OldtimerWarum nicht jedes alte Auto ein Klassiker wird

Das eine Modell reift zum Klassiker, das andere gerät in Vergessenheit. Doch was entscheidet darüber, welches Auto als Young- und Oldtimer verehrt wird? von Heiko Haupt

Ein Strich-Achter von Mercedes-Benz ist ein Klassiker. Ein Oldtimer erster Güte, dessen Preise immer weiter steigen. Aber was ist mit einem BMW 5er der ersten Baureihe? Er ist mit dem Mercedes W 114 durchaus vergleichbar – nur haben will ihn kaum jemand. Der Nachfolger des Strich-Acht mit der Baureihenbezeichnung W 123 steht ebenfalls hoch im Kurs, während auch die zweite Serie des 5er-BMW nicht in den Oldtimer-Olymp aufgenommen wurde. Ein früher Audi 100 lässt ebenso wenig einen Auto-Liebhaber ins Schwärmen geraten.

Welches alte Auto mit Liebesbekundungen überschüttet wird und welches nicht, dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen – und die sind selten wirklich rational. Technisch können es die Verschmähten mit den Begehrten durchaus aufnehmen, und hässlich ist so ein 5er auch nicht. Einen Erklärungsversuch für diesen speziellen Fall hat der Oldtimer-Experte des ADAC , Dirk Jurgasch, zur Hand: "Deutschland ist Mercedes-Land. Traditionell wird bei uns alles auf ein Podest gehoben, über dessen Kühlergrill ein verchromter Stern aufragt."

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Abgesehen davon spiele auch das Formempfinden bei der Einordnung auf der Beliebtheitsskala eine Rolle, sagt Jurgasch. Viele Mercedes-Modelle wirkten aus heutiger Sicht eine Spur barocker und klassischer als die Konkurrenz-Karossen.

Das Erdbeerkörbchen ist gefragt, das Windei eher nicht

Doch nicht nur im Umfeld von Mercedes haben es ähnliche Autos schwer. Ein anderes typisches Beispiel ist das Golf Cabriolet von Volkswagen . Anfangs wegen des aufragenden Überrollbügels noch als Erdbeerkörbchen veräppelt, hat der offene Golf mittlerweile eine große und weiter wachsende Schar Anhänger um sich gesammelt, die über die Vorzüge der schier unzähligen Sondereditionen mit ihren ganz speziellen Ausstattungsmerkmalen philosophieren. Ganz anders sieht es beim vergleichbaren Opel Kadett E Cabriolet aus. Hat jemand in den vergangenen Jahren auch nur einmal an dieses Auto gedacht? Vermutlich nur wenige.

Dabei kann der offene Kompakte von Opel sogar auf einen ähnlich humorvollen Kosenamen wie der Golf verweisen. Wegen seiner aerodynamisch gerundeten Form wurde er Windei gerufen. Außerdem bauten ihn nicht die Opelaner, das Cabrio wurde vielmehr beim namhaften Karosserie-Couturier Bertone produziert. Geholfen hat es nicht. Dem Escort Cabrio von Ford erging es nicht besser.

Es sind auch hier wohl in erster Linie die ganz individuellen Vorlieben oder Abneigungen, die über das Oldtimer-Talent des jeweiligen Modells entscheiden. Experte Jurgasch sieht einen möglichen Grund auch darin, dass der offene Golf Nachfolger des Klassikers Käfer Cabrio ist, während die Konkurrenten keine Ahnenreihe vorweisen können.

Leserkommentare
    • 可为
    • 24. November 2012 2:21 Uhr

    steht ausser Frage, aber dann muss man auch anders herum fragen, wer kann denn für einen heutigen Oldtimer zu Hause einen Zlinder basteln, oder einen Motorblock gießen? Und trotzdem fahren die Dinger immer noch. Die Annahme Elektronik sei schwerer wiederbeschafbar als Mechanik halte ich für nicht zutreffend - zumal mir Elektronik viel häufiger die Möglichkeit der Abwärtskompatibilität und der Hardwaresimulation auf moderneren Modulen bietet, denn wenn es leistungsfähig genug und richtig programmiert ist, kann ich theoretisch auch mein Handy zwischen zwei beliebige Stecker packen und habe das gewünschte Ergebnis.

    Ob das dann gefährlicher ist als heute im Hobbyraum zusammengeklebte Caterhams ist doch auch eher Ansichtssache...

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    bei Tempo 200 einen "blue screen of death" meiner Steuergeräte-Emulation zu bekommen, die die vitalen Funktionen meines Fahrzeuges stilllegt.
    Und meinem Handy traue ich telefonieren und surfen zu. Aber nicht die Steuerung eines vielleicht simplen, aber empfindlichen Regelkreises (meistens in Echtzeit...)

  1. und darin war Mercedes einst besser, als die meisten Wettbewerber. Heute sieht die Qualitätslandschaft anders aus. Zudem wird in den Konstruktionsbüros nur für einen absehbaren Lebensdauer konzipiert. Ein optimierter Schalter hält eben nur eine gewisse Anzahl von Schaltvorgängen aus.

    Dass die Lebensdauer von weichgemachten Kunststoffen begrenzt ist, liegt auf der Hand. Daher gibt es längst Recyclingkonzepte, die dem Oldtimergedanken zuwider laufen.

    Auch die Elektronik wird sich schneller als die Mechanik verabschieden. Das dürfte sich später auch auf die Nachfrage von Oldtimern auswirken.

