Straßenverkehr"Jeder Radfahrer muss ab und zu kampfradeln"

Jens Siemering und Mehmed Dechert gestehen: Wir sind Kampfradler. Die einseitig auf Autos ausgerichtete Verkehrspolitik zwinge sie dazu, sagen sie im Interview. von 

"Ein Herz für Kampfradler_innen" fordert eine Initiative von Radfahrern, die selbstbewusst bekennen: "Ja, wir sind Kampfradler." Im Internet rufen sie dazu auf , ihnen zu folgen und ebenfalls bewusst Verkehrsregeln zu missachten. Mehr als 350 Unterstützer haben den Online-Aufruf inzwischen unterzeichnet. Mehmed Dechert und Jens Siemering gehören zu den zehn Initiatoren.

ZEIT ONLINE: Herr Siemering, Herr Dechert, Sie bezeichnen sich selbst als "Kampfradler". Wen wollen Sie damit provozieren – Verkehrsminister Peter Ramsauer oder die Autofahrer?

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Jens Siemering: Zuerst hat Herr Ramsauer ja uns provoziert; wir reagieren nur darauf. Ramsauer sprach von einer "Verrohung der Kampfradler" , der man Einhalt gebieten müsse. Wir haben uns über diese Äußerung geärgert, weil sie klarmacht, dass die Verkehrspolitik gegen die Radfahrer ausgerichtet ist. Für uns Radfahrer ist jeder Tag auf der Straße ein Kampf. Nur: Wir haben ihn nicht angefangen. Es ging uns nicht darum, den Autofahrern im Alltag den Krieg zu erklären. Aber solange die Politik nichts für Radfahrer tut, rufen wir dazu auf, sich kampfradlerisch zu verhalten.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Mehmed Dechert: Kampfradeln bedeutet, bewusst Verkehrsregeln zu missachten, wenn es unmöglich oder untragbar ist, sich in einer bestimmten Situation an sie zu halten.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel?

Siemering: Wenn ein Auto auf dem Radweg parkt, kann ich entweder auf die Straße ausweichen oder auf den Fußweg. Beides ist verboten. Es bleibt einem also gar nichts anderes übrig, als gegen die Regel zu verstoßen. Im Grunde muss also jeder Radfahrer ab und zu mal kampfradeln. Wir rufen dazu auf, dann selbstbewusst auf die Straße zu wechseln.

Dechert: Kampfradeln heißt aber auch, seine Rolle als Radler bewusst und offensiv anzunehmen. Wir sagen nicht: "Bitte, bitte, lieber Ramsauer, bau doch mal einen neuen Radweg". Wir wollen keine Bittsteller sein, sondern auf Augenhöhe als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren, dass viele Autofahrer nach dem Prinzip "Freie Fahrt für freie Bürger" unterwegs sind. Aber im Grunde fordern Sie für sich das gleiche. Ist es sinnvoll, sich für mehr Rücksichtnahme einzusetzen, indem man selber auch keine Rücksicht mehr nimmt?

Siemering: Das stimmt nicht. Wir nehmen Rücksicht, nämlich auf die Fußgänger. Sie sind schwächer als wir, ich darf sie deshalb nicht in Gefahr bringen. Doch genauso dürfen wir erwarten, dass die Autofahrer auf uns Rücksicht nehmen – und viele tun das nicht. Die Statistik zeigt: An Unfällen zwischen Auto- und Radfahrern ist meist der Autofahrer schuld. Es ist nicht der Radfahrer, der den Autofahrer böse verletzt. Also ist klar, wer hier auf wen Rücksicht zu nehmen hat.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist Kampfradeln?

Dechert: Das Paradoxe ist: Gerade zum eigenen Schutz sind wir oft gezwungen, Regeln zu missachten. Ist ein Radweg völlig zugeparkt und daneben laufen Fußgänger, dann fahre ich verbotenerweise auf der Straße. Das ist sicherer, als sich zwischen die Fußgänger zu mischen. Da lasse ich mich halt von den Autofahrern anhupen.

