Oldtimer : Warum nicht jedes alte Auto ein Klassiker wird
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Die Technik kann entscheiden

An anderer Stelle, bei den deutschen Nobel-Coupés der achtziger Jahre, lassen sich die Hintergründe der Liebhaberei besser festmachen – und wieder gewinnt Mercedes. Den meisten wird die Buchstabenkombination SEC einfallen, die für die großen Mercedes-Zweitürer auf Basis der S-Klasse steht. Für Youngtimer-Liebhaber mit dem notwendigen Geld sind diese Autos erste Wahl. Aber warum wird ein Porsche 928 verschmäht, warum sucht kaum jemand das einstige BMW-Topmodell 850i?

Für diese Dreiergruppe kann der Oldtimer-Experte Marius Brune von der Marktbeobachtungsfirma Classic Data einleuchtende Gründe für Zu- und Abneigung nennen. Für einen gut erhaltenen Mercedes 560 SEC mit nachvollziehbarer Historie werden oft mehr als 20.000 Euro verlangt, aber die Autos gelten als zuverlässig. "Ein Porsche 928 war dagegen ein Auto voller technischer Extravaganzen", sagt Brune. Das ist schön, solange alles funktioniert, wird aber zum Problem, wenn die Technik zickt. Schließlich ist Porsche unter Kennern auch wegen exorbitanter Ersatzteilpreise gefürchtet. Der 850i von BMW ist ebenfalls als Produkt voller technischer Highlights bekannt – und für einen Zwölfzylindermotor, der nicht gerade als sparsam und pflegeleicht gilt.

Manchmal bestehen in punkto Beliebtheit auch gewaltige Unterschiede innerhalb der Modellpalette einer Marke. Das zeigt sich insbesondere für Saab . Hier gibt es für Klassiker-Liebhaber eigentlich nur ein begehrenswertes Modell: den Saab 900, egal ob geschlossen oder als Cabriolet. Den urigen Saab 96 dagegen, gebaut von 1960 bis 1980, kennt kaum jemand. Den großen Saab 9000 wiederum kennen viele, nur will keiner dafür Geld ausgeben.

Gesucht: das Gesicht in der Menge

Das mangelnde Interesse am Modell 96 mag an dessen überbordender Schrulligkeit liegen. Beim 9000 dagegen sieht Brune den Grund in einer Entwicklung, die letztlich zum Ende der Marke Saab führte: "Diese Autos vertreten nicht mehr die reine Lehre." Der Mittelklassewagen war halt nicht mehr typisch schwedisch. Saab entwickelte das Modell gemeinsam mit anderen Herstellern, und so war der 9000 grundsätzlich baugleich mit Fahrzeugen wie einem Fiat Croma oder dem Lancia Thema. So etwas mögen Saab-Fans nicht.

Apropos Lancia Thema: Auch dieses Modell leidet im Alter unter Liebesentzug. Meistens jedenfalls. Denn hier kommt ein weiterer Punkt zum Tragen, der zwischen Liebe und Verachtung entscheiden kann: Manchmal ignorieren Kenner den überwiegenden Teil einer Modellreihe, verneigen sich aber tief vor einer ganz besonderen Variante. Beim Lancia Thema ist es das Modell mit der kryptischen Bezeichnung 8.32. Äußerlich ist die viertürige Limousine unauffällig. Das Besondere ist der Ferrari-Achtzylinder im Motorraum. "Dieses Auto ist ein Highlight der Baureihe", sagt Dirk Jurgasch. "Das ist einer der Fälle, in denen spezielle Modellvarianten zu Klassikern werden, die als Neuwagen unerreichbare Träume darstellten." Weitere Beispiele für gesuchte Highlights verschmähter Modelle sind der Lotus Omega von Opel oder der Ford Sierra Cosworth.

Grundsätzlich ist es laut Marius Brune ohnehin so, dass bei Klassikern das Besondere gesucht wird, das Gesicht in der Menge. Doch es gibt für diese These auch Gegenbeispiele. Ein Beispiel: Addiert man die Vorlieben für außergewöhnliche Formen, eine Marke mit gutem Image und den Wunsch nach Besonderem, landet man schnell auch beim Volvo 480. Das ist ein dynamisch gezeichneter Zweitürer mit Klappscheinwerfern, den die Schweden 1986 als späten Erben des legendären Schneewittchensargs P 1800 ES auf den Markt brachten.

