Computerzeichnung der leuchtenden Fahrbahn © Studio Roosegaarde

Wer auf der Autobahn durch Belgien oder die Niederlande gefahren ist, weiß: Die beiden Benelux-Länder haben schon vor Jahrzehnten ihre Fernstraßen mit einem dichten Laternennetz versehen. Belgien hat seine Straßen beinahe lückenlos beleuchtet, in den Niederlanden wurden immerhin fast 1.000 von rund 2.300 Autobahnkilometern mit Straßenlampen ausgestattet. Das Ziel ist, die Zahl schwerer Unfälle zu senken.

Mit Sparnotwendigkeiten und selbstverordneten CO2-Reduktionszielen lässt sich das Lichtspektakel allerdings schlecht vereinbaren. Darum haben die Belgier den Anteil der beleuchteten Fernstraßen in den vergangenen Jahren drastisch reduziert, und die Holländer haben begonnen, konventionelle Straßenlaternen durch LED-Technik zu ersetzen.

Nun geht Daan Roosegaarde einen großen Schritt weiter. Der Lichtdesigner, dessen Kunstwerke schon in der Londoner Galerie Tate Modern und im Tokioter Nationalmuseum zu sehen waren, hat sich ein innovatives Konzept zur Straßenbeleuchtung ausgedacht: Er will herkömmliche Straßenmarkierungen durch solche mit einem lichtempfindlichen Pulver ersetzen. Tagsüber speichert das Material das Sonnenlicht, bei Dunkelheit lässt die aufgenommene Energie die Markierungen extrem hell leuchten. Bis zu zehn Stunden sollen die Streifen das dunkle Rollfeld aus eigener Kraft illuminieren, erläutert der kreative Niederländer.

Test in Brabant

Ein ähnliches lichtempfindliches Material sei bereits in den Zaubertafeln zum Einsatz gekommen, mit denen Kinder in den siebziger Jahren spielten, sagt Roosegaarde. In Zusammenarbeit mit einem Farbenhersteller habe er das Pulver lediglich weiterentwickelt, sodass es sich jetzt "beinahe radioaktiv" verhalte. In Zeiten des energiepolitischen Umdenkens rechnet sich der Designer gute Chancen für die Idee aus.

Für sein "Smart Road Design" hat Roosegaarde zusammen mit seinem Kooperationspartner, einem Spezialisten für Infrastruktur-Management, kürzlich den niederländischen Design-Preis für das beste Zukunftskonzept gewonnen. Im kommenden Sommer wird die Idee der selbstleuchtenden Straßen sogar realisiert – zunächst allerdings nur auf ein paar Hundert Metern Autobahn in der niederländischen Provinz Brabant.

Energieverbrauch und -kosten zu senken, ist allerdings nur ein Ziel, das Roosegaarde mit seinem Alternativentwurf verfolgt. In seiner Vorstellung werden die Straßen künftig ihre Nutzer mit allerhand Informationen versorgen. So könnten beispielsweise mit speziellen Farben Schneeflockensymbole auf den Asphalt gezeichnet werden, die erst dann leuchten, wenn die Temperatur unter zwei Grad Celsius sinkt. So könnten Fahrer vor Eisglätte gewarnt werden.

Investition als Hürde

Computersimulation der "intelligenten Fernstraße", die über den Zustand der Fahrbahn informiert © Studio Roosegaarde

Die Idee von Roosegarde und dem Infrastruktur-Dienstleister Heijmans ist aber nur ein erster Schritt hin zur Fahrbahn der Zukunft. In einer weiteren Stufe sollen fahrbahnnahe Windräder einen für Elektroautos reservierten Teil der Straße mit Energie speisen. E-Autos, die auf dieser "Prioritätsspur" unterwegs sind, könnten per Induktion ihre Batterie mit dem Strom aus der Fahrbahn aufladen.

Außerdem könnten Sensoren entlang der Straße stehen und vorbeifahrende Autos erkennen. Dann müsste man nicht mehr – wie heute in den Niederlanden – auch leere Autobahnen die ganze Nacht über beleuchten, sondern nur ganz gezielt die Bereiche, die gerade befahren werden. Die Energie für die Beleuchtung käme dann ebenfalls von den Windrädern.

Roosegaarde und Heijmans spekulieren nun auf Aufträge aus aller Welt. "Für Indien , das mit ständig überlasteten Stromnetzen und immer wieder mit stundenlangen Stromausfällen zu kämpfen hat, wären unsere Konzepte ein Segen", äußert sich der Designer überzeugt.

"Immer noch günstiger, als eine neue Erde zu erschaffen"

Aufträge aus Deutschland indes dürften die Fahrbahn-Revolutionäre in absehbarer Zeit kaum erhalten. Hierzulande sind Straßen außerhalb geschlossener Ortschaften in aller Regel nicht beleuchtet – und die zuständigen Behörden sehen darin auch kein Sicherheitsmanko, das es zu beseitigen gälte. "Für die Sicherheit des Fahrzeugverkehrs verfügen alle Fahrzeuge nach dem Straßenverkehrszulassungsrecht über eigene Beleuchtungsanlagen", heißt es aus der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt). Daher benötige man "aus Verkehrssicherheitsgründen" grundsätzlich keine Beleuchtung der Straßen.

Internationale Unfallstatistiken können den Vorteil der Beleuchtung auch nicht beweisen. In Belgien ereignen sich pro Million Einwohner weit mehr Unfälle als in Deutschland, wo Fernstraßen dunkel bleiben. Bei der Entscheidung über Straßenbeleuchtung seien zudem wirtschaftliche Aspekte zu beachten, gibt die BASt zu bedenken. Die Innovationen von Roosegaarde und Heijmans mögen auf lange Sicht zwar durchaus wirtschaftlich sein, doch die notwendigen Investitionen sind eine Hürde und dürften den großen Auftragsschub verhindern.

Die Frage, was es pro Autobahnkilometer kosten würde, einen Teil der Ideen oder gar das komplette Innovationskonzept umzusetzen, will oder kann das Studio Roosegaarde derzeit nicht beantworten. Man stecke noch mitten in den Verhandlungen, sagt eine Firmensprecherin. Für die immer gleiche Journalistenfrage hat man sich beim Studio Roosegaarde inzwischen eine blumige Standardantwort zurecht gelegt: "Unsere Ideen umzusetzen kostet mehr, als herkömmliche Straßen zu bauen – aber immer noch weniger, als eine neue Erde zu erschaffen."