    Eine Leserempfehlung
  2. Was früher der Rost war, ist heute die Elektronik. Die ganzen Zusatzinstrumente, E-Motoren und überflüssigen Helferlein werden einem Großteil der Automobile von Heute später den Garaus machen. Es sei denn, es kommt irgendwann mal jemand auf die Idee Rumpfkabelbäume und Basissteuerungen zu vertreiben, die wenigstens die lebenswichtigen vitalen Funktionen am Leben halten. Dagegen hätte dann sicher der TÜV Einwände...

    Ich will ein Auto ohne den ganzen Schnick-Schnack und deshalb fahre ich Youngtimer. Neuwagen kommen nicht in Frage, kann man nicht selbst reparieren...

  3. Die Ausstattung, Fahrleistungen, etc. können heute noch mithalten, da braucht sich der Wagen vor keinem 20 Jahre jüngeren Modell der üblichen Volumenhersteller wie Volkswagen zu verstecken. Glühlampenkontrolle, ABS, TRACS, Airbag, Licht im Motorraum, rückwärtiger Scheibenwischer wenn der vordere läuft beim rückwärtsfahren, Scheibenwischer von Intervall auf Dauer bei Kickdown, die CEM Centrale Elektronikbox und die Klimabox, auf manches davon warten andere Autokunden noch heute, mit 7.8l/100km ist er auch nicht übermässig gefrässig, und der 120PS Turbbomotor liess sich leicht auf 160PS aufmotzen, die Bremsen, Kurbelwelle, natriumgekühlten Ventile und der Turbolader waren schon dafür ausgelegt.

    Das schöne am 480er: Den kannte niemand, das wusste keiner, die Preise waren günstig, der Wagen eine Klasse für sich.

    Leider hat Volvo ihn nicht vollverzinkt und auch kein ausreichend langlebiges Fahrwerk spendiert, so rosten die Karren heute allesamt durch.

  4. Nur ein Beispiel: Der Porsche 928, der angeblich niemanden interessiert, hat längst einen großen Anhängerkreis und auch Motor Klassik bzw. Youngtimer Klassik berechnen immer wieder darüber. Sogar die Wikipedia widerlegt das im Artikel behauptete Urteil: "Der Porsche 928 ist inzwischen ein hochpreisiger Klassiker. Die Preise für Fahrzeuge in makellosem Zustand sind von 2005 bis 2010 auf dem deutschen Markt um mehr als 50 % gestiegen. Kostete ein Porsche 928 der ersten Baureihe 2005 noch 14.000 Euro, so waren es 2010 bereits 22.500 Euro.[16] Andere Quellen notieren für einen frühen 928 im Zustand „2“ (gut, unrestauriert) einen Preis von 19.000 Euro.[17]" (Quelle: http://de.wikipedia.org/w... )

    Indes werden sich die Preise für die meisten so genannten Klassiker wohl mittelfristig wieder abkühlen, denn der Markt für "Garagengold" ist derzeit ähnlich überhitzt wie der für "Betongold" – vieles wird nicht mehr aus Spaß an der Freud, sondern als vermeintlicher Investitionsschutz erworben.

    Eine Leserempfehlung
  5. Ein recht zuverlässiger Indikator ist der US-Markt. Strichachter, Urelfer, Käfer oder auch der VW Bus 1 Samba avancierten hier schon lange vor dem deutschen Markt als Klassiker.

  6. Ich denke, dass die Autos aus der Jugend so etwas wie Jugendlichkeit vermitteln. Im Strich/8 von Vaters Arbeitskollegen durfte man allenfalls sitzen und atmen. Und der 123er Kombi meiner Eltern (Vater war Werksangehöriger) wurde immer nach einem Jahr weiterverkauft und vorher pedantisch gehegt und gepflegt. Vielleicht habe ich deswegen diese beiden Typen (/8 für den Sommer, 123er für den Winter).
    Für Mercedes (bis 1995) spricht die Langlebigkeit, Zuverlässigkeit und Reparaturfreundlichkeit. Seinerzeit wurde versucht, die Autos so gut wie möglich zu bauen, heute bauen alle so gut wie nötig.
    Ich habe meine Autos seit 1996 (/8) bzw. 2002 (123). Sie haben ihren Wert in dieser Zeit verdreifacht und mich jedes Jahr ca. 20.000 km durch die Gegend gefahren, ohne dass ich einen Euro in einer Werkstatt gelassen hätte. Okay, ich bin zwar kein Profi, kann aber etwas schrauben und schweißen. Und ich habe Geld für Ersatzteile und Werkzeuge ausgegeben. Die Autos sind ein Hobby mit einem sehr großen Nutzwert. Sie verbrauchen ca. 8 l Diesel und kosten beide zusammen ca. 380 € Steuern und 220 € Versicherung.

  7. bei Tempo 200 einen "blue screen of death" meiner Steuergeräte-Emulation zu bekommen, die die vitalen Funktionen meines Fahrzeuges stilllegt.
    Und meinem Handy traue ich telefonieren und surfen zu. Aber nicht die Steuerung eines vielleicht simplen, aber empfindlichen Regelkreises (meistens in Echtzeit...)

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    • 可为
    • 27. November 2012 16:21 Uhr

    also davon, dass ihr Handy 30Jahre alte Technik steuert - und das sollte schon gehen...
    Auch reden wir bei Oldtimern seltenst von 200km/h (wenn es das in 30 Jahren überhaupt noch gibt). Wenn man Angst vor einem versagen der Technik hat, sollte man sich aber generell nicht auf Oldtimer einlassen!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte BMW | Ford | Mercedes | Opel | Saab | Volkswagen
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