BatterieversagenFalsche Starthilfe kann teuer werden

Der Anlasser macht keinen Mucks – im Winter ist ab und zu Starthilfe nötig. Aber Vorsicht mit den Überbrückungskabeln: Schon der kleinste Fehler kann teure Folgen haben. von Heiko Haupt

Die Lichtmaschine ist defekt, die Instrumente im Armaturenbrett funktionieren nicht mehr, das Motor-Steuergerät ist zerstört. Das sind nur einige der möglichen Folgen, wenn man bei der Starthilfe Fehler macht – ob aus Unwissenheit oder aus Unaufmerksamkeit. Auch das Radio oder die komplexe Infotainmentanlage können dauerhaft den Dienst einstellen, ebenso zahllose Elemente der gesamten Fahrzeugelektronik. Was als alltägliches Kälteproblem begonnen hat, wird zum erschreckend teuren Desaster.

"Bei der Starthilfe kann sehr viel passieren. Am schlimmsten ist es, wenn die Pole verwechselt werden", sagt Helmut Schmaler vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg . Die Auswahl ist zwar auf Plus und Minus beschränkt, doch im Winter kommt es gerade bei Dunkelheit immer wieder zu Verwechslungen. Das liegt auch daran, dass im modernen Auto der Laie die eigentliche Fahrzeugbatterie gar nicht mehr so einfach findet. Mal ist sie im Kofferraum montiert, mal unter der Rückbank verbaut. Dann gilt es, mithilfe der Bedienungsanleitung die richtigen Anschlüsse für die Kabel zu finden.

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Plus- mit Minuspol zu verwechseln ist nicht der einzig mögliche Fehler. Schmaler warnt auch davor, die Klemmen beider Überbrückungskabel direkt mit den Polen einer Batterie zu verbinden. Der Grund: Auch wenn zunächst alles gut geht, können sich etwa beim Lösen der Klemmen Funken bilden. In der leeren Batterie sind aber womöglich Knallgase entstanden, die durch die Funken explodieren. Das zerstört im Extremfall nicht nur die Batterie – austretende Batteriesäure kann auch die Helfer gefährden.

Helfer haften meist nicht

Die Angst vor den Folgen sollte hilfsbereite Menschen jedoch nicht von der Unterstützung anderer Autofahrer abhalten. Denn selbst wer einen Fehler begeht und damit eine teure Reparatur notwendig macht, haftet in der Regel nicht. Gerichte entscheiden in solchen Fällen eher zugunsten des uneigennützigen Helfers.

"Bei der Starthilfe handelt es sich um ein Gefälligkeitsverhältnis", erläutert Martin Diebold, Fachanwalt für Verkehrsrecht in Tübingen . "Daher ist auch von einem stillschweigenden Haftungsausschluss auszugehen." Man nimmt also einfach an, die beteiligten Parteien hätten sich wortlos darauf geeinigt, dass für Fehler im Rahmen der Gefälligkeit niemand haften muss.

Dieser Haftungsausschluss ist laut Diebold aber nicht grenzenlos – der Helfer sollte nicht ahnungslos und ohne Rücksicht auf mögliche Fehler agieren. "Es ist schon wichtig, dass vorsichtig gehandelt wird. Der Helfer sollte Ruhe bewahren und bei Unklarheiten auch mal einen Blick in die Bedienungsanleitung des Autos werfen", sagt Diebold. Wird ein Taxifahrer oder ein gewerblicher Pannenhelfer gegen Bezahlung engagiert, so muss dieser für Fehler geradestehen – hier gibt es keinen stillschweigenden Haftungsausschluss.

Leserkommentare
  1. Also das mit dem "Vorladen" der Batterie kannte ich noch nicht, macht aber wirklich Sinn. Noch "gute" Batterien dürften dann sogar in der Lage sein, von selbst zu starten.

    Alles andere ist eher Panikmache. Wessen Fahrzeug schlecht startet sei sowieso ein Notstartgerät ab 100 EUR oder die ADAC-Mitgliedschaft empfohlen ;-)

  2. Eine alte Regel besagt, den Motor vom Spenderfahrzeug vor dem Schluss des Stromkreises bereits anzulassen. Der Grund: Wenn meine eigene Spenderbatterie nicht mehr die Stärkste ist (Alter, Kälte, Kurzfahrten ...), kann sie nämlich leicht unter das Existenzminimum ausgesaugt werden. Die Pannenbatterie kann völlig leer sein (z.B. Licht angelassen). Und dann hat man zwei stehende Fahrzeuge.
    Ein weiterer Grund ist, dass die Pannenbatterie (Teil-)Defekte haben kann, was die Spenderbatterie quasi kurzschließen könnte. Auch hier würde die laufende Lichtmaschine des Spenderfahrzeugs als eine Art Backup fungieren.
    Wurde die Pannenbatterie übrigens Tiefentladen (typisches Beispiel wieder Licht angelassen), ist sie meistens (oft) irreparabel geschädigt, was sich in verminderter Performance und Kapazität äußert.

