TankstellenWie der Tankwart ausstarb

Vor 40 Jahren gab es in Deutschland die ersten Zapfsäulen, an denen Autofahrer selbst tankten. Was heute normal ist, weckte damals Zweifel: Würde der Service vermisst? von Susanne Kilimann

In den 1970er Jahren lockten erste SB-Tankstellen damit, dass der Sprit bei ihnen günstiger sei.

In den 1970er Jahren lockten erste SB-Tankstellen damit, dass der Sprit bei ihnen günstiger sei.  |  © press-inform/Aral

Würden Deutschlands Autofahrer, würden Anzugträger oder Damen mit Kostüm und sorgsam manikürten Fingernägeln das neue Konzept akzeptieren? Hätten Tankstellen ohne Tankwart hierzulande überhaupt eine Chance? Anfang der siebziger Jahre war man sich da nicht so sicher. Im Gegenteil: Die Skepsis war groß. Gerd Deisenhofer, der das Geschäftsmodell nach Westdeutschland brachte, brauchte eine Menge Überredungskunst und Beharrlichkeit, um Geschäftspartner und seinen damaligen Vertriebschef von der Idee zu überzeugen. Deisenhofer war da Geschäftsführer beim Kemptener Energiehändler Präg.

Deisenhofer hatte von dem Selbstbedienungstankkonzept erstmals im Oktober 1971 auf einer Energie-Konferenz in London erfahren. Ein schwedischer Hersteller präsentierte die neue Idee, mit der die Fahrzeuge im weitläufigen Norden seit einiger Zeit mit Kraftstoff versorgt wurden. Die Vorteile waren evident: Es brauchte kein Personal, damit ein schwedischer Landwirt sein Fahrzeug betanken konnte.

Anzeige

Das SB-Konzept ersparte ihm den Weg in die nächste, oft viele Kilometer entfernte Stadt, wo es Kraftstoffstationen und Tankwarte gab. Für die Landbevölkerung hatte man einzelne Zapfsäulen in dünn besiedelten Regionen aufgestellt. Hier griff der Kunde selbst zum Stutzen und bezahlte via Kundenkarte.

Angst, die Kunden zu vergraulen

Der Unternehmer aus dem Allgäu war begeistert. Er sah in dem Konzept die Möglichkeit, den Benzinpreis durch eingesparte Personalkosten zu senken – und zugleich den Absatz für seine Firma zu erhöhen. Kurzerhand flog er nach Schweden, um sich dort von der einfachen Bedienung der Benzinzapfsäulen zu überzeugen.

Zurück in Deutschland machte der damals 31-jährige Geschäftsführer seinem skeptischen Vertriebschef die Sache schmackhaft, indem er nicht irgendeine Tanke als Teststation ins Auge fasste – sondern die an der B17 in Lagerlechfeld südlich von Augsburg, ganz in der Nähe eines Luftwaffenstützpunktes der Bundeswehr. Diese Tankstelle wurde von vielen der dort stationierten rund 5.000 Soldaten regelmäßig angesteuert.

Der Eigentümer der Tankstelle, Erich Werner, winkte zunächst ab. Er fürchtete, die Kunden würden zur Konkurrenz wechseln, wenn sie plötzlich den Zapfhahn bedienen sollten. Deisenhofer aber ließ nicht locker. Zum einen glaubte er, dass Soldaten durchaus bereit wären, an der Kraftstoffsäule selbst Hand anzulegen. Zum anderen hoffte er, dass ein um drei Pfennig günstigerer Preis schnell auch Zivilisten animieren würde, sich im Selbsttanken zu versuchen.

Leserkommentare
    • dacapo
    • 01. Januar 2013 12:12 Uhr

    Wie soll man das verstehen? War das Bedienungspersonal vorher Facharbeiterpersonal und sind für dieses Modell degradiert worden? Und was sind das für "ein paar Cents"? Meinen Sie den Lohn für das Personal?

    Kann man davon ausgehen, dass Sie nur in Selbstbedienungsgeschäfte gehen, sich nirgendwo bedienen lassen?

    Antwort auf "Blödsinn"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lyriost
    • 01. Januar 2013 12:58 Uhr

    Wer nachdenkt, kommt leicht darauf, was das heißen soll. Wenn ich selber mache, was vorher eine Fachkraft getan hat, dann ist das eine Hilfsarbeit, weil ich keine Fachkraft bin. Außerdem nehme ich dem andern (aus Geiz) auch noch die Arbeit weg. Capito?