ZEIT ONLINE: Man erlebt in den Städten aber Radfahrer, die einfach über eine rote Ampel fahren – nicht um im Verkehr bestehen zu können, sondern weil sie ungeduldig sind und wissen, dass man sie kaum schnappen kann.

Dechert: Das passiert aber nicht aus reiner Bosheit, sondern hat Gründe. Die Schaltzeiten der Ampeln richten sich völlig nach den Autofahrern. Radfahrer und Fußgänger müssen hintanstehen und haben Wartephasen, die man keinem Autofahrer zumuten würde. Warum haben da Fußgänger und Radfahrer nicht Vorrang?

Leserkommentare
  1. besonders gefährlich ist es-wenn diese kampfradler auf fußgängerwegen mit hoher geschwindigkeit einen schneiden und ab und zu die leute auch noch anbrüllen.

    (tatsächlich in köln auf mixzonen /fußgänger+radfahrer zu oft erlebt)

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    • Azenion
    • 14. Dezember 2012 8:05 Uhr

    "diese Kampfradler" haben sich von solchem Verhalten distanziert, wie Sie es beschreiben.

    Ähnlich wie "Raser" ist "Kampfradler" einerseits ein Begriff für jeden Verkehrsteilnehmer, dessen Verhalten man als unangemessen forsch empfindet. Andererseits sind es aber auch Propagandabegriffe für alle, die Regeln verletzen. Nur letzterer Sinn wird von den Interviewten aufgegriffen.

    Herzlich lachen musste ich bei "Wir nehmen Rücksicht, nämlich auf die Fußgänger.". Aber klar doch. Ich muss dann wohl als passionierter Fußgänger immer und ausgerechnet an die falschen Kampfradler geraten. Und ein Blick nach Münster zeigt, was passiert, wenn man tatsächlich eine radfahrerfreundliche Verkehrspolitik macht - man fühlt sich als Fußgänger nicht nur auf der Straße, sondern auch noch auf den Bürgersteigen und in sogennanten "verkehrsberuhigten Zonen" (die natürlich nach Interpretation des Radfahrertums nur zur Beruhigung des Autoverkehrs dienen) unwohl in der Angst vor dem ständig möglichen Zusammenstoß.

    Vielleicht sollte ich zum Kampffußgänger werden. Einfach mal den Ellenbogen ausfahren, wenn Kollege Kampfradler es wieder nötig hat, den Gehweg zur Rennstrecke zu machen.

    Kampfradler ist als Begriff eigentich schon latent aggressiv. Besser als sich durch Nicht - Beachten von Verkehrsregeln hervorzutun wäre es, einen Dialog zu suchen.
    Viele Innenstädte sind aktuell nur dem Auto zuliebe konzipiert und die Ampelschaltungen auch. Sogar in der Fahrradhauptstadt Münster ist dieses so.

    Hier müssen endlich mal Vertreter vom ADFC oder anderen Verbänden mit den Lokalpolitikern an einen Tisch gesetzt werden. Es gibt genug Möglichkeiten, die schwierige Situation zwischen Fahrradfahrern/Fußgängern und Autos zu entschärfen. Warum macht man nicht einfach mal konstruktiv eine Plattform auf, in der die einzelnen Parteien zu Wort kommem.

    Wenn unsere lieben Politiker die sich immer noch zum großen Teil mit Staatskarossen ala S-Klasse durch die Gegend fahren lassen ( vorbei am Stau ) endlich mal wieder Bodenhaftung bekommen würde, könnten Sie auch die Notwendigkeit einer Lösung des Problems nachvollziehen.

    "Kampfradler" tun genau das nicht. Sie weichen auf die Straße aus, wo sie nach StVO auch hingehören.

    der Wirkung der obigen Kapfradel-Ansage. Als ich heute mit dem Auto fuhr und ein Radfahrer etwas zu weit auf der Fahrbahn fuhr, fiel mir die tolle Inititive aus dem Interview ein. Das machte mich wütend und ich fuhr noch näher an dem Radler vorbei, als sonst.

    DAS und nichts anderes bewirkt der, mit Verlaub, "Unsinn" den dieser Siemering und Dechert von sich geben.