Kaufen wollte ihn neu kaum jemand, und auch Anhänger klassischer Autos machen einen Bogen um ihn. Erklären kann das niemand so recht. Auch Szenekenner Dirk Jurgasch nicht: "In manchen Fällen, wie bei dem 480, bin ich komplett ratlos." Vielleicht hilft am Ende doch nur ein bekannter Halbsatz als Erklärung: wo die Liebe hinfällt.

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Kommentare

61 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

ich denke eher nicht

das moderne Autos wirklich noch Klassiker werden können.
Das Problem liegt in der Elektronik.
Zu kompliziert es selber zu warten und wenn die Elektronik kaputt ist gibt es auch keinen Ersatz.
Und Wenn elektronische Bauteile ersetzt werden müssen funktioniert das Fahrzeug hinterher meist auch nur wenn man per Laptop erklärt es ist wieder alles in Ordnung. Die Möglichkeiten alte Autos (heute neu) in Zukunft zu pflegen werden doch recht beschränkt sein.
Vor dem selben Problem stehen Sammler von alten Arcade Games Automaten wie z.B. Space Invaders oder Pac Man. Die sind auch bald Geschichte.
Eine 100 Jahre alte Dampflock lässt sich heute aber immer noch wieder in Ordnung bringen.

Denke ich nicht,

der typische Oldtimerbesitzer wird künftig höchstens seltener mit der Ölkanne und dafür mehr mit Notebook und Lötkolben herumlaufen. Die Leute dahinter werden sich vielleicht ändern, aber nicht das Oldtimertum an sich - und wer schonmal einen Youngtimer hatte weiß auch, dass man die LED-Christbaumbeleuchtung aufgrund von defekter Elektronik oftmals ganz gelassen ignorieren kann, denn wenn das alles ausfällt zeigt sich oft, dass es nur aufgesetztes Beiwerk zu einem Auto ist, dass trotz allem aus Fahrwerk, Motor, Getriebe und Karosse besteht...

Die Sache mit dem "Beiwerk"

mag für frühen Einsatz von Elektronik im Auto zutreffen. Spätestens aber ab der Einführung des CAN-Bus im Automobilbau werden hochintegrierte spezifische Module verbaut, die weder vom Amateurelektroniker nachgebaut werden können noch von den KFZ-Herstellern auf Dauer als Ersatzteil vorgehalten werden. Bei Ausfall dieser Module fällt das Fahrzeug in einen Notlaufmodus. Der macht dann aber gar keinen Spaß mehr.

Kaputt ist kaputt

Wenn ein Chip im A... eimer ist, da kommen Sie mit Lötkolben nicht weit.
Der Chip will auch programmiert sein.
Mag sein, daß es theoretisch möglich sein wird sowas zu ersetzen aber ich halte die Chancen für sehr klein.
Es handelt sich um Mikroelektronic. Schauen Sie sich mal an wie die Waver (auf denen die Chips sind) hergestellt werden.
Das können Sie nicht selber machen.
Ich bin zwar kein Computer-Spezi, aber das is meine Vermutung.

Chips werden doch nicht

direkt beim Automobilhersteller hergestellt...die Dinger kommen (vermute ich mal 99%) aus Taiwan oder China und werden in gleicher Bauart sicher noch ganz anderen Geräten einverleibt - wenn man weis wo, kann man auch reparieren - sie schmeissen doch ihren PC auch nicht in die Tonne wenn die CPU hopps geht!?
Ich bin mir sicher die bekommt man auch woanders her, und umprogrammieren geht sicher auch, wenn man weis wie - wie ich sagte, es werden andere Leute sein die sich Oldtimer zulegen, aber ich glaube nicht, dass es deswegen ausstirbt...

