AutomarkeLancia dümpelt dem Ende entgegen

Fiat lässt Lancia seit Jahren dahinvegetieren, der Schulterschluss mit Chrysler ist auch erfolglos. Was hat zum schleichenden Ende der Traditionsmarke beigetragen? von Stefan Grundhoff

Immer wieder geraten alteingesessene Automarken ins Trudeln: Die französische Marke Simca etwa wurde nach Jahrzehnten 1980 aufgegeben, Rover und MG verschwanden 2005. Zuletzt stand Saab vor dem Aus. Meist hatte zuvor kaum jemand befürchtet, dass derartige Traditionsmarken einmal in den Autoarchiven verschwinden würden.

Ein ähnlicher Abstieg droht seit Jahren Fiats traditionsreicher Edelmarke Lancia . Die sehenswerte Luxuslimousine Thesis war Anfang des 21. Jahrhunderts einer der letzten Versuche, auf die italienische Art Premiummarken wie Mercedes, Audi oder BMW zu folgen. Doch der Thesis floppte in ganz Europa. Auch der szenige Minivan Musa, 2004 eingeführt, war im Grunde kein schlechter Ansatz, doch er brachte letztlich wenig. Lancia stellte die Produktion im Sommer 2012 ein. Kaum in Erscheinung trat auch der luxuriöse Van Phedra.

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2009 stieg Fiat bei Chrysler ein und ist dort mittlerweile Mehrheitsaktionär. Danach führte Fiat beide Marken zusammen, Lancia tritt heute als europäischer Markenableger von Chrysler auf. Doch auch das brachte bisher keine neuen Kunden. Lediglich der Kleinwagen Ypsilon, dessen jüngste Generation 2011 auf den Markt kam, kann einigermaßen akzeptable Absatzzahlen vorweisen. Der allergrößte Teil der über 100.000 pro Jahr produzierten Neuwagen werden nach wie vor im Heimatland Italien verkauft.

Einst Vorreiter, inzwischen unbeachtet

Bei Lancia fehlt seit Jahren ein vernünftiges Konzept mit Zukunftsperspektiven. Seit der Kooperation mit Chrysler hat die einstige Kultmarke zwei eigene Modelle eingestellt und durch Chrysler-Fahrzeuge ersetzt, die in Europa mit Lancia-Logo verkauft werden. Publikumslieblinge sind die Modelle alle nicht, ein Marketing ist allenfalls sporadisch vorhanden. Die meisten Händler stehen schon lange nicht mehr hinter der Traditionsmarke. In vielen Fiat-Autohäusern sind die Lancia-Modelle aus den Schauräumen verschwunden.

Ein Lifestyle-Flitzer wie der Mini oder der neue Opel Adam würden sich auch im Lancia-Portfolio prächtig machen. Einst war Lancia mit dem Y10 Vorreiter im Segment der edlen Kleinwagen. Mittlerweile haben andere den Nachfolger Ypsilon längst abgehängt. Selbst das konzerneigene Schwestermodell Fiat 500 gräbt dem Lancia Ypsilon seit einigen Jahren das Wasser ab.

Was aber Lancia über Jahre hinweg insbesondere fehlte, war ein konkurrenzfähiges Fahrzeug in der Kompaktklasse. Das wichtigste europäische Fahrzeugsegment hat die Fiat-Edelmarke jahrelang ignoriert. Den letzten ernstzunehmenden Golf-Konkurrenten, den die Lancia-Verantwortlichen ins Rennen schickten, war in den achtziger Jahren das Modell Delta. Es war europaweit nicht gerade ein Megaseller, hatte aber durch seine jahrelangen Erfolge im Rallyesport einen Ruf wie Donnerhall. Das Design war kantig, einzigartig und gewöhnungsbedürftig. Doch jeder wusste: Ein Delta Integrale HF mutierte auf der Straße mit Allradantrieb und kräftiger Leistung zur grandiosen Spaßmaschine.

Leserkommentare
    • Schrdro
    • 10. November 2012 23:32 Uhr
    25. deja vu

    Wie im Artikel am Anfang erwähnt, erinnert das stark an die untergegangene französische Traditionsmarke Simca. Auch die wurde von einem nationalen Konkurrenten (in dem Fall Peugeot) übernommen, und auch die war europäischer Ableger von Chrysler.