    Gruß
    Mann mit Hut

  3. Da gibt es keine Elektronik, die man kaputt machen kann. Infotainment-Systeme sprengen? Das geht bei meinem Becker Europa Bj. 75 nicht. Bei mir ist die Batterie auch noch da, wo man sie vermutet. Ob ich allerdings mit meiner eher kleinen Batterie einem heutigen Boliden Starthilfe geben könnte, weiß ich gar nicht - bei denen ist ja schon der Generator doppelt so groß wie meiner und wassergekühlt...

  4. Hier hat sich leider viel wohlmeinender Unfug im Artikel gesammelt:

    * Der Motor des Spenderfahrzeugs sollte schon vor dem Anschluss des zu startenden Fahrzeugs laufen. Wie andere schon schrieben, wird so das Risiko reduziert, dass eine extrem tief entladene und/oder defekte Batterie im zu startenden Fahrzeug die andere Batterie mit in den Abgrund reißt.
    * Es ist wenig sinnvoll, die Fahrzeuge über Minuten verbunden zu lassen. Autobatterien haben geringen Innenwiderstand, und so lädt die stärkere Batterie dann die schwächere Batterie im Schnelldurchgang auf, während sie selber entladen wird. Keiner der beiden Batterien tut das gut!
    * Woher sollen Spannungsspitzen beim Abklemmen der Verbindung kommen? Nach dem Abklemmen ist die Lichtmaschine der einzige Lieferant von Spannung, und die ist vom Laderegler genau gegen solche Spitzen gesichert. Bei defektem Laderegler drohen natürlich zahlreiche Folgeschäden an Batterie und Elektrik, aber vollkommen unabhängig davon, wie man die Kabel abklemmt.
    * Knallgase entstehen beim übermäßigen Laden von Bleiakkus, nicht beim Entladen. Moderne wartungsfreie Bleiakkus enthalten zudem Katalysatoren, die diese zu harmlosem Wasser rekombinieren. Dass einem die leere Batterie um die Ohren fliegt, ist also extrem unwahrscheinlich. Eher schon ist die volle Batterie gefährdet. Genau deswegen schließt man die zuerst an - damit man möglichst weit weg von der ist, wenn der Stromkreis geschlossen wird.

    Jag

    2 Leserempfehlungen
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    • _bla_
    • 05. Dezember 2012 9:38 Uhr

    Woher sollen Spannungsspitzen beim Abklemmen der Verbindung kommen?

    Durch die Verbindung fließen sehr hohe Ströme, diese Erzeugen ein Magnetfeld. Trennt man diese Verbindung bricht der Strom und damit auch das Magnetfeld innerhalb kürzester Zeit zusammen. Magnetfelder, die sich zeitlich verändern, induzieren Spannungen in umliegenden Leitern. Dabei können kurzzeitig durchaus sehr hohe Spannungen entstehen. Nur so lässt sich auch die Beobachtung von Funken erklären, die Spannung der Batterie ist eigentlich viel zu gering für Funkenbildung, dafür braucht es in der Luft rund 1000 Volt pro Millimeter, die Spannung der Batterie liegt um zwei Größenordnungen darunter.

    Genau, @_bla_. Dieses Prinzip des Erzeugens von Spannungsspitzen wird sogar absichtlich genutzt: in der Zündung (Zündspule / (elektronischer)Unterbrecher / Zündkerze).

    Ansonsten hat @JaguarCat Recht.

    • Flari
    • 05. Dezember 2012 21:26 Uhr

    Zitat:
    "* Es ist wenig sinnvoll, die Fahrzeuge über Minuten verbunden zu lassen. Autobatterien haben geringen Innenwiderstand, und so lädt die stärkere Batterie dann die schwächere Batterie im Schnelldurchgang auf, während sie selber entladen wird. Keiner der beiden Batterien tut das gut!"

    Hier irren Sie.

    - Je länger, dünner und "billiger" ein Starthilfekabel ist, desto höher ist sein Innenwiderstand und ggf. die Übergangswiderstände der Klemmen.
    Letzteres auch noch abhängig vom Zustand der Kontaktpunkte.

    - Je grösser der Motor des Pannenfahrzeuges ist oder je schwerer sich dieser aufgrung hoher Verdichtung drehen lässt, desto mehr Startstrom ist erforderlich.

    - Je kleiner und/oder älter die Batterie des Spenderfahrzeuges ist, desto eher geht deren Spannung beim Fremd-Starten in die Knie.

    - Eine sehr (tief)entladene Pannen-Batterie nimmt der Spenderbatterie auch noch beim Fremdstarten Energie weg.

    Häufig reicht schon einer dieser Faktoren aus, ein DIREKTES Fremdstarten nicht zu ermöglichen!

    Selbstverständlich soll während der Wartezeit zwischen Überbrückung und Startversuch der Motor des Spenders laufen.
    Und das tut dann sogar beiden Batterien gut! :-)

    Zu #5:
    Ich empfehle, die beiden Klemmen beim Pannenfahrzeug direkt an die Batteriepole anzuschliessen, allerdings später zuerst wieder den Minuspol beim Spender zu trennen, wobei dort die Minusverbindung abseits der Batterie erfolgen sollte!
    Damit besteht Ihr dargestelltes Problem nicht.

