Tempo 30 in StädtenUnd plötzlich ist Radfahren attraktiv

Nur Schikane oder eine echte Verbesserung? Britische Städte haben es getestet und flächendeckend Tempo 30 eingeführt – mit überraschenden Ergebnissen. von 

Eine typische Tempo-30-Zone in Berlin : Man biegt von einer Vorfahrtsstraße in die Langsamzone ab, fährt rund 600 Meter durch ein Wohngebiet und verlässt die 30er-Zone schon wieder auf die nächste Vorfahrtsstraße. Dort wohnen zwar auch Menschen – aber auf Vorfahrtsstraßen darf prinzipiell nicht Tempo 30 gelten, so sieht es die Straßenverkehrsordnung vor. Deswegen sind Tempo-30-Gebiete oft kleinteilig. Die Folge: Viele Autofahrer drosseln für die kurzen Strecken ihre Geschwindigkeit kaum.

Das wollen der Verkehrsclub Deutschland und andere Verbände jetzt ändern. Sie fordern Tempo 30 innerorts als Norm. Dann wären 30 Stundenkilometer die Regel, Tempo 50 oder mehr müsste für jeden Einzelfall begründet und als Ausnahme beschildert werden. Die Idee würde das heutige Prinzip umkehren.

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Unterstützung könnten sie in Brüssel bekommen. Dort ließ die EU-Kommission am Mittwoch ein entsprechendes EU-Bürgerbegehren zu. Nun können rund 40 Organisationen Unterschriften für ihr Anliegen sammeln. Kommen binnen eines Jahres eine Million Stimmen aus mindestens sieben EU-Ländern zusammen, muss die Kommission entscheiden, ob und bis wann sie eine Entscheidung erlässt. Der Verkehrsclub Deutschland hofft auf eine Richtlinie, die in der EU Tempo 30 innerorts als Regel vorschreibt.

"Nur noch zäh wie Kaugummi"?

Gegner wie der ADAC lehnen das vehement ab. Von Gängelei und Stillstand ist die Rede. Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ( CSU ) warnt, der Verkehr käme "nur noch so zäh wie Kaugummi" voran.

Aber stimmt das? Wie würde sich ein flächendeckendes Tempo 30 tatsächlich auswirken? Sicherlich wäre ein Pilotprojekt in einer deutschen Kommune hilfreich. Die Straßenverkehrsordnung lässt aber solche Testläufe nicht zu.

Anders Großbritannien : Dort sammeln die ersten Kommunen seit einigen Jahren Erfahrung mit großflächigem Tempo 20, dem britischen Pendant zu Tempo 30 in Deutschland. In Portsmouth , einer Hafenstadt an der Südküste, gilt etwa seit 2008 auf fast allen Straßen 20 miles per hour , das entspricht 32 Kilometer pro Stunde. Auch Stadtteile von Bristol , Newcastle und sogar London probieren das Langsamfahren aus.

Zu welchen Erkenntnissen gelangten die britischen Städte? Ramsauers Klagen über zähen Verkehrsfluss lassen sich danach jedenfalls nicht halten. Auch großflächige Tempo-30-Bereiche verlängern die durchschnittlichen Fahrzeiten nur um 40 Sekunden. Gemeinsames Langsamfahren verbessert den Verkehrsfluss, zeigen Untersuchungen des britischen Verkehrsministeriums . Die Abstände zwischen den Fahrzeugen würden geringer. Dadurch werde der verfügbare Straßenraum effizienter genutzt, erklären Experten.

Leserkommentare
    • iboo
    • 15. November 2012 14:58 Uhr

    - zumindest gilt das für stark befahrene Straßen. Denn wie jeder Verkehrswissenschaftler weiß sinkt die Kapazität einer Straße mit der zulässigen Geschwindigkeit, weil die Autos wegen der größeren Sicherheitsabstände mehr Platz beanspruchen. Deswegen entstehen auf Autobahnen besonders leicht Staus. Und deswegen liegt die maximale Transportkapazität einer Straße bei: 30 Stundenkilometern. Tempo 30 bedeutet also auch weniger Staus. Und wenn dann noch einige auf Rad und Tram umsteigen - um so besser!