Das stellen Sie sich ein bisschen zu einfach vor

Hierbei geht es nicht um einen simplen Mikroprozessor ("Chip"), sondern integrierte Module, die -Absicht des Herstellers- zumeist in Kunstharz eingegossen sind. Nachbau/-programmierung wäre hochkomplex.

Wir reden hier nicht von Chiptuning, bei dem dem Ladedruck oder der Einspritzpumpe per Kennfeld etwas "nachgeholfen" wird. Die Steuergeräte greifen vielmehr in grundlegende und sicherheitsrelevante Bereiche des Fahrbetriebes ein: ABS-Regelung, elektronisches Gaspedal etc. Ich glaube, dass der ambitionierte Hobbyschrauber/-löter besser die Finger davon lassen sollte.

Und irgendwo auf Halde liegende Steuergeräte werden zu "Goldstaub" mutieren. Wie weiland die Trabbi-Ersatzteile in der DDR...

Schön wäre es ja, wenn man auch im Jahr 2050 noch mit einem Auto aus 2010er Produktionsjahr fahren könnte.

Das solche Dinge nicht leicht zu bekommen sind

steht ausser Frage, aber dann muss man auch anders herum fragen, wer kann denn für einen heutigen Oldtimer zu Hause einen Zlinder basteln, oder einen Motorblock gießen? Und trotzdem fahren die Dinger immer noch. Die Annahme Elektronik sei schwerer wiederbeschafbar als Mechanik halte ich für nicht zutreffend - zumal mir Elektronik viel häufiger die Möglichkeit der Abwärtskompatibilität und der Hardwaresimulation auf moderneren Modulen bietet, denn wenn es leistungsfähig genug und richtig programmiert ist, kann ich theoretisch auch mein Handy zwischen zwei beliebige Stecker packen und habe das gewünschte Ergebnis.

Ob das dann gefährlicher ist als heute im Hobbyraum zusammengeklebte Caterhams ist doch auch eher Ansichtssache...

Ähm...

wir reden von Fahrzeugen Baujahr 2012. Da sind 200 km/h ja wohl nichts Besonderes. Und auch bei 100 km/h möchte ich keinen elektronischen Gau mit Systemausfall erleiden. Sie haben vielleicht noch nicht ganz verstanden, worum es mir geht: eine unsichtbare Gefährdung, die erst im Moment des Auftretens offenbar wird. Und die ist bei Elektronik doch unvorhersehbarer gegeben als bei Mechanik.

Trotz allem sprechen wir von Oldtimern

und deswegen auch von Elektronik, die dann, wenn es als Oldtimer gilt mindestens von 2042 sein wird...das wird dann ungefähr so aufwendig sein wie für uns heute ein Relais auszutauschen.
Was ist denn der elektronische Supergau in einem modernen Wagen? Ausfall von Bremskraftverstärker, Servo, ABS, ESP, Lichter, Motor aus, Gang geht nicht raus, usw.
Auch heute sehe ich niemand mit 30 Jahre alten Autos riskant/ dicht auffahren - und ich halte das immernoch weniger bedenklich, als z.B. einen Reifenplatzer oder eine blockierende Bremse...

Statussymbole, Spiesserautos und praktische Überlegungen

Vor allem sind es die Luxus- und Statussymbole von früher und heute, mit Volvo und Saab als den "alternativen" Marken. Lancia, Ford oder Opel mit Ferrari-, Cosworth- oder Lotus-Innereien sind da bloss Ersatzbefriedigungen. Nur in Ausnahmefällen führen Kindheitserinnerungen von Urlaubsreisen oder Sonntagsausflügen in Grossvaters Allerweltsauto zum Kauf des entsprechenden Youngtimers. Manchmal übt auch das Spiesserauto von damals einen Reiz aus. Nicht zuletzt führt der am Nutzwert orientierte Gebrauchtwagenexport zu einer höheren Überlebensrate unter den Sportwagen, Coupés und Cabrios. Und wenn diese noch über robuste Grossserientechnik und gute, preiswerte Ersatzteilversorgung und verfügen, umso besser. Zumindest auf letzteres haben Opel, Ford und Co. nie besonderen Wert gelegt.

Mein alternativer Favorit: Rover 75, die letzte "britsche" Limousine überhaupt.