    • A-RAP
    • 11. November 2012 9:20 Uhr

    Ein Autokonzern der mit dem eigenen Überleben beschäftigt ist, kann definitiv keinen Exoten wie Lancia am Leben halten. Man kann nur hoffen, dass sich ein Investor findet und die Marke selbstständig macht (siehe Jaguar)

    via ZEIT ONLINE plus App

  1. Der Rest der Fiat Gruppe könnte folgen. Auf dem Weltmarkt ist nicht nur begrenzt Platz für viele Hersteller.

    http://www.automobil-produktion.de/2012/03/auch-fiat-verhandelte-mit-gm-...

    1.5 Millionen zuviel gebaute PKWs sind kein Argument für zunehmende Vielfalt der Hersteller. Eher das Gegenteil, wobei man sich als Kunde von der vermeintlich eigenständigen Emotionalität der Markennamen nicht blenden lassen sollte. In fast jedem Fahrzeug steckt wahrscheinlich auch ein Gen von einem anderen.

  2. Exklusive Automobile müssen heute als Protzer-Karrossen daherkommen. Dazu taugte Lancia nie. So wie Saab: ein rollendes Understatement halt.

    Das ist vorbei. Heute regieren graue oder schwarze Audis, BMWs, Daimlers etc., So ausdrucksschwach wie die Kundschaft. Anpassung in Leben und Arbeit bis ins letzte. Wer nix ist, kauft wenigstens einen erfolgreichen Brand, unm die Lücke zu füllen.

    In einer Welt von lauter Angestellten und Managern hat sowas wie Lancia berechtigterweise keinen Platz mehr.

  3. die früher so avantgardistischen luxuriösen Lancia Autos mit den ollen uninspirierenden Chrysler-Modellen zu kreuzen !
    Ich denke, das hat auch die letzten Lancia - Anhänger vertrieben. Die Ehe mit Chrysler kann, wie bei DB, auf Dauer für Fiat nicht gut gehen. Schade um die Traditionsmarke Lancia, wir Automobilisten werden auf sie wohl verzichten müssen, wie schon auf den schwedischen Saab
    (und bald vielleicht auch Opel....!)

  4. Es ist traurig, daß heutzutage nur noch die ABM-Autos etwas in der Oberklasse zu erzählen haben. Und auch hier wird alles nur noch langweiliger: Audi fällt zu der Ro 80-Grundform nur noch ein, die Front- und Heckpartier immer mehr zu verschlimmbessern, BMW verrät mit dem Abschied von Reihensechser und Heckantrieb die eigene Marke und Mercedes kommt bisweilen mit einer miserablen Qualitätsanmutung, wie billiges Hartplastik und Kunstleder an den Seitenteilen der Sportsitze, daher. Dennoch haben diese Marken vor allem durch das Firmenwagen- und Asiengeschäfts eine Überlebensschance.

    Dies ist wohl auch der Hauptgrund dafür, weshalb die alteingesessenen Traditionsmarken wie SAAB, Lancia, etc. eingehen.

    Bei Lancia kommt hinzu, daß die Marke lieblos behandelt wurde und overdesignte Kreaturen wie Lybra oder Thesis hervorgebracht hatte. Das schlimmste ist jedoch die Umetikettierung der ChryslerModelle. Und wenn schon Chrysler: Anstatt dem Sebring-Cabrio wenigstens den seidenweichen Vausechser zu lassen, wird er noch mit dem ungehobelten Vierzylinder, der auch jeden Mitsubishi-Pickup antreibt, vermasselt.

    Der Delta III war ein toller Ansatz zur Revitalisierung der Marke. Endlich wieder ein stimmiges Design, nur hatte man innen den Premiumanspruch nicht zuendegeführt.

  5. Auch die Werte, die Lancia einmal ausmachten: Ein konservatives, aber stimmiges Design oder Rallye-Fahrspaß wie mit dem Delta Integrale oder dem Lancia-Ferrari, hätten der Marke eine rosige Zukunft bescheren können, wenn sie nur konsequent weiterverfolgt worden wären.

    Doch dazu braucht man wohl weniger Marketingexperten, sondern wirklich einen überkandidelten Ingenieur á la Ferdinand Piech.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Chrysler | Fiat | BMW | Audi | Alfa Romeo | Lancia
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