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    Als Möchtegern-Oeko verzichte ich bereits seit Jahren auf die Nutzung eines Pkws im Alltag. Haelt übrigens tatsächlich fit. Ganz nebenbei. Und entschleunigt zum Nulltarif.
    Allerdings besitze ich auch eine Fahrerlaubnis und zumindest Fetzen der Erinnerung an die dazugehörige Theorie finden sich in meinem Hirn. Theoretisch sind Unfälle mit Autobeteiligung demnach ab 30 km/h potenziell tödlich. Wenn das mal kein Argument für eine Herabsetzung der Schnelligkeit innerorts ist!
    Klar wuerden sich dann mehr Menschen aufs agensagen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie genervt Autofahrer manchmal wg. Radfahrern sind, und wie wenig Bewusstsein für eine legitime und gleichberechtigte Teilhabe nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer vorhanden ist. Münster, Freiburg und evtl. auch andere Städte mögen da eine Ausnahme bilden.

  1. beschleunigen um an der nächsten Ecke wieder abzubremsen brauch sie defintiv mehr Energie!

    Antwort auf "Spritverbrauch sinkt?"
  2. 19. Unsinn

    Es waere unsinnig und voellig ueberfluessig bei 30 kmh im 3. Gang zu fahren. Versuchen sie's doch mal im 5., und Sie werden sehen, es geht, und der Verbrauch geht drastisch runter. Ich mache das schon jahrelang so in unserer kleinen Stadt, wo es sich nicht lohnt, schnell zu fahren.

    Antwort auf "Spritverbrauch sinkt?"
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    • Jan96
    • 15. November 2012 17:54 Uhr

    Abgesehen davon, dass sie so nicht vorrankommen, schädigen Sie damit auch ihre Kupplung und in letzter Instanz ihren Motor immens. 30 im fünften Gang ist auf keinen Fall empfehlenswert und bei den meisten Autos ist das auch gar nicht möglich ohne absaufen...

    vermutlich einen Traktor. 30 km/h im fünften Gang liegt bei meinem TDI unterhalb der Leerlaufdrehzahl.

    Theoretisch ist der Verbrauch/km im höchsten Gang bei der Drehzahl mit der besten Effizienz am geringsten. Also etwa 90km/h. Die Drehzahl bestimt den Verbrauch aber sehr viel stärker als die Effizienzkurve des Motors.

    Und natürlich! ist das die Theorie. Vorausschauendes Fahren mit möglichst langen Gleitphasen (ausgekuppelt) spart von allen Maßnahmen am allermeisten. Wenn alle 200m eine rote Ampel im Weg ist, oder die Straße viele enge Kurven hat, wird man eh entsprechend langsamer fahren müssen.

    Übrigens reden wir hier über das Tempolimit- jeder darf auch langsamer fahren wenn er möchte.

    Ich fahre selten mit dem Rad- bei uns ist es hügelig, und im Winter ist Fahrradfahren keine Option. Finde ich.

  3. Danke

    Antwort auf "[...]"
    • Flari
    • 15. November 2012 15:15 Uhr

    Darf man fragen, wieviel Sie in der Stadt verbrauchen?
    Mit einem Benziner und ca. 1,5 Tonnen Leergewicht sollten Sie mit 2,5 Litern auf 100km auskommen.
    Nach Herstellerangaben, die die meisten Leute für geschönt halten, brauchen Sie dort aber schon das drei bis vierfache!
    Und auf die sich ergebende Durchschnittgeschwindigkeit sogar das fünffache.
    Also 20-25% fürs fahren, der ganze Rest zum beschleunigen, bremsen und im Stau stehen..

    Antwort auf "Spritverbrauch sinkt?"
  4. Wer glaubt, dass ein übertriebendes Tempolimit und andere neue Maßnahmen der anmaßend gottgleichen, auf dem Gipfel der intellektuellen und moralischen Überlegenheit schöpfenden "Verkehrsplaner", wie z.B. die Utopie: "Der gemeinsame Verkehrsraum für alle" die Lösung ist, der irrt gewaltig.

