Bis ins hohe Alter ein selbstständiges Leben führen – wer möchte das nicht? Oft scheitert dieser Wunsch an der mangelnden Mobilität. Im Haus kann ein Treppenlift helfen, wenn die Kräfte schwinden und Gelenke schmerzen. In öffentlichen Verkehrsmitteln sind barrierefreie Einstiege eine Errungenschaft für alle, die ihre Wege mit einer Gehhilfe zurücklegen müssen.

Doch was ist, wenn der Fußweg zur nächsten Bushaltestelle mit dem Rollator kaum bewältigt werden kann? Mobil zu bleiben, scheitert oft daran, dass ein problemloser Wechsel vom einen Fortbewegungsmittel zum anderen nicht möglich ist. Oder: Wie kann man am gesellschaftlichen Leben teilhaben, wenn die Fahrt ins Theater, der Besuch bei Freunden wegen ausgedünnter Fahrpläne in ländlichen Gebieten zum kräftezehrenden Abenteuer wird?

Solche Fragen stellen sich nicht zuletzt, weil die Menschen in Deutschland immer älter werden und der Bevölkerungsanteil der Alten stetig steigt. In einem von der Bundesregierung geförderten Projekt, "Personalisierte Mobilität, Assistenz und Service Systeme in einer alternden Gesellschaft" (PASSAge) , arbeitet ein Verbund von Wissenschaftlern und Unternehmen jetzt an einer nahtlosen Mobilitätskette, mit der auch betagte Senioren beweglich bleiben. Das Ziel: eine "sozio-technische" Infrastruktur, das zum einen die individuelle Mobilität fördert und zum anderen die Zugänglichkeit öffentlicher Verkehrsmittel für ältere Menschen sichert. Das Rezept: die Vernetzung von bereits existierenden Assistenz- und Serviceangeboten, Technik und Dienstleistungen.

Mit dem Rollstuhl ins Auto

Zentrales Element ist das Auto, wie Thomas Bock, der Projektkoordinator von der Technischen Universität München , erklärt. Er ist überzeugt, dass auch Menschen mit massiven Bewegungseinschränkungen aktive Autofahrer sein können – vorausgesetzt, sie verfügen über ein Fahrzeug, das mithilfe spezieller Assistenzausstattung die körperlichen Einschränkungen ausgleichen kann.

Eine Alltagshilfe könne ein Rollator sein, mit dem sich dank spezieller Steuerungsfunktionen Haus- und Autotüren ohne jeden Kraftaufwand öffnen lassen, erläutert Bock. Für Rollstuhlfahrer könnten Autoinnenräume so gestaltet werden, dass man mit dem Rollstuhl von hinten über eine Rampe ins Auto fährt, die Bewegungshilfe zum Fahrerplatz manövriert, wo sie sich einfach und sicher arretieren lässt. Der Rollstuhlfahrer müsste nicht einmal aufstehen, um hinterm Steuer Platz zu nehmen – und käme ganz ohne fremde Hilfe aus. 

Für den Bau einer Flotte solcher Kleinstwagen, die speziell auf Menschen mit altersbedingten Einschränkungen zugeschnitten sind, ist als Projektpartner Citysax Mobility beteiligt. Das ist ein Dresdner Unternehmen, das vor drei Jahren mit dem Bau eines selbstentwickelten Elektroautos an den Start gegangen ist. Eine auf Reha-Technik spezialisierte Firma wurde mit der Innenraumgestaltung der Projektautos betraut.

Notfalldienst für ältere Busfahrer

An den Details wird noch getüftelt. Denkbar wäre, Biosensoren zu installieren, welche Gesundheitsdaten wie Blutdruck und Atemfrequenz messen und Warnsignale geben, wenn sich eine kritische Situation anbahnt, sagt Citysax-Geschäftsführer Matthias Bähr. In den nächsten Monaten sollen Probanden in München und in der ländlichen Umgebung der bayerischen Hauptstadt die Assistenztechnik testen. Dann wird sich zeigen, wie die anvisierte Zielgruppe mit den Mobilitätshilfen zurechtkommt.

Bestehende und ganz neue Dienstleistungsangebote sollen die beschriebenen technischen Hilfsmittel ergänzen. Dazu zählt Carsharing. Weil die seniorengerechte Umrüstung des Autos für die meisten Interessenten viel zu teuer wäre, könnten Leihautoanbieter entsprechende Fahrzeuge in ihren Fuhrpark aufnehmen. Ungeklärt sind bisher aber logistische Fragen, etwa wie der gehbehinderte Carsharing-Nutzer zum Auto oder das Auto zum Nutzer kommt.

Die Projektentwickler wollen zudem einen Notfalldienst in ihre Mobilitätsinfrastruktur integrieren. Im Mittelpunkt steht dabei das Smartphone als "Healthphone". Darüber könnte man etwa einen Service kontaktieren, wenn ein älterer Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel an der falschen Station ausgestiegen ist und die Orientierung verloren hat. Oder wenn er sich wegen plötzlicher Gesundheitsprobleme nicht imstande sieht, die Fahrt alleine fortzusetzen. Dazu könnte das "Healthphone" die von den Biosensoren gemessenen Werte empfangen, auswerten und bei bedrohlichen Werten den Notfalldienst verständigen.

Senioren auf dem Segway

Dass Menschen im hohen Alter durchaus eine Affinität zur Technik haben und diese für sich nutzen können, bestätigen die Erfahrungen, die die Experten im Evangelischen Geriatriezentrum Berlin gemacht haben. "Bei uns an der Klinik haben wir viele Innovationen erprobt, vom Rollator mit Navigationssystem bis hin zum Videochat für Senioren", sagt Elisabeth Steinhagen-Thiessen, die Leiterin des Geriatriezentrums. "Die meisten neuen Geräte wurden von den Älteren mit großem Interesse aufgenommen – vorausgesetzt, der Nutzen war klar erkennbar."

Mobilität und alternde Gesellschaft – dieser Komplex ist ein Topthema auch für die Mitarbeiter des Hamburger Trendbüros, einer Beratungsfirma rund um Fragen gesellschaftlichen Wertewandels. Sie sehen darin die Chance für so manche Geschäftsidee der Zukunft. Dabei haben die Trendanalysten aber vor allem die sogenannten Silver Ager im Blick, also die jüngeren Alten. Sie könnten künftig zum Beispiel mit einem Segway mobil sein statt mit dem Rollator spazieren zu gehen.

"Für ältere Senioren könnte ich mir eher Chauffeurdienste statt eines Carsharing-Modells vorstellen", sagt Trendbüro-Beraterin Josefine Sporer. "Gute Chancen sehe ich auch für ein Sammeltaxi-Konzept. Vor allem für alte Menschen im ländlichen Raum wäre das nicht nur eine kostengünstige Alternative zum klassischen Taxi." So ein Sammelfahrzeug könnte auch Gelegenheit bieten, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und sich zu gemeinsamen Unternehmungen zu verabreden, meint Sporer. "Das wäre so eine Art Party-Bus für Senioren."