    • dacapo
    • 01. Januar 2013 12:14 Uhr

    Und er hat Arbeit.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Shell-Tankwart "
  1. ...kommen Sie nach England, da gibt es das schon. Und die Lufthansa hat den Check-In auch auf "Automat" ungestelt...

    Aber um beim Einkaufen zu bleiben: Besonders lustig ist es wenn man mit diesen dummen Dingern mehr als 5 Gegenstände kaufen will und irgendwie alles auf die eine oder andere Art in Taschen zu packen versucht...

    Früher gab es Personal - einfacher, effizienter. Jetzt hat man Elektronikschrott und "Supportpersonal"...
    (Zum Thema England: Eine schöne "Feldstudie" dieses Land... ob die katastrophal schlechten Ticketbarrieren am Bahnhof in Leeds oder Manchester Airport wo man von der Automatisierung zurück zum Personal ging weil es einfacher ist...)

    Besonders lustig ist es immer dann wenn man eine Person durch 4 Maschinen ersetzt (weil nun jeder langsamer ist) dann aber noch immmer einen Mitarbeiter braucht wenn jemand mit dem Ding nicht klarkommt...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Früher"
    • Peter64
    • 01. Januar 2013 12:19 Uhr

    Ich habe im Urlaub in Thailand vor einigen Monaten mit dem Mietwagen größere Strecken zurückgelegt. Dort wurde das Fahrzeug an jeder Tankstelle vom dort noch allgegenwärtigen Tankwart schnell und freundlich mit der korrekten Kraftstoffsorte und der gewünschten Menge befüllt und gleich abkassiert. Und die Windschutzscheibe wurde währenddessen von einer zweiten Service-Kraft gleich auch noch geputzt.

    Aussteigen nicht nötig -- und es ging auch noch schneller als bei einer hiesigen SB-Tanke, wo noch das Schlangestehen vor der Kasse dazukommt. Und das bei Preisen von derzeit unter 1 Euro pro Liter Super. Für einen solchen Service zahle ich gerne ein bisschen drauf und schaffe damit ganz nebenbei Arbeitsplätze.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • u.t.
    • 01. Januar 2013 13:00 Uhr

    in voller Naivität das Beispiel Thailand nennen...

    - In Thailand wird wie in vielen asiatischen Ländern der Spritpreis massiv subventioniert, bzw. gering besteuert. Macht sogar einen gewissen Sinn (der langfristig und ökologisch natürlich Irrsinn ist), weil die Menschen s..arm sind und irgendwie durch die Landschaft fahren müssen, um an ihre Jobs zu kommen.
    - Und dann raten Sie mal, welche Löhne diese flinken und freundlichen Serviceleute da verdienen. Selbst deutsche Billigstlöhne sind da noch meilenweit drüber.

    Wenn Sie in D so einen Service haben möchten - einer tankt, der andere wischt "freundlich lächelnd" die Schutzscheibe /und/ wenn Sie dabei auch wollen, dass diese gut bezahlt werden, dann müssen Sie nicht nur "ein bisschen" mehr zahlen, dann müssen Sie erheblich mehr drauflegen.

    Über solche Naivität ist man doch sehr erstaunt. Ja, so einfach funktioniert das Traumland der Nachfrage-Idealisten.

    Wären Sie bereit, einen ehrlichen Lohn zu zahlen, mit dem der Tankwart seine Familie ernähren kann?

    Ich erinnere mich an das Geschrei, als die Bahn eine Schalter-Gebühr von 3,50 einführen wollte. Ja, sich am Fahrkartenschalter bedienen lassen und gönnerhaft "Arbeitsplätze sichern" - aber bloß nicht dafür bezahlen wollen!

    Ich kaufe lieber am Automaten und buche im Internet. Da braucht man nämlich nicht heucheln.

  2. Na klingelts? Vielleicht hat die Emanzipierung und Massenmotorisierung dieser Zeit dazu beigetragen dass der Tankwart (zwischenzeitlich) ausgestorben war?

    Könnte die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich (einmal volltanken ist ein Viertel des Monatsbudgets eines Hartz IV Empfängers) sowie der hohe Benzinpreis etwas mit dem Revival des Tankwarts zu tun haben?