  2. Das alles wäre nicht nötig, wenn die Grünen, die mittlerweile in vielen Städten in Koaltionen die Mehrheiten in den Stadträten haben, sich mal auf ihre Wurzeln besinnen und sich für Radfahrer einsetzen würden.

    Doch man beschäftigt sich lieber damit, den völlig überteuerten ÖPNV mit zusätzlichen Busspuren zu unterstützen (das Grüne Wohlstandsklientel hat ja auch wenig Probleme mit den ÖPNV-Preisen), als dass mal irgendwo Radwege ausgebaut oder gegen das Parken durch Autos abgesichert werden.

    Davon abgesehen halte ich als passionierter Radfahrer mal so gar nichts von Kampfradeln, denn Aggression erzeugt nichts anderes als Gegenaggression, die im Zweifelsfalle der nächste Verkehrsteilnehmer abbekommt, der nichts mit der Sache zu tun hatte. Autofahrer auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen ist ja wohl auch kein Kampfradeln...

    Der Verkehr teilt sich eben nicht nur in Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, sondern in Rücksichtslose und Rücksichtsvolle. Und die Rücksichtslosen gehen mir so oder so auf den Sack, ob nun per Auto oder per Rad. Insbesondere seien hier auch die Spezialisten erwähnt, die sich in voller "Kampfmontur" ins Radfahrvergnügen werfen und wirklich der Meinung sind, sie seien im Krieg - aber mit allem und jedem, nicht nur mit den Autofahrern. Von diesen fühle ich mich mindestens genauso gefährdet wie von einem passiv fahrenden Autofahrer.

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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

    passiv fahrenden Autofahrer???

    Genau das ist es was mein Fahrlehrer mir beibringen wollte: nicht so defensiv fahren, wie ein Radfahrer.

    Wo findet der Kampf also statt?

    Hinter dem Steuer eines Autos.

    wenn bei uns die Sonne lacht,
    hat's die CDU gemacht.
    Fallen Regen oder Schnee,
    sind's Linke, Grüne, SPD.

    • Hickey
    • 14. Dezember 2012 11:40 Uhr

    Mir gehen die "Hans-Guck-in-die-Luft" Leute aufn Sack.

    Eine Menschentraube betritt völlig unbedarf, obwohl mich ein Teil der Gruppe sieht, den Fahrradweg...tut mir leid, da lass ich gerne den Kampfradler raus und nehme keine Rücksicht, auf die Planlosen Brain-AFK`ler.

    Grund:

    Ich fahre sportlich, was nicht verboten ist und hab keine Lust jedesmal auf 25kmh zu beschleunigen.

    Wo ein Radweg ist, hat ein Fußgänger nix verloren, auf die Straße trauen sich diese Menschen nämlich nicht.

    Aber einen Fahradfahrer kann man ja getrost behindern.

    • Marone
    • 15. Dezember 2012 0:08 Uhr

    Ich finde es unsinnig, ÖPNV und Fußgänger als Gegner der Radfahrer zu betrachten. Der meiste Platz und und praktisch alle Ampelschaltungen werden vom Autoverkehr beansprucht. Um den zurückzudrängen, mussen alle Alternativen so attraktiv wie möglich sein. Außerdem nutzen gerade Radfahrer flexibel verschiedene Mobilitätsarten.

    • Azenion
    • 14. Dezember 2012 7:58 Uhr

    Überregulierung unterminiert *immer* die Glaubwürdigkeit der Obrigkeit, indem sie entweder zum direkten Regelverstoß zwingt oder aber ein Übermaß an Fällen der konkreten Unangemessenheit produziert. Eine überregulierende Obrigkeit erklärt den Bürger zum Feind und wird dann umgekehrt auch als Feind wahrgenommen.

    Ich denke, genau das passiert dem Radfahrer wie kaum einer anderen Bevölkerungsgruppe, ganz einfach weil die Verkehrsregeln nicht für ihn, sondern für den Autofahrer gemacht sind.

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    Es gibt übrigens die einen Ampeln und die anderen Ampeln.

