinvegetieren, der Schulterschluss mit Chrysler ist auch erfolglos. Was hat zum schleichenden Ende der Traditionsmarke beigetragen?

Immer wieder geraten alteingesessene Automarken ins Trudeln: Die französische Marke Simca etwa wurde nach Jahrzehnten 1980 aufgegeben, Rover und MG verschwanden 2005. Zuletzt stand Saab vor dem Aus. Meist hatte zuvor kaum jemand befürchtet, dass derartige Traditionsmarken einmal in den Autoarchiven verschwinden würden.

Ein ähnlicher Abstieg droht seit Jahren Fiats traditionsreicher Edelmarke Lancia . Die sehenswerte Luxuslimousine Thesis war Anfang des 21. Jahrhunderts einer der letzten Versuche, auf die italienische Art Premiummarken wie Mercedes, Audi oder BMW zu folgen. Doch der Thesis floppte in ganz Europa. Auch der szenige Minivan Musa, 2004 eingeführt, war im Grunde kein schlechter Ansatz, doch er brachte letztlich wenig. Lancia stellte die Produktion im Sommer 2012 ein. Kaum in Erscheinung trat auch der luxuriöse Van Phedra.

2009 stieg Fiat bei Chrysler ein und ist dort mittlerweile Mehrheitsaktionär. Danach führte Fiat beide Marken zusammen, Lancia tritt heute als europäischer Markenableger von Chrysler auf. Doch auch das brachte bisher keine neuen Kunden. Lediglich der Kleinwagen Ypsilon, dessen jüngste Generation 2011 auf den Markt kam, kann einigermaßen akzeptable Absatzzahlen vorweisen. Der allergrößte Teil der über 100.000 pro Jahr produzierten Neuwagen werden nach wie vor im Heimatland Italien verkauft.

Einst Vorreiter, inzwischen unbeachtet

Bei Lancia fehlt seit Jahren ein vernünftiges Konzept mit Zukunftsperspektiven. Seit der Kooperation mit Chrysler hat die einstige Kultmarke zwei eigene Modelle eingestellt und durch Chrysler-Fahrzeuge ersetzt, die in Europa mit Lancia-Logo verkauft werden. Publikumslieblinge sind die Modelle alle nicht, ein Marketing ist allenfalls sporadisch vorhanden. Die meisten Händler stehen schon lange nicht mehr hinter der Traditionsmarke. In vielen Fiat-Autohäusern sind die Lancia-Modelle aus den Schauräumen verschwunden.

Ein Lifestyle-Flitzer wie der Mini oder der neue Opel Adam würden sich auch im Lancia-Portfolio prächtig machen. Einst war Lancia mit dem Y10 Vorreiter im Segment der edlen Kleinwagen. Mittlerweile haben andere den Nachfolger Ypsilon längst abgehängt. Selbst das konzerneigene Schwestermodell Fiat 500 gräbt dem Lancia Ypsilon seit einigen Jahren das Wasser ab.

Was aber Lancia über Jahre hinweg insbesondere fehlte, war ein konkurrenzfähiges Fahrzeug in der Kompaktklasse. Das wichtigste europäische Fahrzeugsegment hat die Fiat-Edelmarke jahrelang ignoriert. Den letzten ernstzunehmenden Golf-Konkurrenten, den die Lancia-Verantwortlichen ins Rennen schickten, war in den achtziger Jahren das Modell Delta. Es war europaweit nicht gerade ein Megaseller, hatte aber durch seine jahrelangen Erfolge im Rallyesport einen Ruf wie Donnerhall. Das Design war kantig, einzigartig und gewöhnungsbedürftig. Doch jeder wusste: Ein Delta Integrale HF mutierte auf der Straße mit Allradantrieb und kräftiger Leistung zur grandiosen Spaßmaschine.

Fiat lässt Lancia dahinvegetieren

Zuvor hatte Lancia in regelmäßigem Rhythmus wunderschöne und oftmals sogar charismatische Fahrzeuge hervorgebracht. Die goldenen Jahre der Marke lagen in den fünfziger und sechziger Jahren und verbinden sich mit Modellnamen wie der Aurelia-Reihe oder dem Fulvia. Eine Fulvia-Retrostudie sorgte auf der IAA vor einigen Jahren für Aufsehen. Doch ohne passende Plattform gab es keine Neuauflage. Auch der 100. Geburtstag der Marke ging 2006 spurlos an dem dünnen Produktportfolio vorbei.