    (Wenn der Tankwart Mindestlohn bekommt wie viel kostet das pro Tankvorgang? Genau, das fällt bei dem hohen Benzinpreis kaum mehr ins Gewicht - also fällt das Kostenargument weg).

    Außerdem kann man so das homogene Gut "Benzin" aufpeppen und reine Preisvergleiche durch Bundling erschweren (ähnlich dem Mobilfunkmarkt wo man gerne Handy+Tarif bundelt um den Vergleich des homogenen Gutes "telefonieren" zu erschweren)

    • scoty
    • 01. Januar 2013 12:29 Uhr

    oder besser gesagt Umsatz.
    Der Spritverkauf interessiert hier eigentlich wenig und ist auch nicht ausschlaggebend für den sicheren Joberhalt des Tankwarts.
    Viel wichtiger ist das verkaufen von Motorenöl, Scheibenwaschanlagen Zusatz,Leuchtmittel oder Scheibenwischer.
    Da wird daran Geld verdient und wenn die Autofahrer wüßten was an 1 Liter Öl verdient wird, so würde dies einige von den Socken umhauen.
    Jetzt werden aber einige kommen und sagen das die Forschungen der Konzerne Unmengen an Geld kosten hat und dies wieder reingeholt werden muß.

    Ich denke das alleine diese Kosten reingeholt werden wenn Sie an Autoherstellern die Erstbefüllung an Neuwagen " verkaufen ".

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Früher"
    • lyriost
    • 01. Januar 2013 12:58 Uhr

    Wer nachdenkt, kommt leicht darauf, was das heißen soll. Wenn ich selber mache, was vorher eine Fachkraft getan hat, dann ist das eine Hilfsarbeit, weil ich keine Fachkraft bin. Außerdem nehme ich dem andern (aus Geiz) auch noch die Arbeit weg. Capito?

    Eine Leserempfehlung
    • u.t.
    • 01. Januar 2013 13:00 Uhr

    in voller Naivität das Beispiel Thailand nennen...

    - In Thailand wird wie in vielen asiatischen Ländern der Spritpreis massiv subventioniert, bzw. gering besteuert. Macht sogar einen gewissen Sinn (der langfristig und ökologisch natürlich Irrsinn ist), weil die Menschen s..arm sind und irgendwie durch die Landschaft fahren müssen, um an ihre Jobs zu kommen.
    - Und dann raten Sie mal, welche Löhne diese flinken und freundlichen Serviceleute da verdienen. Selbst deutsche Billigstlöhne sind da noch meilenweit drüber.

    Wenn Sie in D so einen Service haben möchten - einer tankt, der andere wischt "freundlich lächelnd" die Schutzscheibe /und/ wenn Sie dabei auch wollen, dass diese gut bezahlt werden, dann müssen Sie nicht nur "ein bisschen" mehr zahlen, dann müssen Sie erheblich mehr drauflegen.

    Über solche Naivität ist man doch sehr erstaunt. Ja, so einfach funktioniert das Traumland der Nachfrage-Idealisten.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schnell dran gewöhnt"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also was ist daran naiv, wenn hier jemand etwas aus Thailand postet. Wie geschrieben, das gibt es in Uk und sogar France in laendlichen Gegenden immer noch.

    Auch in Japan sind Tankwarte ueblich und das Benzin ist dort auch nicht teurer als in Deutschland.
    Logischerweise, da der Verkaufspreis der Kraftstoffe im Wesentlichen von der Besteuerung abhaengt.
    Warum die deutschen Konsumenten die Wucherbesteuerung auf Benzin und Diesel akzeptieren ist mir schleierhaft, aber das ist ein anderes Thema...
    Kleine Dienstleistungen sind doch eine erfreuliche Erleichterung des Alltags. Ich denke hierbei beispielsweise an das Verpacken der Einkaeufe im Supermarkt, die Lieferung von Waren frei Haus zu vernuenftigen Zeiten (also auch sonntags), Gartenpflege zu ebenso vernuenftigen Zeiten (also wochentags), Wagenwaesche bei der Inspektion, ...

    Muss man weder in Italien, noch in Spanien, noch in Griechenland...erst dann wenn man über die Alpen fährt. Nach einem längeren Aufenthalt in Italien passiert mir oft, dass ich in Deutschland sitzen bleibe bis mir einfällt, dass ich doch aussteigen muss.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Shell AG | Absatz | Benzinpreis | Fahrzeug | Geschäftsführer | Kraftstoff
Service