    All diese Träumer sollten einmal in der Schweiz Auto oder Rad fahren. Es ist einfach die absolute Hölle. Es geht weder voran noch ist es entspanntes miteinander. Für jede Strecke benötigt man doppelt so lang wie in Deutschland und ist mindestens doppelt so gestresst und entnervt.

    Als Fußgänger oder mit dem TGV ist es noch akzeptabel. Aber allein die Strafen für zu schnelles Fahren stellen jede Diktatur in den Schatten.

    1 km/h - EIN KM/H!!! zu schnell: 40CHF, 6 km/h zu schnell: 80CHF,
    141km/h ausserorts ab 2013 -> Gefängnis, Verlust des Führerscheins, Zwangsversteigerung des PKWs.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .
    " ... 141km/h ausserorts ab 2013 -> Gefängnis, Verlust des Führerscheins, Zwangsversteigerung des PKWs. ..."

    Die Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit um mehr als 60 km/h ist nunmal kein Pappenstiel.

    http://www.schwiiz.eu/ver...

    Und die Zwangsversteigerung resp. das sofortige Verschrotten der Tatfahrzeuge vor den Augen der Täter wünscht man sich in Deutschland durchaus auch bisweilen.

    Zudem würden die Hersteller dann auch vielleicht endlich mal dran arbeiten, Autos SPARSAMER zu machen statt schneller.

    Schweiz sehr entspannt, man merkt gleich wenn man wieder über die Grenze nach Dt. kommt wird es agressiver

  5. @nimmZeit: Ihr Kommentar bestätigt sämtliche Vorurteile über übermotorisierte "Platz Da jetzt komm ich!"-Raser, die sich in maßloser Selbstüberschätzung für die Elite der Gesellschaft halten (was aber höchstens für die Quote der verursachten Schwerstunfälle zutrifft), aufs passendste! War Ihr Kommentar ernst gemeint, oder wollten Sie das forsche Auftreten solcher Leute parodieren?

    Antwort auf "[...]"
    • lxththf
    • 15. November 2012 15:18 Uhr

    Man stelle sich vor, man benötigt mit dem Auto ca. eine 1/2h zur Arbeit bisher und muss nun mit 30 dahindümpeln. Eine merkwürdige realitätsferne nicht wirklich sinnvolle Vorstellung m.M.n.
    Am besten wir führen irgendwann wieder Kutschen ein. Auch die Nahverkehrsbetriebe sind dann keine Alternative, denn man wer will schon stehend ewig lang in einer Tram oder Bus Zeit verbringen. Das merkt man schon beim normalen Berufsverkehr. Und Fahrrad ist natürlich im Frühling und Sommer eine tolle Alternative, aber bei -10Grad?

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    lesen werden sie mit Aussage konfrontiert das Autofahrer nur minimal länger unterwegs sind weil sie eben eh nur ganz kurze Strecken 50 fahren können, wohingegen bei 30 km/h der Verkehr flüssiger wird und die Straßen mehr Autos aufnehmen können.

    > Man stelle sich vor, man benötigt mit dem Auto ca.
    > eine 1/2h zur Arbeit bisher und muss nun mit 30
    > dahindümpeln.

    Haben Sie den Artikel gelesen? Es ist doch gerade eine der Aussagen darin, daß nach den Erfahrungen die man in England mit "20 mph"-Zonen gemacht hat, das Szenario von erheblich längeren Fahrtzeiten (zumindest in Großstädten mit sehr hoher Verkehrsdichte) eben nicht zu erwarten ist.

    ... des Zeitgewinns durch schnelleres Fahren ist das Hauptproblem bei der Einführung von Tempolimits in Deutschland.

    Wenn Sie aktuell eine halbe Stunde fahren, bei zugelassener Höchstgeschwindigkeit von 50 werden Sie bei Tempo 30 ca. 35 Minuten brauchen. Dabei ist noch nicht eingerechnet, dass bei 30 der Verkehrsfluss ruhiger wird. Im Endergebnis sind Sie vielleicht sogar schneller als jetzt.

    Wenn man sich warm anzieht (empfehle Sturmhaube)und Spikereifen hat, geht das wunderbar. Es ist schön. Alles glitzert, weil es eingefroren ist, und die Luft ist unglaublich klar... Es gibt so viel, was man in einem Auto gar nicht mitbekommt.

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