    Die einen sind die Ampeln die den Verkehr sinnvoll regeln. In der Regel fahren Radfahrer in Berufsverkehr (Profiradler) da nicht drüber, aber deppen gibts immer.

    Die anderen sind die, bei denen eine kleine, fast nicht befahrene Strasse, in eine große Straße mit (dem üblicherweise schlecht zu sehenden) Radweg mit Fahrradampel kreuzt.

    Der "natürliche Feind" des Radfahrers ist da der Rechtsabbieger. Beide haben grün, der Radfahrer hat hinten keine Augen der Rechtsabbieger (oft ein weiser Transit) sieht von hinten rechts den Radfahrer nicht kommen.

    Meiner ansicht nach ist das die Hauptursache für Unfälle, und beide hatten Grün.

    An einer solchen Ampel bedeutet Grün Lebensgefahr und Rot die sichere weil kontrollierbare Überquerung der Straße.

    Genau an diesen Ampeln stehen dann natürlich gerne Polizisten um an das Geld der Radfahrer zu kommen (an der Sorge um die sicherheit der Radler kanns nicht liegen). Sie stehen da WEIL die Überregulierung offensichtlich ist und Radfahrer das nicht annehmen.

    Wers nicht glaubt fährt nicht Rad.

    • Azenion
    • 14. Dezember 2012 8:05 Uhr

    "diese Kampfradler" haben sich von solchem Verhalten distanziert, wie Sie es beschreiben.

    Ähnlich wie "Raser" ist "Kampfradler" einerseits ein Begriff für jeden Verkehrsteilnehmer, dessen Verhalten man als unangemessen forsch empfindet. Andererseits sind es aber auch Propagandabegriffe für alle, die Regeln verletzen. Nur letzterer Sinn wird von den Interviewten aufgegriffen.

    8 Leserempfehlungen
    • Pterry
    • 14. Dezember 2012 8:08 Uhr

    ...wird der Radweg, wenn er direkt neben der Straße verläuft, generell nicht geräumt, sondern der Schnee von der Straße genau dahin geschoben.

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    • lufkin
    • 14. Dezember 2012 8:51 Uhr

    Das ist hier in Aachen auch so.
    Im letzten Winter war es besonders schlimm. Es gibt hier in der Innenstadt mehrere Stellen, an denen der Radweg zwischen den Autospuren verläuft. Der Schnee wurde dann von den Autospuren auf die Radspuren geschoben und dort liegen gelassen. Dann taut es mal und überfriert wieder und schon hat man auf der Spur nur noch blankes Eis. Die Radspuren waren absolut unbenutzbar. Sogar noch zwei Wochen nachdem der (Rest)Schnee auf den Autospuren und Fußwegen schon von selbst getaut war, waren die Radwege oft noch unbenutzbar.
    Dazu kommen hier überall fehlende oder kaputte Radwege, unsinnige Ampelschaltungen (grüner Pfeil für Autos aber eine extra Radfahrer-Ampel die rot bleibt, Radler die auch rechts abbiegen wollen müssen also auf die Hauptampel warten)...

    • leser72
    • 14. Dezember 2012 14:49 Uhr

    ... weil unbenutzbar. Fahren Sie halt auf der Fahrbahn UND bitte NICHT auf dem Gehweg - gut ist . Aber bitte nicht "in der Gosse", sondern mit 0,75 bis 100cm Abstand zu den geparkten Autos / dem Bordstein. Das dürfen Sie nicht nur, dass müssen Sie sogar. Öffnet sich nämlich plötzlich eine Autotür und Sie fahren rein, bekommen Sie schnell eine Mitschuld wegen zu geringen Sicherheitsabstand. Da gibt es gerichtliche Urteile zu. Und das "Rechtsfahrgebot" gibt es auch nicht her, dass Sie mit 10cm Abstand zum Bordstein fahren müssen. Das sagt nur "möglichst weit rechts". Was möglich ist, entscheiden Sie! Eine gute Linie ist die Spur, die die Autos mit dem rechtsseitigen Rädern hinterlassen. Sagt mittlerweile sogar die Polizei.

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das alles..."
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    Wer denn sonst, wenn nicht die Grünen?

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