  5. Nachtrag: Wenn in der Batterie des zu startenden Fahrzeugs eine Zelle kurzgeschlossen ist - das ist kein seltener Fehler - dann sinkt die Spannung an der Batterie, auch dann, wenn die anderen Zellen voll sind. Dann hat der Anlasser nicht genügend Kraft, das Auto zu starten. Besorgt man sich nun Starthilfe, werden die intakten Zellen überladen, und es bildet sich dort möglicherweise Knallgas schneller, als es vom Katalysator abgebaut werden kann. Dann droht beim Lösen der Klemmen tatsächlich eine Verpuffung, wenn sich ein Funke bildet.

    Insofern ist der Tipp im Artikel, den Minus-Pol nicht an der Batterie, sondern an der Karosserie des Starthilfe erhaltenden Autos anzuschließen, richtig. Jedoch ist der Tipp, die Autos minutenlang verbunden zu lassen, in diesem Fall erst recht richtiges Gift, weil sich entsprechend lange aufgrund der großen fliesenden Ströme auch große Mengen an Knallgas bilden können.

    Also: Starthilfe immer kurz geben.

    Noch ein Tipp: Neue Batterien sind immer voll geladen. Wenn man eh schon weiß, dass die Batterie in dem Fahrzeug, das Starthilfe benötigt, am Ende ihrer Kräfte ist, kann es am Ende günstiger sein, sich gleich eine neue Batterie zu besorgen und diese einzubauen, als z.B. erstmal ein Taxi für Starthilfe zu rufen.

    Jag

    • dex1e
    • 04. Dezember 2012 21:08 Uhr

    @Jag: Könnte mir die Spannungsspitzen so erklären: Abbnehmen des Kabels -> Stromabriß -> Hohe Spannung über Induktivitäten im System -> Verbraucher sind dazu parallel und verhindern große Überspannung

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    @dex1e: Hohe Induktivitäten hieße ja: Lange Kabel, die womöglich noch um Eisenteile gewickelt sind. Solchen Unfug baut aber keiner in ein Auto ein. Zudem wirkt die Batterie ja als sehr große Kapazität, die die Spannung glättet. Beim Innenwiderstand von wenigen Milliohm bräuchte man schon mehrere Henry an Induktivität, um nennenswerte Spannungsspitzen gegen die Batterie aufbauen zu können. Große Trafowicklungen haben so hohe Induktivitäten, aber kein normales Kabel im Auto, auch das Starthilfekabel nicht. Da reden wir von µH, nicht H.

    Klar gibt es im Auto eine Spule mit hoher Induktivität, die regelmäßig hohe Spannungsspitzen erzeugt, nämlich die Zündspule. Die hohe Spitze ist aber immer dann, wenn die Zündspule elektrisch mit der Zündkerze verbunden wird und gleichzeitig von der Batterie getrennt ist. Gegen die Batterie kann die Zündspule hingegen keine Spannungsspitzen erzeugen; mit einem Oszilloskop sieht man bei laufendem Motor an der Batterie nur eine geringe Restwelligkeit von weit unter einem Volt.

    Jag

  6. Die abgebildeten Polzangen sind schon bald zwei Jahrzehnte nicht mehr zulässig.

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    ich bekomme solche Kabel mit solchen Zangen (andere Griffgestaltung) immer noch im Fachhandel.
    Oder irre ich mich da gerade?

    mfg

    K-F

    Etwas ganz anderes, als die Polzangen auf dem Foto, ist falsch: die Reihenfolge des An- bzw. Abschließens.
    Heißt es im Text noch, dass erst der Pluspol angeschlossen wird und beim Trennen erst der Minuspol abgekabelt werden muss, zeigt das Foto das Anschließen des Pluspols an zweiter oder Lösen an erster Stelle – das ist nun definitiv falsch.
    Liebe Redaktion: ein neues Foto bitte …

  7. Problem ist immer dieses ominöse "massive Metallteil" zu finden warum machen die Fahrzeughersteller nicht einfach einen Fixpunkt wo man die Zange ordentlich befestigen kann....

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    Was fahren Sie denn für ein Auto?

    Viele Mercedes haben z.B. so einen Massepunkt (weil die Batterie in einem Gehäuse oder gar nicht im Motorraum ist).

    • scoty
    • 05. Dezember 2012 9:01 Uhr

    den Massepunkt bei den neueren Fahrzeugen zu finden ( kein Wunder bei den ganzen Verkleidungen ) ganz zu schweigen die Batterie die eventuell unter einer Verkleidung sitzt oder noch schlimmer im Fahrgastraum oder auch im Kofferraum.
    Massepunkt kann auch eine dicke Schraube sein der z.B. an der Motorhalterung befestigt ist.

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  • Schlagworte Polen | Landsberg | Tübingen
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