Vor vier Jahren setzten Fiat und die Lancia-Markenführung auf ein neues Kompaktmodell, das der Kompaktklasse jedoch völlig entwachsen war. Überraschenderweise bekam das zu groß gewordene Modell den traditionsreichen Namen, hat aber mit dem Achtziger-Jahre-Delta nicht den Hauch gemein. Mit einer Länge von rund 4,50 Metern und bevorzugten Dieselmotoren bis 200 PS macht der neue Lancia Delta auf Crossover-Lifestyle-Kombi. Das ist in den achtziger Jahren schon beim größeren Fiat Croma mächtig schief gegangen.

Es bleibt abzuwarten, wie – und ob – sich Lancia als unscheinbarste Fiat-Marke in den nächsten Jahren entwickeln wird. Es scheint, dass Fiat-Chef Sergio Marchionne sich künftig verstärkt auf seine Nobelmodelle von Alfa Romeo und Maserati konzentrieren will. Zwar dementierte ein Fiat-Sprecher Berichte, wonach Fiat die Marke Lancia einstellen wolle. So war ein Marchionne-Zitat interpretiert worden: "Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass wir Lancia neu aufbauen können."

Doch es sieht zumindest ganz danach aus, als wolle der Fiat-Konzern nicht mehr nennenswert in die Marke investieren. Damit dürfte sich Lancia darauf beschränken, Chrysler-Fahrzeuge unter dem eigenen Namen in Europa zu vertreiben. Doch der Lancia Flavia , eine europäische Version des Chrysler 200, wird nur als Cabriolet mit betagter Technik angeboten. Da bringt ein Kampfpreis dann auch nichts mehr, insbesondere nicht für eine selbsternannte Edelmarke.

Der Lancia Thema ist zwar ein deutlich verbesserter Chrysler 300, doch richtig gut läuft das Geschäft mit dem Mittelklasse-Modell nicht. Der Lancia Voyager ist im Markt nicht nennenswert vorhanden. Und für die nächsten Jahre hat Lancia nichts Neues in der Hinterhand. Zudem verkauft Lancia seine Modelle insbesondere in Südeuropa, und diese Märkte werden sich in den nächsten Jahren nicht erholen. Dort, wo derzeit Geld zu holen ist – vor allem in Asien , Russland oder Südamerika – ist Lancia nicht vertreten.

Kommentare

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Es klang im Artikel an,

ein Zugpferd war der Ralleysport, aber wofür steht heute noch Lancia wirklich? Keine Identität. Nicht sportlich, nicht attraktiv. Dann gehört zu FIAT noch Alfa Romeo und auch diese Marke wird gegen den Baum gesetzt, weil richtig gutes Design, wie z.B. vom Alfa Romeo 159 nicht konsequent weiterverfolgt wird und man sich stattdessen auf Klein und Kompaktwagen fokusiert. Man muss sich mal die Frage stellen. Was erwarte ich von einem Italiener? Sportlichkeit, Eleganz, Schönheit und etwas Technik und das alles wird vernachlässigt und dabei übersehen, dass gerade im Billigsegment der Kleinwagen der Markt übersättigt ist.

Lancia ist schon lange tot

Lancia war einstmals in der Nachkriegszeit eine wirkliche Automarke mit sehr eigenständigem Profil: als sportlich geltende Autos mit dem damals noch seltenen Frontantrieb, bei der Fulvia ein 14°-V4-Motor (bei VW würde man das heute "VR4" nennen) mit zwei obenliegenden Nockenwellen. Mit der ersten selbsttragenden Karosserie hat die Marke sogar grundlegend Automobilgeschichte geschrieben.

Seit der Übernahme durch Fiat war dann Schluss mit Extravaganzen: seitdem diente der ehemals große Name nur noch dazu, langweilige Massen-Autos im (noch dazu ziemlich danebengegriffenen) Styling etwas aufzuhübschen und überteuert als "Premium" zu vermarkten. Klar, dass diese Masche nur begrenzte Zeit funktioniert. Aber Lancia ist schon lange tot. Was jetzt stirbt, ist nur noch eine Maketingmasche von Fiat - nicht schade drum.